Yoshitomo Nara: "Fuck U", 2015. Bild: Albertina WienYoshitomo Nara: "Cup Kid". Bild: Albertina Wien FAZ-Kritiker Hannes Hintermeier streift mit großem Vergnügen durch die Schau "All My Little Words" des japanischen Zeichners Yoshitomo Nara in der Wiener Albertina, lässt sich aber nicht von den vielen großen Kinderaugen, die ihm hier entgegenblicken, täuschen: "Die 'angry girls', für die Nara bekannt ist, tauchen Anfang der Neunziger auf, zehn Jahre später hat er jene comichafte Form für sie gefunden, die den Aufstieg zum Kunstmarkt-Star beflügelte: Überdimensionale Köpfe, runde Gesichter, schmaler Mund, winzige Nasenlöcher, riesige, häufig weit außen sitzende Kulleraugen, Pilzkopffrisuren. Die Figuren sind oft schlecht gelaunt, schimpfen, haben ein Messer oder einen Hammer in der Faust, tragen Boxhandschuhe und sagen Unartiges ("Fuck U") . Sie sind gleichzeitig 'kawaii' (niedlich, süß), rebellisch und latent aggressiv. In Kinderbücher passen sie nur bedingt. Und machen dennoch Laune." In der NZZsieht das Sabine B. Vogel ähnlich.
Besprochen werden die Ausstellung über die Schauspielerin, Diva und Widerständlerin Tilla Durieux, die so viele Maler und Bildhauer inspirierte, im Georg-Kolbe-Museum (taz) und eine Ausstellung des Renaissance-Meisters Vittore Carpaccio im Dogenpalast von Venedig (Tsp).
In der tazschreibt Robert Mießner zum Tod des Fotografen Robert Conrad, der in seinen Bildern den Untergang der DDR ungeschönt dokumentierte. Besprochen werden Michael Anthony Müllers Auseinandersetzung mit Gerhard Richters "Birkenau-Zyklus" in der Kunstkirche Sankt Matthäus am Berliner Kulturforum (FR) und eine Ausstellung des Fotografen Jochen Lempert im C/O Berlin (Tsp).
Lena Bopp besucht für die FAZ die AutorinChaza Charafeddine, die im südlibanesischen Tyros ein Fotoarchiv eröffnet hat. Einfach war das nicht: "Chaza Charafeddine hat es in ihrem Buch, dem 2021 in deutscher Übersetzung erschienenen 'Beirut für wilde Mädchen', beschrieben. Und man sieht es nun an den Fotos, die sie von Familienangehörigen und anderen Mitgliedern der schiitischen Gemeinschaft rund um Tyros erhalten hat. Ein besonders schönes Bild zeigt eine hübsche Frau in einem kurzen Hochzeitskleid und mit unverhülltem Haar... Doch zwischen den historischen Fotos und der Gegenwart liegen Welten. Seit Jahrzehnten hat sich keine dieser Frauen ohne Verschleierung in der Öffentlichkeit gezeigt. Sie alle haben einen krassen Bruch vollzogen, weg von der westlich inspirierten Freimütigkeit hin zu einer konservativen Religiosität, die sie heute zögern lässt, ob man die alten Bilder überhaupt noch zeigen darf" - zumal viele der Frauen heute die Hisbollah verehren, so Charafeddine, die von einer "Schizophrenie in der schiitischen Community" spricht.
Vincent van Gogh, Atelierfenster, 1889, Van Gogh Museum.
Das Met Museum in New York wollte gern mal wieder eine van-Gogh-Ausstellung machen, um so richtig Besucher anzuziehen. Aber eine neue Idee dazu brauchte es schon. Die Antwort: "Van Goghs Zypressen". Mit dabei sind die Großwerke "Sternennacht und "Ein Weizenfeld mit Zypressen", das van Gogh nach der Sache mit dem Ohr malte. In der SZ ist Christian Zaschke trotz des Kalküls beeindruckt: "Es ist beides möglich: Man kann Kunst-Blockbustern, wie diese Schau einer ist, aus guten Gründen skeptisch begegnen. Man kann aber zugleich vor diesen beiden wieder vereinten Gemälden stehen, den Blick aufs eine und aufs andere richten, minutenlang, ihre innige Verwandtschaft fühlen, und zumindest im Ansatz die weltenbewegende kreative Kraft spüren, die Vincent van Gogh im Juni des Jahres 1889 innewohnte."
Weitere Artikel: Saskia Trebing hat sich für Monopol sehr ausführlich mit Renan Laru-an unterhalten, dem neuen philippinischen Kurator des Berliner Kunstraums Savvy Contemporary.
