Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.07.2023 - Kunst

Cindy Sherman: Untitled, 1985, Chromogenic Color Print. Bildrechte: Cindy Sherman.

Gleich zwei aufsehenerregende Ausstellungen mit Fotografien von Cindy Sherman darf sich Jürg Zbinden für die NZZ anschauen: "Anti-Fashion" in der Staatsgalerie Stuttgart "richtet sich an alle, die sich für Mode und Anti-Mode und Cindy Shermans subversive Interpretation davon interessieren. Sie werden sehen, Queerness wurde nicht erst nach Corona erfunden," macht er klar.  "Dass sich Sherman die sogenannt klassischen Modemarken mit besonderer Lust zur Sabotage und Demontage vorknöpft, versteht sich von selbst. Die Stuttgarter Schau richtet sich aber nicht gegen die Mode, sondern gegen deren Auswüchse, die sich durch Social Media ins Unendliche potenzieren." Die Zürcher Ausstellung bei Hauser und Wirth bezeugt für Zbinden vor allem die Radikalität der Künstlerin: "Hier ist nichts edel, durchgeistigt, schön, lieblich oder hold, noch nicht einmal blass oder fahl, nur fürchterlich zerfurcht. Das Horrorkabinett der Cindy Sherman ist eine Ansammlung digitaler Collagen, die Schwarz-Weiß- und Farbfotografie unter Zuhilfenahme von Theaterutensilien und -schminke zusammensetzen. Das Make-up scheint aus dem Betonmischer zu stammen, eine zementgraue Grundierung durchzieht die Gesichtslandschaften der Elefantenfrauen. Es sind Werke, wie sie sich Herr und Frau Schweizer kaum je an die Wand hängen würden. Sammler lagern Cindy Sherman einfach ein, bis sich der Weiterverkauf lohnt."

Weiteres: Stefan Trinks freut sich über einen Christus aus Wolkenschlaufen von Tilman Riemenschneider, den das Germanische Nationalmuseum erwerben konnte. Besprochen wird außerdem die Ausstellung "Spanische Dialoge" im Berliner Bode-Museum (BlZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.07.2023 - Kunst

Caspar David Friedrich, Kreuz an der Ostsee, um 1815. Foto: Wikipedia


2024 ist Caspar David Friedrichs 250. Geburtstag. Der Kunsthistoriker und Friedrich-Biograf Werner Busch versucht im Interview mit dem Tagesspiegel zu erklären, warum der Maler heute noch interesserant ist: Das liege unter anderem an dessen "romantischem Kalkül", erklärt er. Friedrich hat sich sehr mit romantischer Mathematik auseinandergesetzt. In der Mathematik seiner Zeit steht Kalkül für eine Gruppe von Regeln, die über sich hinausweisen. Darum ging es Friedrich. Nicht im Sinne eines Zeichens, das eine bestimmte Bedeutung hat, sondern als ästhetisches Programm des Bildes. Am wichtigsten für ihn waren Novalis' mathematische Fragmente", sagt Busch mit Blick auf Friedrichs Gemälde "Kreuz an der Ostsee". "Die Mittelachse betont Friedrich auf vielen Bildern. Die klassische Kunst hat das grundsätzlich abgelehnt, denn es fixiert uns ja vor dem in der Mitte präsentierten Gegenstand. Wenn dann dort auch noch eine Rückenfigur zu sehen ist, sind wir aufgefordert, in ihr so etwas wie unseren Stellvertreter zu sehen und uns auf das, was er sieht, einzulassen."

