Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.06.2023 - Kunst

Jesse Krimes, "Marion" (2021), antiker Quilt, gebrauchte Kleidung, die von inhaftierten Personen gesammelt wurde, verschiedene Textilien. Foto: Sebastian Bach (Ausschnitt).

Hyperallergic-Kritiker Seph Rodney kommt sehr nachdenklich aus der Ausstellung "No Justice without Love" der Ford Foundation in New York. Hier zeigt die Stiftung "Artists for Justice" Werke, die die Situation von Strafgefangenen thematisiert. Die Ausstellung verlangt ihren Besuchern mehr ab als andere, findet Rodney: "Eines der provokantesten Werke ist für mich 'The Writing on the Wall', das die gesamte Rückwand bedeckt und aus Essays, Gedichten, Briefen, Geschichten, Diagrammen und Notizen besteht, die von Menschen in Gefängnissen auf der ganzen Welt geschrieben wurden. Das Werk, eine Zusammenarbeit zwischen Dr. Baz Dreisinger, dem Künstler Hank Willis Thomas und mehreren Design- und Produktionspartnern, wurde vor Jahren in der High Line installiert und nahm dort die Form einer Gefängniszelle an, die von innen und außen mit dem Text bedeckt war. Hier hat sie sich in einen Text verwandelt, der sich fast ins Unendliche fortsetzt und etwas über die Reichweite der Inhaftierung aussagt. Daneben befindet sich eine Call-and-Response-Wand, die von der Kuratorin initiiert wurde, um zu zeigen, wie sie die Organisation dieser Ausstellung in Gang gesetzt hat. Diese Wand, zu der auch ein digitales Online-Repository gehört, begann damit, dass Desrosiers Künstler und Inhaftierte ansprach und sie aufforderte, ihre Geschichten zu erzählen und andere mitzubringen."

Weiteres: Jens Uthoff berichtet in der taz über zwei Ausstellungen afghanischer und iranischer Künstlerinnen im Offenen Atelier in Hamburg und Online (Hope in darkness). Welt-Kritiker Jan Grossarth hat sich im Archiv des Historischen Museum Frankfurt umgeschaut, in dem über 300 Objekte lagern, die von der Corona-Pandemie zeugen. Andreas Platthaus streift für die FAZ durch die Große Galerie des Louvre und bewundert sechzig berühmte Gemälde, die aus dem neapolitanischen Museo de Capodimonte entliehen wurden. Besprochen wird die Ausstellung "Secessionen. Klimt, Stuck, Liebermann" in der Alten Nationalgalerie Berlin (monopol).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.06.2023 - Kunst

"The 47 Most Wanted Foremothers". Foto: Kunsthaus Hamburg.

Taz-Kritiker Florian Lehmann hat im Kunsthaus Hamburg die Ausstellung "Speaking back. Decolonizing nordic narratives" besucht, die sich mit dem indigenen Volk der Samen und der Teilung ihres Siedlungsgebiets Sápmi auseinandersetzt. Denn auch im globalen Norden wurde kolonisiert, erinnert der Kritiker, Mitte des 19. Jahrhunderts verbot Norwegen die samische Sprache und Kultur. Beeindruckt ist der Kritiker unter anderem von der Arbeit "The 47 Most Wanted Foremothers", mit der die Künstlerin Outi Pieski und die Archäologin Eeva-Kristiina Nylander samische Traditionen wiederaufleben lassen wollen. Die Fotoarbeit "tut das geradezu verspielt und in starker Anlehnung an Pop-Art. Die unabgeschlossene Arbeit zeigt auf 48 C-Prints Exemplare der Frauenkopfbedeckung Ládjogahpir, die bis Ende des 19. Jahrhunderts von Samen in Norwegen und Finnland getragen wurde. Wie auf Andy Warhols Marylin-Monroe-Porträts sind die hochaufragenden und reich verzierten Kappen vor grelle monochrome Hintergründe gestellt. Anders jedoch als bei Warhol handelt es sich nicht um farbliche Varianten der selben Abbildung, sondern um Fotos individuell gefertigter Einzelstücke. Angaben zur Provenienz jeder Kopfbedeckung betonen den dokumentarischen Charakter der Serie. Die fotografische Wiederaneignung ist für die Künstlerin Pieski und die Archäologin Eeva-Kristiina Nylander Teil einer feministischen Praxis, die mit der Forschung zu Herstellungstechniken und Gestaltungsformen einhergeht."

