Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Bühne

3730 Presseschau-Absätze - Seite 60 von 373

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.06.2024 - Bühne

Szene aus "Dreigroschenoper". Foto: Thomas Aurin

"Großartig, geradezu überwältigend", schwärmt Jakob Hayner in der Welt von der "Dreigroschenoper", die der Verein AufBruch unter der Regie von Peter Atanassow mit Häftlingen der JVA Tegel auf die Bühne gebracht hat. In ihrer "rauen Schönheit" besticht die Inszenierung noch mehr als jüngste Varianten von Wilson, Kosky oder Ostermeier, lobt der Kritiker: "Das Bühnenbild von Holger Syrbe bietet mit seinen zahlreichen Türen und Treppen viele Möglichkeiten für spektakuläre Auftritte, die für Operettenatmosphäre sorgen. Die aufgemalten Fassaden mit ihren unvergitterten Fenstern und Feuertreppen schaffen einen deutlichen Kontrast zur baulichen Umgebung. Für das Hurenhaus, in dem Mackie Messer regelmäßig absteigt, werfen sich die harten Jungs aus dem Knast in feine Frauenkleider - Kostüme: Anne Schartmann -, kräftige Männerarme mit Tätowierungen ragen unter Rüschen hervor. Das Publikum jubelt. Plötzlich ist man in der unglaublichsten Travestieshow Berlins gelandet, Röcke werden gehoben, Beine geschwungen. Die entfesselte Spielfreude der Darsteller ist kaum zu bremsen."

Weitere Artikel: Im Standard porträtiert Stefanie Ruep die Schauspieler Philipp Hochmair und Deleila Piasko, die bei den diesjährigen Salzburger Festspielen den Jedermann und die Buhlschaft in der Inszenierung des kanadischen Regisseurs Robert Carsen geben werden. Auf Zeit Online versucht Tobi Müller dem Erfolg der Blue Man Group auf die Spur zu kommen. Nachtkritiker Michael Wolf plädiert dafür, alte Inszenierungen wiederzubeleben.

Besprochen werden die Ausstellung "Imaginarium. Eine Ausstellung des Theaters der Brüder Forman und ihrer Freunde" in der Grimmwelt Kassel, ein Tanzabend an der Staatsoperette Dresden, bei dem Jörn-Felix Alt das Brecht & Weill-Stück "Todsünden" und Sebastian Weber das Stück "100 Leidenschaften" aufführten (FAZ) und Corinna von Rads Inszenierung "Hotel Savoy oder Ich hol' dir vom Himmel das Blau" nach Joseph Roth am Schauspiel Stuttgart (nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.06.2024 - Bühne

Szene aus "Nixon in China" an der Deutschen Oper Berlin. Foto: Thomas Aurin.

SZ-Kritiker Wolfgang Schreiber weiß bei der Oper "Nixon in China", die das Regie-Kollektiv "Hauen und Stechen" an der Deutschen Oper Berlin inszeniert hat, gar nicht wo er zuerst hinschauen soll. Das Werk von John Adams über Richard Nixons Besuch bei Mao Zedong im Jahr 1972 - ein Ereignis, das weltweit enorme Medienaufmerksamkeit bekam - wird ihm hier als "knallbunt satirisch-utopisches Spektakel" dargeboten. Ein bisschen viel ist das schon, es lohnt aber die Anstrengung, findet Schreiber: "Die Bühne ist beängstigend vollgefüllt - mit stählerner Showtreppe für die stets Auf- und Absteigenden, mit einem Glaskubus für die Lachnummer der dort jäh nass Geduschten, mit echtem Traktor und Luxusdienstwagen, mit einer enorm farbenprächtigen und lustigen Personendichte. Die einzige Botschaft zielt auf die utopisch prekäre Zeitgeschichte als Trash- und Medienspektakel und politische Mythenbildung. Nixons und Maos Arien, Pat Nixons lyrische Auflehnung und Chou En-lays Vision vom weltumspannenden Frieden, perfekte Chorensembles, es sind die gesetzten Höhepunkte."

