Sich Gedanken zu machen über die Genese einer der drei weltweit größten Albrecht-Dürer-Sammlungen in Berlin "könnte Knäckebrot sein", denkt Stefan Trinks in der FAZ zunächst, lässt sich aber von der Ausstellung "Dürer für Berlin. Eine Spurensuche im Kupferstichkabinett" im Berliner Kulturforum vom Gegenteil überzeugen: Hier lässt sich noch Neues über einen der größten Künstler überhaupt lernen, erkennt er. "Das hinreißende Aquarell der 'Drahtziehmühle', bei der die Datierung recht weit zwischen 1489 und 1494 differiert, ist ein Meisterwerk des 'natürlichen' Kolorits und des Neuen Natursehens schon im ausgehenden fünfzehnten Jahrhundert. Angesichts der noch leicht unperspektivisch in der Landschaft hinter Nürnberg herumstehenden Häuser tendiert man zur Frühdatierung, bei der der erst Achtzehnjährige das Umland seiner Stadt erkundete und es dennoch schon vermochte, die 'Kunst aus der Natur zu reißen', wie er es später als seine Maxime formulieren sollte. Alles ist hier bereits entfaltet: das entrückende Sfumato der blauen Berge weit hinten, zeitgleich zu Leonardo in der Toskana, aber auch anachronistisch modern und abstrakt-frei gesetzte grüne und braune Farbflächen ohne jegliche Binnenzeichnung."
Erykah Badu bei den Soul Train Music Awards in Las Vegas, 2016 (Photo: Alamy) | Bronzestatue der Göttin Isis (collection: RMO) Das Nationale Museum für Altertümer (RMO) in Leiden zeigt gerade eine Ausstellung, die den Einfluss ägyptischer Kultur auf afroamerikanische Künstler thematisiert: "Kemet, Egypt in Hip-Hop, Jazz, Soul and Funk". Die ägyptischen Behörden sind nicht amüsiert, haben die Ausstellung als "afrozentrisch" kritisiert und dem Museum alle archäologischen Genehmigungen entzogen, berichtet Rea Nyyar in Hyperallergic: "In einer E-Mail beschuldigte der Leiter der Auslandsvertretung der ägyptischen Altertümer das Museum der 'Geschichtsfälschung', indem es die Aneignung der altägyptischen Kultur und Ästhetik in seiner Ausstellung fördere, und hob die Ausgrabungsgenehmigung für die Ruinen von Saqqara auf. ... Obwohl dieser Widerruf ein schwerer Schlag für das RMO ist, da es seit 1975 gemeinsam mit anderen Forschungspartnern Ausgrabungsprojekte in der Nekropole von Saqqara durchführt, erklärte Museumsdirektor Wim Weijland gegenüber der niederländischen Tageszeitung NRC, dass 'wir [das Museum] uns nicht entschuldigen und die Ausstellung nicht anpassen werden'."
Lee Miller, Floating Head, Mary Taylor. Foto: Lee Miller Archives. Welt-Kritiker Boris Pofalla taucht in der Ausstellung "Lee Miller. Fotografin zwischen Krieg und Glamour" im Hamburger Bucerius Kunstforum in das bewegte Leben und Werk der Künstlerin und Kriegsberichterstatterin ein. So "radikal und furchtlos" wie ihre Werke war Miller selbst, erkennt Pofalla und ist wie hypnotisiert von ihrer surrealistischen Sicht auf die Dinge: "Das Abjekte und das Attraktive fallen zusammen, es ist eine Dokumentation und zugleich eine surreale Verfremdung. Ein Ausschnitt des Realen wird im übertragenen Sinn mehrfach belichtet. Lee Miller ist eine Meisterin solcher die Wirklichkeit übersteigernder Effekte, ihr Blick isoliert, spießt auf, verfremdet."
