Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.06.2023 - Kunst

Großer Auftrieb im Haus der Kulturen der Welt in Berlin. Der neue Intendant Bonaventure Ndikung feierte seinen Einstand und die Eröffnung des "Pluriversums", in dem westliche und nicht-westliche, archaische und moderne Weltsichten und Lebenspraktiken "in Solidarität" miteinander existieren sollen, wie Jörg Häntzschel in der SZ berichtet: "Ndikung hat dafür Kuratoren aus der ganzen Welt geholt. Dass sie jetzt an einer staatlichen deutschen Institution arbeiten, ist so bereichernd für Berlin, wie es für diese selbst auch problematisch ist. Roth legte den Finger in die Wunde, als sie zu Ndikung, der längst einen deutschen Pass hat, sagt: 'Sie sind Teil einer Täternation geworden.' Ndikung will nicht nur über die Schrecken und Folgen des Kolonialismus reden, so wie am alten HKW darüber und über vieles mehr geredet wurde, er will die abgerissenen, zerstörten Traditionen hier, mitten in Berlin, wieder rekonstruieren, spielen mit ihnen, schauen, ob der Zauber auch hier wirkt."

Juan de Pareja (ca. 1608-1670), gemalt von Velázquez

Als "Wiederentdeckung des Jahres" feiert Benjamin Paul in der FAZ den afrohispanischen Maler Juan de Pareta, dem das New Yorker Metropolitan Museum eine große Ausstellung widmet. Bevor Pareja eigenständiger Künstler werden konnte, musste er als Sklaven dienen, und zwar niemand anderem als Diego Velazquez. Pareta war eine Ausnahmeerscheinung, betont Paul: "Das lag gewiss auch daran, dass er bei Velázquez eine veritable Ausbildung genossen haben muss, bevor er vier Jahre nach dem gemeinsamen Romaufenthalt freigelassen wurde. Erst danach scheint er eigenständige Werke geschaffen zu haben, die er dann auch selbstbewusst signierte. Der ihm sicher zugeschriebene Corpus umfasst gerade mal vierzehn Bilder, von denen immerhin fünf im Met versammelt sind, darunter auch mit der Berufung des Matthäus (1661) und der Taufe Christi (1667) seine Hauptwerke aus dem Prado. Bei diesen gigantischen Gemälden fällt besonders auf, dass Pareja sich stilistisch eben gerade nicht an Velázquez orientierte."

Weiteres: Willi Winkler schreibt in der SZ zum Tod der Kunstkritikerin Petra Kipphoff. Ebenfalls in der SZ empfiehlt Alexander Menden nachdrücklich die Schau "Die Befreiung der Form" der Bildhauerin Barbara Hepworth im Duisburger Lehmbruck-Museum.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.06.2023 - Kunst

Sabrina Ratté: Inflorescences (2023). Foto © Dirk Rose / Stiftung Zollverein


Endlich guckt auch mal jemand optimistisch in die Zukunft, freut sich Jörg Restorff, der bei monopol über das New Now Festival für Digitalkunst in der Essener Zeche Zollverein berichtet. Natur und Technik werden hier nicht als Gegensätze oder Bedrohung gedacht, sondern als zwei Seiten einer Medaille. Typisch für die Ausstellung, so Restorff, "sind Installationen, die um das Leitmotiv Pflanze kreisen. Was Sinn macht, wenn man sich vor Augen führt, dass Kohle über einen Zeitraum von Jahrmillionen aus abgestorbenen Pflanzen entstanden ist. So basiert Sabrina Rattés Arbeit 'Inflorescences' zwar auf Elektroschrott aus dem Ruhrgebiet - Scans der Geräte hat die kanadische Künstlerin zum Ausgangspunkt ihrer Videos und Skulpturen gemacht. Doch geht der Technikmüll mit Phantasiegebilden, die an Pflanzen oder Pilze erinnern, eine bildschöne Synthese ein. Bei 'Neophyte - an industrial opera of plants and pioneers', dem Beitrag von Jana Kerima Stolzer & Lex Rütten, spielen sogenannte Pionierpflanzen die erste Geige. Im Gepäck von Rohstoffen aus aller Welt wanderten die Samen dieser Pflanzen einst in Essen ein und eroberten das Zollverein-Areal. In seiner Multimedia-Oper, deren Gesang durch KI kreiert wurde, vergleicht das Künstlerduo diese vegetative Besiedelung mit der Migration von Menschen."