Clemens Haustein ist in der FAZ enttäuscht: Durch die visuelle Reizüberflutung wird "John Adams' Musik zum bloßen Soundtrack degradiert." Im Tagesspiegel wirkt Eleonore Büning hingegen entzückt. Eine moderne "Grand-Opéra" kann sie hier sehen und hören: "Und die rhythmisch vorwärts treibenden Minimal-Muster, saftig romantisch instrumentiert, wirken geradezu evergreenartig: Nicht mehr provozierend naiv, vielmehr direkt ins Sonnengeflecht greifend, was vom Orchester der Deutschen Oper Berlin unter Leitung von Daniel Carter herrlich dynamisch realisiert wird."

In Backstage Classical erklärt der Architekt Stephan Braunfels, dass es schon längst ein neues Konzerthaus in München geben könnte, wenn die Realisierung nicht  durch politische Fehlentscheidungen und Vetternwirtschaft verhindert worden wäre. Er selbst lieferte einen frühen Entwurf für den Standort "Marstall", den er immer noch favorisiert: "Kurt Faltlhauser fand damals schon die von mir veranschlagten 100 Millionen für den Saal am Marstall viel zu teuer. Das Grundstück gehört im Gegensatz zum Pfanni-Gelände dem Staat, hätte also gar nichts gekostet. Der Saal mit 1.800 Plätzen hätte 2010, spätestens 2015 stehen können, Mariss Jansons hätte ihn eröffnen können. Der wunderbare Saal der königlichen Hofreitschule könnte ein würdiges Festfoyer sein und der akustisch vielleicht beste Saal überhaupt - das KKL in Luzern, hätte 1:1 dahinter nachgebaut werden können."

Auch in der SZ schreibt Gerhard Matzig zum Thema und erklärt, was sogenannte "Totalunternehmen" sind. An ein solches wurde das Konzerthaus-Projekt nun übergeben: Sie übernehmen bei der Realisierung eines Gebäudes alle Schritte, von der Planung bis zum Bau. Eine gute Idee oder Ikea? Matzig ist zwiegespalten: "Ein Problem: Der TU kontrolliert sich selbst. Architekten als gesetzlich legitimierte Kontrollinstanz entfallen, da die Architekten zum TU gehören und somit weisungsgebunden nicht das Anliegen des Bauherren, sondern im Zweifel des Unternehmens vertreten. Die Architektur befindet sich aber auch sonst in der Defensive: Wenn der TU die Architektur zum Festpreis anbietet, ist alles, was er beim Planen und Bauen einspart, sein Gewinn. Häuser so vorhersehbar und ökonomisch wie Billy-Regale zu produzieren: Das könnte eine Folge sein."

Weiteres: nachtkritikerin Esther Slevogt besucht die Ausstellung "Prinzip Held*" in Berlin-Gatow, ein Forschungsprojekt zum "Heroismus", deren Ergebnisse von der deutschen Künstlergruppe Rimini Protokoll inszeniert wurden. Besprochen werden Corinna von Rads Inszenierung der Operette "Hotel Savoy oder Ich hol' dir vom Himmel das Blau" nach der Romanvorlage von Joseph Roth am Schauspiel (nachtkritik, SZ), Hofesh Shechters Choreographie "Anthology" Gauthier Dance im Stuttgarter Theaterhaus (FR), Michael Schachermaier von Brechts "Dreigroschenoper" bei den Bad Hersfelder Festspielen (FR), Tony Rizzis Tanz-Solo "Shows You (Maybe) Missed" im Gallustheater Frankfurt (FR), Lukasz Twarkowskis Inszenierung des Stücks "Rohtko" bei den Wiener Festwochen (taz), Maya Arad Yasur und Sapir Hellers Performance "Wie man nach einem Massaker humanistisch bleibt in 17 Schritten" am Maxim-Gorki-Theater in Berlin (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.06.2024 - Bühne

Szene aus "Als die Götter Menschen waren", inszeniert von FX Mayr am Deutschen Theater Berlin. Foto: Maximilian Borchardt


