Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Literatur

3683 Presseschau-Absätze - Seite 26 von 369

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.04.2025 - Literatur

Der syrische Schriftsteller Ahmad Katlesh erzählt auf Zeit Online von seiner Rückkehr nach Syrien nach dem Ende des Assad-Regimes. Dabei kommt er auch nach Tadamon, einen Stadtteil in Syrien, wo Assads Schergen 2013 ein Massaker an der Zivilbevölkerung verübten - und wo Katleshs Vater einst einen Stoffladen hatte. "Ich sah die zerstörten Häuser, die Einschusslöcher in den Wänden, die Parolen, die in den vergangenen 14 Jahren daraufgeschrieben wurden, und spürte: nichts. ... Und dann fing ich doch völlig unerwartet an zu weinen. Mitten in den zerstörten Überresten des Ladens, zwischen den Trümmern, sah ich zerfetzte Stoffreste. Ich erkannte die Stoffe und Garne sofort, als würde ich eine Leiche identifizieren. Die Erinnerungen waren zurück: an das Feilschen mit den Kundinnen und Kunden, das Nähen und schließlich das Anbringen der Vorhänge in den Häusern des Viertels. Für mich ist diese Arbeit wichtiger als alle Bücher, die ich je gelesen habe. Hunderte Häuser in Tadamon zu betreten, um Vorhänge anzubringen, mit den Bewohnern zu plaudern, sie kennenzulernen. ... In den Ruinen sah ich unsere Leben, in allen Details".

Weitere Artikel: Zum Tod von Peter von Matt (hier unsere Resümee) holt Sieglinde Geisel für Tell dessen Akzessliste aus ihrem Archiv, mit dem er Studierenden in den Achtzigern den Einstieg in die Welt der Germanistik einerseits erleichtern, andererseits bloße Trödelstudenten vergraulen wollte. Gerhard Gnauck erzählt im "Literarischen Leben" der FAZ von seiner Reise ins tschechisch-polnische Grenzland bei Sokołowsko, wo ein Kulturzentrum entsteht, das es etwa gestattet die Spielorte von Olga Tokarczuks Roman "Empusion" nachzuwandern. Arno Widmann (FR) und Jürgen Kaube (FAZ) erinnern an Franz Kafkas vor 100 Jahren erschienenen Roman "Der Process". Astrid Kaminski erinnert in "Bilder und Zeiten" der FAZ an den niederländischen Autor und Übersetzer Nico Rost, der das KZ Dachau überlebte und mit "Goethe in Dachau" seine Zeit im Konzentrationslager verarbeitete. Fürs Literaturfeature von Dlf Kultur wirft Hans Rubinich einen Blick auf die vietnamesische Gegenwartsliteratur. Sabine Fringes erinnert in der "Langen Nacht" von Dlf Kultur an Joseph Campbell.

Besprochen werden unter anderem der Band "Füller-Kinder" mit Erzählungen von Anne Frank (taz), Yewande Omotosos Debütroman "Bom Boy" (Presse), María Ospina Pizanos "Für kurze Zeit nur hier" (taz), Jochen Hellbecks Studie "Ein Krieg wie kein anderer. Der deutsche Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion" (taz), Thomas Nagels philosophischer Essay "Moralische Gefühle, moralische Wirklichkeit, moralischer Fortschritt" (taz) und Jacques Schusters Essay "Im raschelnden Laub der Vergangenheit" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.

In der Frankfurter Anthologie schreibt Rüdiger Görner über Evelyn Schlags "ortsangabe":

"kein wort über unsere position!
er durfte endlich telefonieren.
wie geht es dir? ..."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.04.2025 - Literatur

Während FPÖ und zunehmend auch der ORF sich mit einem "Hauch von Verlogenheit" und "zudringlichem Kitsch" in Österreich als Heimatpfleger vom Dienst darstellen, befassen sich österreichische Literatinnen schon längst ernstzunehmend mit dem Heimatbegriff, stellt Ronald Pohl im Standard fest - und nennt Autorinnen wie Julia Jost, Birgit Birnbacher oder die 2024 verstorbene Helena Adler. Zwar bleibt es "schwer zu sagen, ob diese nur allzu heutigen Exponenten der Landflucht Aufrührerinnen sind - oder ob sie, nolens volens, das Geschäft der Restauration betreiben. Literatur lebt nicht vom Widerspruch allein; ihre Vertreterinnen zeichnen ein überaus komplexes Bild vom Leben in der Provinz. Deren Ausläufer reichen selbstredend tief hinein nach Wien oder in andere heimische Städte. Sie sind tausendmal bedenkenswerter als jede Form der Heimatpflege, welche die Anbetung des Gamsbartes mit kulturellem Brauchtum verwechselt."