Durar Bacri, Cactus on the roof, 2021


Kommenden Donnerstag wird im Berliner Haus am Lützowplatz "Who by Fire" eröffnet - eine Ausstellung israelischer Künstler, die in Israel offenbar keine Chance auf Finanzierung mehr hätte. Dabei ist sie wichtig, versichert Boris Pofalla in der Welt. "Extrem ist die Ausstellung nicht. Die Kunstwerke sind direkt und oft privat, aber eher symbolisch als agitativ. Ein Gemälde des in Tel Aviv lebenden, arabischisraelischen Malers Durar Bacri zeigt eine Kaktusfeige vor der Skyline von Tel Aviv. Die Feige, lernen wir, steht symbolisch für die vertriebenen Araber und Araberinnern Israels, aber auch für die neuen Bürger, die in Israel geboren wurden, nachdem ihre jüdischen Eltern dorthin eingewandert waren. Ein doppeldeutiges Bild." Und eben deshalb findet Pofalla die Ausstellung wichtig: "Sie lässt sich keiner Seite eindeutig zurechnen, stellt Perspektiven aus dem Land selbst vor, nicht die Projektion von außen."

Außerdem: Sebastian Frenzel begutachtet für monopol das neue Haus der Kulturen der Welt, das Intendant Bonaventure Soh Bejeng Ndikung vom Team bis zur Außenanlage komplett umgebaut hat und dieses Wochenende eröffnet: "Glich die typische Besucherphysiognomie früherer HKW-Ausstellungen einer Laterne - tiefgebeugt über mit Theorie und historischen Abhandlungen gefüllten Glasvitrinen - bitten im neuen HKW schwungvolle Bodenzeichnungen zum Tanz, schwirren Papierdrachen von der Decke." In der taz freut sich Julia Hubernagel schon darauf, im HKW "postkoloniale Machtverhältnisse in den Blick" zunehmen. Und der chilenischen Künstler Bernardo Oyarzún spricht im taz-Interview über seine Installation "El Medán" über die Kultur der Mapuche.

Besprochen werden noch Cindy Shermans Ausstellung "Anti-Fashion" in der Staatsgalerie Stuttgart (SZ), eine Ausstellung mit Schätzen aus Usbekistan im Neuen Museum Berlin (Tsp) und zwei Wiener Ausstellungen von Elisabeth Wild und ihrer Tochter Vivian Suter im Mumok und in der Secession (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.06.2023 - Kunst

Im Tagesspiegel berichtet Birgit Rieger vom Eröffnungswochenende "Acts of Opening Again" des Berliner Hauses der Kulturen. In der NZZ stellt Philipp Meier den Unternehmer Charles Drenowitz und dessen Sammlung chinesischer Kunst vor, die gerade im Zürcher Museum Rietberg ausgestellt wird.

Besprochen werden eine Ausstellung von Charlotte Salomon im Münchner Lenbachhaus (Tsp) die Ausstellungen "Tilla Durieux - Eine Jahrhundertzeugin und ihre Rollen" im Kolbe-Museum (SZ), die Ausstellung "Ufo 1665 - Die Luftschlacht von Stralsund" in der Kunstbibliothek Berlin (FAZ) und Beethovenkarikaturen im Beethoven-Haus in Bonn (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.06.2023 - Kunst

