Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.07.2023 - Kunst

Ron Mueck: Mass, 2017. Foto: Marc Domage / Fondation Cartier

FAZ-Kritikerin Ursula Scheer muss ordentlich schlucken in der Ausstellung des britischen Künstlers Ron Mueck, der sie in der Pariser Fondation Cartier mit menschlichen Schädelbergen und gemarterten Säuglingen konfrontiert: "Dass Anfang und Ende der menschlichen Existenz, das leibliche Geworfensein in die Welt immer noch ein Grundthema von Muecks Schaffen sind, beweist die aktuelle Pariser Schau. Seine Werke fordern die physische Konfrontation, den Abgleich mit der eigenen Präsenz, gründet ihre unheimliche oder schockierende Wirkung doch wesentlich auf den überraschenden Größenverhältnissen. Die Inspirationsquellen der handwerklich elaborierten, extrem wirklichkeitsnahen Plastiken des einstigen Figurenmachers für Film und Werbung liegen so weit auseinander wie Hans Holbeins toter Christus und Duane Hansons Wiedergänger der amerikanischen Mittelklasse; auch Echos aus Gemälden von Muecks Schwiegermutter Paula Rego meint man wahrzunehmen."

Der Standard unterhält sich mit den beiden künftigen Wiener Museumsdirektoren Ralph Gleis, der künftig die Albertina leiten wird, und Jonathan Fine, der das Kunsthistorische Museum übernimmt. Besprochen wird die Schau "Weltausstellung 1873 revisitied" im Wiener MAK (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.07.2023 - Kunst

Fassade der Galería de las Colecciones Reales. Foto: Webseite des Patrimonio nacional.


Karin Janker ist für die SZ nach Madrid gereist, wo ein neues Museum eröffnet hat, die Galería de las Colecciones Reales. Obwohl - eigentlich ist der Bau von von Emilio Tuñón und Luis Moreno Mansilla, der zum Ärger einiger Madrilenen von einer Seite den Blick auf die Almudena-Kathedrale verstellt, "kein Museum, es ist eine Kathedrale für Kunst und Kunsthandwerk aus zwölf Jahrhunderten. Galería und nicht Museo heißt sie, weil die Räume Schaufenster sein sollen für die Schätze des Patrimonio Nacional, erklärt Direktorin Leticia Ruiz, die vorher Kuratorin im Prado war. Das Patrimonio Nacional ist so etwas wie die spanische Schlösserverwaltung, die Galería hat also keine eigene Sammlung, wohl aber Zugang zu Tausenden spannenden Objekten, die hier rotierend ausgestellt werden, von der Kutsche über Gemälde bis zu frühen Fotografien. Die Rampen, die das Treppenhaus ersetzen, saugen einen hinunter in diesen Bau, der vollständig aus drei Materialien zu bestehen scheint: Eichenholz, Granit und Beton. Die acht Meter hohen Decken, die Fluchten, die vielen Fenster, die geschickt das grüne Licht der Bäume von draußen nach drinnen holen - wer hier nicht demütig wird, hat kein Herz für Architektur."

Eva Fàbregas, Devourin Lovers. Ausstellungsansicht. Staatliche Museen zu Berlin, Hamburger Bahnhof - Nationalgalerie der Gegenwart | Foto: Jacopo La Forgia


Fasziniert betrachtet Ingeborg Ruthe (BlZ) die "Devouring Lovers" (verschlingenden Liebhaber) der spanischen Künstlerin Eva Fàbregas, die sich am Boden des Berliner Hamburger Bahnhofs winden: "Fàbregas lagert ihre überdeutlich erotischen Gebilde in hautfarbenem Rosa, Lila, Magenta, Senfgelb, Beige und Orange als sich im unablässigen Liebesakt verschlingende Quellberge auf dem Steinboden der Halle. Sie lässt sie kriechen und sich anschmiegen an die eisernen Säulen und Deckenstreben. Die textilen Hüllen schwellen an wie zu milchprallen Brüsten, Eutern, Blasen, Ballons, zu Hodensäcken und erigierten Penisformen. Alles gleicht auch exotischen Pflanzenauswüchsen, unter der Blüten- oder Fruchthaut riesige Kugeln wie Erbsen, Bohnen, die gleich herauszuplatzen scheinen. ... Alles durchschlingt sich, scheint sich zu streicheln, zu berühren, zu begehren und zu befruchten. Oder aufzufressen und zu verdauen."