Weitere Artikel: Javier Cercas' auf Deutsch noch nicht vorliegender Roman "El loco de Dios en el fin del mundo" über seine Begegnungen als Atheist mit Papst Franziskus hat sich in den letzten Wochen in Spanien zum absoluten Bestseller entwickelt, berichtet Hans-Christian Rößler in der FAZ. Besprochen werden unter anderem Tomas Espedals "Lust. Früchte einer Arbeit. Lesefrüchte" (NZZ), Gayl Jones' "Evas Mann" (FR) sowie Arnfrid Schenks und Stefan Schnells "Atlas der vom Aussterben bedrohten Sprachen" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.04.2025 - Literatur

Die Historikerin Dagmar Reese, die zu den Jugendorganisationen in Nazi-Deutschland geforscht hat, legt im Zuge der Debatte um Siegfried Unselds NSDAP-Mitgliedschaft im Tagesspiegel eher etwas umständlich dar, wie die NSDAP seinerzeit an neue Parteimitglieder kam: Offenbar hauptsächtlich im Rückgriff auf Mitglieder der Hitlerjugend (in der Unseld durchaus engagiert war) und offenbar auch aufgrund eines Vorschlagverfahrens. Mehr als Spekulationen kann sie im Fall Unseld allerdings nicht bieten: "Er hatte seinen Parteieintritt vermutlich nicht ersonnen, sondern war gemeinsam mit anderen vorgeschlagen worden. ... Hätte Unseld seinen Eintritt in die NSDAP abweisen können? Vermutlich nicht. Hätte er das überhaupt gewollt? Das wäre eine wichtige Frage. Immer mehr Hitler-Jugend-Mitgliedern wurde in den vierziger Jahren bewusst, dass sie von der Partei verheizt wurden."

Der gängigen Vorstellung, dass sich Ernst Jünger unter den Eindrücken des Nationalsozialismus in eine "innere Emigration" entradikalisiert und zum Pazifisten gewandelt habe, "widersprechen die Briefe dieser Zeit deutlich", schreibt der Literaturwissenschaftler Alexander Pschera in der Welt unter Rückgriff auf in der aktuellen Ausgabe der Jünger Debatte zugänglich gemachte Briefe: "Vielmehr zeigt sich die Kontinuität revolutionären Denkens bis in die 1940er-Jahre hinein - eines Denkens, das nicht auf der Wellenlänge der Herrschenden liegt, diese jedoch als ein notwendiges Übel betrachtet, um in eine noch rigorosere Phase der Geschichte einzutreten." Nach der Kennntnis dieser Briefe könne man insbesondere "Die Marmorklippen" von 1939 "nicht mehr umstandslos als einen 'Widerstandsroman' lesen."

Weiteres: Lars Weisbrod berichtet in einer Zeit-Reportage von seiner Reise nach Brüssel, wo er die Schriftstellerin Sibylle Berg bei ihrer Arbeit als Abgeordnete des EU-Parlaments für die Satirepartei Die Partei besucht hat. Ruthard Stäblein erzählt in einer taz-Reportage von seiner Reise ins spanische Soria, wohin sich bereits Peter Handke 1989 in Erinnerung an die Gedichte von Antonio Machado über die Region aufmachte.

Besprochen werden unter anderem Archie Oclos' Comic "Die Straßenkatzen von Manila" (FAZ.net), Nora Osagiobares "Daily Soap" (NZZ), Sissi Tax' "das abc der sissi tax" (das hatten wir gestern in der taz übersehen), die Ausstellung "Woher wir kommen. Literatur und Herkunft" im Literaturmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien (Standard), Atef Abu Saifs "Leben in der Schwebe" (FAZ) und Szczepan Twardochs "Die Nulllinie" (Zeit). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.04.2025 - Literatur

Die Schriftstellerinnen Charlotte Gneuß und Dana Vowinckel finden es in der Zeit "bemerkenswert", wie in der Debatte um Siegfried Unselds NSDAP-Mitgliedschaft von manchen Seiten "kritisches Nachdenken über moralische Fragen in der Aufarbeitung des Nationalsozialismus mit dem Moralismus-Vorwurf erstickt" oder, wie im Fall des Schriftstellers Andreas Maier, mehr oder weniger achselzuckend zur Kenntnis genommen wird (unser Resümee). Unselds NSDAP-Parteimitgliedschaft mag für "manche deutschen Feuilletonisten keinen Unterschied" machen, aber für die jüdischen Suhrkamp-Autoren "hätte es wahrscheinlich damals sehr wohl einen Unterschied gemacht, ob ihr Verleger NSDAP-Mitglied war, so wie für die Nachfahren der Opfer der Schoa 'unser weltberühmter Derrick' vielleicht weniger wichtig war als die von der Waffen-SS umgebrachten Familienmitglieder. Dass den jüdischen Autorinnen der Nachkriegszeit wahrscheinlich das Kant'sche Recht auf die Bildung einer eigenen Meinung genommen wurde, ist das zentrale Moment in der Causa Unseld."

Die Feuilletons trauern um den Schweizer Germanisten Peter von Matt. Er war "der große Wünschelrutengänger der Literatur", schreibt Roman Bucheli in der NZZ. "Nichts ist ihm fremd, doch im Unterschied zu jenen, denen immer schon alles klar vor Augen steht, müssen ihm die Dinge erst einmal fremd werden, ehe er sie verstehen lernen und immer neu deuten kann. ... Die Kunst schöpft aus vielen Quellen, trüben und klaren, und sie kennt viele Ausdrucksarten, keine ist der anderen per se überlegen. Das Schöne und Gute und Wahre findet sich in der Gosse ebenso wie in den vornehmen Gesellschaften. Alles kann Kunst sein, sofern nur darin etwas verborgen liegt, was ihre Oberfläche übersteigt. Wer daran zu rühren vermag, wer Eichendorffs 'Zauberwort' trifft, der bringt die Welt zum Singen. So einer war Peter von Matt."