In der taz unterhält sich Andreas Fanizadeh mit dem österreichisch-iranischen Autor Amir Gudarzi über dessen Stück "Als die Götter Menschen waren", das gerade bei den Autorentagen am Deutschen Theater in Berlin aufgeführt wurde. Er greift darin "einen alten mesopotamischen Mythos auf, in welchem die Götter zunächst noch arbeiten mussten und sich deswegen die Menschen erschufen. Diese ließen sie dann für sich arbeiten. Es ist ein bisschen ein Spiel damit. ... Mich hat interessiert, was vor den antiken und religiösen Mythen schon an Erzählungen vorhanden war. Das Gilgamensch-Epos hat sich in manchem an das Atraḫasis-Epos angelehnt, das Alte Testament wiederum an die beiden. Es gab in dieser Weltregion im Nahen Osten viel mehr Austausch mit Europa, als man lange annahm. Nationale Grenzen existierten nicht, die Menschheitsgeschichte wurde stark als ein Ganzes wahrgenommen." Außerdem geht es im Interview um das Leben in Österreich, in dass Gudarzi 2009 floh, die Sexualmoral der Islamisten und das Theater im Iran, das heute "so gut wie tot" sei.

Gabi Hift resümiert in der nachtkritik die Wiener Festwochen, die 2024 den ganz großen Aufstand probten. Man konnte an Milo Raus Konzept viel kritisieren, findet sie. Und doch: "Diese fünf Wochen haben keine Lösung präsentiert, aber sie haben erstaunlich viele Menschen im saturierten Wien aus ihrer Erstarrung aufgeweckt. Die fast unerträgliche Unzufriedenheit mit der eigenen Hilflosigkeit, mit der alle zurückbleiben - in gewisser Weise GEMEINSAM zurückbleiben -, war auf jeden Fall alles Geld und alle Mühe wert und das Experiment der Wiener Republik ein Erfolg."

Weitere Artikel: In der FR stellt Peter Iden Aristophanes' Komödie "Vögel" vor. Michael Laages berichtet in der nachtkritik von der "Langen Nacht" der Autorentage 2024 am Deutschen Theater Berlin.

Besprochen werden Caroline Peters Solo in Maja Zades "Spinne" (ein "Ereignis der effektiven Schauspielkunst", schwärmt Ulrich Seidler in der BlZ, und auch nachtkritiker Christian Rakow meint: "Man darf das nicht verpassen!" obwohl ihm das Stück eine Spur zu selbstgefällig links ist. Aber "eine Erzählerin wie Peters mit ihrem offenen Visier und ihrem feinen Sinn für die Absonderlichkeiten des Alltags ist wahrlich selten, selbst in Berlin"), Penelope Wehrlis performative Installation "Anatomorphosen" im Garten des Dock 11 Eden in Berlin-Pankow (Tsp) und Ronny Jakubaschks Puppentheater "Gulliver im Land der Riesen" im Neuen Theater Halle (nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.06.2024 - Bühne

Im Schauspielhaus Hamburg lässt sich Jens Fischer für die taz vom Vulgärfeminismus zum Lachen, aber nicht unbedingt zu einer tieferen Analyse bringen. "Die Schattenpräsidentinnen oder: Hinter jedem großen Idioten gibt es sieben Frauen, die versuchen, ihn am Leben zu halten" von Selina Fillinger handelt von den Frauen im Leben des amerikanischen Präsidenten und ihr (bereitwilligen) Unterdrückung, er selbst tritt nie in Erscheinung: "Der Einstieg mit vollem Karacho macht gleich Glanz und Problem der Umsetzung deutlich. Wer in rasendem Sprechtempo mit bissig-bösem Pointen, vulgären Ausrastern, rüder Zickigkeit, puffärmeliger Comicpuppenlustigkeit, betonierten Turmfrisuren und schrillschraubig hochgetunten Klischees einsteigt, hat sofort die Sitcom-Lacher auf seiner Seite. Steigerungsmöglichkeiten fehlen jedoch. So versucht Regisseurin Claudia Bauer mit gutem Timing das Energie-Level hochzuhalten. Dazu werden noch Gags addiert. Die einzelnen Szenen werden wie Runden beim Boxen angekündigt: Statt in feministischer Solidarität miteinander, wird gegeneinander agiert, zumindest verbal. Die Auseinandersetzungen kommen als rein äußerliche Virtuosennummern daher, was den Abend trubelig bewegt, aber nicht lebendig macht."