Weitere Artikel: Phillip Meier teilt in der NZZ seine Eindrücke von der Art Basel. Für den Tagesspiegel hat Minh An Szabó de Bucs die Art Biesenthalbesucht, die dieses Jahr in größerem Rahmen stattfindet. Kunstschaffende leiden unter den hohen Mieten in Berlin, berichtet Birgit Rieger ebenfalls dort: in einer Studie zur "aktuellen Atelier- und sozio-ökonomischen Situation von bildenden Künstler*innen" gaben über sechzig Prozent der Befragten an, sich kein Atelier mehr leisten zu können. Ebenfall im Tagesspiegelschreibt Lars von Törne zum Tod des Comiczeichners John Romita Sr.
Besprochen werden die Ausstellung "Zur Nachahmung empfohlen" in den Uferhallen Berlin (tsp), die Ausstellung "Matter of Flux" im Art Laboratory Berlin (tsp), die Ausstellung "Who by fire. On Israel" im Haus am Lützowplatz Berlin (BlZ), die Ausstellung "Keine Illusionen-Malerei im Raum" in der Kunsthalle Hamburg (taz), die Ausstellung "Lee Miller. Fotografin zwischen Krieg und Glamour" im Hamburger Bucerius Kunstforum (Welt).
Ariane Littman: "The Olive Tree" 2012, Performance am Hizme checkpoint in Jerusalem. Bild: HaL Als politisches Statement versteht Stefan Trinks in der FAZ die Schau "Who by Fire: On Israel", mit der das Haus am Lützowplatz kritische Kunst aus Israel zeigt, kuratiert vom Künstler Liav Mizrahi: "Mizrahi berichtet, dass die Schau in dieser Form in Israel derzeit nur in Privaträumen und nicht in einem Museum stattfinden könnte, er auch nicht provozieren wolle, da er das Land ohnehin am Rande eines Bürgerkriegs sehe. Vielmehr verstehe er die komplett mit deutschem Geld finanzierte und insofern von möglicher Netanjahu-Zensur unberührte Ausstellung und insbesondere ihre Werke, von denen jedes eine völlig unterschiedliche Erzählung zum Land darstelle, als Einladung zum Dialog. Ein Dialog mit der Welt, so darf hinzugefügt werden, wie ihn die Documenta-Macher voriges Jahr vereitelt haben, indem kein einziger israelischer Künstler in Kassel nominiert war und seine Werke zeigen durfte." In Monopolschreibt Mirna Funk.
Weiteres: In der tazmeldet Klaus Hillenbrand, dass die Beratende Kommission NS-Raubgut empfiehlt, Wassily Kandinskys "Das bunte Leben" an die einstigen jüdischen Besitzer zu restituieren. Die Bayerische Landesbank hatte das Werk vor 50 Jahren gekauft und dem Lenbachhaus als Leihgabe zur Verfügung gestellt: "Die Entscheidung gilt als bindend. Die Bayerische Landesbank hat sich vorab mit dem Verfahren einverstanden erklärt."
Billie Zangewa: Temporary Reprieve, 2017. Bild: JHC, Southampton Observer-Kritikerin Laura Cumming gönnt sich in der John Hansard Gallery in Southampton den Luxus von Billie Zangewas Seidenarbeiten, auf denen die Künstlerin aus Malawi Menschen und Landschaften porträtiert und die zu sehen sind. Zangewas Arbeiten fesseln Geist und Auge, versichert Cumming: "Ihre Stiche sind kaum wahrnehmbar, ihre geschnitzten Fragmente überraschen immer wieder: Wasser und Luft schillern im Glanz der verschiedenen Seiden, Gesichter sind in jeder ausdrucksstarken Nuance komplex dargestellt. Wie es ihr gelingt, ein kariertes Hemd durch ein Bierglas gesehen darzustellen, ist fast nicht zu erkennen."