Von Matt war der seltene Fall eines Literaturwissenschaftlers, der sich nicht nur in akademischen Zirkeln, sondern auch in der literarischen Öffentlichkeit frei bewegte, schreibt Gregor Dotzauer im Tagesspiegel. Doch er "hatte eine gesunde Abwehrhaltung gegen die Gefahren beider Soziotope entwickelt. Vom hysterischen Meinen im Tagesbetrieb hielt er sich so fern wie von den akademischen Schachtelsatzwüsten. In seinen Essays sprang er die Gegenstände mit derselben Energie an, wie sie ihn ansprangen. Er formulierte pointiert, suchte aber nicht nach Pointen. Er erzählte denkend und dachte erzählend, bis zu jener Grenze, an der das Gefälle von Primär- und Sekundärtext verschwand."

Derweil klärt Martin Ebel in der SZ "das Geheimnis von Peter von Matts Interpretationskunst", welches "vielleicht darin liegt, dass er ein souveränes lesendes Subjekt war, das sich nicht, wie viele Fachkollegen, zum Sklaven einer Methode machen ließ." Marc Reichwein kann das in der Welt nur bestätigen und zitiert aus einem Gespräch, das er vor einigen Jahren mit von Matt geführt hat: "Terminologie wird nach fünf Jahren ranzig. Und die Methoden sind auch eine Gefahr. Die schützen vor der chaotischen Dimension der Literatur. Die Literatur hat eine subversive und chaotische Dimension. Die radikalen Methodenheinis sind immer schon geschützt. Die sitzen wie in einem Panzer drin, fahren durch die literarische Landschaft und walzen alles nieder, was da kreucht und fleucht und wächst und sprießt." Weitere Nachrufe schreiben Volker Weidermann (Zeit) und Philipp Theisohn (FAZ).

Weitere Artikel: Hubert Spiegel (FAZ) und Willi Winkler (SZ) erinnern an den Schriftsteller Rolf Dieter Brinkmann, der heute vor 50 Jahren bei einem Autounfall ums Leben kam (mehr zum Todestag bereits hier). Die Schriftstellerin Doris Knecht schlendert für die Spazier-Serie des Standard über den Brunnenmarkt im Wiener Bezirk Ottakring. In den "Actionszenen der Weltliteratur" erinnert Thomas Wegmann daran, wie der Autor Frank Wedekind zur Finanzierung seines Studiums Werbung für Maggi textete.

Besprochen werden Stephan Lehnstaedts "Der vergessene Widerstand. Jüdinnen und Juden im Kampf" (FR), Frank Göhres Krimi "Sizilianische Nacht" (FR), Patricio Prons "Die geheime Natur der irdischen Dinge" (FAZ) und Martin Suters "Wut und Liebe" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.04.2025 - Literatur

Bestellen Sie bei eichendorff21!
In der FAZ-Reihe "Pflichtlektüre für Demokraten" stellt Detlev Schöttker beim erneuten Lesen von Erich Kästners Stück "Die Schule der Diktatoren" fest, dass man daraus mit Blick auf die aktuelle Lage in den USA "immer wieder zitieren möchte", so "frappant sind die Überschneidungen ... mit der politischen Gegenwart". Der Schriftsteller Thomas Stangl spaziert für den Standard in Wien durch "unbedeutende, gesichtslose Gegenden", wo "man manchmal einen gesteigerten Sinn für den Raum bekommt". Außerdem erkundet der Schriftsteller Matthias Politycki für die Spazier-Serie des Standard den Wiener Zentralfriedhof und den Böhmischen Prater. Christine Knödler spricht für die SZ mit dem Jugendbuchautor Nils Mohl, der wenig davon hält, sein Publikum "in Watte zu packen".

Besprochen werden unter anderem Kristine Bilkaus "Halbinsel" (NZZ), der erste Band aus Hermann L. Gremlizas "Gesammelten Schriften" (online nachgereicht von der FAZ), Josephine Bakers Memoiren (online nachgereicht von der FAZ), Sarah Iles Johnstons "'Von Göttern und Menschen'. Die griechischen Mythen neu erzählt" (online nachgereicht von der FAZ), J. Todd Scotts Krimi "Diese Seite der Nacht" (Freitag), Bibi Dumon Taks und Annemarie van Haeringens Kinderbuch "Regenwurm und Anakonda" (FR), neue Comicadaptionen von Krimis von Philip Kerr und Georges Simenon (taz), Bücher über Rom (Standard), neue Hörbücher, darunter Stefan Kaminskis Lesung von George R.R. Martins als "Game of Thrones" verfilmtes Fantasyepos "Das Lied von Eis und Feuer" (FAZ), und Rachel Kushners "See der Schöpfung" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.04.2025 - Literatur