Weitere Artikel: Boris Pofalla besucht für die Welt das Museum des gerade verstorbenen norwegischen Reederei-Erben und Kunstsammlers Hans Rasmus Astrup in Oslo. Und Marcus Woeller war für die Welt dabei, als ein der Ukraine gewidmetes John-F.-Kennedy-Porträt des Künstlers Shepard Fairey in Berlin enthüllt wurde.

Besprochen werden außerdem die Andrea-Büttner-Ausstellung "Der Kern der Verhältnisse" im Kunstmuseum Basel (SZ), die Ulrike-Rosenbach-Retrospektive "Heute ist morgen" im ZKM Karlsruhe (taz), sowie die Ausstellungen "Women at work" im Technischen Museum Wien (tsp), "Secessionen. Klimt, Stuck, Liebermann" in der Alten Nationalgalerie in Berlin (FR) und "Manet - Degas" im Musée d'Orsay in Paris (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.06.2023 - Kunst

Holly Zausner: Still aus ihrem Film Second Breath. Bild: Hamburger Bahnhof

Der Hamburger Bahnhof präsentiert seine neue Dauerausstellung mit Kunst der Gegenwart aus und über Berlin. Schlüssig und wertvoll findet FAZ-Kritiker Andreas Kilb dieses Geschichtspanorama, das mit Werken von Sigmar Polke, Katharina Sieverding, Anselm Kiefer, Jannis Kounellis, Rebecca Horn, Barbara Klemm und Sibylle Bergemann aufgespannt wird. Aber dass er dann auch noch im internationalen Part zwischen Mona Hatoum, Sophie Calle und Kader Attia echte Entdeckungen machen kann, haut ihn um: "Die in Addis Abeba geborene Julie Mehretu hat Hunderte Zeichnungen von existierenden und verlorenen Berliner Gebäuden zu einer überwältigenden Fassadensymphonie überblendet. Ihr Bild 'Berliner Plätze' von 2009 ist wie ein grauweißes Memento mori für eine Stadt, die in den letzten hundert Jahren mehr Zerstörung und Neubau erlebt hat als in tausend Jahren zuvor."

Tuli Mekondjo: Ovadali vounona (Birthers of children), 2023. Foto: Laura Fiorio/HKW

Die Kunst, die das Haus der Kulturen der Welt zur seiner Eröffnungsausstellung "O Quilombismo" zeigt, findet Rüdiger Schaper im Tagesspiegel wirklich großartig, kraftvoll und absolut sehenswert. Nur ihre Präsentation weckt bei ihm Beißreflexe: "Da werden irgendwie auch schon wieder Zäune gebaut. In den Ausstellungsräumen wird auf Beschriftung verzichtet. Die Arbeiten hängen ohne Namen. Die Informationen können über einen QR-Code bezogen werden. Oder man hat ein Begleitbuch. Dort ist zu lesen, worum es geht: um eine Bühne, 'die die Faktoren race, Wirtschaft, Geschlecht, Gender, Gesellschaft, Religion, Politik, Justiz, Bildung und Kultur berücksichtigt' und, so schließt Bonaventures Einführung, 'alle Ausdrucksformen des gesellschaftlichen Lebens sowie alle Ebenen der Macht in öffentlichen und privaten Institutionen einbezieht'. Das sind umfassende, wenn nicht totalitäre Ansprüche, die jedes Kunstwerk erdrücken und fast schon ein wenig inquisitorisch befragen. Es sind gleichzeitig deutliche Signale, die hier ausgesendet werden. Das HKW sieht sich auf der Seite der Guten."