In der frühen Neuzeit verkauften Henker die Locken der Hingerichteten als Glückbringer. Dass KI uns von der Anbetung des Echten in der Kunst befreit, könnte der österreichische SchriftstellerFranzobel in der FR vielleicht noch als Gewinn verbuchen, aber nicht verkraften können wird er einen anderen Verlust: "Die KI versteht keine Ironie, keinen Humor, weshalb sie einen Satz wie den eingangs zitierten 'Wollen Sie ein Meer eröffnen' auch nicht so schnell ausspucken wird. 'Wollen Sie ein Meer eröffnen' ist ein schönes Beispiel für den österreichischen Schmäh, der bereits in Deutschland kaum verstanden wird und praktisch nicht zu übersetzen ist. Der Witz würde mit keinem anderen Verb funktionieren. Die neue Welt ist humorlos. Wo es geht, werden Menschen eingespart. Selbstfahrende Busse, vollautomatisierte Supermarktkassen und bei Hotlines von Fluglinien einen echten Menschen zu erwischen gleicht einem Lotteriegewinn."
Bettina Pousttchi: Vertical Highways, Haputbahnhof Berlin. Foto: Daniel Biskup. Auf einmal steht vor dem Berliner Hauptbahnhof eine riesige leuchtend rote Skulptur. NZZ-Kritikerin Laura Helena Wurth würde sich dieses Werk, die "Vertikal Highways" der deutsch-iranischen Künstlerin Bettina Pousttchi, gefallen lassen, ist ja Kunst im öffentlichen Raum. Aber warum bitte, fragt Wurth, bekommt ausgerechnet der in Berlin längst in Ungnade gefallene Kunstunternehmer Walter Smerling für sein Projekt "Station to Station" von Bahn und Verkehrsministerium 7,5 Millionen Euro ohne Ausschreibung? "Das Grundproblem ist, dass man Gelder dieser Art, die den öffentlichen Raum betreffen, nicht einfach in die Hände einer Person legen darf, um langwierige und komplizierte Ausschreibungs- und Vergabeverfahren zu umgehen. Bei öffentlichem Geld muss auch eine öffentliche Entscheidungsfindung stattfinden... Der Kunstgeschmack von Walter Smerling steht jetzt für alle gut sichtbar mitten in der Stadt und verkündet allen, dass es sich dabei um wirklich wichtige Kunst handelt. Dabei ist sie lediglich durch Smerlings Privatgeschmack legitimiert. Das schwächt das Kunstwerk und kann nicht im Sinne der Künstlerin sein."
Besprochen werden die Ausstellung "Suddenly Wonderful" in der Berlinischen Galerie über die Westberliner Großbauten der siebziger Jahre (die SZ-Kritiker Peter Richter zeigt, dass die Technikmoderne in der "depressionsverliebten" Stadt immer erst dann geliebt wird, wenn sie abgerissen werden soll) und die Anti-Picasso-Ausstellung der queeren Komikerin Hanna Gadsby im Brooklyn Museum (die taz-Autorin Verena Harzer gegen die vehemente Kritik tapfer zu verteidigen versucht) und eine Ausstellung der unerschrockenen Kriegsreporterin Lee Miller im Hamburger Bucerius Kunst Forum (Tsp).
Ausstellungsansicht: Anselm Kiefer: "Finnegans Wake". White Cube Bermondsey Für seine aktuelle Ausstellung im Londoner White Cube Bermondsey hat sich Anselm KieferJames Joyce' "Finnegans Wake" vorgenommen. Guardian-Kritiker Jonathan Jones hat sich in das entstandene Beton-Labyrinth begeben und ist nicht nur Spielzeugsoldaten und goldenen Schlangen begegnet, sondern auch Kiefer selbst, der ihm von der Lebensaufgabe erzählt, das Buch durchzuarbeiten: "Er hat dieses Buch lieben gelernt und sieht es als Spiegel seines eigenen Lebens und seiner Kunst. Zwei Räume seiner Ausstellung sind vollgestopft mit Objekten, die nur einen kleinen Teil dessen nachbilden, was er sein 'Arsenal' nennt, ein riesiges Lager, in dem er Werke aus Jahrzehnten des obsessiven Sammelns und Herstellens aufbewahrt: 'Es ist einen Kilometer lang. Das ganze Zeug ist wie mein Kopf, wissen Sie. Manches war fertig, manches noch nicht fertig, und ich dachte: 'Es ist, als würde man das Finnegans-Wake-Buch durchgehen!' Die Show ist wie ein Paralleltext: Kiefers Kunst und Joyces Worte nebeneinander. Ein ganzer Raum ist mit wunderschönen Gemälden aus Gold und Mattgrün geschmückt, die an psychedelische Monets erinnern."