Nils Minkmar (SZ) sieht in der nunmehr aufgedeckten NSDAP-Mitgliedschaft von Siegfried Unseld eine "Fallstudie des deutschen Kleinbürgertums": Dass Unseld in seinem Entnazifizierungsverfahren seine Parteimitgliedschaft zwar eingeräumt, kurze Zeit später bei der Bewerbung um einen Studienplatz aber verschwiegen hat, deutet Minkmar auch als Lehre aus dem Verfahren, das gegen Unselds Vater Ludwig nach dem Zweiten Weltkrieg geführt und diesem eine mehrmonatige Haftstrafe sowie eine ruinierte Existenz eingebracht hatte - Ludwig Unseld war in der SA gewesen. Aner "angesichts der sehr großen Menge von NS-Tätern, die straffrei ausgingen oder bei weit gravierenderen Verbrechen mild bestraft worden sind, wäre in dem harten Urteil gegen Ludwig Unseld jede Menge Stoff für Ressentiment und neonazistische Nostalgie zu finden gewesen. Stattdessen schauen wir hier auf das Fundament für Siegfried Unselds weiteres Leben und Werk. Er hat seine Parteimitgliedschaft verschwiegen, er hat aber nicht vergessen und wahrhaftig nie verschwiegen, woher er kam: aus dem falschen Leben. Seine riskanten Tricks bei der Bewerbung zum Studium lassen sich so mit der beträchtlichen Energie erklären, mit der er aus diesem falschen ins richtige Leben wollte. Und in den Kulturstaat, den die Nazis, seine Familie und auch er einst abgeschafft hatten."

Für einen "gewagten Kurzschluss" hält es Gerrit Bartels im Tagesspiegel, dass Adam Soboczynski in der Zeit "eine neue Epoche deutscher Selbstvergewisserung und Selbstgewissheit" heraufdämmern sieht (unser Resümee), weil die Reaktionen auf die von der Zeit aufgedeckte NSDAP-Mitgliedschaft Siegfried Unselds nicht so "alarmierend" ausfielen, "wie die Zeit das nach ihrer großen Aufmachung gern gehabt hätte". Auch einen ähnlichen Kommentar im Dlf Kultur des Historikers Malte Herwig hält Bartels für "ziemlich irrlichternd".

Bestellen Sie bei eichendorff21!
Die Feuilletons erinnern an den Schriftsteller Rolf Dieter Brinkmann, der am 23. April vor fünfzig Jahren ums Leben kam, weil er im Cambridger Verkehr zuerst nach links geguckt hatte. Zuvor hatte er mit dem Roman "Keiner weiß mehr" einen zentralen Gründungstext der deutschen Popliteratur veröffentlicht (gerade ist auch eine Biografie über Brinkmann sowie "ein Zettelkasten" erschienen). Deren Hauptmerkmal bei Brinkmann: "Dichtung als herausforderndes Verhalten", schreibt Richard Kämmerlings in der WamS in einem Best-bis-Worst-Of der waghalsigsten Entgleisungen und zynischsten Brüskierungen, für die Brinkmann berühmt-berüchtigt war. "In 'Westwärts 1&2', dem praktisch zeitgleich mit seinem Tod 1975 erschienenen lyrischen Hauptwerk, hat diese blendend übergrelle Wahrnehmung ihren literarisch bedeutsamsten Niederschlag gefunden. Wie seit dem Expressionismus nicht mehr wird darin die moderne Conditio humana beschrieben, das deformierte Menschsein, die Perversion von geistiger Freiheit, Gefühl und Glück in den sozialen Zwangssystemen und verödeten Stadtwüsten - und zugleich im Gedicht in prekäre Schönheit verwandelt. Doch gibt es bei Brinkmann eine riskante Dauerspannung zwischen der Ablehnung von Klischees und Gedankenlosigkeit und der programmatischen Lust am undifferenzierten In-den-Boden-Stampfen. Stumpf und unsensibel, das sind immer die anderen."

Weiteres zu Brinkmann von Paul Jandl (NZZ) und dem Philologen Eckhard Schumacher (FAZ). In der Frankfurter Anthologie schreibt Jan Röhnert über Rolf Dieter Brinkmanns "Eine Geschichte". Dlf Kultur bringt eine "Lange Nacht" von Gisa Funck über Brinckmann.

Weitere Artikel:  Immo von Fallois porträtiert in der Berliner Zeitung die Schriftstellerin Charlotte Gneuß. Der Schriftsteller Elias Hirschl spaziert für den Standard in Wien die Gumpendorfer hinunter. Jan Wiele ist fürs "Literarische Leben" der FAZ auf ein Treffen mit Burkhard Spinnen und Charles Wolkenstein an den Comer See gefahren, wo deren Climate-Fiction-Roman "Erdrutsch" angesiedelt ist. "Bilder und Zeiten" der FAZ dokumentiert die Dankesrede von Olga Martynova zur Auszeichnung mit dem Peter-Huchel-Preis.

Besprochen werden unter anderem Esther Kinskys Lyrikband "Heim.Statt" (FR), Victoria Amelinas "Blick auf Frauen - den Krieg im Blick" (taz), Joseph Vogls Essay "Meteor. Versuch über das Schwebende" (taz), die Wiederveröffentlichung von Ross Thomas' Politthriller "Stimmenfang" aus dem Jahr 1967 (Freitag), Lisa-Viktoria Niederbergers "Dunkelheit. Ein Plädoyer" (online nachgereicht von der FAZ), Sara Mesas "Die Familie" (taz), Jérôme Leroys "Die Letzte Französin" (Freitag), eine Wiederveröffentlichung von Marta Karlweis' ursprünglich 1919 veröffentlichtem Roman "Die Insel der Diana" (Standard), Marcello Simonis Krimi "Das Grab der Seelen" (taz), Wolfgang Maria Bauers "Kaltblut" (Presse), Günther Wessels Biografie des Polarforschers Alfred Wegener (online nachgereicht von der FAZ), diverse neue Kriminalromane (Freitag), Dahlia de la Cerdas "Reservoir Bitches" (FAZ), die deutschsprachige Erstausgabe von Menno ter Braaks im Original bereits 1937 verfasste Abrechnung "Nationalsozialismus als Rankünelehre" (Bilder und Zeiten der FAZ) und Patricia Holland Moritz' "Drei Sommer lang Paris" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.04.2025 - Literatur