Besprochen werden: "Shout Aloud" von der Yasmeen Godder Company am Schauspiel Frankfurt (FR) und "Gulliver im Land der Riesen" von Ronny Jakubaschk am Neuen Theater Halle (Nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.06.2024 - Bühne

Sehr zufrieden resümiert Nachtkritikerin Gabi Hift die Wiener Festwochen, erstmals unter der Leitung von Milo Rau, der unter anderem eine Freie Republik Wien und die Gründung der Räterepublik ausrief. Das Scheitern war stets einkalkuliert, so klagte sich Rau im letzten seiner Wiener Prozesse mit dem Titel "Die Heuchelei der Gutmeinenden" gar selbst an: "Stellvertretend für die Festwochen lässt er sich für den Missbrauch von Fördergeldern zur Rechenschaft ziehen. (...) 'So', wie es gerade fünf Wochen lang praktiziert worden sei, könne man weder wirklich eine Revolution machen noch sei das Kunst - das Geld dafür sei verschwendet. Damit sind freilich wir alle gemeint: Schaffen wir, die versammelten Bürger*innen, es nicht, die Demokratie zu retten, so wie wir es bisher versuchen? ( ...) Die Jury sprach Milo Rau und damit alle Anwesenden frei. Und tatsächlich gibt die Macht, mit der die Frage: 'Aber was dann?' im Raum stand, ihr Recht: Diese fünf Wochen haben keine Lösung präsentiert, aber sie haben erstaunlich viele Menschen im saturierten Wien aus ihrer Erstarrung aufgeweckt."



Derweil zürnt FAZ-Kritiker Reinhard Kager: Barrie Kosky hat Mozarts "Cosi fan Tutte" an der Wiener Staatsoper ziemlich vergeigt, meint er: "Kosky will die 'Così' als experimentelles Spiel auf einer Theaterprobe zeigen und verheddert sich dabei in der komplexen Handlungsstruktur Lorenzo da Pontes. Da wird geturnt, gehüpft, gehampelt, was das Zeug hält, doch dabei entgleitet der Kern des Stücks, die sexistische Intrige, mit der die drei Männer die beiden Frauen in die Irre führen. Auch wenn diese bei Kosky teilweise um deren Perfidie wissen, wird nur in wenigen Szenen klar, wann sie Theater spielen und wann sie echte Emotionen empfinden. Die Grenzen zwischen Bühnengeschehen und Realität bleiben bei Kosky völlig unscharf. So landet seine gedankenlose Produktion in ärgerlich harmlosem Ulk. Nicht minder problematisch ist die musikalische Wiedergabe. Philippe Jordan am Pult des Orchesters der Wiener Staatsoper gelingt das Paradox, sehr flott zu dirigieren und dennoch Langeweile zu verbreiten..."

In der FAZ gratuliert Gerhard Stadelmaier der "zart grandiosen Schau- und Geisterspielerin" Ilse Ritter zum Achtzigsten, in der SZ schreibt der Dramaturg Hermann Beil. Zeit Online meldet, dass der Direktor, Regisseur und Schauspieler Gerhard Klingenberg im Alter von 95 Jahren gestorben ist.

Besprochen wird Moritz Nikolaus Kochs Inszenierung von Rocko Schamonis "Dorfpunks" am Schleswig-Holsteinischen Landestheaters (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.06.2024 - Bühne

Drei Swingle Sisters an der Oper Köln: INES - Olga Siemieńczuk,
Tara Khozein, Alina König Rannenberg © Matthias Jung