Eugen Spiro: Dame mit Hund (Tilla Durieux), 1905. Bild: Georg-Kolbe-Museum Hingerissen ist Ingeborg Ruthe in der Berliner Zeitung von der Ausstellung , die das Berliner Georg-Kolbe-Museum der Schauspielerin Tilla Durieux widmet. Diva und Femme fatale in einem wurde sie von Max Slevogt, Lovis Corinth, Ernst Barlach, Oskar Kokoschka, Frieda Riess und Lotte Jacobi gemalt, wie Ruthe erzählt: "Ein Leben mit drei Ehen, Freiwilligendienst als Krankenschwester im Ersten Weltkrieg und Engagement für die inhaftierte Rosa Luxemburg. Im Mai 1919 versteckte sie in ihrem Kleiderschrank den Schriftsteller Ernst Toller, einer der führenden Köpfe der Münchner Räterepublik, der wegen Hochverrats gesucht wurde. 1933 wurde sie selbst zur Gejagten: Hals über Kopf floh sie mit ihrem dritten Ehemann, dem jüdischen Industriellen Ludwig Katzenellenbogen nach Kroatien, war dort Hotel-Direktorin und Antifa-Widerständlerin. Ihren sarkastischen Humor drückt diese Geste aus: In ihren Flüchtlingspass hatte Durieux einfach jenes Foto geklebt, das sie 1929 in der Rolle als Anna Balbanowa in Bernhard Blumes 'Treibjagd' zeigte: Femme fatale, mit Kippe im Mund, Weinglas in der Hand."
Besprochen wird die Schau "Der König ist tot, es lebe die Königin", für die Udo Kittelmann 31 Künstlerinnen im Museum Frieder Burda zusammenbringt (Monopol) und Matthew Barneys neue Videoarbeit "Secondary", eine Studie zum American Football (ArtNews).
Könnte ein See-stück von Richter sein, ist aber von Vija Celmins: "Ocean, 2014. Bild: Hamburger Kunsthalle SZ-Kritiker Till Briegleb kann seinen Augen kaum trauen angesichts der verblüffenden Ähnlichkeit in den Arbeiten von Gerhard Richter und der in Riga geborenen amerikanischen Künstlerin Vija Celmins. Die Hamburger Kunsthalle bringt sie zusammen: "Angesichts solcher Verwandtschaften muss ausdrücklich dazugesagt werden, dass die beiden sich weder gekannt noch beeinflusst haben, weil es angesichts der Parallelität ihrer Motive und Bildinteressen kaum zu glauben ist. Nach der Akademie malten beide scheinbar banale Gegenstände in ihren Ateliers im altmeisterlichen Stil ab, Richter einen Küchenstuhl, Celmins eine Doppellampe. Später griffen beide auf Fotos beiläufiger Situationen zurück, die sie leicht unscharf, also realistisch in Teilweisigkeit, zum Ölbild machten. Celmins malte Blicke aus dem Auto auf den Freeway, Richter die Sicht auf ein besetztes Haus gegenüber seinem Kölner Atelier."
Weiteres: Im FAZ-Interview mit Ursula Scheer erklärt Alistair Hudson, der neue künstlerische Leiter des ZKM in Karlsruhe, wie er künftig nützlicher Kunst Raum geben möchte.
Besprochen werden die klimaneutrale Jubiläumsschau zum 25-jährigen Bestehen der Galerie für Zeitgenössische Kunst in Leipzig (FAZ) und die Ausstellung "Hochsicherheitsgesellschaft" der Kölner Künstlerin Julia Scher im Museum Abteiberg in Mönchengladbach (taz).
Daido Moriyama: 'Untitled', Tokyo, 1970. C/O Berlin Im Tagesspiegelfreut sich Jens Hinrichsen über die große Retrospektive, die das C/O Berlin dem 84-jährigen japanischen Fotografen Daido Moriyama widmet. Hinrichsen mag die Angriffslust, mit der sich Moria der japanischen Wirklichkeit bis heute stellt: "Versteht sich Moriyama, der hochwertige Kameraoptik und edle Abzüge geringschätzt, als Künstler? 'Eher nicht', erklärt die Kuratorin, 'zumindest hat er das Elitäre der Kunst immer abgelehnt. Seltene Originale bedeutet ihm nichts. Er versteht Fotografie als reproduzierbare Sprache, die auf Magazinseiten zirkuliert und in Fotobüchern. Er hat auch einmal gesagt, dass Kameras eigentlich Kopiergeräte sind.'"