Im FAZ-Kommentar runzelt Jürgen Kaube die Stirn angesichts des "Pathos", mit dem Adam Soboczynski den bisherigen Verlauf der Debatte um Siegfried Unselds NSDAP-Mitgliedschaft rügt (unser Resümee), und wundert sich darüber, wie "die Zeit bestrebt ist, ... einen 'Fall Unseld' zu machen", und sich dabei mitunter in Widersprüche verstrickt: "Ob Unseld verdrängt hat, wird sich mangels Zugang zu seinem Über-Ich schwer feststellen lassen. Ob er die NSDAP-Mitgliedschaft vergessen haben kann, ist wiederum eine Frage, die sich nicht nach Anteilen beantworten lässt: Ein wenig oder zu einem Drittel vergessen kann man so etwas ja nicht. Gleichwohl wird behauptet, Unseld habe seine Parteimitgliedschaft verdrängt. Zugleich soll sich aber die Energie seiner unermüdlichen Arbeit für den Suhrkamp-Verlag, der wie kein anderes Haus jüdische Autoren und Traditionen pflegte und 1990 den Jüdischen Verlag als Tochter integrierte, 'aus einer Art geheimem Schuldmotor' gespeist haben. Was denn nun, verdrängt, vergessen oder von Schuld angetrieben?"

Im Mittelpunkt der Debatte steht dabei weniger die Parteimitgliedschaft Unselds, sondern dessen späteres Beschweigen. Nun ist diesbezüglich ein neues Detail aufgetaucht: Dokumente des Landesarchivs Baden-Württemberg belegen, dass Unseld im Rahmen seines Spruchkammerverfahrens 1946 in Blaubeuren seine Parteimitgliedschaft angab, aber auch unterstrich, dass er sich wegen des Krieges in der Partei nicht engagieren konnte. Warum gab Unseld "nach diesem frühen Bekenntnis nie öffentlich Auskunft", fragen die Buchwissenschaftlerin Ulrike Anders und Jan Bürger vom Literaturarchiv Marbach in der FAZ. "Denkbar ist, dass er der Tatsache des Eintritts wenig Bedeutung beimaß, weil sie für ihn persönlich durch seine Einberufung zur Wehrmacht keinerlei Folgen mehr gehabt hatte. Denkbar ist auch, dass ihm die Brisanz seiner Parteimitgliedschaft von einem gewissen Zeitpunkt an sehr bewusst gewesen ist und er sie gerade deswegen verschwiegen hat. Schon als er sich im Sommer 1947 an der Tübinger Universität einschrieb, gab er zwar über seine hervorgehobene 'politische Betätigung' im Jungvolk Auskunft, nicht aber über seine Parteimitgliedschaft."

"Warum", fragen dazu in der Zeit der Historiker Thomas Gruber, der ebenda Unselds NSDAP-Mitgliedschaft ans Licht brachte, und der Historiker Armin Nolzen. Denn: "Eine Falschaussage war strafbedroht und hätte die Immatrikulation gefährdet. Unseld legte dem Gesuch den Einstellungsbeschluss der Spruchkammer Ulm bei. Nur eben nicht die zugrunde liegende Sachverhaltsschilderung, aus der seine Mitgliedschaft in der NSDAP hervorgegangen wäre. Blaubeuren lag in der amerikanischen, Tübingen in der französischen Zone. Der Informationsaustausch zwischen den Zonen funktionierte nur unzureichend. Gleichzeitig unterschieden sich die Spruchkammerverfahren, und die Franzosen hatten den Ruf einer restriktiveren Handhabung, wie jüngste Studien zur Universität Tübingen gezeigt haben. Für das Studium scheint der Einstellungsbeschluss wie ein Türöffner gewirkt zu haben; die Mitgliedschaft in der NSDAP, die möglicherweise Fragen aufgeworfen hätte, war verschwunden."

Der französische Premierminister François Bayrou hat gestern das Comité de soutien für Boualem Sansal empfangen:



Weitere Artikel: "Es ist gerade wieder Peter-Handke-Zeit", stöhnt Gerrit Bartels genervt im Tagesspiegel nach Handkes großem NZZ-Gespräch vor kurzem (unser Resümee) und noch mehr nach dem Gespräch, das der ORF nun nachgeschoben hat und in dem der Schriftsteller wieder viel Wirres von sich gegeben hat. Der Schriftsteller Tex Rubinowitz spaziert für den Standard durch Wien zur Praxis seines Therapeuten.