Weiteres: Timo Feldhaus berichtet in monopol über das Festival Sommer.Frische.Kunst in Bad Gastein. Besprochen werden außerdem die Ausstellungen "Shift. KI und eine zukünftige Gemeinschaft" im Marta Herford (taz), "Eine Stadt wird bunt. Hamburg Graffiti History 1980-1999" im Museum für Hamburgische Geschichte (FAZ) und eine Ausstellung der Benin-Skulpturen des Weltkulturenmuseums in Frankfurt ebendort (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.07.2023 - Kunst

Natascha Sadr Haghighian, W4_310119, 2019, Courtesy die Künstlerin

"Sechs Kompositionen für Trillerpfeife" hört und sieht FAZ-Kritikerin Brita Sachs in der Ausstellung der iranisch-deutschen Künstlerin Natascha Sadr Haghighian im Münchner Lenbachhaus. Der Kritikerin eröffnen sich mit der Ausstellung ganz neue Blickwinkel auf gewöhnliche Dinge. In "Tribute to Whistle", einer 48-Kanal-Klanginstallation, widmet sich die Künstlerin zum Beispiel der Trillerpfeife: "Sechs nach dem Zufallsprinzip mal allein, mal parallel erschallende, erstaunlich vielfältig und manchmal sogar melodisch klingende Soli eines 'unparteiischen Instruments'. Es kommt ja nur darauf an, wer es benutzt: der Demonstrant setzt es zum Protest ein, der Polizist ruft damit zur Ordnung, der Schaffner pfeift zum Aufbruch, der Schiedsrichter zu allem Möglichen, und im Karneval schrillt das kleine laute Ding in ohrenbetäubender Lebensfreude. Ein Bild mit großer roter Trillerpfeife widmet die Künstlerin dem im vergangenen Jahr gestorbenen Aktivisten Hassan Numan, dem 'Mann mit der Trillerpfeife': Wenn im Morgengrauen die Polizei zur Flüchtlingsunterkunft in Osnabrück kam, um Menschen zur Abschiebung zu holen, schlug eine Wache Alarm, und sofort ertönten unzählige Trillerpfeifen. Singend wurde Tumult produziert, und die Beamten zogen ab."

Weiteres: Maxi Broecking unterhält sich in der taz mit dem Künstler und Musiker Theaster Gates. Besprochen werden die Ausstellungen "Secessionen. Klimt, Stuck, Liebermann" in der Alten Nationalgalerie Berlin (SZ) und "Fake Views" im Frankfurter Kunstverein (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.07.2023 - Kunst

Neda Saeedi, "In the depth of the night, the eye sees the sun?" 

Unter den vielen Biennalen, die es auf der Welt gibt, ist die 4. Autostrada-Biennale im kosovarischen Prizren etwas Besonderes, freut sich Ingo Arend in der taz. Er erlebt hier weder "Spektakel-Kultur" noch "Standort-Marketing", vielmehr wollen die Künstler das "kulturelle Vakuum in einem Land füllen, in dem die bildende Kunst kaum eine Rolle spielt". Besonders fasziniert ist er von einer Arbeit der iranischen Künstlerin Neda Saeedi, in der sie Ästhetik und Gesellschaftskritik vereint: "Die Künstlerin hat das leere Zentrum des alten Partisanendenkmals an der Flusspromenade von Prizren mit einer gelb-blauen Glasarbeit sacht entideologisiert, in der sechs stilisierte Amseln umeinanderkreisen. Damit nimmt sie den Mythos des Amselfeldes auf, der das Wort Kosovo bedeutet. Gleich gegenüber hat Kostas Bassanos Walter Benjamins berühmten Satz 'Es ist niemals ein Dokument der Kultur, ohne ein solches der Barbarei zu sein' aus großen Holzbuchstaben an den Lauf des Lumbardhi-Flusses gestellt, er durchspringt Prizren wie ein Gebirgsbach. Ein kritisches Memento, das den anschwellenden Tourismus in der pittoresken Destination mit vielen Kulturdenkmälern vielleicht nicht zur Umkehr, aber doch für ein paar Minuten zum Nachdenken bringen könnte."