Weiteres: In der FAZ begrüßt Gina Thomas zudem die gründliche Renovierung der Londoner National Portrait Gallery, die sich endlich zur Stadt hin öffne: "Früher war es beim Betreten der National Portrait Gallery, als sei man von der benachbarten National Gallery zum Lieferanteneingang geschickt worden."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.06.2023 - Kunst

Bild: Matthew Niederhauser/Marc da Costa: "Parallels" LED wall, camera, environmental sensors, and machine learning model.

Unter dem Titel "Plasmata II" fand bereits die zweite von der Onassis Stegi Foundation produzierte Ausstellung in der nordgriechischen Stadt Ioannina statt - und Monopol-Kritikerin Eva Scharrer staunt, wie gut Natur und (digitale) Technologie in einigen Werken ineinandergreifen: "So lässt etwa der in Berlin lebende Künstler Matthias Fritsch mit Hilfe lokaler Fachleute in einem Innenraum der Festungsmauer ein 'Mycelium-Network' entstehen, eine lebende Skulptur aus verschiedenen, sich über die Dauer der Ausstellung verändernden und vermehrenden Pilzkulturen. (…) "Die 'moiroloi', die vielstimmige Klage der Menschen von Epirus, sind … Inhalt der ortsspezifischen Klanginstallation 'The Passing' von Maenads, die am Ende des Parcours im tunnelgleichen Südtor der Burg von Ioannina installiert ist: Ein vielstimmiger Chor menschlicher und nicht-menschlicher Klagen wird hier zum subversiven Akt, der dem eurozentrischen Individualismus eine radikal pluralistische Kollektivität gegenüberstellt - auch diese wurde von einer KI generiert. Angesichts der Tragödie, die sich nur wenige Tage vor der Eröffnung vor der Küste des Peleponnes abgespielt hatte, bekommt die Arbeit nochmals eine andere Schwere."

Neun Monate nachdem Ann Demeester die Leitung des Zürcher Kunsthauses übernommen hat, horcht Isabel Pfaff für die SZ nach, wie es mit dem angekündigten Richtungswechsel im Umgang mit NS-Raubkunst klappt. Seit März ist bereits nicht mehr von der Unterteilung von Raub- und Fluchtgut die Rede, sondern es gibt nur noch die Kategorie der "NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgüter". Ab November sollen nun auch "die Bührle-Werke der Öffentlichkeit neu präsentiert werden - diesmal nach einem Konzept der Kunsthaus-Leitung und nicht, wie vorher, kuratiert von der Bührle-Stiftung. Man wolle die Sammlung 'in einen größeren gesellschaftspolitischen Zusammenhang' stellen. 'Polyphonie und Dialog' seien das Ziel, dafür will das Museum nicht nur die Kunstwerke und deren Kontext zeigen, sondern auch auf konkrete Schicksalen von ehemaligen Eigentümerinnen und Eigentümern eingehen." Offen ist noch, was die Kunstgesellschaft machen wird, wenn sich der Raubkunst-Verdacht bei einem Bührle-Werk bestätigt, so Pfaff.

Außerdem: In der FR resümiert Stefan Scholl den "Kulturkampf", der in Russland um Andrej Rubljows "Dreifaltigkeit", eine der ältesten und berühmtesten Ikonen Russlands, die auf Geheiß Wladimir Putins aus der Staatlichen Tretjakow-Galerie in die Erlöserkathedrale gebracht wurde, ausgebrochen ist: "Aus der Fachwelt gab es entsetzte Reaktionen. Vor allem der Restaurationsrat der Staatlichen Tretjakow-Galerie, wo Russlands moralisch gewichtigste Antiquität seit 1929 hängt. Das 27,3 Kilo schwere, 141,5 Zentimeter hohe, 114 Zentimeter breite Kunstwerk aus mit Temperafarben bemaltem Lindenholz gilt als schadhaft." Ebenfalls in der FR feiert Ingeborg Ruthe die Wiedereröffnung der generalsanierten Kunsthalle Rostock. Die Berlin-Biennale wurde auf das Jahr 2025 verschoben, ein Kurator wurde auch noch nicht gefunden, meldet Laura Helena Würth in der FAS und fragt nach dem Documenta-Debakel: "Ist … das Kuratieren einer Großausstellung mittlerweile eher Endpunkt einer Karriere als deren Anfangs- oder Höhepunkt?" Für die Welt porträtiert Swantje Karich die Pariser Künstlerin Camille Henrot.