Weitere Artikel: Noemi Smolik berichtet im Tagesspiegel von einer sehr versöhnlichen Kunst-Biennale im koreanischen Gwangju. Der Direktor des Frankfurter Städel Museums, Philipp Demandt, erzählt im Interview mit der FAZ, wie er es geschafft hat, den Darmstädter Altar Hans Holbeins von Reinhold Würth für eine Ausstellung im Herbst auszuleihen. Ebenfalls in der FAZ schreibt Eberhard Rathgeb am Beispiel von van Gogh, Matisse und Michelangelo über das mühevolle Üben eines Malers.

Besprochen werden eine Ausstellung der Fotos von Beatle Paul McCartney in der National Portrait Gallery in London (Tsp) und die Ausstellung "Unstable Planetary Spaces" in der Kunsthalle Gießen (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.07.2023 - Kunst

David Burliuk Carousel, 1921 © National Art Museum of Ukraine.


Vieles, was in Museen unter dem Rubrum der "Russischen Avantgarde" gefasst wird, ist gar nicht russisch, lernt tazler Robert Schlücker beim Besuch der Ausstellung "Ukrainische Moderne 1900-1930 & Daria Koltsova" im Kölner Museum Ludwig. Doch auch eine einfache Umdeklarierung als Ukrainisch ist kompliziert, erfährt er: "Es geht in Köln um Nuancen. Es geht darum, ukrainische Einflüsse auszuarbeiten und mit einem noch immer auf Russland fokussierten Kanon zu brechen. Und darum, ein durchlässiges Narrativ zu entwickeln, das polnische, jüdische, viele andere kulturelle Impulse auffängt. Man schaut dann auf die lokalen Zentren der ukrainischen Avantgarden, auf das Kunstinstitut in Kyjiw, die Szene in Charkiw. Eine Umschreibung der Kunstgeschichte einer ukrainischen Moderne beginnt mit einer Blickverschiebung, unter anderem auf einstige blinde Flecken."

George Hendrik Breitner: Die Singelbrücke bei der Paleisstraat in Amsterdam, 1898, Rijksmuseum, Amsterdam, Nachlass Herr und Frau Drucker-Fraser, Montreux.


Im Tagesspiegel empfiehlt ein begeisterter Bernhard Schulz wärmstens die Ausstellung "Wolken und Licht. Impressionismus in Holland" im Potsdamer Museum Barberini. Die Gemälde "markieren einen Höhepunkt in der Wiedergabe der Realität und ihrer Verdichtung zum Nationalstil, ehe sich das künstlerische Sensorium davon zu entfernen beginnt und in andere Sphären vordringt, dabei sich in unterschiedliche und miteinander nicht mehr verbundene Richtungen aufsplitternd. Diese Grundbewegung der Moderne zeigt die Potsdamer Ausstellung am Beispiel Hollands, und sie bedeutet nichts weniger als eine großartige und längst überfällige Entdeckung." Stefan Hochgesand stimmt in der Berliner Zeitung in den Lobgesang ein, er packt schon mal die Koffer für einen ausgedehnten Kunst-Urlaub: "Die Barberini-Ausstellung 'Wolken und Licht' macht sehr viel Lust, in die Niederlande zu fahren. Dem Chefkurator Michael Philipp ist ein Coup geglückt; man kann nur staunen, wie er die Museen in den Niederlanden überzeugen konnte, manche ihrer Säle zu leeren und ihre Schätze nach Potsdam zu verschiffen. Manches lässt sich aber gar nicht transportieren" Für diese Fälle empfiehlt er den Besuch insbesondere des Depot Museums Boijmans Van Beuningen in Rotterdam. "Es handelt sich um das seit 2021 weltweit erste für Besucher zugängliche Kunstdepot. Ausdrücklich kein Museum, sondern ein wildes, abenteuerliches Sammelsurium. Touren sind heißbegehrt und lohnen sich unbedingt: Zu den 150.000 gelagerten Werken zählen Midcentury-Möbel genau so wie Meisterwerke aus Renaissance und Impressionismus."