Besprochen werden die Ausstellungen "Josephine Baker: Freiheit - Gleichheit - Menschlichkeit" in der Bundeskunsthalle Bonn (FAZ), "Kolossal. Malerei im Großformat" im Unteres Belvedere in Wien (FAZ), "Book_Spaces" im Museum für Photographie Braunschweig und "Believe in me" mit Arbeiten von Rita de Matos und Sarai Meyron im Landesmuseum Hinter Aegidien und Braunschweiger Dom (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.07.2023 - Kunst

Ahmed Morsi, "Iraq's Weeping Women II" (2011). Image courtesy the Artist and Kiran Nadar Museum of Art Collection, India
Pablo Picasso, The Weeping Woman, 1937. Location: Tate Modern, London


Das Picasso-Jahr zieht in Berlin fast unbemerkt vorüber. Die Ausstellung "Picasso aus dem Museum Berggruen zu Gast im Bode-Museum" sucht gerade mit bescheidenen Mitteln den "Dialog" zwischen Picassos Werken und anderen spanischen Kunstwerken, berichtet im Tagesspiegel Bernhard Schulz, der sich mehr Aufklärung in der Ausstellung gewünscht hätte. Bei Hyperallergic überlegt Donna Honarpisheh hingegen angesichts einer nur halb gelungenen Ausstellung im Brooklyn Museum, wie man sich "kritisch mit Picassos modernistischen Formen und denen seiner globalen Gesprächspartner auseinandersetzen müsste. Wenn man, wie Edward Said in den 90er Jahren vorschlug, 'kontrapunktisch' lesen muss, um die verdrängten kolonialen Grundlagen des westlichen Kanons zu revidieren - oder sich auf diese miteinander verflochtenen Perspektiven einzustellen - auf welche formalen Innovationen würden wir dann stoßen? Welche Perspektiven auf das Verhältnis der Moderne zu Rasse und Geschlecht könnten wir gewinnen, wenn wir Picasso in ein globales Erbe des Kubismus einordnen? ... Während Europas koloniales Engagement in Picassos Kunst ein verdrängtes Element blieb, eröffnete die Begegnung des Kolonialismus mit anderen Kulturen auch Diskussionen über Andersartigkeit, Gewalt und die Verflechtung kultureller Formen, die von Künstlern außerhalb des weißen, euro-amerikanischen Kanons aufgegriffen wurden. 'Guernica' (1937) zum Beispiel wurde von Künstlern in verschiedenen globalen kulturellen Kontexten zitiert und umgestaltet", so Honarpisheh, die in ihrem Artikel einige dieser Künstler kurz vorstellt.

Weiteres: In der taz gratuliert Martin Conrad der Videokünstlerin Maya Schweizer, die derzeit im Jüdischen Museum in Berlin ausstellt, zum "Dagesh-Kunstpreis". Besprochen werden eine Schau zum 100-jährigen Bestehen des Fördervereins der Hamburger Kunsthalle (taz) und "Beyond Home" mit Werken einer Gruppe feministischer Künstlerinnen aus Afghanistan, Belarus, Irak, Iran, Kurdistan, Libanon, Palästina, Syrien und der Ukraine im Kunstraum Kreuzberg (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.07.2023 - Kunst

FAZ-Kritikerin Gina Thomas blickt in der Londoner National Portrait Gallery dem englischen Maler Sir Joshua Reynolds zu seinem 300. Geburtstag ganz genau ins Gesicht. In einer Installation hat die Galerie ein Selbstporträt des Malers seiner "phantasievollen Darstellung des Omai genannten Südseeinsulaners" gegenüber gehängt: "Reynolds setzt subtile Hell-Dunkel-Effekte ein, um jene Elemente zu akzentuieren, die seine Vorstellung von den aktiven und kontemplativen Elementen des Schaffensprozesses untermauern. Zu diesem Zweck lenkt er das Licht auf beide Hände. In der Rechten hält der Maler die Utensilien seines Metiers, die vor die Stirn gehaltene linke Hand weist auf die schöpferische Kraft hin, die er auf der anderen Seite des Raumes mit dem "Omai"-Bildnis so grandios unter Beweis stellt. In dieser Klassismus und Romantik miteinander verschmelzenden Komposition legt Reynolds seine Überzeugung an den Tag, dass die Porträtmalerei sich nicht auf die minuziöse Beschreibung von Besonderheiten fixieren sollte. Ihm ging es vielmehr um das dichterische Vermögen, das Wesen eines Menschen zu erfassen und, wie er es in einer seiner Akademiereden formulierte, den Ausdruck auf Kosten der Ähnlichkeit zu veredeln."