Avantgardistisches präsentiert die Oper Köln: Ondřej Adámeks "INES" verlegt den Orpheus-Mythos in die postnukleare Einöde. Gleich zu Beginn wird das Publikum mit Stimmengewirr aus dem Off aus dem Konzept gebracht, auch danach wird viel gestottert und gezischt. Rainer Nonnenmann zeigt sich in der nmz durchaus beeindruckt: "Chor und Orchester beschränken sich zunächst auf untergründiges Pochen, Tinnitus-artiges Pfeifen und die galoppierenden Punktierungen aus Monteverdis berühmter Toccata-Ouvertüre als nervösem Leitmotiv. Weil der Apokalypse künstlerisch ohnehin nicht beizukommen ist, wenden sie Partitur, Text und Inszenierung ins Absurde. Statt wirklich zu überfallen, deutet ein Schlagzeuggewitter die Kernexplosion nur an. Und die kunstvoll verwobenen Partien der drei Eurydike-Doppelgängerinnen (Olga Siemieńczuk, Tara Khozein, Alina König Rannenberg) singen als 'Girls from Hiroshima' kein pathetisches Lamento über den Atombombenabruf 1945, sondern liefern als kesse Swingle-Sisters mit übertrieben 'strahlendem' Grinsen im Gesicht eine jazzige Showeinlage. Wo Tragödie versagt, hilft Groteske."

Patrick Bahners erkennt in dem Spektakel in der FAZ hingegen lediglich ein "Experiment, dem gar keine Hypothese über das Schicksal der Gattung oder die Macht der Musik zugrunde liegt. In Vertretung Roths präpariert Adámek die Beflissenheit seines Werkes heraus, ein klassifikatorisches Klein-Klein, in dem der Unterschied von Lebendigem und Totem verloren gegangen ist. Die ungerührt durchgehaltene Überdeutlichkeit ermüdet und verstimmt. Der Wechsel zwischen Sprechgesang und diatonischen Choralrezitativen bei viel Arbeit fürs Schlagwerk ruft den bösen Gedanken hervor, dass die Menschheit für den atomaren Höllentrip in einem Purgatorium der Orff-Pädagogik büßen muss."

Außerdem: Die Wiener Staatsoper eröffnet im Herbst "Nest", eine neue Spielstätte für junge und experimentelle Produktionen, berichtet Ljubiša Tošić im Standard. Axel Brüggemann unterhält sich auf Backstage Classical mit Katharina Wagner über die neue Struktur der Bayreuther Festspiele und mehr.

Besprochen werden Buhle Ngabas "Bling!" auf den Wiener Festwochen (Standard) Alexander Zemlinskys Oper "Der Kreidekreis" am Staatstheater Karlsruhe (FR) und Bedřich Smetanas Oper "Libuše" auf einem Festival dem Komponisten gewidmeten Festival im tschechischen Litomyšl (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.06.2024 - Bühne

Szene aus "La juive". Foto: Monika Rittershaus.

Was für eine Musik! FAZ-Kritiker Jan Brachmann findet alles gut an Tatjana Gürbacas Inszenierung von Fromental Halévys Oper "La Juive", die im Moment an der Oper Frankfurt zu sehen ist. Die 1835 uraufgeführte Oper gilt als die erste, die das Thema Antisemitismus auf die Bühne brachte - eine Zeit lang wurde sie sehr häufig gespielt, von 1936 bis heute dann fast gar nicht mehr, so Brachmann. Musikalisch ist das Ganze ein einziger Triumph, jubelt er, und hebt vor allem den von Tilman Michael geleiteten Chor hervor: "Er betet das katholische 'Te Deum', dass der Gesang selbst zum Gewölbe wird; er singt die jüdischen Pessach-Gebete in geheimnisvoller Zurücknahme, die nichts als verinnerlichte Unterdrückung ist; er raunt hinter den Solisten, die dadurch noch greller aufscheinen können; und er geifert, hetzt und bellt als christliche Bürgerschaft dem Juden Éléazar und dessen Ziehtochter Rachel hinterher wie Hunde bei der Fuchsjagd: die Stadt als Meute."

Auch Judith von Sternburg kann in der FR nur applaudieren. Toll auch, wie sich die beiden Hauptfiguren ergänzen: "Vater und Tochter sind ein gutes Team, vergnügt, zivil: Ambur Braid, Frankfurts Salome, ist eine der ausdrucksvollsten Sängerdarstellerinnen weit und breit, hochexpressiv auch ihr Sopran, dem die Finesse dabei nie abhandenkommt. John Osborn als Gast - und als Einziger im Solistenensemble schon rollenerfahren - steht ihr an natürlicher Lebhaftigkeit nicht nach. Als Tenor hat er unerschöpfliche Kraftreserven, ein fein abgedunkeltes Timbre bei mühelosen Höhen."

