Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Film

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.08.2023 - Film

Andreas Scheiner spricht in der NZZ anlässlich des Filmfestivals in Locarno mit dem rumänischen Autorenfilmer Radu Jude über die Lage in dessen Heimat, die er in jeder Hinsicht als desolat bezeichnet: "Romania is fucked", heißt es in Judes neuem Film an einer Stelle. "Die Hoffnung in all den Jahren nach dem Ende der kommunistischen Diktatur, dass die Einführung der freien Marktwirtschaft automatisch zu Verbesserungen in allen Bereichen des Lebens führen würde, hat sich als nicht ganz so berechtigt herausgestellt. ... Vieles rührt noch von der kommunistischen Diktatur her und einiges sogar noch von der Diktatur davor. Und dann ist da diese toxische Mischung aus schlechter Politik und Korruption in der Verwaltung. Dazu Auswüchse in der Privatwirtschaft, die nicht gesetzlich im Zaum gehalten wird. Oder selbst wenn es die Gesetze gibt, werden sie nicht angewandt. Es gibt auch kaum noch eine freie Presse."

Außerdem: In den "Barbenheimer"-Diskussionen sollten sich beide Fraktionen die Hand geben, findet Jenni Zylka in der taz: Immerhin seien "beides gute Filme".  Valerie Dirk blickt für den Standard auf die Biopics der kommenden Saison. Kurt Sagatz besucht für den Tagesspiegel die Dreharbeiten der Serie "Public Affairs" - wahrscheinlich die letzte Serie, die Sky in Deutschland produzieren wird. Besprochen werden der neue "Teenage Mutant Ninja Turtels"-Film (FAZ) und die ARD-Serie "37 Sekunden" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.08.2023 - Film

Zeigt die Ängste junger Menschen im Iran: "Critical Zone"

Der Film des iranischen Regisseurs Ali Ahmadzadeh, "Critical Zone", läuft auf dem Filmfestival Locarno - aber in Abwesenheit des Regisseurs, meldet Christiane Peitz im Tagesspiegel: Die online vorliegenden Clips aus dem Film versprechen "einen wilden Ritt durch den Underground von Teheran, ein Roadmovie als Momentaufnahme der Wut und der Ängste junger Menschen im Iran. ... Das iranische Sicherheitsministerium hat den 36-jährigen Ahmadzadeh einbestellt, bereits letztes Jahr wurde er festgenommen und saß einige Tage in Haft. Jetzt wurde sein Visum kassiert und man forderte ihn auf, 'Critical Zone' aus dem Locarno-Programm zurückzuziehen. Der Film, ohne Genehmigung und teils mit versteckter Kamera gedreht, wird trotzdem dort laufen. ... Willkür, Schikanen, Festnahmen, es geht immer weiter. Auch mit Drohungen gegen jüngere Filmkünstler, die weniger Schutz durch internationale Bekanntheit genießen." Auch deshalb empfiehlt Peitz dem Berliner Publikum eine aktuelle Open-Air-Kino-Reihe (PDF) mit Filmen aus dem Iran.

Auf Artechock kommt Rüdiger Suchsland auf ein Standard-Gespräch von vor wenigen Tagen mit Annette Hess zu sprechen, die die "Serienblase" als endgültig geplatzt bezeichnet und auch ansonsten in Sachen gescheiterter Serienboom "kein Blatt vor den Mund nimmt", wie sich Suchsland freut. "Die Lage ist tatsächlich ernst, und der aktuelle Streik der Drehbuchautorinnen und Schauspieler in Hollywood wird alles noch etwas schlimmer machen: Sky streicht seine deutschen Fictionproduktionen, Disney kürzt massiv, Paramount verhandelt mit Banken wegen neuer Kredite. Der vielmilliardenschwere Streamingboom, angeblich das Geschäft der Zukunft, ist erst einmal gestoppt. Alles wird schmaler, kleiner, zugleich teurer. Angebote und Plattformen werden ganz verschwinden. 'Der Markt ist gesättigt' heißt das im Kapitalismusdeutsch. Und wenn die öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland nicht nur 'Funk', sondern einen Funken Verstand und Kundenverständnis und kreativen Esprit hätten, und klüger wären, als sie sind, dann würden sie längst nicht nur ihr Programm in sogenannten Mediatheken zum Nachgucken anbieten, sondern ... ihre ganzen Mediatheken zu einer großen öffentlich-rechtlichen Megathek zusammenschmeißen".