Besprochen werden die Ausstellung "Kirchner, Pechstein, Werefkin - Meisterwerke aus der Sammlung Peltzer" im noch nicht komplett wiedereröffneten Prinzenpalais des Residenzschlosses Altenburg (FAZ) und die Ausstellung "Secessionen. Klimt, Stuck, Liebermann" in der Alten Nationalgalerie in Berlin (Berliner Zeitung). Tagesspiegel und Berliner Zeitung fassen die Highlights des Berliner Festivals "48 Stunden Neukölln" zusammen.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.06.2023 - Kunst

Die Konferenz von Bandung 1955 war für Dekolonialisierungsbestrebungen entscheidend. Dass ihr der Berliner Martin-Gropius-Bau mit "Spectres of Bandung" eine von Philippe Pirotte kuratierte Ausstellung widmen wollte, findet Katrin Sohns im Tagesspiegel eigentlich sehr gut. Dass die Verantwortlichen Matthias Pees und Jenny Schlenzka die Ausstellung jetzt erst einmal verschoben haben, kann sie nach der Documenta-Debatte zwar nachvollziehen - "zu präsent ist die Angst vor einer weiteren Eskalation" -, aber ein bisschen kleinmütig kommt ihr das doch vor: Bei der Documenta sei der Kontrollverlust durch das große Kuratorenkollektiv vorprogrammiert gewesen. Die geplante Ausstellung im Gropius-Bau, meint sie, wird jedoch "von einem dreiköpfigen Kuratorenteam konzipiert, zwei von ihnen haben in Deutschland gelebt. Alle drei haben die Debatte um die Documenta eng verfolgt. ... Pirotte und seine beiden Mitstreiterinnen werden nicht leichtfertig an dem Konzept der Ausstellung festgehalten haben. Vielmehr werden sie, gerade nach dieser Eskalation, dieses mit viel Sorgfalt weiterentwickelt haben, wahrscheinlich getragen von der Hoffnung, das Narrativ und den Blick wieder etwas zu weiten, vielleicht sogar die verhärteten Fronten aufzubrechen."

Sorry. Foto: Joanna Rajkowska.


"Sorry" von Joanna Rajkowska ist ein echtes Ereignis, meint Uwe Rada in der taz: Die Betonmauern, die das titelgebende Wort bilden, sind zunächst in Poznan aufgestellt gewesen und kommen jetzt nach Frankfurt/Oder, um den "irritierenden Raum zwischen Entschuldigung und Wegschauen" auszuloten, der sich in Grenzregionen öffnet. Diese Installation zwingt dazu, sich mit dem Schicksal all jener zu befassen, die die Grenzen und Hindernisse nicht überwinden können, so Rada: "Tatsächlich waren es die unmenschlichen Szenen an der polnischen Grenze zu Belarus, die Joanna Rajkowska zu ihrem Kunstwerk bewegt haben: Der Bau eines Grenzzauns, die Pushbacks, die Verzweiflung der Migrantinnen und Migranten, die zum Spielball des belarussischen Diktators Lukaschenko und des EU-Grenzschutzes wurden. 'Sorry' wurde aus dem Gefühl geboren, dass wir als Gesellschaft seit der Zeit des Holocaust keinen schwierigeren Moment hinsichtlich unserer Verantwortung und Solidarität durchlebt haben', schreibt Rajkowska auf ihrer Website."