Weiteres: Zasha Colah wird Kuratorin der 13. Berlin-Biennale 2025, freut sich die FR. Das Amsterdamer Rijksmuseum will erste Objekte mit Kolonialgeschichte restituieren, meldet die FAZ.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.07.2023 - Kunst

Ragnar Kjartansson, Ausstellungsfoto. Kommissioneret af Louisiana Museum of Modern Art, Humlebæk (C) Ragnar Kjartansson. Foto: Louisiana - Poul Buchard / Brøndum & Co.


Thomas Steinfeld ist für die SZ ins Louisiana-Museum in Kopenhagen gereist und findet das Glück in einer Ausstellung des singenden isländischen Künstlers Ragnar Kjartansson: "Alle künstlerischen Werke Ragnar Kjartanssons sind Werke der Wiederholung. Ganz oberflächlich betrachtet, könnte man viele von ihnen für kulturkritische Arbeiten halten: Je häufiger dieselbe Szene zu sehen ist, desto mehr erscheint sie als etwas Gemachtes, Einstudiertes und allein auf seine Wirkung Berechnetes. Tatsächlich aber entwirft Kjartansson in seinen Bildern eine Philosophie der abgründigen Art. Denn in der Wiederholung wird nicht nur die Erinnerung geschaffen, das Band, das einen Menschen mit seiner Vergangenheit verknüpft. Vielmehr entsteht auch Gemeinschaft erst durch die Wiederholung, durch den kollektiven Bezug auf wiederkehrende Ereignisse."

Martha Rosler, Cargo Cult, 1966


Feinste Politkunst findet Lisa Berins in der Frankfurter Schirn Kunsthalle, die eine Ausstellung der amerikanischen Künstlerin Martha Rosler präsentiert: "Sie ist ein geschickt inszenierter Rundumblick geworden, der zur Vertiefung einlädt; in das explizite und radikale Werk Roslers, in die brennend aktuellen und zugleich immer wieder erschreckend zeitlosen Themen: Krieg, Macht, soziale Ungerechtigkeit - mitsamt ihren fatalen Folgen. Rosler ist eine präzise Beobachterin, ihr Blick durchdringt Fassaden. ... Immer wieder setzt sich Rosler kritisch mit der Rolle der Frau in einem patriarchalen System auseinander, mit dem gesellschaftlichen, männlich dominierten Blick auf sie und ihren Körper. Eine ihrer ersten feministischen Arbeiten ist die ab 1966 entstandene Serie 'Body Beautiful, or Beauty Knows No Pain'. Dafür schnitt Rosler Abbildungen weiblicher Körper aus Mode- und Erotikmagazinen aus und montierte sie in einen neuen Kontext. Fragmente des weiblichen Körpers erscheinen dort als Überspitzung des sexualisierenden und objektivierenden Blicks in surrealen, abstrusen, auch ironischen Szenen."

Paul Ingendaay (FAZ) hörte zu, als J.M. Coetzee im Prado über einige der Werke dort sprach: "Vor dem heiligen Hieronymus von Georges de la Tour (1627-29) fragt Coetzee: Können wir dieses Bild in Sprache übersetzen, sodass die Wörter an die Stelle des Gemäldes treten? Seine Antwort: Nein, denn das wäre nur Ersatz. Ist die Sprache der Bilder, so fragt er weiter, deshalb die Sprache der Wahrheit? Ebenfalls nein. 'Unter Umständen', sagt Coetzee, 'kann das Bild falscher sein als Sprache.' Ein paar Minuten lang wechseln sich die an die Wand geworfenen Bilder ab, und das Publikum darf in der noblen Unergründlichkeit von Weltklassemalerei schwelgen."