Weitere Artikel: In der Türkei gibt es Streit zwischen der Rundfunkaufsichtsbehörde und Disney+, weil der US-Konzern eine Serie über Atatürk nun doch nicht produzieren will, meldet Anna Vollmer in der FAZ. In Japan ärgert man sich über die in Sachen Nuklearexplosion arg unsensible Werbekampagne zum "Barbenheimer"-Phänomen, meldet Nadine A. Brügger in der NZZ. Pascal Blum berichtet im Tages-Anzeiger vom Auftakt des Filmfestivals Locarno. Auf Artechock stimmt Rüdiger Suchsland auf das Festival ein. Johanna Adorján spricht für die SZ mit der Schauspielerin Fanny Ardant, die derzeit in Carine Tardieus "Im Herzen jung" (besprochen bei Artechock und bei uns) zu sehen ist. Dass der neue "Indiana Jones"-Blockbuster gefloppt ist, habe vor allem mit dessen "woke" Agenda zu tun, glaubt Jörg Wimalasena in der Welt: Das Publikum wolle einfach keine starken Frauen neben Indiana Jones - dass zumindest in Teil 1 und Teil 2 der Archäologen-Sause nicht minder starke Frauen an Indys Seite stehen, erwähnt er allerdings nicht.

Besprochen werden Sobo Swobodniks Diskurskomödie "Geschlechterkampf - Das Ende des Patriarchats" (Tsp, Artechock), Laura Moras demnächst auf Netflix gezeigtes, kolumbianisches Drama "The Kings of the World" (NZZ), Valentin Merz' "Nachtkatzen" (es geht um "Sprache als eine erogene Zone", stellt Fritz Göttler in der SZ fest), die zwei auf Romanen von Sally Rooney basierendeen Serien "Normal People" und "Conversations with Friends" (FAZ), ein neuer "Teenage Mutant Ninja Turtles"-Film ("extrem charmant und solide", freut sich Juliane Liebert in der SZ) und die auf Arte gezeigte Miniserie "Mein Glückstag" aus Peru (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.08.2023 - Film

Das ohnehin schon immer schwach ausgestattete Kuratorium junger deutscher Film, einst wichtiger Antriebsmotor für die Genese des Jungen Deutschen Films und dessen insbesondere internationalen Erfolge, soll nach aktueller Debatten-Großwetterlage um die Reform der Filmfördeung zu einem einem weiteren Dienstleister der Filmwirtschaft werden, befürchtet Lars Henrik Gass im Filmdienst: In allen Forderungen und Vorschlagen schimmert die marktkonforme Angepasstheit durch, mit dem Ziel, jetzt aber endlich den wirtschaftlichen Erfolg herbeizufördern. "Kreativität wird als reine Funktion der 'Wirtschaftskraft des deutschen Films' angesehen - nicht nur im In-, sondern auch im Ausland. Doch der deutsche Film war niemals erfolgreicher im Ausland als zu jener fernen kurzen Zeit, wo weitgehend unreglementiertes Denken und Arbeiten möglich war - und selten erfolgreich, wenn die Förderinstitutionen ihr Geld in Projekte steckten, die als besonders wirtschaftlich galten. ... Die Richtung ist klar: Abkehr vom Autorenfilm, von unbequemer, radikaler, gar unverständlicher Subjektivität. Stattdessen müsse 'unsere Branche' und der deutsche Film 'konkurrenz- und zukunftsfähig' werden: - Rückkehr zum Produzentenkino der 1950er-Jahre, selbstverständlich im Stuhlkreis ('Beteiligung von Talenten an der Entscheidungsfindung') 'unter Einbeziehung von Diversitätsstandards'."

Außerdem: Mit sanftem Unverständnis reagiert Claudia Reinhard im Tagesspiegel-Kommentar auf die vom Verband der deutschen Filmkritik aufgestellte Forderung, die Berlinale möge künstlerische Leitung und Geschäftsführung zugunsten der Kunst wieder in einer Person vereinen. Daniel Kothenschulte sorgt sich in der FR um die Kollateralschäden des Hollywood-Doppelstreiks: die zahlreichen Crew-Techniker hinter den Kulissen, die nun nach und nach aus der Krankenkasse zu fallen drohen, weil sie nicht auf die dafür nötigen Arbeitsstunden mehr kommen.