Valie Export: Asemie. Die Unfähigkeit, sich durch Mienenspiel ausdrücken zu können. Bildrechte: Valie Export.


Dass es auch bei einer der wichtigsten Gegenwartskünstlerinnen Österreichs, Valie Export, und ihrem Werk noch Neues zu entdecken gibt, kann Katharina Rustler vom Standard in der ersten großen Soloausstellung der Künstlerin in der Wiener Albertina sehen. Radikal körperlich wirken die Exponate auf sie: "Darin steht der weibliche Körper im Zentrum, den Valie Export in vielen ihrer Werke als Leinwand, Repräsentationsfläche und künstlerisches Mittel nutzte. Sie schrieb ihn in den öffentlichen Raum ein, lieferte ihn fremdem Publikum aus und fügte ihm bewusst Schmerzen zu." Besonders im Gedächtnis bleibt die Performance "Asemie", dabei "überzog Export 1973 zuerst einen Kanarienvogel mit heißem Wachs und anschließend ihre eigenen Hände und Füße. Mit einem Messer im Mund konnte sie sich aus dem festgewordenen Material befreien"

Besprochen werden außerdem die Ausstellung "Plastic World" in der Frankfurter Schirn Kunsthalle (taz, FAZ) und Franco Tripolis "Pittura e Sculptura" in der Frankfurter Westend Galerie (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.06.2023 - Kunst

Plastic World, Otto Piene, Anemones: An Air Aquarium, 1976, Neuproduktion 2023, Installationsansicht, © Schirn Kunsthalle Frankfurt 2023, Foto: Norbert Miguletz


Plastik, das weiß inzwischen jeder, ist umweltschädlich. Aber es gab mal eine Zeit, in der Künstler dieses Material höchst anregend und befreiend fanden, wie man derzeit in der Schirn Kunsthalle in Frankfurt sehen kann. Und Künstlerinnen arbeiteten "noch radikaler mit dem neuen Material als ihre männlichen Kollegen", erzählt Lisa Berin in der FR. "Sie waren ganz frei von Konventionen, denn für sie interessierte sich sowieso niemand, erklärt sich die Kuratorin den gewagten Griff zum neuen Material. 'Femme' von Nicola L aus dem Jahr 1968 ist ein gutes Beispiel: Auf einem plastiküberzogenen Sitzteil türmt sich der in Einzelteile zerlegte Körper einer Frau - Arme, Beine, Füße, Hände und Kopf als Kissen in ebenfalls abwaschbarer, glänzender Plastik-Ästhetik. Kiki Kogelnik zeichnete die Körper männlicher Kollegen nach, schnitt sie in Plastikfolie aus und hängte sie an Bügeln wie abgestreifte Häute auf."

In der Zeit blickt Hanno Rauterberg auf das Phänomen Ragnar Kjartansson, einen fülligen, mittelalten isländischen Künstler, der gern nackt in der Badewanne gefühlvolle Lieder singt, bis er heult. Auf ihn "können sich gerade so gut wie alle einigen. Weil er nicht abgeklärt ist wie viele andere Künstler, nicht cool, nicht zynisch. Weil er sich an die großen Gefühle heranwagt. An die innere Dunkelheit. Und weil es sonst in der Kunstwelt keinen anderen gibt, der so tiefmelancholisch und zugleich gewitzt von seiner Trauer erzählt, dem Schmerz, der totalen Vergeblichkeit. ... Wer sich auf Kjartanssons Video einlässt, das gerade mit vielen weiteren seiner Werke in Kopenhagen gezeigt wird, ist verblüfft über den enormen Sog, den es erzeugt. Draußen vor dem Museum Louisiana glitzert die Ostsee, ein Frühsommertag. Drinnen, im abgedunkelten Saal, schwelgt der Künstler in Trübsal. Und die Menschen drängt es hinein, wie gebannt harren sie aus, warten auf was auch immer. Eine Stunde lang im Schaumbad mit der Kunst, als könnte es Schöneres nicht geben."