Weitere Artikel: Maxi Broecking berichtet in der taz vom Fotografiefestival Les Rencontres in Arles. In der Berliner Zeitung meldet Ingeborg Ruthe bestürzt, dass sich die Wiener Albertina den Chef der Alten Nationalgalerie, Ralph Gleis, geangelt hat. In der NZZ berichtet Marion Löhndorf von der Wiedereröffnung der renovierten National Portrait Gallery in London.

Besprochen werden Bridget Rileys "Wall Works" in der Berliner Galerie Hetzler (BlZ), die Ausstellung "Am Seegarten" in Kirchmöser (Tsp) und die Ausstellung "Lose Enden" im Hamburger Museum am Rothenbaum (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.07.2023 - Kunst

Antoine Pesne, Prinz Friedrich Ludwig oder Prinz Friedrich Wilhelm von Preußen im Gartenwagen mit Friedrich Ludwig (?) © SPSG / Jörg P. Anders


Andreas Kilb hat für die FAZ die Ausstellung "Schlösser. Preußen. Kolonial" im Schloss Charlottenburg besucht, in der sich die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg mit ihrer kolonialen Vergangenheit auseinandersetzen will, und findet, dass hier die Chance auf eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem Thema verpasst wurde. Ein Beispiel ist der Lebenslauf des nubischen Kammerdieners August Albrecht Sabac el Cher, den Albrecht von Preußens vom osmanischen Vizekönig in Ägypten geschenkt bekommen hatte. Er wird, "nur bruchstückhaft nacherzählt... Der Nubier, heißt es knapp, sei nie in sein Heimatland zurückgekehrt und habe in Preußen 'ein Kostüm' tragen müssen, dessen ursprüngliche 'soziologische Bedeutung' durch den orientalisierenden Blick auf außereuropäische Gesellschaften ersetzt worden sei. Keine Erläuterung gibt die Präsentation im Charlottenburger Schloss dagegen zu der Frage, wie sich Sabac El Chers Jahresgehalt von 600 Goldmark beispielsweise zum Einkommen eines preußischen Finanzbeamten, Schullehrers oder Oberförsters verhielt. Schon zweihundert Jahre zuvor hatte ein schwarzer Diener Friedrichs I. jährlich 500 Taler verdient, so dass er sich einen eigenen Diener leisten konnte." Gemessen an "der leibeigenen Bevölkerungsmehrheit" in Preußen ging es ihnen verhältnismäßig gut, so Kilb. In der Berliner Zeitung findet Maritta Adam-Tkalec die Ausstellung notwendig, betrachtet sie aber sehr kritisch. Vor allem amüsiert sie sich über die verdruckste Sprache, der man die Angst anmerkt, jemand könne sich beleidigt fühlen: "Für das nicht mit dem einschlägigen Blasen-Sprech vertraute Publikum bringt das Verständnisprobleme mit sich."

Besprochen werden außerdem eine Ausstellung des Fotografen Lorenz Berges im Museum für Gegenwartskunst Siegen (FAZ) und die Ausstellung "Schaurig Schön" im Tiroler Schloss Ambras (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.07.2023 - Kunst

"Ich halte doch nicht die Luft an". Foto: Cornelia Schleime. 

Zum siebzigsten Geburtstag der Künstlerin Cornelia Schleime zeigen die Städtische Galerie und das Albertinum in Dresden eine Auswahl ihrer Werke, freut sich Andreas Platthaus in der SZ: "Es war immer ein Grundzug ihres Schaffens, vertraute Bilder aufzubrechen, und so gibt es unter den gezeigten Gemälden etwa auch das fulminante "Selbstbildnis als Schaf", das dem Körper einer im Habitus selbstbewussten Frau einen überdimensionalen Schafskopf aufsetzt - als Irritation und Ironie gleichermaßen. Fast ausnahmslos Frauen zeigen die Bilder, nicht wenige die Künstlerin selbst, und der Gestus reicht dabei von der Ästhetik der Neuen Wilden bis zur Klassikerparaphrase im Selbstbildnis "Aus Trotz", das Schleimes Kopf im Stil des Goldenen Zeitalters hinter einer tatsächlich goldenen Kuppel zeigt - der markanten des Ausstellungsgebäudes der Dresdner Akademie an der Brühlschen Terrasse."