Der aus "The Wire" bekannte Schauspieler Michael Kostroff räumt derweil im Welt-Gespräch mit der Vorstellung auf, dass in Hollywood ja ohnehin alle Schauspieler Millionäre seien - was lediglich für die A-Liste gelte, aber ganz gewiss nicht für Schauspieler seines Rangs. Andreas Scheiner berichtet in der NZZ vom Auftakt des Filmfestivals Locarno. In der taz fragt sich Arabella Wintermayr, warum die Klimakrise so selten Thema in Serien ist. In Japan gibt es wegen des sensiblen Atombomben-Themas noch keinen "Oppenheimer"-Start und auch wegen "Barbie", der dort Mitte August starten soll, gibt es nun Ärger, berichtet Axel Weidemann in der FAZ: Ein japanischer PR-Account von Warner Brothers hatte ein "Barbenheimer"-Meme mit Atombombenthematik und unsensiblem Wording gepostet. Für die SZ plaudert David Steinitz mit dem Schauspieler Simon Schwarz.

Besprochen werden Carine Tardieus "Im Herzen jung" mit Fanny Ardant (FAZ, FR, Tsp, taz, Standard, unsere Kritik), Kôji Shiraishis fürs Heimkino erschienene BDSM-Doku "Safe Word" (Ekkehard Knörer bezeugt in der taz eine "filmische Lust am Befreien") und die Netflix-Serie "Heartstopper" (Tsp, Presse). Außerdem erklärt die SZ, welche Filme sich in dieser Woche lohnen und welche nicht.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.08.2023 - Film

"The Boy and the Heron": Miyazakis Rückkehr auf die Leinwand

Thomas Hahn hat in Japan für die SZ bereits den neuen Film des japanischen Animationsmeisters Hayao Miyazaki gesehen, der im September das Filmfestival Toronto eröffnen wird Der Filmemacher hatte sich ja eigentlich schon vor Jahren zur Ruhe gesetzt, aber nun mit "The Boy and the Heron" doch noch ein Comeback in Angriff genommen. Erzählt wird "die Geschichte eines Jungen, der im Krieg seine Mutter verliert und vor lauter Sehnsucht nach ihr in ein Fantasy-Abenteuer gerät." Doch dieser Film "ist persönlicher, wechselhafter, in gewisser Weise radikaler" als Miyazakis bisherige Filme: "Raue Wirklichkeit und bunte Fantasie fließen ineinander zu einem herrlichen, albtraumhaften Gemälde, das vielleicht mehr über den Wert von Natur und Frieden erzählt als jeder wütende Protest und jede unmissverständliche Parole. ... Es zeigt sich: Die Fantasie hat Hayao Miyazaki nicht verlassen. Dem begnadeten Geschichtenerzähler geht allenfalls ein bisschen die Logik der Handlung abhanden. Sein Vermächtnis-Film stürmt mit so vielen Eindrücken und großartigen Momenten auf das Publikum ein, dass man anschließend etwas erschöpft und ratlos ist. Aber vielleicht ist genau das die Botschaft eines weisen Mannes von 82 Jahren: dass das Leben zu bunt ist, um verstanden zu werden."

Weitere Artikel: In Australien und Neuseeland stellt Disney in absehbarer Zeit das Geschäft mit physischen Heimkino-Medien ein, berichtet der Standard: Dieses Beispiel werde der Marktentwicklung folgendd wohl auch in anderen Ländern bald Schule machen. Besprochen werden Ferit Karahans "Brother's Keeper" (Georg Seeßlen fühlt sich auf ZeitOnline "direkt an die Welt von Charles Dickens erinnert"), Sobo Swobodniks "Geschlechterkampf" (tazlerin Carolin Weidner beobachtet "eine große Wut in diesen neunzig Minuten"), Andrea Segres "Welcome Venice" ("das Ende dieses schönen Films, in dem es vorher nur selten etwas zu lachen gibt, ist ziemlich lustig", verspricht Lukas Foerster im Perlentaucher), Carine Tardieus "Im Herzen jung" ("Im Abgedroschenen liegt stets ein Moment Wahrheit", schreibt Lukas Foerster im Perlentaucher), ein neuer "Teenage Mutant Ninja Turtles"-Blockbuster (Standard), die Netflix-Serie "Heartstopper" (Tsp) und die Teenie-Serie "The Summer I Turned Pretty" (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.08.2023 - Film