Besprochen werden Roberto Savianos "'Treue'. Liebe, Begehren und Verrat - die Frauen in der Mafia" (online nachgereicht von der FAZ), Joachim B. Schmidts "Osmann" (FR), Ken Krimsteins Comic "Einstein in Kafkaland" (FAZ.net), Thomas Meineckes "Odenwald" (FAZ) und Gesa Olkuszs "Die Sprache meines Bruders" (NZZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.04.2025 - Literatur

Weiterhin in Haft: Boualem Sansal, © ActuaLitté, Lizenz CC BY-SA 2.0
Die beiden Töchter Boualem Sansals, Nawel und Sabeha, wenden sich in einem offenen Brief an Präsident Emmanuel Macron und bitten ihn nochmals, sich verstärkt für ihren Vater einzusetzen. Der Brief ist im Figaro hinter Zahlschranke publiziert. Christophe Rivière resümiert ihn mit ausführlichen Zitaten bei rupture-mag.fr: "Wir schreiben Ihnen, Herr Präsident, nicht in Beschimpfung, nicht im Vorwurf, sondern in einem letzten Impuls der Hoffnung. Denn das Frankreich, das er liebt, das Frankreich, das er in seinen Schriften immer verteidigt hat, dieses Frankreich ist für ihn immer noch ein Leuchtturm." In dem Bericht heißt es, dass die beiden Töchter im letzten Jahr auch bereits  an den algerischen Präsidenten Abdelmadjid Tebboune geschrieben hatten. In der FAZ berichtet Michaela Wiegel, dass sich die diplomatische Krise zwischen Algerien und Frankreich (unser Resümee) weiter verschärft. Frankreich antwortet auf die Ausweisung von zwölf Botschaftsangehörigen mit einer symmetrischen Ausweisung von zwölf algerischen Diplomaten.

Die Reaktionen auf Siegfried Unselds letzte Woche von der Zeit enthüllten NSDAP-Mitgliedschaft (hier unsere Resümees) "zeugen in erstaunlich großen Teilen von einer Abwehrhaltung", stellt Adam Soboczynski in der Zeit bestürzt fest. "Sofort und vielstimmig wurde die Sorge um die Beschädigung von Unselds Nachruhm laut. Man hat das Gefühl, in einer neuen Epoche deutscher Selbstvergewisserung und Selbstgewissheit aufzuwachen - und das ist nicht zwingend eine gute Nachricht." Schließlich hatte "Unselds Lebensleistungen ... niemand infrage gestellt." Im "Debattenklima" der alten Bundesrepublik jedenfalls "wäre es kaum möglich gewesen, den 'Fall Unseld' als aufgebauschte Nebensächlichkeit, als mediale Hysterie oder als Kampagne um der Sensation willen abzustempeln. Im Gegenteil: Man hätte das generationstypische 'kommunikative Beschweigen' (Hermann Lübbe) des Verlegers zutiefst bedauert, statt es zur Belanglosigkeit zu erklären. ... Wer will, kann diese Entwicklung im Jahr 2025 als eine 'Normalisierung' begreifen, vor der zuvor jahrzehntelang gewarnt worden war. Man kann darüber aber auch sehr traurig werden."

Der von Suhrkamp unter Unseld verlegte Schriftsteller Adolf Muschg widerspricht Soboczynski sanft: "Die Feuilletons deutscher Sprache hätten größere Sorgen und die wiedervereinigte Bundesrepublik Dringenderes zu tun, als sich mit einem Fehltritt von Geistesgrößen zu befassen, der - in Unselds Fall - 83 Jahre zurückliegt", schreibt er ebenfalls in der Zeit. "Dass diese Last für Unseld keine Bagatelle war, mag er durch kein Geständnis belegt haben, aber er hat seinen Umgang mit ihr als Verleger bei der Auswahl seiner Autorinnen und Autoren bewiesen; jene 'Suhrkamp-Kultur', welche die Barbarei des 'Dritten Reiches' mit moderner Weltliteratur austrieb und der mörderischen Provinz politisch wie kosmopolitisch entgegentrat, ohne den Lesern das Salz der Selbstkritik zu ersparen. ... Unseld brauchte sich nicht als gewesenen Nazi zu outen, wenn er Bücher verlegte, die ein kritisches Verhältnis der Deutschen zu ihrer Geschichte nicht nur verlangten, sondern begründeten, und nicht nur durch ihre Dialektik imponierten, sondern durch Sprache und Stil."

Bestellen Sie bei eichendorff21!
In der Tagtigall stellt Marie Luise Knott Marion Poschmanns Verslegende "Die Winterschwimmerin" vor: "Die Verslegende ist vergnügliche Lektüre, die mit vielen poetischen Wassern gewaschen ist. Poschmanns Legende mischt die gebrochene, verdichtete Prosa mit balladesken und elegischen Teilen. Im Zentrum, dort, wo die Schwimmerin das erste Mal dem Tiger begegnet, entscheidet sich Poschmann für das Stilmittel einer mittelalterlichen Lieddichtung, die unter dem Namen 'Leich' bekannt ist, was sich von dem germanischen Wort laikaz ableitet: Spiel, Tanz, Bewegung."