Ein Jahr lang hat Marina Abramović 24 Studenten aus unterschiedlichen Fachbereichen der Folkwang Universität im "Free Interdisciplinary Performance Lab" der Universität unterrichtet. Das Ergebnis kann man jetzt in 23 sechsstündigen Performances begutachten. FAZ-Kritikerin Wiebke Hüster ist schon mal ziemlich beeindruckt. Was ihr "im Gang durch die Ausstellung klar wird, ist, dass die Künstlerin eine ausgezeichnete Lehrerin sein muss. Nirgends hat man das Gefühl, jemand sei zu nah am Vorbild. Schon die Inszenierungen sind ganz unterschiedlich angelegt. Einige ziehen sich hinter Glasscheiben zurück oder auf Flächen, deren Betreten dem Publikum explizit untersagt ist. Der Musiker Jakob Jentgens etwa nutzt einen gartenähnlichen Innenhof. Mit einem selbst geflochtenen Kranz aus Blüten und Blättern im Haar und einem langen, beigefarbenen Rock bekleidet, spielt er Saxophon. Über ein altes Bakelit-Telefon im Museum können die Betrachter die Performance mit dem Titel 'Entering' beeinflussen, sich Melodien, Stimmungen oder anderes wünschen."

Weiteres: In der NZZ porträtiert Tara Hill die ukrainische Künstlerin Alyona Volkova. Besprochen werden die Ausstellungen "Basquiat. The Modena Paintings" in der Fondation Beyerler in Basel (Tsp), "Schlösser. Preußen. Kolonial." im Schloss Charlottenburg (Tsp) und "Plastic World" in der Schirn Kunsthalle Frankfurt (Zeit, jetzt online nachgereicht).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.07.2023 - Kunst

Sarah Sasani: Monotony. Bild: Willy-Brandt-Haus

Die iranische Protestbewegung ist aus unseren Nachrichten verschwunden, weil es keine Bilder mehr gibt, weiß Gunda Bartels im Tagesspiegel. Auch die Ausstellung "Iran inside out" im Berliner Willy-Brandt-Haus muss ohne aktuelle Arbeiten auskommen, aber das nimmt der Schau nichts von ihrer Brisanz, versichert Bartels: "Die Serie 'Monotony' (2021) von Sarah Sasani, die im Iran lebt, lässt an gesellschaftskritischer Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Sasani setzt sich mit der Rolle der Frau und der Definition ihres Körpers im Land auseinander. Ihre in entsättigten Farben inszenierten Szenen von Müttern und Ehefrauen, die Einkaufstüten schleppen, im Auto auf dem Beifahrersitz hocken oder am Herd stehen und dem am Tisch sitzenden kleinen Sohn aufwarten, sind Verzweiflungsmotive des Hausfrauenlebens. Was die Erdhaufen noch verstärken, in denen die Füße der in bleiernen Rollenklischees gefangenen Frauen stecken."

Rosalba Carriera: Caterina Sagredo Barbarigo, um 1735/40. Bilde: Gemäldegalerie Dresden

taz
-Kritikerin Renata Stih reist zur nach Dresden, um sich in der Gemäldegalerie die "fulminante" Schau zu Rosalba Carriera anzusehen, die im Venedig des 18. Jahrhunderts eine begehrte Porträtmalerei war, war man auch in ihrem Selbstporträt sieht: "Die farbliche Dichte, die Pudrigkeit - Carrieras Pastellmalerei muss noch 150 Jahre später auch Impressionisten wie Auguste Renoir beeindruckt haben. Wie schwierig die Restaurierung ihrer fragilen Werke ist, wird in Dresden anhand von zwei stark beschädigten Bildern vermittelt. Ebenso werden die langwierige Herstellung von Pastellfarben und die damit verbundenen Maltechniken erklärt. Diese waren gar nicht weit entfernt von der Mode des 18. Jahrhunderts, wie in der Schau zu sehen ist. Denn die kreidig-cremige Oberfläche der Pastelle entsprach dem Schönheitsideal des Rokoko, den makellosen, blass rosa geschminkten Gesichtern mit viel Wangenrouge, den gepuderten Haaren und gelockten Perücken."