Hier bekommt man einen kleinen Eindruck:



Weitere Artikel: Manuel Brug ärgert sich in der Welt darüber, dass die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten, um Geld zu sparen, die Bildergalerie im Potsdamer Park Sanssouci und das Schloss Glienicke in Berlin-Zehlendorf 2024 schließen will: Dann wird auch Caravaggios "Ungläubiger Thomas" weggesperrt sein. Helga Meister unterhält sich für den Tagesspiegel mit Wiebke Siem über deren Ausstellung "Das maximale Minimum" im Kunstmuseum Bonn und den Kunstbetrieb. In 54books rümpft Johannes Franzen die Nase über das NZZ-Interview mit Neo Rauch (unser Resümee), dessen "weihevolle Beschwörung" des Geniekults ihm ebenso zuwider ist wie Rauchs politische Ansichten.

Besprochen werden die Hugo-van-der-Goes-Ausstellung in der Gemäldegalerie Berlin (NZZ), die Online-Ausstellung "Blicke von Migranten auf ihr Leben in der DDR" des De-Zentralbild-Archivs (BlZ), "Otto - Die Ausstellung", die der Komiker Otto dem Maler Otto zum Fünfundsiebzigsten im Buchheim Museum in Bernried spendiert hat (FAZ) und die von Karina Bisch & Nicolas Chardon kuratierte Jubiläumsschau "Squares and Roses" zum vor vierzig Jahren eröffneten Anbau des Kunstmuseums Bochum (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.06.2023 - Kunst

Untitled', Tokyo, 1970, from 'A Hunter' © Daido Moriyama/Daido Moriyama Photo Foundation

Der Künstler Daido Moriyama war ein Pionier der Straßenfotografie, lernt taz-Kritiker Tom Mustroph in der Retrospektive, die das Ausstellungshaus für Fotografie und visuelle Medien (C/O Berlin) dem japanischen Fotografen widmet. Durch "manisches Auslöserbedienen" fing Moriyama fotografisch den  Alltag ein. Bei Moriyama lernt man ex nagativo auch, was die Digitalisierung veränderte, so der Kritiker: : "Die Alltagsaufnahmen von Moriyama haben eine viel rauere Ästhetik als heutige Bildnotizen. Sie sind oft schlecht belichtet, unscharf und wirken bei Vergrößerung sehr körnig. Er konnte noch nicht auf so hübsche Tools wie Autofokus, automatische Belichtungssteuerung und Stabilisatoren zurückgreifen. Andererseits wurden die Begriffe 'are', 'bure' und 'boke' - japanisch für körnig, verwackelt und unscharf - zu Markenzeichen einer ganz neuen Generation von Fotografen. Das Unvollkommene erzeugt dann oft auch sehr poetische Effekte. Beim Bild einer Motorradgang aus Tokio sind die Gesichter aufgrund der Überbelichtung fast komplett ausgelöscht. Das lässt über den Wunsch nach Anonymität, den Eindruck von Homogenität durch gemeinsamen Lebensstil und auch den Verdacht nicht ganz gesetzeskonformen Verhaltens trefflich spekulieren."

Weitere Artikel: FR-Kritikerin Lisa Berins macht sich auf einen Streifzug durch New Yorks Galerien und Museen und findet dort "weibliche und diverse Perspektiven, Selbstbestimmtheit, Emanzipation...schrille Acts und eine kreative Maschine mit künstlicher Intelligenz, die live ihre Träume in Kunst verwandelt." In der monopol trauert Oliver Koerner von Gustorf um die Bildhauerin Inge Mahn. Ebenfalls in der monopol teilt Alicja Schindler ihre Eindrücke von der zweiten Ausgabe der Biennale für Freiburg. Stefan Platthaus hat sich für die FAZ die Ausstellung von drei Monumentalgemälden Max Klingers im Leipziger Museum der bildenden Künste angesehen, unter anderem die fast dreißig Quadratmeter große Arbeit 'Das Urteil des Paris'.