In der NZZkommt Philipp Meier auf den Einfall, Mona Lisas Lächeln mit einem Negroni zu vergleichen: "Eine Spannung im Gaumen, erzeugt wie von einem Schluck Negroni, verhindert, dass sich der Schwung der Lippen zu einem vollen Smile bekennt." Besprochen werden zwei Ausstellungen zum Krisenjahr 1923 in der Hamburger Kunsthalle und im Historischen Museum Frankfurt (FAZ).
Vom Kreislauf aus Leben und Tod erzählenPhilipp Fürhofers "Phantom Inseln" im Städel Museum, notiert Lisa Berins, die sich für die FR durch einen Spiegelwald tastet, der ihr die Auswirkungen des "kapitalistischen Optimierungswahns" auf die Natur deutlich macht: "Vielschichtig sind die Werke schon im formalen Sinne. Fürhofer nutzt Spionspiegel und lässt die Betrachtenden damit in seine Werke treten; bis das Licht die dahinterliegende Ebene sichtbar macht. Dann sind rote, an Blut erinnernde Farbnasen zu erkennen, der Nebel lichtet sich ein wenig, es verschwindet alles und man sieht wieder: sich selbst. ... Das rote Leuchten - es ist kein romantischer Abendhimmel, sondern menschengemachtes Desaster: Waldbrände."
Jack Robinson, die Schauspielerin und Sängerin Melba Moore 1971, Vogue Condé Nast
Freddy Langer amüsiert sich lieber für die FAZ in Francois Pinaults Palazzo Grassi, in der "großartigen" Fotoausstellung "Chronorama" über die Bildsprache des Magazinkonzerns Condé Nast. Die blieb über die Jahrzehnte hinweg erstaunlich konstant, lernt Langner: "Vereinfacht gesprochen, handelte es sich um einen Stil, der nach der Reduzierung der Form strebt, bis hin zu Porträts mit einer gespenstischen Nähe zu den Skulpturen Brancusis, und der einen ernsten Blick verlangt, meistens am Objektiv der Kamera vorbei gerichtet. ... Ausgerechnet der Film 'Blow Up', in dem das Swinging London seinen vollkommenen Ausdruck gefunden hat, der von der entfesselten Modeszene erzählt und in dessen bekanntester Szene sich der Schauspieler David Hemmings während des Fotografierens mit Veruschka über den Boden wälzt, als handelte es sich um einen Geschlechtsverkehr, ausgerechnet aus diesem Film ist der Moment zu sehen, in dem fünf Mannequins wie hypnotisiert in steifen Posen in einen tiefen Schlaf verfallen. Auch Mick Jagger schaut ernst. Und die Beatles sind arrangiert wie eine Skulptur."
Miriam Cahn: Fuck Abstraction! Bild: Finestre sull'Arte. Miriam Cahns Gemälde "Fuck Abstraction!" hat im Pariser Palais de Tokyo schon für Kontroversen mit dem französischen Kinderschutzbund und französischen Rechten gesorgt, die beide das Gemälde scharf kritisierten (unser Resümee): Es zeigt eine Vergewaltigung, die als Kriegswaffe eingesetzt wird. Nun ist es mit violetter Farbe überschüttet worden, erzählt Niklas Bender in der FAZ: "Allerdings hatte der Täter nicht das derzeit gewohnte Profil. Wie im Lauf der Woche bekannt wurde, ist er 81 Jahre alt und hat die Farbe in einem Hustensaft-Flakon eingeschmuggelt. Harmlos ist er nicht: Es soll sich um Pierre Chassin handeln, Sohn des Generals Lionel Chassin (Teilnehmer am Putsch d'Alger 1958). Sein Sohn kämpfte ebenfalls für ein französisches Algerien sowie als Söldner im Kongo. Er vertrat kurzzeitig den Front national in den Yvelines und gilt als Rechtsaußen." Für den Präsident des Museums, Guillaume Désanges, ist laut Bender klar, dass der Anschlag nicht mit den Aktionen der Klimaaktivisten vergleichbar ist: Hier "sollte das Werk nicht symbolisch befleckt, sondern in seinem Gehalt getroffen und zerstört werden." Er lässt das Gemälde hängen: "In der Liturgie ist Violett die Farbe der Trauer."
Tolia Astakhishvili: I Remember (Depth of Flattened Cruelty). Bild: Bonner Kunstverein. Mit Backrooms und Liminal Spaces wird tazler Robert Schlücker von Tolia Astakhisvili im Bonner Kunstverein konfrontiert und lernt in einer Szenerie von merkwürdig verlassen wirkenden Orten: "Unsere Zimmer, Wohnungen und Häuser haben eine Geschichte. Deren Erinnerungsfetzen an einstige Bewohner:innen materialisieren sich nun in Gestalt vergessenen Krimskrams und aussortierter Möbel. Astakhishvilis Parcours gleicht dem Weg durch eine Gedächtnislandschaft."