Bild: Ondas De La Ayahuasca [Ayahuasca-Wellen]. Pablo Amaringo (1938-2009) 2002, Kunstdruck. Stiftung Deutsches Hygiene-Museum, Dresden Besonders glücklich wird FAS-Kritikerin Novina Göhlsdorf in der Ausstellung "Hello Happiness" im Dresdner Hygiene-Museum nicht. "Die erklärte These der Ausstellung lautet: 'Positive Gefühle ... sind wichtige Faktoren von Resilienz und Widerstandsfähigkeit, weil durch sie Selbstvertrauen und Hoffnung gestärkt werden können.' Dieser Aussage kann man nicht vorwerfen, hochschwellig zu sein; jeder, der schon mal an eine Self-Care-Anleitung geraten ist, kennt sie." Und so wandert die Kritikerin ratlos durch diesen "Ratgeber im Raum" und betrachtet unter anderem "Zeichnungen, die unter dem Einfluss von holotropen Atemtechniken oder Ayahuasca entstanden sind". Die "wirken weniger erratisch (und bebildern einen weniger banalen Umstand), doch auch sie haben dadurch, wie sie angeordnet und kontextualisiert werden, vor allem die Funktion von dinglichen Stellvertretern, Platzhaltern für Aspekte, die, so scheint es, ein Brainstorming zum Thema ergeben hat und die nach einer sonderbaren Checklistenlogik so in den Räumen repräsentiert werden, dass die oft ganz schön voll sind."
Außerdem: In der tazberichtet Sophie Jung, dass das Projekt "We Parapom!", für das 4.000 Apfelbäume im Jahr 2025, wenn Chemnitz Kulturhauptstadt Europas ist, quer durch die Stadt gepflanzt werden sollten, von der Stadt gecancelt wurde. Ebenfalls in der taz hat sich Beate Schneider, unterstützt von der Nordischen Botschaft, das neue Munch-Museum in Oslo angesehen. In der SZ porträtiert Helene Schaarschmidt den Leipziger Maler Gustav Sonntag, der in seinen Bildern Szenen aus dem Berghain festhält.
Besprochen werden die Ausstellung "1920er. Im Kaleidoskop der Moderne" in der Bundeskunsthalle Bonn (FAZ) und die Ausstellung "Von Bonnard bis Klemke. Illustrierte Bücher und Mappenwerke aus der Sammlung von Wieland Schütz" im Grassi-Museum für Angewandte Kunst in Leipzig (FAZ).
"Redon erzählt nicht, sondern verrätselt. Er lässt Farben und Formen klingen, aber nach einer Melodie, die nie jemand gehört hat. Man hat ihn als Symbolisten bezeichnet - doch ist er es eigentlich? ", fragt sich Maria Becker in der NZZ beim Besuch der Odilon Redon-Ausstellung "Rêve et Réalité" im Winterthurer Museum Reinhart. Unter den Zeitgenossen blieb er ein Solitär, "ein Grenzgänger zwischen den Sphären", schreibt sie: "Wer nach Symbolen sucht bei Redon, wird enttäuscht. So zeichenhaft manche Gestaltungen scheinen - sie weisen nicht über sich selbst hinaus. Näher liegt der Mikrokosmos, den Redon von Clavauds Naturwissenschaft ableitet. Der Künstler erkennt darin die bizarre Schönheit von Wimperntierchen und anderen Zellstrukturen und lässt sie in freien Ornamenten neu erstehen. Seine Blumensträuße der Reifezeit sind analoge Phantasien zur Natur. In gewissem Sinn ist Redons Bildwelt den kunstvollen Quallen- und Seeigelformationen seines Zeitgenossen Ernst Haeckel verwandt."