Einen ziemlichen Bock hat die für Amazon produzierte, von Nitesh Tiwari inszenierte Bollywood-Komödie "Bawaal" geschossen, meldet Jannick Müller in der FAZ: Der Film handelt von der Europareise eines jungen Paares und "nutzt unter anderem die KZ-Gedenkstätte Auschwitz als Schauplatz. Hier stellt eine der Hauptfiguren fest: 'Jede Beziehung geht durch ihr eigenes Auschwitz.' Da man nie zufrieden sei mit dem, was man hat, meint die andere: 'Wir sind alle ein bisschen wie Hitler.' Im Trailer werden fiktive Kriegs- und sogar Gaskammerszenen gezeigt. 'Jede Liebesgeschichte hat ihren eigenen Krieg', heißt es dazu. ... Eine Drehgenehmigung für die Gedenkstätte brauchte er nicht, die Szenen wurden wohl digital rekonstruiert."

Außerdem: Gregor Dotzauer berichtet im Tagesspiegel vom Berliner Auftritt des malischen Filmessayisten Manthia Diawara, der in "AI: African Intelligence" unter Rückgriff auf den Kulturtheoretiker Édouard Glissant künstliche und afrikanische Intelligenz miteinander zu synthetisieren versucht. Die Agenturen melden, dass der junge Schauspieler Angus Cloud (bekannt aus der HBO-Serie "Euphoria") gestorben ist. Besprochen wird ein neuer Blockbuster der "Teenage Mutant Ninja Turtles"-Reihe (Filmdienst).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 31.07.2023 - Film

Bunte Plakata, schwarzweiße Filme: Die Retrospektive des Filmfests Loccarno (Collage: Filmfest Locarno)

Die von Olaf Möller kuratierte Retrospektive des Filmfestivals Locarno widmet sich in diesem Jahr dem populären Kino Mexikos der Dreißiger- bis Sechzigerjahre. Diesem fiel die Aufgabe zu, ein Land, in dem der Analphabetismus noch vorherrschte, kulturell zu einigen, schreibt Georg Seeßlen auf Zeit online. So entstanden "ganz eigene Geschichten, eigene Stilrichtungen, eigene Genres, die unvergleichlich sind und noch heute beim Sehen oder Wiedersehen das Herz jeder Cineastin und jedes Cineasten entflammen können: das Kino als populäre Kunst, die sich vor nichts fürchtet, nicht vor großen Gefühlen, nicht vor gewaltigem Blödsinn, nicht vor kindlichen Fantastereien, nicht vor Pathos und nicht vor Momenten der Wahrheit." Als Beispiel nennt Seeßlen unter anderen "Fernando de Fuentes und Roberto Gavaldón ('Días de otoño', 1963), die in ihren Melodramen stets auch nach einer 'mexikanischen Seele' suchten, zu der beides gehörte: eine magische, surreale und poetische Erregung und die harte Realität des Lebens in den wachsenden Städten und auf dem kargen Land. Es waren Filme wie 'Maria Candelaria', die das weiße und das indigene Mexiko zusammenbrachten."



Weitere Artikel: Das haben wir am Samstag vor lauter Martin Walser nicht berücksichtigt: Die Zeit hat Katja Nicodemus' Reportage aus Hongkong online nachgereicht, für die sie sich mit zahlreichen Filmschaffenden getroffen hat, die wachsenden Unmut über die Lage des Hongkong-Kinos unter Chinas Einflussnahme äußern. Andreas Scheiner zeigt in der NZZ mit Blick auf den großen Doppel-Streik in Hollywood sehr viel Verständnis für die Lage der Studios und nur sehr beiläufig solches für die Streikenden, denen er zwar auch keine Ausbeutung wünscht, ihnen aber schon eher vom Streik abrät, denn: "Realitätssinn gehört nicht zur Kernkompetenz eines Schauspielers." In der FAZ gratuliert Maria Wiesner dem Regisseur John N. Smith zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden Emanuele Crialeses "L'immensità" mit Penélope Cruz (Standard, mehr dazu hier), Taylor Sheridans Serie "Special Ops: Lioness" (Zeit) und die Netflix-Serie "Glamorous" (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.07.2023 - Film