Anaconda mit Wasserschwein. Bild: Senckenberg-Museum Frankfurt

Bei der Restaurierung eines riesigen Anaconda-Präparates im Senckenberg-Museum in Frankfurt "müssen Wissenschaft, Kunst und Handwerk eng zusammenarbeiten", erfahren wir von FAZ-Kritikerin Wiebke Hüster. Die besondere Herausforderung besteht darin, dass die Riesenschlange gerade dabei ist, ein Wasserschwein zu verspeisen: "Bei der ursprünglichen Präparation musste etwa an den Wangen der Schlange improvisiert werden. Die gegerbte Haut am Maul ließ sich nicht mehr so weit dehnen, wie es für das Umschlingen des Wasserschweins nötig war. Also schnitt der damalige Präparator die Wangenhaut in Streifen und kaschierte die unbedeckten Streifen dazwischen mit Wachs, das sich dann ebenfalls bemalen ließ. Im Entstehungsjahr 1926 war die Farbfotografie noch nicht verbreitet, aber auf den um 1930 gemachten Schwarz-Weiß-Aufnahmen lässt sich durchaus erkennen, dass die Bemalung der Schlange damals ganz anders aussah als heute."

Nicht sehr spezifisch wird das ganzseitige Porträt, das Zeit-Redakteur Ijoma Mangold dem neuen Leiter des Berliner Hauses der Kulturen der Welt, Bonaventure Ndikung, widmet. Irgendwann kommt zwar auch die Rede auf seine BDS-nahen Einlassungen, die er heute bedauert (Antisemitismus und Rassismus müssten gleichzeitig bekämpft werden, betont er), aber auch seine konkreten Pläne werden nicht recht benannt. Es soll körperlich und performativ sein. Erstaunlich ist, wie bei Achille Mbembe, dass das Religiöse offenbar nicht ins Sündenregister des Postkolonialismus gehört. Fröhlich bekennt sich Ndikung zu seinem Katholizismus. Er höre jeden Morgen die Morganandacht im Deutschlandfunk: "Kurz stockt das Gespräch, als wäre nicht ganz klar, wie es von hier aus weitergehen soll. Dann sagt er: 'Ich sehe das als große Performance. All diese Rituale, die Kommunion. Schon das Wort finde ich extrem wichtig: Zusammenkommen. Der performative Vorgang par excellence. Die Idee, den Körper eines Menschen zu essen und sein Blut zu trinken, ist pervers, aber das ist Performance.' Und er breitet vor Entzücken seine Arme aus, deren Hände wie durch Zauberhand wieder alle Ringe tragen."

Weiteres: In der taz interviewt Edith Kresta Norbert Martins, der seit 48 Jahren Berliner Streetart fotografiert. Besprochen wird die Sommerausstellung der Heidi Horten Collection in Wien mit Werken von Marc Chagall, Pablo Picasso und Yves Klein (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 31.05.2023 - Kunst

Mauerfall oder Kreuzabnahme? Daniel Richters "Phienox". Bild: Kunsthalle Tübingen

Die Kunsthalle Tübingen widmet dem Maler Daniel Richter eine große Retrospektive, und in der FAZ verfolgt Stefan Trinks jubilierend, wie sich bei Richter die Kunst mit Hilfe des Punks aus der "abstrakten Unmündigkeit" befreit: "Bis Ende der Neunzigerjahre malte er ausschließlich abstrakt, Großformate mit Pop-Art-nahen Rauschenberg-Verschlingungen oder graffitiartigen Tags in grellen Farben. Welch großartig komplexe Punk-Historienbilder er seit dieser abstrakten ersten Lebenshälfte schuf, wird erst in der umfassenden Retrospektive mit fast siebzig Werken deutlich, wie sie nun die Kunsthalle Tübingen dem einundsechzigjährigen Professor für 'Erweiterten malerischen Raum' der Akademie der bildenden Künste in Wien ausrichtet. Figürlich aber malt Richter erst seit dem Jahr 1999 und in Konfrontation mit der viel länger schon figurativen Ostkunst, weil er als abstrakter Westmaler in der epochalen Wolfsburger Ausstellung 'German Open' Neo Rauch mit dessen Traumfigurenpanoptikum im selben Saal gegenübergestellt werden sollte - was er ablehnte, dabei realisierend, wie abgehalftert und leer die Gesten des abstrakten Expressionismus mittlerweile geworden waren."