Weitere Artikel: Der bayerische Kulturstaatsminister Markus Blume hat nach langen Verhandlungen die Verträge von Serge Dorny als Intendant der Bayerischen Staatsoper und Vladimir Jurowski als Generalmusikdirektor verlängert (unser Resümee). Eine "richtige wie alternativlose" Entscheidung, findet Egberth Tholl in der SZ. Axel Brüggemann schreibt hingegen bei Backstage Classical, Blume habe sich hier "dilettantisch verzockt". Denn die Probleme der Belegschaft mit Dorny waren schon lange bekannt. Wäre er entlassen worden, "hätte sich Blume langfristig nach neuem Personal umschauen müssen. Zeit genug hatte er! Blume hat das schlichtweg verpennt."

Besprochen werden Michael Webers Inszenierung von Julien Greens "Der Feind" in der Naxoshalle Frankfurt (FR), Alexei Ratmanskys Choreografie "zu Strawinskys "Le Baiser de la Fée" an der Sinfonie in Amsterdam (FAZ) und Barrie Koskys Inszenierung von Mozarts "Così fan tutte" an der Wiener Staatsoper (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.06.2024 - Bühne

In der FAZ bewundert Lotte Thaler die tolle Gesangsleistung der litauischen Sängerin Aušrinė Stundytė in Richard Brunels Inszenierung von Leoš Janáčeks Oper "Die Sache Makropoulos" an der Oper Lyon. In der NZZ teilt Bernd Noack seine Eindrücke von den Wiener Festwochen unter der Intendanz von Milo Rau. Jens Fischer besucht für die taz das Festival Theaterformen in Braunschweig.

Besprochen werden Ulrich Cyrans Inszenierung von Franz Wittenbrinks Revue "Sekretärinnen" bei den Burgfestspielen Bad Vilbel (FR), Eva Lemaires Inszenierung von Susanne Becks und Thomas Eiflers Stück "Heimatlos auf hoher See. Die Irrfahrt der St. Louis" an der Landesbühne Esslingen (nachtkritik), Aline Bosselmanns Adaption "Mein Blutbuch" nach dem Roman von Kim de l'Horizon am Theater Essen (nachtkritik), Wolfgang Michaleks Adaption von Ottfried Preußlers Roman "Krabat" am Staatstheater Cottbus (nachtkritik), Christian Weises Inszenierung von Bertolt Brechts "Dreigroschenoper" am Nationaltheater Mannheim (nachtkritik), Andreas Kriegenburgs Inszenierung von Shakespeares "Timon von Athen" am Theater Magdeburg (FAZ), Marco Damghanis Inszenierung von Juri Sternburgs Stück "Endgame" am Gorki-Theater Berlin (tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.06.2024 - Bühne

In "Bilder und Zeiten" (FAZ) imaginiert der Philosoph Dieter Thomä Kleists Theaterfigur des Prinzen von Homburg, der seine Erfahrungen mit dem "Verschiebebahnhof der Verantwortungen" auf den Nahostkonflikt anwendet: "Die Strategien, die damals zu meiner Verteidigung und zu meiner Verurteilung aufgeboten wurden, gehen weit auseinander. Die erste setzt auf Fremdbestimmung, Verschiebung von Verantwortung, Kausalität, Passivität. Die zweite betont Selbstbestimmung, Eigenverantwortung, Freiheit, Heroismus. In den letzten Monaten habe ich mich nun ausgiebig informiert und offene Briefe und Kommentare gelesen, die sich mit dem Anschlag vom 7. Oktober und dem Einmarsch in Gaza befassen. Für mich war das ein Déjà-vu. Die Strategien, die in meinem Fall angewandt wurden, kommen mit einigen interessanten Änderungen abermals zum Einsatz."