Claudia Schwartz fordert im NZZ-Kommentar Gerechtigkeit für Kevin Spacey. In der FAZ gratuliert Andreas Kilb dem Dokumentarfilmer Ken Burns zum 70. Geburtstag. Besprochen werden Christopher Nolans "Oppenheimer" (Jungle World), der Netflix-Thriller "Paradise" mit Iris Berben (FR), die Disney-Gruselkomödie "Geistervilla" (Standard), die belgische Netflix-Serie "Rough Diamonds" (Presse) und die zweite Staffel der Amazon-Serie "Good Omes" (Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.07.2023 - Film

Reichsbürger sind Deppen: Das ZDF bestätigt, was jeder weiß (ZDF)

Mit der Mini-Serie "Freiheit ist das Einzigste, was zählt" nimmt das ZDF die Reichsbürgerszene satirisch aufs Korn. Matthias Dell von ZeitOnline findet das Resultat alles andere als überzeugend: "Schon künstlerisch ist die gewählte Form der Satire eine Herausforderung, wenn nicht schlicht das falsche Mittel - wie will man Leute überzeichnen, deren eigene Performance schon pure Überzeichnung ist? Und vor allem: wozu? Was weiß man, wenn man weiß, dass Leute, die als Deppen gelten, Deppen sind? ... Man sieht einer Gruppe großer Schauspielnamen dabei zu, wie sie durchaus mit Lust am Ausziehen, Dämlich- und Krasssein auf Reichsbürger macht."

Kevin Spacey wird wohl auch nach seinem mittlerweile zweiten Freispruch keine guten Rollen in Hollywood mehr bekommen, meint Claudius Seidl im FAZ-Kommentar und zwar schon auch, "weil sie alle damit zugäben, wie hysterisch, heuchlerisch und opportunistisch sie gehandelt haben, damals, als MeToo völlig zu Recht ganz Hollywood erschütterte und verunsicherte, was trotzdem kein Grund war, jeden, der bezichtigt wurde, sofort auch als schuldig zu betrachten." Christiane Peitz verteidigt im Tagesspiegel-Kommentar die Unschuldsvermutung, die allerdings auch für jene gelten muss, die Spacey der Übergriffe bezichtigt haben: "Gefühle, Begierden, Einsamkeit, Sex, Gewalt, es gibt eine klare Grenze, aber manchmal ist sie unfassbar schwer auszumachen. Weil Erinnerungen lange zurückliegen, Alkohol im Spiel war, Erlebnisse unterschiedlich und traumatisierend wahrgenommen werden, handelt es sich jedoch noch lange nicht um Lügen. Weder von der einen, noch von der anderen Seite." In der NZZ fasst Marion Löhndorf den Prozess zusammen.

Rüdiger Sturm bringt in der Welt Zahlen, Hintergründe und Updates zum großen Hollywoodstreik. Noch haben die Drehbuchautoren und Schauspieler das Momentum für sich, aber die Studios könnten laut Aussagen eines Produzenten auch einfach auf Zeit spielen: Denn ab Ende Oktober "seien die finanziellen Ressourcen der meisten Gewerkschaftsmitglieder so erschöpft, dass diese sich von der APTMP die Bedingungen diktieren lassen würden. ... Der Leidensdruck, weil aktuell keine Drehbücher akquiriert werden können, hält sich in Grenzen. Denn die Firmen sitzen auf Bergen unverfilmter Skripts und fertiger Produkte. ... Hinzu kommt noch ein anderes Motiv: 'Die Studios nutzen das, um bei sich aufzuräumen', so der ungenannte Produzent. 'Nach drei Monaten Streik können sie langfristig Verträge wegen höherer Gewalt auflösen. Du kannst alle loswerden, die du loswerden wolltest.'"