In der SZ versucht Thomas Kirchner, sich einen Reim auf die Aktionen des niederländischen Kollektiv Kirac zu machen, das Michel Houellebecq mit dem berüchtigten Pornofilm vorführte. Unter dem Label Keeping it Real Art Critics stellen die beiden Kunst-Aktivisten Stefan Ruitenbeek und Kate Sinha immer wieder den Betrieb bloß, Galeristen, Kuratoren oder ihrer Meinung nach zu hoch gehandelte Künstler. Sympathisch ist ihm das nicht: "Was Kirac machen, ist beides, Kunstkritik und kritische Kunst. Die Methode ist dem Reality-TV entlehnt. Die Objekte der Kritik werden genötigt, bedrängt, Kamera und Mikrofon bleiben an, auch wenn die Betroffenen längst um Schonung gebeten haben. Es geht darum, Emotionen zu wecken; das unterhält die Zuschauer, die zudem wissen wollen, wer das nächste Mal dran ist. Man schaut und schaut, abgestoßen und angezogen. Immer bleibt ein Misstrauen: Meinen sie das ernst? Was meinen sie überhaupt?"

Im FAZ-Interview mit Marlene Grunert beschreibt Steven Lavine, der langjährige Leiter des California Institute of the Arts, wie die künstlerische Freiheit in den USA immer weiter eingeengt wird: Dem Aktivismus der einen Seite stehen von der anderen Gesetze gegen Vielfalt, Gleichberechtigung und Integration gegenüber: "Substanzielle Eingriffe kommen überwiegend von der republikanischen Rechten. Es gab aber auch schon Fälle, in denen Künstler von links angegriffen wurden. Ihnen wurde etwa vorgeworfen, die eine oder andere Minderheit nicht ausreichend zu würdigen. Es gibt einen Druck, explizit politische Kunst zu machen, der schon für sich genommen repressiv ist. Er schrumpft den unabhängigen Raum, in dem ein Künstler grundsätzlich agiert."

Besprochen wird die Ausstellung zu Tilla Durieux im Georg-Kolbe-Museum Berlin (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.05.2023 - Kunst

Im Tagesspiegel schreibt Bernhard Schulz zum Tod Ilya Kabakovs, der zusammen mit seiner Frau Emilia zu den bedeutendsten Künstlern der Sowjetunion zählte, in der Berliner Zeitung würdigt ihn Harry Nutt als Pionier der Konzeptkunst.
Stichwörter: Konzeptkunst

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.05.2023 - Kunst

Bild: Tetiana Yablonska, Samen, 1969 Öl auf Leinwand, 75 cm x 90 cm.

Hinter der vordergründigen Poesie der Werke, die in der Ausstellung "Kaleidoskop der Geschichten. Ukrainische Kunst 1912-2023" im Dresdner Albertinum gezeigt werden, erkennt Peter Richter in der SZ unschwer die Bezüge zu "Krieg, Gewalt und Bitterkeit": "In einem Regal mit Skulpturen aus dem Depot des Albertinums muss man zweimal hinsehen, um zu erkennen, dass der Künstler Nikita Kadan zwischendrin zerborstene Metallfunde aus dem Kriegsgebiet einsortiert hat oder die geometrisch formschönen Metallzylinder von Bomben. Der Kiewer Künstler Sascha Kurmas (in der englischen Transliteration der Wandtexte hier: Sasha Kurmaz) zeigt Fotocollagen, die eigentlich ein Kriegstagebuch sind - mit kunsthistorischer Anmutung als bitterer Pointe: Ein Bild, das an Gordon Matta-Clarks berühmte Zersägung seines New Yorker Wohnhauses erinnert, zeigt tatsächlich Durchblicke, die von Granaten in Kiewer Bauten geschossen wurden. Man sieht, wie in einem ikonografischen Atlas, immer wieder Fotos von Fingern, die auf Straßen zeigen, von denen man lieber nicht wissen will, was genau da passiert ist."