Besprochen wird die Ausstellung "Isa Genzken 75/75" in der Neuen Nationalgalerie Berlin (SZ) und die Ausstellung "Cooking as performance" in der Temporary Gallery in Köln (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.07.2023 - Kunst

Allaert van Everdingen: Wanderer auf einer Lichtung am Bach und Tannenbäumen beim Skizzieren. Katrin Belliner Collection, Foto: Matthew Hollow.


"Sofern Sie in diesem Sommer reisen und dabei eine Ausstellung sehen wollen, steuern Sie Dresden an!", empfiehlt Andreas Platthaus in der FAZ. Die Ausstellung "Ferne so nah - Künstler, Künstlerinnen & ihre Reisen" im Dresdner Kupferstichkabinett versammelt Reisebilder von Künstlern von Albrecht Dürer bis Ludwig Richter und besticht den Kritiker durch unerwartete Zusammenhänge. Adrian Zinggs etwa wurde nach der Anfertigung einer Zeichnung vom Elbufer aufgrund von Spionageverdacht verhaftet - "kurz nach dem Siebenjährigen Krieg lagen in Sachsen die Nerven blank" - damit ist er unter den Ausgestellten nicht allein: "Selbst die schönste Präsentation, der zehnteilige Holzschnittfries 'Sitten und Gebräuche der Türken' von 1553 nach Zeichnungen von Pieter Coecke van Aelst, verweist mit serpentinenförmig gefertigten Tischvitrinen auf ein anderes Blatt, das eine sich ähnlich schlangengleich durch Rom windende Prozession zeigt. Coecke van Aelst war übrigens höchstwahrscheinlich tatsächlich als Spion durchs Osmanische Reich unterwegs, seine Zeichnungen dienten ihm nur als Vorwand. Auch das lernt man in Dresden."

Lothar Böhme: Knieender Akt 2012. Bild: Lothar Böhme und Roman März.
Liebevoll betrachtet Ingeborg Ruthe für die Berliner Zeitung die Werkschau Lothar Böhmes, die anlässlich seines 85. Geburtstags in der Berliner Galerie Pankow gezeigt wird: Seine Bildsprache ist "seit 60 Jahren das, was man Essenz nennt. Eine Urform bestimmt diese einsamen Gestalten, egal ob weiblich, männlich, androgyn - ob Akt, Kopf oder Stillleben. Und in den dunklen, oft fast bronzeartigen Farben ist das Color der ganzen Welt enthalten, wie hineingemischt als Zeichen für Melancholie und Freude, Nachdenklichkeit und Lust, Resignation und Aufbegehr." Ruthe erscheinen die einsamen Gestalten wie ein "Gleichnis des Aushaltens": Sie "setzen Trotzgesten gegen Angst, Resignation und überwältigende Trauer."

Weitere Artikel: Die Neupräsentation der Sammlung Bührle soll den laufenden Entwicklungen angepasst werden können, meldet Thomas Ribi in der NZZ: "Was das für die Ausstellung im Herbst konkret bedeutet, dazu will man am Kunsthaus zurzeit nichts sagen. Ann Demeester äußere sich erst, wenn die Neupräsentation unmittelbar bevorstehe, heißt es auf Anfrage. Das 'interdisziplinäre und polyphone' Projekt sei 'im Fluss'."

Besprochen werden Joanna Rajkowskas Installation "Sorry" in Frankfurt an der Oder (FAZ), Eva Fàbregas' "Devouring Lovers" im Hamburger Bahnhof (FR), die Ausstellung "Can You Hear It? Musik und Künstliche Intelligenz" im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe (taz) und die Ausstellung "Photography as a Way of Life" mit Bildern von Rüdiger Trautsch im Schwulen Museum (tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.07.2023 - Kunst