Weiteres: David Steinitz schreibt in der SZ einen Nachruf auf den Drehbuchautor Bo Goldman. Besprochen werden Danny und Michael Philippous Horrorfilm "Talk to Me" (Tsp, FR), Ferit Karahans Internatsdrama "Brother's Keeper" (SZ), eine BluRay-Box mit Filmen von Jean-Paul Belmondo (Intellectures) und der deutsche, auf Netflix gezeigte Science-Fiction-Film "Paradise" mit Iris Berben (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.07.2023 - Film

Farben und Eis in einer Welt, die Nonkonformismus nicht vorsieht: "L'Immensità"

Die Filmkritik findet sich versammelt bei Emanuele Crialeses "L'immensità" ein: Der Film "erzählt von einer Frau, die sich aus ihrem Unglück ins Exzentrische rettet", schreibt Olga Baruk im Perlentaucher. "Wir sind im Rom der 1970er, überall Muster und Farben, die Lidstriche sind dick, die Frisuren voluminös und die Schlaghose eng anliegend. In dieser Zeit der äußeren Freizügigkeit lebt es sich im katholischen Italien allerdings nicht groß anders als zuvor, und Clara (Penélope Cruz), die gut situierte Mutter dreier Kinder, wird von ihrem Ehemann betrogen und misshandelt. Der Mann - wer sonst - hat hier das Sagen, also was bleibt Clara übrig, als ihn zu ertragen?" Penélope Cruz verkörpert als Clara "die dunkle Seite all dessen, was das italienische Kino der Sechziger- und Siebzigerjahre als Frauenbild feierte", schreibt Susan Vahabzadeh in der SZ: "Sie lebt auch jenen Teil, den man dort nie sieht - eine spanische Sophia Loren mitten in Rom, sozusagen. Nur ohne deren Triumphe."

Trotz sommerlicher Farben "wirken die patinierten Erinnerungen an die 1970er Jahre alles andere als sehnsuchtsvoll", schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel: "Es gibt keinen Raum für Nonkonformismus, der katholische Glaube ist tief in den Familien verankert", woran denn auch das Drama des Kindes entbrennt, das als Mädchen ein Junge sein will - eine Spiegelung der Lebensumstände des Regisseurs: "Dabei spiegelt sich das Unbehagen und die Verzweiflung im Gesicht der beeindruckenden Debütantin Luana Giuliani. Mit seiner klaustrophobischen, fast erstickenden Atmosphäre erinnert das häusliche Drama 'L'immensità' an die Melodramen eines Douglas Sirk - nur dass bei Crialese der bürgerliche Puritanismus immer wieder Transzendenz in der Kino-Erzählung sucht." Tazlerin Carolin Weidner beobachtet "eine sehr locker arrangierte Studie familiärer Dysfunktion", doch "die Einladung, in dieses emotional-ambivalente Gefüge einzutreten, gelingt nur bedingt, die vielen gesetzten Tupfen verbinden sich schwerlich zu einem konzisen Eindruck." Weitere Besprechungen in FAZ und FR.

Julia Lorenz findet auf ZeitOnline Johanna Adorjans Ärger über "Barbie" (unser Resümee) "erstaunlich. Als hätte man etwas anderes erwartet, als gäbe es etwas zu enttarnen an einem Blockbuster, der auch als solcher vermarktet wird. ... Wer in 'Barbie' nun den Sieg des Kapitalismus über die gute Sache sieht, verkennt das uralte Problem des Popfeminismus: Jeder Versuch, Pop etwas Revolutionäres abzuringen oder Subversives massentauglich zu gestalten, muss den eigenen Ausverkauf mitbedingen."

Außerdem: Lukas Foerster schwärmt im Perlentaucher vom "Terza Visione"-Festival, das vergangene Woche in Frankfurt stattgefunden hat und Streifzüge durch die Geschichte des italienischen Genrefilms unternommen hat. Christiane Peitz findet im Tagesspiegel, dass das Land Berlin der (vom Bund finanzierten) Berlinale ja wohl mit ein, zwei Milliönchen aushelfen sollte, um das Budgetniveau des zuletzt von Sparzwängen geschüttelten Festivals zu halten - schließlich bringe es auch an die 100 Millionen Euro Umsatz in die Stadt. Andreas Scheiner spekuliert in der NZZ darüber, was die Multimilliardärin Maja Hoffmann als neue Geschäftsführerin des Locarno Filmfestivals alles planen könnte. Patrick Holzapfel befasst sich im Filmdienst mit der Krise der Liebesdarstellungen im Kino. Welt-Kritiker Hanns-Georg Rodek glaubt nicht, dass Kevin Spacey nach einem weiteren Freispruch nun wieder Rollen in Hollywood angeboten bekommt: "Die Macht der sozialen Netzwerke hat eine Rehabilitierung fast unmöglich gemacht."  Hollywood-Blockbuster werden visuell immer dunkler und klanglich immer schwieriger zu verstehen, beobachtet Susanne Gottlieb im Standard.