Besprochen wird außerdem die Ausstellung "Hochsicherheitsgesellschaft" der amerikanischen Künstlerin Julia Scher im Museum Abteiberg in Mönchengladbach (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.07.2023 - Kunst

Bild: Judit Reigl: Ausbruch / Outburst, 1956. Privatsammlung Ungarn  © Fonds de dotation Judit Reigl

Wie konnte die deutsche Kunstszene diese Frau bisher übersehen, fragt Ingeborg Ruthe (Berliner Zeitung) nach dem Besuch der Judit-Reigl-Schau "Kraftfelder", die die Neue Nationalgalerie der in Ungarn geborenen und vor drei Jahren verstorbenen Malerin zum hundertsten Geburtstag ausrichtet. Ruthe erscheinen die Werke "wie ungarisch-französische Rhapsodien, freie Instrumentalkompositionen, mal balladenhaft erzählend, mal lyrisch oder auch ruppig über die Leinwand springend. Als habe Reigl Noten transkribiert in visuelle Zeichen, schwarz auf die weiße Leinwand, als eine Art Tanz, bei dem sie durch die Kombination von Gesten und innovative Maltechnik eine einzigartige Form der visuellen Kalligraphie entwickelte. Sie hatte damit begonnen, dicke Industriepigmente, gemischt mit Leinöl, mit Händen auf die Leinwand zu schmeißen. Dann kratzte sie die Farbgebirge mit Werkzeugen von der Mitte bis zu den Rändern ab. Reigl setzte die Farben zunehmend dick, zog sie mit Spachteln, sogar mit einer alten Gardinenstange über den Bildgrund. So entstanden rätselhaft schöne, zugleich irritierend gewalttätige Kraftfelder. 'Ausbrüche', wie sie dazu sagte."

Außerdem: Seit März steht das Gremium fest, dass die Leitung der nächsten Documenta auswählen soll. Aber erst vor Kurzem wurde bekannt, dass die Leitung des vergangenen Jahres "unter einer strikten Auflage" beauftragt wurde, die neue Kommission zusammenzustellen, meldet Jörg Häntzschel in der SZ: "'Es sei der "Wunsch der Gesellschafter' - das Land Hessen und die Stadt Kassel - gewesen, eine 'erneute BDS-Debatte' zu vermeiden. Diesen Wunsch hätten sie akzeptiert." Die 13. Berlin Biennale wird überraschenderweise um ein Jahr verschoben. Im Monopol-Magazin recherchiert Elke Buhr, dass bis vor kurzem offenbar der junge indische Kurator Abhijan Toto als künstlerischer Leiter im Gespräch war: "Bis Mitte Februar auf dem Instagram-Kanal des ebenfalls aus Indien stammenden queeren Kollektivs Party Office, bekannt auch von der Documenta Fifteen, ein 'öffentliches Statement zu einer Vergewaltigung, begangen von Abhijan Toto' veröffentlicht wurde." Anlässlich der ab August im Kunstmuseum Winterthur/ Reinhart am Stadtgarten stattfindenden Ausstellung "Caspar David Friedrich und die Vorboten der Romantik" unterzieht Franz Zelger in der NZZ Friedrichs "Kreidefelsen auf Rügen" einer genauen Analyse der Symbolik. Für die FAS trifft sich Annabelle Hirsch mit der Schauspielerin und Malerin Charlotte Rampling, deren Bilder aktuell im Pariser Musée d'art moderne de la Ville de Paris in der Gruppenausstellung "Mondes parallèles" zu sehen sind.