Weitere Artikel: In der Zeit freut sich Volker Weidermann, dass Vincenzo Latronico mit "Die Perfektionen" auf der Shortlist des Internationalen Booker-Preises steht. Besprochen werden unter anderem Maxim Billers "Der unsterbliche Weil" (Tsp), Anne Tylers "Drei Tage im Juni" (FAZ) und Ulf Erdmann Zieglers "Es gibt kein Zurück" (Zeit). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.04.2025 - Literatur

Die Feuilletons liefern weiter Nachrufe auf Mario Vargas Llosa (unser erstes Resümee hier). Mit seinen Interventionen gelang ihm "das rare Kunststück: ein kulturell progressiver und politisch konservativer Schriftsteller zu sein, dem alle Seiten sein Engagement abnahmen, weil es echt war und mutig vertreten wurde", schreibt Paul Ingendaay in der FAZ: "Persönlicher Charme verband sich mit intellektueller Neugierde und einem Wirkungswillen, der in der literarischen Welt kaum Parallelen kennt." Vargas Llosa "war der ideale globale Intellektuelle auf den Podien der westlichen Welt und vielleicht der letzte Vertreter seiner Art, der ausschließlich auf traditionelle Medien vertraute: das gedruckte oder gesprochene Wort." Er "war einer der letzten Autoren aus jener alten Zeit, die noch den Anspruch an sich und ihre Bücher stellten, den 'totalen Roman' zu schreiben", hält Volker Weidermann in der Zeit fest: "Die Gesellschaft in ihrer Komplexität abzubilden, Zeitromane zu schreiben, in denen sich die wesentlichen gesellschaftlichen, politischen Strömungen abbilden und die Unterströmungen der verschwiegenen Taten und Untaten der vorherigen Generationen." Eine Eichendorff21-Liste finden Sie hier.

Bestellen Sie bei eichendorff21!
Wie Grass und Böll hat auch Vargas Llosa den Literaturnobelpreis nicht zuletzt für sein politisches Engagement erhalten, schreibt Andreas Platthaus in der FAZ - und skizziert kursorisch den Wandel des glühenden Linken zum passionierten Liberalen, der sich auch an einer politischen Karriere versucht, daran aber gescheitert ist. "Jetzt, zum Zeitpunkt seines Todes, haben rund um die Welt Männer Regierungsverantwortung inne, die dem Charakter von Vargas Llosa entsprechen: selbstverliebt, kompromisslos, patriarchalisch. Nur dass keiner von ihnen so hinreißende Bücher wie 'Die Stadt und die Hunde' oder 'Gespräch in der Kathedrale' geschrieben hat. Beide Romane sind mehr als ein halbes Jahrhundert alt, aber sie haben standgehalten. Und werden es über alle politischen Sympathien für oder Aversionen gegen ihren Autor hinweg auch weiterhin tun." Gregor Dotzauer staunt im Tagesspiegel, "welche literarischen und politischen Wechselfälle" Vargas Llosa im Zeitlauf seines Lebens erlebt hat. "Die Sympathien, die er zuletzt für Rechtspopulisten wie den Brasilianer Jair Bolsonaro oder den Argentinier Javier Milei bekundete, fallen aber wohl unter eine Form von Altersstarrsinn."

Weiteres: Viktoria Großmann berichtet für die SZ von den alle zwei Jahren in der Doppelstadt Görlitz/Zgorzelec stattfindenden "Literaturtagen an der Neiße", wo polnische und deutsche Literaten miteinander in Austausch treten. Bezirzt und bestrickt - nicht zuletzt wegen des "Genius Loci" - berichtet Alfred Schlienger in der NZZ vom Literaturfestival Eventi letterari Monte Verità. Die Schriftstellerin Valerie Fritsch schreibt für den Standard über ihre liebsten Spazier- und Museumsgänge in Wien. Michael Martens berichtet in der FAZ von einem Vortrag des Ernst-Jünger-Biografen Helmuth Kiesel in Bad Saulgau zum Thema "Kälte und Empathie bei den Brüdern Jünger".

Besprochen werden Mikołaj Łozińskis "Stramer" (Zeit Online), Pierre Jarawans "Frau im Mond" (FR), Alessandro Ferraris und Flavia Scuderis Comicbiografie über Marlene Dietrich (Tsp), Oliver Hilmes' "Ein Ende und ein Anfang. Wie der Sommer 45 die Welt veränderte" (online nachgereicht von der Welt) und Feridun Zaimoglus "Sohn ohne Vater" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.04.2025 - Literatur

Mario Vargas Llosa, 2019 (Bild: Jindřich Nosek, CC BY-SA 4.0)
Mario Vargas Llosa ist tot. Ronald Pohl reserviert ihm im Standard schon mal eine Ecke im "Panthéon der Jahrhundertautoren", denn "es gibt keinen zweiten Dichter neben dem iberisch-peruanischen Literaturnobelpreisträger, der mehr Welt erkundet, mehr Aberwitziges mit eigenen Augen gesehen - und das Erlebte in eine Vielzahl von Büchern magisch verwandelt hätte." Von einem Studium in Frankreich war er als Sozialist nach Lateinamerika zurückgekehrt, nur um dort rasch vom Glauben abzufallen. "Je komplexer seine Romane wurden: in ihren Verschlingungen, floralen Wucherungen in verwünschten Regenwäldern ähnlich, desto liberaler wurden seine Anschauungen. Dieser bis ins höchste Alter stets weltkundige, ungemein geschmeidige Dichter berief sich auf die Tradition einer Rechtssicherheit, die unter allen Umständen das (bürgerliche) Individuum schützt. Zuwider waren ihm Propheten, die - unter dem Eindruck des Elends so vieler Indigener - das Wohlergehen ganzer Kollektiven und Klassen predigten. Seinem prominenten Kollegen Gabriel Garcia Márquez las er regelrecht die Leviten, als dieser, ein honoriger Mann und Meistererzähler, das sozialistische Modell als bestgeeignet für Lateinamerika ansah." Eine Eichendorff21-Liste finden Sie hier.