Besprochen wird die Ausstellung "Flashes of Memory - Fotografie im Holocaust" im Museum für Fotografie in Berlin (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.06.2023 - Kunst

Leyla Yanirces Klanginstallation. Foto: Cordula Treml/Haus der Kunst

Das Münchner Haus der Kunst zeigt die Arbeiten der drei Ars-Viva-Preisträger Leyla Yenirce, Paul Kolling und Shaun Motsi, in der taz ist Annegret Erhard besonders von Yenirces Arbeit beeindruckt, die die Gewalt gegen jesidische Frauen zum Thema hat: "Im Lalish, einem heiligen Tempel der Jesiden im Norden Iraks, wurde ein Ritual zur Wiederherstellung der Ehre dieser Frauen erschaffen. Sie werden dann ein zweites Mal getauft. Durch diese reinigende Handlung erlangen sie ihre Würde wieder und können erneut Mitglieder der jesidischen Glaubensgemeinde werden. Dieses Recht hatten sie als Opfer sexuellen Missbrauchs verloren. Yenirce hat nun einen poetischen, schon auch überpathetischen Klangteppich komponiert und unterlegt ihn mit Geräuschen vom Taufereignis. Die BBC hatte dieses besondere Zeremoniell im Lalish dokumentiert. Deren Aufnahmen nutzt nun Yenirce. In ihrer visuell so minimalen Installation verwebt sie alte Kulturtechniken, religiösen Kult und hochaktuelle (und offenbar nie versiegende) Gräuel zu einer dahinfließenden Musik. Sphärisch und zugleich basslastig gibt diese dem Trauma einen körperlich immersiven Klang."

Weiteres: In der NZZ berichtet der ukrainische Kunstkritiker und Kurator Konstantin Akinsha von einem wegweisenden Urteil in den Niederlanden: Das Skythen-Gold, das 2014 für eine Ausstellung nach Amsterdam kam, muss nicht an die Museen der nunmehr russisch besetzten Krim zurückkgeben werden. Es gehört der Ukraine und darf nach Kiew gehen. Besprochen wird die große Schau der Pastellmalerin Rosalba Carriera in der Dresdner Gemäldegalerie (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.06.2023 - Kunst

Hervé Guibert: Chambre de mathieu, 1989. Bild: Kunst-Werke Berlin

FAS
-Kritiker Henning Kober lernt auf das Detail zu achten in den Fotografien des 1991 gestorbenen französischen Schriftstellers Hervé Guibert, der berühmt wurde mit seinem Buch über das Sterben Michel Foucaults und dessen Arbeiten die Berliner Kunst-Werke zeigen. Aber klar, die Geschichte von Guiberts Dreiecksbeziehung lässt er sich bei der Eröffnung auch gern erzählen: "Die Dame mit dem blonden Haar und dem rot geschminkten Mund aus Paris, die mir gegenüber sitzt und spricht, trägt einen schwarzen Jumpsuit, eleganten Schmuck und Lacksandalen. Sie ist Christine Guibert, geborene Seemuller, die Ehefrau von Hervé. 'Er begann früh zu fotografieren, sein Vater, zu dem er eine enge Beziehung hatte, kaufte eine Rollei 35.' Als sie Hervé 1976 trifft, ist sie seit drei Jahren die Freundin von Thierry Juono. Hervé und Thierry verlieben sich, und ähnlich wie im Film von François Truffaut, ähnlich der Beziehung von Jules, Jim und Catherine, entsteht zwischen Thierry, Hervé und Christine eine Beziehung. 'Es war am Anfang nicht leicht, aber es war möglich.' Von da an sind sie zu dritt. 'Ein Konstrukt, das zu einer echten Freundschaft wird.' Sie sind jung, sie wachsen zusammen, sie sind eine gewählte Familie. 'Es war ein großartiges Abenteuer.'