bild: Lea Ermuth: Optimisation interface. 2022

Durchaus "positive Visionen", vor allem aber innovative Ideen von einer Zukunft mit KI nimmt Ursula Scheer in der FAZ aus der Ausstellung "Creative Worldbuilding" im Basler HEK mit, in der knapp dreißig Kunstschaffende mit den Möglichkeiten von KI experimentieren. Etwa die Künstlerin Lea Ermuth: "Auf einem Bildschirm ist eine Videoperformance zu sehen, in der ein von ihr gesteuerter, recht lebensnaher Avatar wie eine Bildhauerin das Gesicht der Künstlerin bearbeitet - nach Vorschlägen des digital verbundenen Publikums. Die Nase schmäler, die Augen größer? Das Ergebnis der diktierten Formgebung steht in der Installation 'An invitation, to eternity' in Gestalt überlebensgroßer 3-D-Drucke von so entstandenen Porträtbüsten aus Ton. Im realen Raum erweisen sich die am Bildschirm gestalteten Gesichter als entstellt: ein Kommentar auf den visuellen Druck aus dem Internet und dessen normative Kraft."

Zum 75. Geburtstag spendiert die Neue Nationalgalerie Isa Genzken eine Ausstellung mit 75 Skulpturen - und im Tagesspiegel lässt sich Christiane Meixner fasziniert ein auf einen Parcours durch das fünfzigjährige Schaffen der Bildhauerin, das ihr offenbart, wie Genzken in ihren Werken zunehmend die Trennung zwischen der artifiziellen Form und dem menschlichen Körper aufhob: "Ihre legendären 'Weltempfänger', für die sie Radioantennen in Betonblöcke steckt, sind Vermittler zwischen Sender und Empfänger. Dann stellt sie architektonische Fragmente auf Sockel. Man steht davor und schaut in Räume, die sich wie Puppenstuben aus Beton zum Betrachter öffnen. Es folgen Fensterrahmen, durch die sich Realität vermittelt. 1991 wechselt Genzken zu farbigem, diffus transparentem Epoxid. Daraus entstehen 'Paravents', die nichts verdecken: Man blickt durch sie hindurch und wird erneut mit der Wirklichkeit konfrontiert."

Weitere Artikel: Die Zeit dokumentiert die Laudatio, die Florian Illies anlässlich von Anselm Kiefers Auszeichnung mit dem Deutschen Nationalpreis gehalten hat. In Neapel wurde die "Venus in Lumpen", eine der bekanntesten Skulpturen des italienischen Künstlers Michelangelo Pistoletto, durch ein Feuer zerstört, meldet Matthias Rüb in der FAZ.

Besprochen werden die Ausstellungen "Amitiés - Freundschaften. Gemeinschaftswerke von Dada bis heute" im Kunstmuseum Wolfsburg (taz) und die Ausstellung "Lee Miller. Fotografien zwischen Krieg und Glamour" im Hamburger Bucerius Kunst Forum (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.07.2023 - Kunst

Ralph Gibson, aus der Serie The Somnambulist, 1970 © Ralph Gibson

FAZ-Kritiker Freddy Langer lässt sich gerne von der subtilen Unheimlichkeit der Fotografien Ralph Gibsons verführen, die die Deichtorhallen Hamburg in der Ausstellung "Ralph Gibson-Secret of Light" zeigen. Vor allem das Frühwerk des Fotografen hat es ihm angetan: "Es ist, als nehme Gibson den Betrachter an die Hand. Komm, lädt er ihn ein. Und dann genügen ihm ein Putzlappen, gegen eine Glasscheibe gedrückt, der blitzend weiße Kragen eines Priesters oder das Gefieder eines Schwans, um einen in eine Welt der Geister mitzunehmen. Dazu isoliert er die Gegenstände oder zerlegt sie in Fragmente. Vieles verschwindet im tiefen Schwarz der Schatten, manches löst sich auf im gleißenden Sonnenlicht, Details gehen im groben Korn des Films verloren. Von Fassaden bleibt nichts übrig als Flächen und Linien, von Menschen nichts außer einem Auge, einem Mund, einer Kurve, denen Gibson in perfekten Kompositionen anrührende grafische Reize entlockt."

Weitere Artikel: taz-Kritikerin Elena Korowin entdeckt auf der Kunstbiennale Freiburg die Straße als "Ort der gesellschaftlichen Reibung und der Subkultur".