Weiteres: Im Bode-Museum und in der Berliner Gemäldegalerie wird zu interreligiösen und interdisziplinären Gesprächen eingeladen (FAZ). Die FAZ meldet außerdem, dass das Pariser Centre Pompidou wegen Sanierungsarbeiten ab 2025 für fünf Jahre geschlossen bleiben muss. Besprochen werden Ausstellungen von Ralf Ziervogel im Haus am Lützowplatz (Tsp) und Lydia Pettitt in der Galerie Judin (Tsp).
Ursula, femme et paon de nuit, 1972, Privatsammlung, Bild: Museum Ludwig Wie schon Tagesspiegel-Kritikerin Helga Meister (unser Resümee hier) kann es auch Kathrin Lorch in der SZ kaum fassen, dass die Werke der Künstlerin Ursula Schultze-Bluhm so lange so wenig Beachtung fanden. Sie jedenfalls ist begeistert von den "irren, bunten und gewaltigen" Traumwelten, die die 1999 verstorbene Künstlerin erschaffen hat und die nun (endlich) in der Retroperspektive "Ursula. Das bin ich. Na und?" im Museum Ludwig in Köln zu sehen sind: "Überraschend ist nicht nur die Qualität. Sondern auch, dass die nun erstmals ausgewickelten Gemälde so frisch wirken, fast zeitgenössisch. Die meisten könnten direkt auf Kunstmessen oder Malereiausstellungen in Los Angeles, London und Berlin gezeigt werden. Schon wegen der unbekümmerten und sehr privaten Motivik, die sich zu einem unüberschaubaren, vielgestaltigen und verwirrenden Kosmos auffächert, während die Brillanz, Schönheit und Virtuosität der Großformate die Präsentation zusammenhalten."
In der FAZ schildert Max Zitzmann seine Eindrücke vom Austellungsraum Hangar Y, der in einer ehemaligen Flugzeughalle in der Pariser Banlieue eröffnet wurde: "Offen und hell ist die renovierte und behutsam modernisierte Halle heute erst recht. Ihre Hauptfront ist vom Boden bis zur Spitze des Satteldaches verglast, mit einem sehr edel wirkenden, im Durchblick nach außen hochtransparenten Glas. Dessen filigrane Metalleinfassungen verweisen in heutiger Stilsprache auf die grazilen Eiffel-Tragestrukturen der warmbraunen Holzdächer über dem Hauptschiff und den beidseitigen Mezzaninen. Der neue Hangar Y wirkt weiträumig, aber nicht einschüchternd, funktional, aber nicht unbeseelt, modern, ohne seine Geschichte zu verleugnen." Der Projektleiter Frédéric Jousset erläutert im Artikel seine Idee eines "Ausstellungsraums ohne Schwellen". Es gibt einen "Skatepark, ein Restaurant, Ateliers für Kinder. Und einen Ort, der die fünf Sinne anspricht: durch die Kunstwerke, die Düfte des Parks, die Skulpturen zum Anfassen, die durch den Sternechef Guillaume Sanchez ausgefeilten Speisen, demnächst auch durch Konzerte und - ab 2024 - Aufführungen der Tanzschule von Benjamin Millepied und vieles mehr." Ob die Bewohner der Banlieue das bezahlen können, verrät Zitzmann nicht.
Weitere Artikel: Zum 25-Jährigen Jubiläum der Leipziger Galerie für Zeitgenössische Kunst (GfZK) trifftmonopol-Kritikerin Sarah Alberti deren Direktorin Franciska Zólyom für ein längeres Interview. Hanno Hauenstein kommentiert in der Berliner Zeitung den offenen Brief, in dem Künstler und Kulturschaffende den Initiator der Digitalkunst-Ausstellung "Dimensions" in Leipzig Walter Smerling und ihren Hauptsponsor, das US-Datenanalyse- und Überwachungsunternehmen Palantir, des "Artwashings" bezichtigen.
Besprochen werden die Ausstellung "Kaleidoskop der Geschichte(n): Ukrainische Kunst 1912 - 2023" im Albertinum Dresden (FAZ), die Ausstellung "UFO 1665. Die Luftschlacht von Stralsund" in der Kunstbibliothek im Kulturforum Berlin (taz), die RAW-Fototriennale in Worpswede (taz), die Installationen des Künstlers Rirkrit Tiravanija im Haus der Kunst in München (monopol), die Ausstellung "In your Anger, I see fear" mit Werken der Künstlerin Lydia Pettit in der Galerie Judin in Berlin (tsp) und die Ausstellung "Glasblick und Wachshaut" über das Wiener Panoptikum im Photoinstitut Bonartes in Wien (Standard).