Besprochen werden die Ausstellung "Secessionen. Klimt, Stuck, Liebermann"  in der Alten Nationalgalerie Berlin (FAZ),  die Ausstellung "Die 80er - Sie sind wieder da!" im Badischen Landesmuseum im Karlsruher Schloss (FAZ) und die Ausstellung "Der große Schwof. Feste feiern im Osten" in der Kunstsammlung Jena (Berliner Zeitung).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.06.2023 - Kunst

Auch die Kunstszene Russlands bleibt von den Repressionen des Regimes nicht verschont: Doch während die Moskauer Museen schon beinahe vollständig auf Linie gebracht sind, regt sich in den Provinzen bisweilen subversiver Widerstand, berichtet Kerstin Holm in der FAZ über das Myra Zentrum (Website leider nur auf Russisch). "Der Selbstverwandlungskünstler und Bildhauer Andrey Bartenev hat in Susdal ein russisches Holzhaus als Galerieraum 'Schachtel' (Larez) hergerichtet. Alles was er tue, diene der Aufklärung und dem Aufbau, erklärt Bartenev der FAZ, nachdem er bei der jüngsten Vernissage dort punkig-witzige Arbeiten zeigte - eine aufblasbare Katze als Sessel, einen tanzenden Puma - und selbst als Rüschenmonster auftrat. Die Leute seien ungeheuer dankbar, sagt er, für jeden Ausdruck von Lebensfreude und Güte." Eine andere Kuratorin sei "in eine monatelange Depression verfallen. Doch dann habe sie sich gesagt, dass es anderen noch schlechter gehe. Sie beherzige das Rezept iranischer Künstlerfreunde, sich auf die Arbeit mit Freunden zu konzentrieren, denen man vertraue, und die die eigenen Werte teilten."

Weiteres: In der FR fragt Björn Hayer: Wieviel Moral verträgt die Kunst? Mit einigen Werken von Judit Reigl in der Ausstellung "Kraftfelder" erhöht die Neue Nationalgalerie den Anteil von Künstlerinnen in ihren Reihen, erkennt der Tagesspiegel an. Nachdem er bislang Chef des Weltmuseums war, wird der Amerikaner Jonathan Fine ab 2025 Leiter des Kunsthistorischen Museums Wien, melden monopol, Standard und FR.

Besprochen werden die Ausstellung "Hervé Guibert - This and More" in den Kunst-Werken in Berlin (FAZ) und eine Ausstellung mit Bildern von Vija Celmins und Gerhard Richter in der Hamburger Kunsthalle ("ein Glücksfall", begeistert sich Alexandra Wach in der FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.06.2023 - Kunst

Und da dachte man, es gebe sie erst seit dem 19. Jahrhundert: Archäologen haben in Pompeji ein 2000 Jahre altes Wandbild mit Pizza gefunden. Mit süßem Belag. "Noch etwas Geduld, und beim Italiener um die Ecke steht eine 'Pizza Pompeji' auf der Speisekarte: mit Datteln und Granatapfel und ohne Oberhitze vom Vesuv hoffentlich nicht gar zu angebrannt", freut sich schon Dirk Schümer in der Welt. Jan Feddersen besucht in Salzburg für die taz das Museum Kunst der verlorenen Generation: Es sammelt Werke von Künstlern, die im Nationalsozialismus verfemt wurden, aber auch danach im Ausstellungsbetrieb nicht Fuß fassen konnten. Sabine Weier unterhält sich für die taz mit der Künstlerin Małgorzata Mirga-Tas über die Kultur der Roma und die Ausstellung ihrer Textilcollagen im Brücke Museum in Berlin. Hans-Christian Rößler besucht für die FAZ in Madrid die frisch renovierte "Galerie der königlichen Sammlungen".

Besprochen werden die zwölf Skulpturen von Ugo Rondinone im Schirn Garten (FR), Corinna Belz' Filmporträt der Künstlers Thomas Schütte (taz), eine Ausstellung über Kreativität im Literaturhaus München (FAZ) und die Ausstellung "Plastic World" im Schirn Museum in Frankfurt (Zeit).
Stichwörter: Rondinone, Ugo, Pompeji