"Wer wir sind" lautet vollmundig der Titel der Ausstellung in der Bundeskunsthalle Bonn, die "Blicke auf die Strukturen unserer Migrationsgesellschaft" verspricht. In der Welt bleibt Hans-Joachim Müller allerdings deutlich unterfordert zurück. Kein Kommentar zu überforderten Verwaltungen, "Migranten-Clans" oder zunehmendem Antisemitismus, stattdessen "Kirchentagsrhetorik", meint er: "Fotodokumente von der 'Willkommenskultur' des Jahres 2015, vom überschwänglichen Teddybären-Verteilen an syrische, afghanische und irakische Kinder. Oder Erinnerungen an kernige Politiker-Prosa: 'Mir kommt kein Türke mehr über die Grenze" (Helmut Schmidt, Bundeskanzler, 1982). Das alles ist nicht ohne Eindruck und trägt mehr zum beschämten Wir-Gefühl bei als so mancher künstlerische Debattenbeitrag."

Außerdem: In der FAS porträtiert Laura Helena Wurth die taube Künstlerin Christine Sun Kim. Besprochen wird eine neue Dauerausstellung in Ernst Barlachs Atelierhaus am Heidberg in Güstrow (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.05.2023 - Kunst

Liu Xiaodong: Wedding Dress and Vegetables, 2019. ©Liu Xiaodong, Courtesy Lisson Gallery.


Der amerikanische Essayist John Yau freut sich in Hyperallergic über eine Ausstellung des Pekinger Künstlers Liu Xiaodong, den er für einen der wichtigsten Gegenwartsmaler Chinas hält. "Shaanbei" in der New Yorker Lisson Gallery zeigt neben neun Gemälden auch einen Film, der sich mit der Beziehung des Künstlers zu der gleichnamigen Region auseinandersetzt, die als "Geburtsort der Volksrepublik China" gehandelt wird. Eine intensive Arbeit, wie Yau festhält: "Liu ist einer der wenigen heute tätigen Künstler, der die Fäden von Édouard Manet wiederaufnimmt, wenn es um die Synthese von Form und Inhalt geht. Das macht er, indem eine Szenerie inszeniert und die Figuren mit Kostümen ausstaffiert, etwas, das er aus der engen Zusammenarbeit mit Filmregisseuren gelernt hat, und trotzdem sieht alles ganz natürlich aus. Lius Kombination aus Unabhängigkeit, intensiver Beobachtung, Unbestechlichkeit und Leidenschaft sorgt gemeinsam mit seiner Kameraführung und der Zusammenarbeit mit einem Regie führenden Filmemacher dafür, dass er tiefer in unsere hierarchisch gegliederte und kriegsversehrte Welt hineinschaut. Seine Subjekte sind primär jene Menschen, die von der Modernisierung an den Rand gedrängt werden, oft mit vollem Einverständnis der jeweiligen Gesellschaft - Individuen und Klassen, denen sich kaum jemals westliche Maler zugewandt haben."

Die Berlinische Galerie wird mit gleich fünf Sonderausstellungen neu eröffnet, eine davon hat Jens Hinrichsen für den Tagesspiegel besucht: Julius von Bismarcks "When Platitudes Become Form" zeigt exotische Flora und Fauna - und ihre kolonialistische Ausbeutung. "Irre kompliziert und gerne gigantoman" wirkt das auf den Kritiker und dabei ganz und gar nicht verkitschend: "Seinem Herbarium aus getrockneten exotischen Pflanzen geht jede Poesiealbumhaftigkeit ab, denn es sind Großpflanzen aus nicht-europäischen Ländern, die er durch aufwendiges Pressen in die Zweidimensionalität befördert hat. Auf Blech aufgezogen, baumeln Palmen wie 'Botanical King', 'Bismarckia nobilis' und andere Gewächse als morbides Mobile von der Decke. Sarkastischer Kinderlied-Titel der 'Nature morte': 'I like the flowers'." Die große Abrechnung mit seinem Urahn Otto von Bismarck soll die Ausstellung aber nicht sein, habe der Künstler versichert.