In der SZ erzählt die amerikanische Schriftstellerin Kristen Roupenian, wie sie mit ihrer kleinen Nichte und ihre Mutter die von der Stand-up-Komikerin Hannah Gadsby kuratierte Anti-Picasso-Ausstellung "It's Pablo-Matic", im Brooklyn Museum besuchte: "Sagen Sie das Wort 'problematisch' dreimal vor dem Spiegel, und ein älterer Fox-News-Zuschauer und ein weiblicher Millennial erscheinen auf Ihren Schultern und schreien sich gegenseitig an, bis Ihnen die Ohren bluten."

Besprochen wird die Ausstellung "Motherland", für die ukrainische KünstlerInnen im Stadtmuseum Berlin den Heimatbegriff hinterfragen (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.06.2023 - Kunst

In der Welt freut sich Swantje Karich über die Rettung des Hamburger Bahnhofs in Berlin, die die neue Leitung - Sam Bardaouil und Till Fellrath - bis morgen mit einem Open House feiert und einer erstmals eingerichteten Dauerausstellung, die "Identifikation bieten soll": "Was sie definitiv geschafft haben: Sie haben den Hamburger Bahnhof zu einem lichteren Ort gemacht. Verbaute Fenster im Westflügel wurden geöffnet, eine große historische Öffnung im Erdgeschoss freigelegt. Überall kann man nun nach draußen treten." Auch Alicja Schindler lobt in der Berliner Zeitung das Konzept der beiden Direktoren: "Ein Rundgang setzt die Sammlung nun in einen Kontext mit Gebäude, Geschichte und Nachbarschaft. Einen neuen Namen haben die Direktoren dem Museum bereits im Herbst gegeben: Hamburger Bahnhof - 'Nationalgalerie der Gegenwart' heißt es seitdem statt 'Museum für Gegenwart'. Der Name macht deutlich, wie das Duo an die Neugestaltung geht: Nicht das Museum ist 'für' die Gegenwart da, sondern die Gegenwart bestimmt das Museum."

Neo Rauch, Die Mitte, 2020. Courtesy Galerie Eigen + Art Leipzig / Berlin und David Zwirner 2023, ProLitteris Zürich


Die NZZ erscheint heute als Kunstausgabe, mit vielen Abbildungen von Neo Rauch (Bilderstrecke). Warum ausgerechnet Rauch erklärt Philipp Meier so: "Seine Malerei kündet vielleicht vom Schicksal, als Menschen dazu verdammt zu sein, nach einem Sinn zu suchen. Da ordnen Menschen ihr Tun Tag für Tag und selbst noch nachts im Traum und weben unablässig an einer Erzählung. Da wird stets etwas verhandelt. Da geht es ums Menschsein in der prekären Gemeinschaft mit anderen. Rauchs Bilder stellen immer eine Art zwischenmenschliches Konfliktgefüge dar. Neo Rauch ist kein politischer Künstler, will es nicht sein. Das sagt er auch im Interview in diesen Spalten. Was aber wäre Politik viel anderes, wenn nicht genau all dies?"

Im nebenstehenden langen Interview spricht Rauch über seine Arbeit und seinen Kunstbegriff. Dabei kommt er auch auf die letzte Documenta zu sprechen, in der Ideologie die Kunst verdrängte: "Ich halte viel von dem Prinzip, dass der Künstler in seiner Daseinsform ein Sonderling ist, ein von gesellschaftlichen Grundmaßstäben in bestimmter Weise abweichender Könner. Kassel huldigte hingegen dem Kollektivismus. Und dieser erinnert natürlich an grauenvolle Zustände, die wir hinter uns gebracht wähnten."

Besprochen werden noch die M.C.-Escher-Ausstellung "Other World" im Kunstmuseum den Haag (monopol) und die Ausstellung des Fotografen Daido Moriyama im C/O Berlin (FAZ).