Besprochen werden Enad Maroufs Tanzperformance "Hundstage" in den Berliner Sophiensälen (Tsp), Andreas Kriegenburgs Inszenierung von Shakespeares "Timon von Athen" am Theater Magdeburg (nachtkritik), Mateja Mededs autofiktionaler Monolog "Fotzenschleimpower gegen Raubtierkaputtalismus" bei den Wiener Festwochen (nachtkritik), die Performance "El 9: Las Noches de las Reinas" von La Fleur auf Kampnagel Hamburg (nachtkritik) und Lukas Bärfuss' Anverwandlung von Caldérons Mysterienspiel "El gran teatro del mundo" auf dem Klosterplatz Einsiedeln (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.06.2024 - Bühne

Foto: Rafaela Pröll.

Der Intendant der Wiener Festwochen, Milo Rau, stellt im Rahmen der "Wiener Prozesse" an diesem Wochenende "Die Heuchelei der Gutmeinenden" vor Gericht, der Standard tickert die Prozesstage: "Dabei werden unter anderem diese Fragen behandelt: Kein Platz für Palästina-Solidarität? Oder kein Platz für Antisemitismus? Dabei wird es auch um Kultur gehen, die in diesem Bereich besonders aktive Kampagne BDS unterstützt viele Pro-Palästina-Aktionen. Einer der Unterstützer wird auch beim Prozess aussagen." Karl Fluch fasst vor Beginn noch einmal zusammen: "BDS ist in der britischen Popmusik besonders aktiv: Elvis Costello, Jarvis Cocker, Robert Wyatt, Massive Attack, Portishead, Billy Bragg und hunderte andere stehen auf ihrer Seite. Die Unterstützung reicht von nebenbei geleisteten Unterschriften bis zur Rechtsaußen-Agitation des Pink-Floyd-Gründers Roger Waters, dazwischen stehen Popgranden wie Brian Eno. Das sind nicht alles Antisemiten, deren Nähe scheint vielen aber nichts auszumachen. Und BDS übt Druck aus."

Judith von Sternburg interviewt in der FR die Regisseurin Tatjana Gürbaca, die gerade an der Oper Frankfurt Fromental Halévys "La Juive" inszeniert, eine Geschichte um eine jüdische Familie, die zur Zeit des Konstanzer Konzils wegen Ketzerei hingerichtet werden soll, zur Frage der Aktualität der Oper: "Es muss immer eine Offenheit geben, dass das Publikum es über viele Zeiten hinweg lesen kann. 'La Juive' ist ein gutes Beispiel, weil Hálevy es aus seiner Zeit heraus gedacht hat, aber in die Zeit des Konstanzer Konzils 1414 verlegt. Er sagt: Es ist weit von uns entfernt, es ist total aktuell. (…) Ich glaube, dass die Oper eine Schule des Humanismus, der Emotionen und der Empathie ist. Auch weil wir auf mehreren Ebenen angesprochen werden. Wir sind nicht nur Konsumenten, wir sind aufgefordert, selbst mitzudenken und Schlüsse zu ziehen. Und es wird eben nicht nur der Verstand angesprochen, sondern auch die Emotion."

Weitere Artikel: Eine anonyme Mail hat Backstage Classical erreicht, Mitarbeitende des Staatstheaters Meiningen und des Landestheaters Eisenach beklagen ein "toxisches Arbeitsklima" unter dem Intendanten Jens Neundorff von Enzberg. Nun sollen erst einmal Gespräche abseits der Öffentlichkeit geführt werden, heißt es. In Köthen hat es ein Gespräch zu "Strukturen, Förderung und Netzwerken für den Tanz" mit allerhand bedeutenden Fachvertretern gegeben, berichtet Dorion Weickmann in der SZ. Ziel ist es, dass mehr Geld in dezentrale und diversitätsfördernde Projekte investiert wird.

Besprochen werden: Florentina Holzingers Inszenierung "Sancta" auf den Wiener Festwochen (FAZ), "The Kingdom" von Léa Tirabasso am Staatstheater Mainz (FAZ, FR), Peter Brooks "Tempest Project" auf den Wiener Festwochen (Standard) und Andriy Zholdaks Neuinszenierung von Beethovens "Fidelio" an der Oper Amsterdam (Van).