Richard Prince, Untitled (Portrait), 2019. Photo: Jeff McLane
Bei Monopol denkt Daniel Völzke angesichts jüngster Gerichtsurteile über Appropriation Art nach. Was früher einmal subversiv wirkte, scheint ihm heute oft in eine ausbeuterische Haltung umzuschlagen. Beispiel Richard Prince, der berühmt damit wurde, dass er die Marlboro-Anzeigen kopierte: "Bei den Prince-Werken, um die jetzt gestritten wird, handelt es sich um großformatige Tintenstrahldrucke auf Leinwand. Die ganze Serie, die er zum ersten Mal 2014 gezeigt hat, basiert auf Screenshots, die der Künstler von Instagram-Posts der Fotografen gemacht hat und die auch die Kommentare zeigen, die Prince unter den Bildern hinterlassen hat. Sie bei Gagosian zu verkaufen, ist eine einzige Trotzgeste. Prince ist jetzt selbst der Marlboro-Man, ein Schimmelreiter auf den Deichen des Kunstbetriebs, der die vielzitierten 'Bilderfluten' nach verwertbaren Material abfischt und abkassiert. Und dabei wahrscheinlich denkt, er wäre immer noch Punk."

Weiteres: Johanna Adorján trifft sich für die SZ zum Gespräch mit Jenny Schlenzka, die im September vom Performance Space New York als Leitung zum Berliner Gropius-Bau wechseln wird: Sie will mehr Performances machen und "überhaupt mehr ephemere Kunst, also Kunst, die sich nicht in Objekten manifestiert. Ob das nun Sound ist, zwischenmenschliche Begegnungen, etwas, das sich nur im Moment entfaltet." Katharina Cicosch unterhält sich für monopol anlässlich seiner Ausstellung "Chameleon" im Fotografie Forum Frankfurt mit Abe Frajndlich über seine Geburt als Staatenloser in einem DP-Camp, über seine fotographische Arbeit und über Begegnungen mit Cindy Sherman. Laura Ewert interviewt für monopol die Künstlerin und Filmemacherin Britta Thie zu ihrer hyperrealistischen Ausstellung "Scene" in der Hamburger Galerie Wentrup.  Besprochen wird außerdem die Ausstellung "Die Befreiung der Form" mit  Plastiken von Barbara Hepworth im Duisburger Lehmbruck Museum (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.05.2023 - Kunst

 Sheila Hicks Color class in New Haven (detail) 2023. Foto: Galerie Meyer-Riegger

Gesine Borcherdt fragt sich in der Welt, warum die herausragende amerikanische Künstlerin Sheila Hicks eigentlich noch in keinem deutschen Museum ausgestellt wurde: "Mit einer leuchtenden, sich immer wieder neu entfaltenden Farbpalette, die an Stoffe aus Südamerika und Indien denken lässt, ist sie nicht nur eine Mittlerin zwischen Bauhaus-Moderne und Gegenwartskunst, sondern auch zwischen Malerei, Skulptur, Handwerk und Architektur - und zwischen Kulturen, die sie über Kontinente hinweg verknüpft." Immerhin: Jetzt kann man ihre Arbeiten in der Berliner Galerie Meyer-Riegger besichtigen, freut sich Borcherdt: "Beinahe die gesamte Bandbreite ihrer Werke aus Wolle, Synthetik und Flachs ist hier zu sehen - von der handlichen Flechterei über fröhliche rote Wollwürste bis hin zu himmelblauen, durchs Fenster hinauswuchernde Stoffstreifen, gegen die Robert Morris' minimalistische Filzbehänge wie Trauerschleifen wirken. Es ist diese haptische Qualität, mit der Hicks alle Wahrnehmungsebenen spielend erobert. Abstraktion und Erzählung, Farbe und Körper, Erlebnis und Reflexion werden eins."