Besprochen werden Ferit Karahans "Brother's Keeper" (taz), Danny und Michael Philippous Horrorfilm "Talk to Me" (FAZ, SZ), Ben Lewins "Verrückt nach Figaro" (Filmdienst), Justin Simiens Horrorkomödie "Geistervilla" (Filmdienst), Boris Kunz' deutscher, auf Netflix gezeigter Science-Fiction-Film "Paradise" (SZ) und die Heimkino-Ausgabe des philippinischen Horrorfilms "The Entity" von Erik Matti (Filmdienst). Außerdem informiert die SZ, welche Filme sich in dieser Woche lohnen und welche nicht.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.07.2023 - Film

"Der im Vorfeld befürchtete Exodus von US-Filmen hat letztlich nicht stattgefunden", kommentiert Valerie Dirk im Standard unter den Eindrücken des aktuellen Doppel-Streiks in Hollywood das gestern bekannt gegebene Programm von Venedig, mit dem das Festival am Lido seinen 80. Jahrgang feiert. Die Namen sind schon mal sehr dekorativ: "Mit Sofia Coppola, David Fincher, Ava DuVernay, Bradley Cooper (über Leonard Bernstein) und Michael Mann (mit seinem Ferrari-Biopic 'Enzo') ist die amerikanische Filmindustrie sogar so stark wie lange nicht mehr in der Konkurrenz um den Goldenen Löwen vertreten", schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel. "Dass Venedig sich aber auch in puncto Arthousekino von Cannes nicht den Schneid aufkommen lässt, zeigen die Nominierungen der neuen Filme von Giorgos Lanthimos mit Emma Stone, Mark Ruffalo und Willem Dafoe und Pablo Larraín über einen vampirischen Augusto Pinochet. Bleibt nur die Frage, ob bis zur Eröffnung am 30. August die Streiks beigelegt sind. Sonst wird das Festival, wie schon zur Pandemie-Edition 2020, eine rein europäische Angelegenheit. Angesicht des Jubiläums eine traurige Aussicht." Felicitas Kleiner vom Filmdienst könnte es verschmerzen: "So wichtig das Schaulaufen ist, das Gesicht eines Festivaljahrgangs enthüllt sich nicht im Blitzlichtgewitter der Fotografen, sondern im dunklen Kinosaal."

Tazlerin Valérie Catil lässt sich keinen Bären und erst recht keine Barbie aufbinden: "Barbie" (unsere Kritik) rettet das Kino und den Feminismus obendrein? Denkste! "Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall: 'Barbie' wird dazu führen, dass der Kinosarg noch früher zugenagelt wird. Der Film hat zwar ein paar lustige Momente und kluge Gedanken, die einen erfreuen könnten, wenn man sich nicht sofort darüber klar würde, dass das Skript von Mattel abgesegnet ist. 'Barbie' zeigt, dass Produktfilme eine absurde Popularität erlangen und die Handlung dafür vernachlässigt werden kann. Dass sich die Regisseurin Greta Gerwig, die einst der Indie-Bubble angehörte, für diesen Film verkaufte, hinterlässt einen bitteren Beigeschmack. Alles Antikapitalistische, alles Feministische, alles Konsumkritische von irgendeinem Mattel-Image-Heini genehmigt, weil seine Marktanalyse ergab, dass genau das von den Konsument*innen dankend verschlungen wird."

Außerdem: Indische Hinduisten protestieren gegen eine Sexszene in Christopher Nolans "Oppenheimer", in der aus der Bhagavad Gita vorgelesen wird, berichtet David Steinitz in der SZ unter Berufung auf den Guardian. FAZ-Kritikerin Sandra Kegel treibt sich mit Ruben Östlunds Cannes-Gewinner "Triangle of Sadness" (unsere Kritik) die Lust auf Kreuzfahrten aus. Besprochen werden Danny und Michael Philippous Horrorfilm "Talk to Me" (taz), der Disney-Kinofilm "Geistervilla" (Tsp), das auf Disney+ gezeigte Comeback von "Futurama" (ZeitOnline) und die Disney-Serie "Große Erwartungen" nach Charles Dickens (TA).