"Wie aber haben sich die politischen Missstände Lateinamerikas so lange halten können", fragt Kersten Knipp in der NZZ in einem vor allem auf Vargas Llosas politischer Biografie fokussierenden Nachruf. "Teils durch nichts als bloße Gewalt. Wie die sich zur Herrschaftssicherung einsetzen lässt, hat Vargas Llosa in seinem Roman 'Das Fest des Ziegenbocks' gezeigt, einem politisch-psychologischem Porträt des dominikanischen Potentaten Rafael Leonidas Trujillo, der sein Land bis zu seiner Ermordung 1931 diktatorisch regierte und plünderte." In seinem Roman "Krieg am Ende der Welt" indessen "zeigt Vargas Llosa eindrücklich, welche Kräfte Ideologie freizusetzen vermag".

"Leben und Schreiben, Reisen und Sich-Erinnern, das eine die Ergänzung des anderen", hält Marko Martin in der Welt fest. Schon viele Jahre vor dem Nobelpreis "war Vargas Llosa so etwas wie eine lebende Legende". Sicher ein Mitbegründer des Magischen Realismus, doch wo García Márquez "durchaus archaische Mythen revitalisierte, ging es MVL eher um lustvolle Dechiffrierung. 'Gespräch in der Kathedrale' und 'Das grüne Haus', seine frühen und sprachlich hochkomplexen Romane, in denen oft innerhalb eines einzigen Satzes Zeit- und Handlungsebenen changieren und Quechua-Sprache auf klassisches Spanisch trifft, ohne dass es je enigmatisch-kryptisch geworden wäre, spielen mit der atemberaubenden Vitalität lateinamerikanischer Wirklichkeiten, ohne sich dieser freilich ganz auszuliefern." Kurz: "Einen wie ihn wird es wohl nicht mehr geben. Adiós, Super-Mario." Auf FAZ.net führt Andreas Platthaus kurz und knapp durch Vargas Llosas Leben und literarisches wie politisches Schaffen.

Der bei Suhrkamp veröffentlichende Schriftsteller Andreas Maier kontextualisiert Siegfried Unselds jüngst aufgedeckte NSDAP-Mitgliedschaft (unsere Resümees hier, dort und an dieser Stelle) mit der eigenen Familiengeschichte und seiner eigenen Literatur: Erst überaus spät und durch einen Zufall entdeckte er nämlich, dass der familiäre Wohlstand, in dem er aufwuchs, auf der Enteignung einer jüdischen Familie aufgebaut war (was er im Roman "Die Familie" verarbeitete). "Ich selbst hatte drei Jahre Gelegenheit, Siegfried Unseld zu fragen. Meinen Sie, ich wäre je auf den Gedanken gekommen? Dass in seiner Umtriebigkeit, aber auch Führungskraft (er war auch mal Fähnleinführer der Jungschar) ... Verdachtsmomente liegen konnten - im Nachhinein wird das sekundenschnell klar. Jetzt fügt es sich, und am Ende steht dann vorläufig so ein Produkt wie ich: ein Kind der Schweigekinder, mit seiner Schweige- und sogar seiner anschließenden 'Erweckungs'-Literatur, verlegt im Verlag des großen Verschweigers, dessen Schweigekinder wir Autoren und Autorinnen nun mit einem Mal alle geworden sind. Denn vermutlich keiner von uns hat Unseld je gefragt. Wie bei meiner eigenen Familie: Wir sind nicht einmal auf den Gedanken gekommen."

Bestellen Sie bei eichendorff21!
Weitere Artikel: In der SZ plaudert Peter Richter mit Jonathan Lethem anlässlich dessen neuen Romans über den New Yorker Stadtteil Brooklyn zwischen Gentrifizerung und Verklärung der einstmals sehr rauhen Straßensitten dort. Claas Oberstadt spricht für Zeit Online mit dem aus dem Gazastreifen in die USA geflohenen Lyriker Mosab Abu Toha. Der Standard lässt Literaten spazieren: Die Schriftstellerin Marlene Streeruwitz streift nachts behänden Schrittes durch Wien, der Schriftsteller Wolfgang Hermann flaniert im Wiener Sternwartepark. Dass sich der Verlag Kiepenheuer & Witsch 2023 im Zuge von MeToo-Vorwürfen von Till Lindemann getrennt hat, ist nach Auffassung des Landgerichts Köln nicht rechtens gewesen, meldet Gerrit Bartels im Tagesspiegel. Und überaus "traurig" ist die Erkenntnis, die NZZ-Kritikerin Nadine A. Brügger aus der Lektüre von Rebecca Yarros' unter Jugendlichen blockbusterartigen erfolgreichen Romantasy-Reißer "Onyx Storm" mitnimmt: "Sie feiern ein Buch, das auf keiner Ebene auch nur die geringsten Ansprüche an sie stellt."

Besprochen werden unter anderem Olivier Schrauwens Comic "Sonntag" ("Ein Buch für die Comicgeschichtsbücher, ein Sonntagskind dieser Kunstform", jubelt Andreas Platthaus restlos begeistert in der FAZ) und Nils Westerboers Science-Fiction-Roman "Lyneham" (Welt). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Thomas Brose über Maurice Chappaz' "Alleluja":

"Kommt aus euren Häusern raus,
kommt aus euren Werken!
Der Tod ist wie ein frischer Tau ..."