Diane Arbus: A Box of Ten Photographs, 1970. Bild: Marc Domage Auch die amerikanische Fotografin Diane Arbus faszinierte das Bizarre und Abseitige, wie Marc Zitzmann (FAZ) nicht erst in der umfassenden Ausstellung "Constellation" in der Fondation Luma in Arles feststellt: "So begeisterte sie sich für Krabbel- und Stabwirbel-Wettbewerbe, für Nudistencamps, Altersheime und Tanzlokale. Daneben fotografierte sie Menschen mit ihren Hunden als 'odd couples', Doppelgänger berühmter Zeitgenossen, Künstlerpartner, Zwillinge, Kleinwüchsige, Transvestiten, Oben-ohne-Tänzerinnen, nicht zu vergessen die geistig Behinderten, denen sie sich in ihren drei letzten Lebensjahren immer wieder widmete und die sie bisweilen in seltsamen Maskeraden zeigte. Der bis heute verbreiteten Auffassung, sie habe sich spezialisiert auf 'subjects perverse and queer', wie selbst ihr Bruder 1965 in seinen Memoiren schrieb, widersprach sie vehement. Es gehe ihr nicht darum, entgegnete sie, einen 'schmutzigen Katalog' zu erstellen. Vielmehr bemühe sie sich ja gerade darum, die Menschen nicht als Freaks zu zeigen, sondern als Individuen, deren Anderssein sie heraushebe, ja adele. "
Patrick & Piet & Josef (II), 1996. Foto: Kunstmuseum Winterthur Sylvie Fleury gilt als "Ärgernis" in der Kunstwelt: "Denn der Kunstklau ist bei ihr Programm", schreibt Philipp Meier, der in der NZZ daran erinnert, dass Fleurys "schamloser" Mix aus "Kunst und Kommerz" lange Zeit als "anrüchig" galt. Das hat sich inzwischen geändert, wie Meier in der aktuellen Ausstellung "Shoplifters from Venus" im Kunstmuseum Winterthur feststellt, die ihm zeigt, mit wie viel Witz Fleury den Konsum zur Kunstform erhoben hat: "Sie hat der Mode den Zugang zur Kunst ermöglicht. Sie kauft aber nicht nur ein in den Shopping-Malls der Modewelt, sondern bedient sich auch in den Museen, als wären es Warenhäuser. Dort entwendet sie ihre Bildfindungen aus dem reichen Fundus der Kunst der Moderne. Das sieht dann so aus: ein paar Pumps, weiß, rot, blau, gestaltet im Rechteck-Look à la Piet Mondrian, auf einem Sockel. Und dieser - ein Gebrauchsgegenstand, den es braucht, damit ein Kunstobjekt ein Kunstobjekt wird - wird bei Fleury ebenfalls zur Kunst...Fleury persifliert die großen Meister der Nachkriegskunst und fegt ironisch und lustvoll über Geschlechterklischees hinweg."
Ebenfalls in der NZZwirft Marion Löhndorf einen begeisterten Blick ins Innere des diesjährigen, von Lina Ghothmeh gestalteten Pavillons der Serpentine Gallery in den Londoner Kensington Gardens: "Von ausgestanztem Blattwerk durchbrochene Außenwände schirmen den Innenraum ab und lassen das Grün des Parks durchschimmern. (...) Die ornamental fließenden Linien der Blätter erinnern an Sommerkleider braver Mädchen. Innen riecht es intensiv nach Holz, das ist in diesem Jahr das Schönste an diesem Pavillon, denn alles ist aus diesem Material: die sternfömig ausgerichteten Dielen am Boden, die Wände, das Dach und ein Säulengang, der rund ums Gebäude führt."