Besprochen werden die Ausstellung "Wolken und Licht. Impressionismus in Holland" im Museum Barberini in Potsdam (FAZ), die Ausstellung "Inflation 1923. Krieg, Geld, Trauma" im Historischen Museum Frankfurt (in der taz-Kritiker Rudolph Walter unter anderem Karikaturen von George Grosz, Otto Dix, Käthe Kollwitz und Heinrich Zille bewundert) sowie eine Ausstellung mit Fotografien Steve McCurrys im Wiener Semperdepot (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.07.2023 - Kunst

Die Installation "Reisfeld" von Wolfgang Laib. Foto: Kunstmuseum Stuttgart.

Alle Sinne von FAZ-Kritikerin Katinka Fischer erwachen, wenn sie durch Wolfgang Laibs Ausstellung "The Beginning of Something Else" im Kunstmuseum Stuttgart streift. Für seine Werke verwendet der Künstler natürliche Materialien wie Reis, Wachs und Blütenstaub, die "den Kreislauf des Lebens und das menschliche Verhältnis zur Natur" widerspiegeln: "Neben dem starken Aroma wird die Installation beseelt durch sanft gewellte Linien, unterschiedliche Abstände und Längen sowie verstreute Reiskörner, die die Abwesenheit eines Lineals und ähnlicher Hilfsmittel zur Erzeugung von Gleichförmigkeit verraten. Bei den Treppenelementen entdeckt man die Künstlerhand in den malerischen Farbwolken, die die mit burmesischem Lack behandelte und eben nicht monochrome Oberfläche bedecken. 'Zikkurat' lautet der Titel des zentralen Objekts. Der Begriff für eine mesopotamische Tempelanlage gibt zu erkennen, dass die von rechten Winkeln bestimmte Form keineswegs der Versachlichung dient. Stattdessen symbolisiert sie eine Himmelsleiter, die die Verbindung zwischen Himmel und Erde herstellt."

Die Explosion der Tanks im Hafen von Beirut 2020 war eine Katastrophe, aber die Stadt erholt sich und die Kunstszene blüht wieder auf, schreibt Werner Bloch in der NZZ: Gerade wurde das Sursock-Museum wiedereröffnet, das einzige Kunstmuseum des Landes, 2026 soll das Beirut Museum of Modern Arts eröffnet werden. Das ist auch dringend notwendig in diesem Land, denn es gibt "keine geschriebene Kunstgeschichte von Libanon - es gibt auch kein Geschichtsbuch für die Schulen. Auf eine gemeinsame Geschichte können sich die verfeindeten Gruppen wie Drusen und Sunniten, christliche Maroniten oder der von Iran finanzierte Hizbullah, der große Teile des Landes beherrscht, nicht verständigen. 'Eine gemeinsame Geschichtsschreibung ist verboten, weil jeder an seiner eigenen Wahrheit festhält', sagt Laure d'Hauteville. Die offizielle Geschichte höre mit dem französischen Mandat am Ende des Zweiten Weltkriegs auf. Gerade deshalb ist die Gegenwartskunst hier überlebensnotwendig."

In der FAZ schreibt Hubertus Butin zum Restitutionsskandal um die Bührle-Stiftung. Seit mehr als zehn Jahren laufen die Verhandlungen mit den Nachkommen des jüdischen Kunstsammlers Max Emden, dessen Sohn im Jahr 1940 gezwungen war, das Monet-Gemälde "Mohnfeld bei Véteuil" zu verkaufen, erklärt Butin. Doch die Stiftung weigert sich strikt, eine Aufarbeitung der problematischen Provenienzgeschichte wichtiger Werke der Sammlung nachzukommen: "Die kompromisslose und jede moralische Verantwortung ablehnende Haltung der Bührle-Stiftung hat nicht nur den eigenen Ruf nahezu ruiniert. Dieses Verhalten schadet auch massiv dem Ansehen des Kunsthauses Zürich. Das Museum wird nicht zur Ruhe kommen, solange es für den Monet und weitere belastete Werke keine faire und gerechte Lösung gibt."

Besprochen wird die Ausstellung "Avant l'orage" der Pinot-Collection in der Bourse de Commerce in Paris (NZZ).