In der FAZ schreibt Stefan Soltek einen Nachruf auf den bereits im März verstorbenen Grafiker Günther Kieser und dessen ikonische Konzert-Plakate: "Jimi Hendrix bannte er 1969 in eine Komposition, die die Gesichtszüge einem kleinformatigen Pressefoto überlässt, über dem sich der mächtige Haarpilz als vehementes Gewirr aus knallbunten Kabelschläuchen abhebt: visuelles Pendant jener spektakulären Klänge, die dem wahnsinnig zauberhaften Duett zwischen E-Gitarre und Lautsprecherbox entsprangen, mit denen Hendrix gegen die Politik seiner Zeit anspielte."

Besprochen werden eine Ausstellung mit Werken der Künstlerin Doris Salcedo in der Fondation Beyeler in Basel (Tsp) und die Ausstellung "Brüder und Schwestern" mit Fotografien von Andreas Mühe in der Frankfurter Galerie Anita Beckers (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.05.2023 - Kunst

In einer Reportage aus dem irakischen Mossul erzählt Lena Bopp in der FAZ, wie internationale Restauratoren die Verwüstungen zu beheben versuchen, die der Islamische Staat 2015 anrichtete. Den vom Louvre entsandten Daniel Ibled stellt uns Bopp als einen Mann vor, der schon als Kind gern geknackte Nüsse wieder zusammensetzte: "'Jede Explosion hat eine innere Logik', sagt Ibled. Wenn es gelinge, sie zu verstehen, könne man die Explosion quasi rückwärts denken und die Puzzleteile leichter finden. Danach sei Perfektionismus gefragt. Wenn man sich am Anfang um nur einen Millimeter vertue, summiere sich der Fehler mit jedem weiteren Schritt, bis man am Ende in eine Schieflage kommt, die es unmöglich mache, weitere Steine hinzuzufügen. 'Da mussten wir die irakischen Kollegen am Anfang manchmal bremsen.'"

Paul Gauguin: Seid geheimnisvoll! (Soyez mystérieuses), 1890. Bild: Städel

Die "dritte Dimension der Malerei" eröffnet sich FR-Kritikerin Lisa Berins in der Ausstellung "Herausgragend", mit der das Frankfurter Städel dem Relief in der Kunst von Rodin bis Picasso huldigt: "Das Relief war nicht nur ein Experiment, es war auch Rebellion und Ausbruch. Aber es war noch mehr: Es wurde zum künstlerischen Mittel einer Reflexion darüber, was Kunst kann. Lucio Fontana zum Beispiel zerschnitt seit den 1940er Jahren Bilder, öffnete dadurch den dahinterliegenden Raum. Ebenen wurden nicht nur durch das Auftragen von mehr und mehr Material geschaffen - eindrückliches Beispiel dafür ist die monumentale Wandplastik von Lee Bontecou in der oberen Etage -, sondern auch durch das Ausschneiden und Freilegen des 'Dahinter'. Die Wand wurde dadurch auch selbst zum Player." In der FAZ zeichnet Stefan Trinks nach, wie das Relief für die Avantgarde des 19. Jahrhundert wieder interessant wurde: "Gauguin, der mit dem traumschönen 'Seid geheimnisvoll' vertreten ist, sah noch in der Bretagne arbeitend auf der Weltausstellung 1889 die farbstarken Reliefs aus Papua-Neuguinea und ahmte sie nach. Der Historismus entdeckt zudem die Faszination polychromer Reliefs aus diversen Materialien. Den Höhepunkt erreicht das urzeitlich antike Relief in Farbe mit den Parthenonreliefs, deren Wiederentdeckung durch die Künstler im 19. Jahrhundert ein eigener Saal gewidmet ist. Wallfahrten von Bildhauern führten ins British Museum, wo die von der Akropolis geraubten Elgin Marbles für jedermann sichtbar ausgestellt waren."

Weiteres: In der FR wünscht sich Harry Nutt statt eines festgefahrenen Lagerstreits um koloniale Raubkunst mehr Interesse für afrikanische Kultur und Geschichte. Besprochen werden eine Ausstellung der Künstlerin Rosemarie Castoro im Wiener MAK (Standard) und eine Schau über Josephine Baker in der Bonner Bundeskunsthalle (Monopol).