Weitere Artikel: Im monopol-Interview mit Katharina Cichosch schildert die Leiterin des Nassauischen Kunstvereins Wiesbaden, Elke Gruhn, die Lage für Kunstschaffende in Afghanistan. Weil diese dort in Lebensgefahr schweben, zeigt die Ausstellung "Hidden Statement: Art in Afghanistan" die Werke der Beteiligten anonym: "Sie haben de facto null Einkommen, keinerlei Ausstellungsmöglichkeit, kommen an ihre Besitztümer nicht mehr heran." In der Welterinnert Henryk M. Broder an den wenig bekannten Künstler Wilhelm Ernst Beckmann, der vor den Nazis nach Island floh. Über sein Leben und Werk ist nun der Dokumentarfilm "Island: Zuflucht und Erfüllung - Der Exilkünstler Wilhelm Beckmann" erschienen. Ebenfalls in der Weltschreibt Marcus Woeller einen Nachruf auf Françoise Gilot. Die NZZberichtet über den Raubkunst-Streit zwischen den Nachfahren des Kunstsammlers Paul von Mendelssohn-Bartholdy und der bayerischen Regierung.
Besprochen werden eine Ausstellung mit Werken von Isa Genzken in der Galerie neugerriemschneider Berlin (tsp), die Ausstellung "Anna Bogouchevskaia. Shouldn't be gone" in der Werkstattgalerie Hermann Noack Berlin (tsp), die Ausstellung "Eintauchen in die Kunst" im Museum unter Tage in Bochum (monopol) und die Installation "Down to earth" von Francelle Cane und Marija Marić im Luxemburg- Pavillon der Venedig-Biennale (taz).
Die französische Malerin und Schriftstellerin Françoise Gilot ist im Alter von 101 Jahren gestorben, meldet neben vielen anderen ZeitOnline: Gilot war die einzige Frau, die es gewagt hatte Pablo Picasso zu verlassen. Die New York Times bringt schon einen Nachruf.
Chris Offili: The Swing, 2020-2023. Bild: Victoria Miro Dem Guardian-Kritiker Adrian Searle gehen die Augen über. Die Victoria Miro Gallery zeigt in London den neuen Zyklus "The Seven Deadly Sins" des britischen Künstlers Chris Ofili, und Searle kann sich an den grandiosen Bildern kaum satt sehen: "Wenn man diese neuen Gemälde betrachtet, gleitet der Blick und driftet, er versucht sich festzuhalten, rutscht aber immer weiter und wird unter die Oberfläche gezogen, von Strömungen und Unterströmungen erfasst und herumgeschleift. Ofili fängt den Blick ein und macht den Akt des Sehens bewusst. Bridget Riley tut dies ebenfalls, allerdings auf eine ganz andere Weise. Jede Markierung, jeder Punkt oder jede gewundene Linie in Ofilis Gemälde ist beabsichtigt, das Ergebnis einer bewussten Berührung oder einer Reihe von Berührungen. Jeder Zentimeter schreit nach Aufmerksamkeit. Obwohl reich und dicht, sind die meisten dieser Werke dünn, fast durchsichtig gemalt, bis sich plötzlich in einem Bild, das an Fragonards Rokoko-Schaukel erinnert, der Schwenk zu einer dick aufgetragenen, geronnenen Opazität vollzieht. 'Die Sieben Todsünden' sind Gemälde in ständigem Übergang: zwischen Oberfläche und Tiefe, Figur und Blattwerk, Licht und Dunkelheit, zwischen Mythologie und Religion, dem Sakralen und Profanen."
Weitere Artikel: FAZ-Autor Marc Zitzmann streift in der Nuit blanche durch das Paris der Kunst. In der FRschreibt Ingeborg Ruthe zum Tod des Düsseldorfer Konzeptkünstlers Hans-Peter Feldmann, in der SZ Peter Richter.