Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.07.2024 - Bühne

Im Jahr gehen mehr Leute in ein deutsches Theater oder eine Oper als ins Stadion zur Fußball-Bundesliga, entnimmt Manuel Brug in der Welt der Bühnenverein-Statistik. Investionen lohnen also, nur geht das Geld, das dem "Theaterweltmeister Deutschland" durch Subventionen zur Verfügung steht, in Sanierungen und Neubauten, so Brug: "Viele nach den Kriegszerstörungen in den 50er- und 60er-Jahren wiederaufgebauten Theatergebäude sind in schlechtem Zustand. Mehrere Bauvorhaben überschreiten inzwischen die Milliardengrenze. Die Kalkulationen für Renovierungen und Neubauten der Staatstheater Stuttgart und der Städtischen Bühnen Frankfurt sind bereits in der Planungsphase auf mehr als eine Milliarde Euro gewachsen - bevor überhaupt ein Spatenstich getätigt wurde. In Köln musste die Eröffnung von Oper und Schauspiel - seit zwölf Jahren ein Milliardengrab - gerade wieder einmal verschoben werden."

"Die gegenwärtige gesellschaftliche Atmosphäre in Berlin erscheint mir viel schlimmer als die im ehemaligen Jugoslawien in den 1990er-Jahren", wütet im Gespräch mit der Berliner Zeitung der Hausregisseur des Gorki-Theaters, Oliver Frljić: "Hier wird die offene Unterdrückung Andersdenkender durch Kriminalisierung, Canceln und mediale Hetzkampagnen ersetzt." Frljic redet sich in seiner Wut auf Staat und Medien immer mehr in Rage: "Die Geschwindigkeit und der Grad der Stigmatisierung in diesem Land und die viel größere und aggressivere Medienmaschinerie sowie die allgemeine Verwirrung über die Begriffe Schuld und Verantwortung töten jeden, der es wagt, die Zone der politischen Tabus zu betreten, von vornherein. Apropos Schuld und Verantwortung: Ich glaube, dass niemand Hannah Arendt weniger verstanden hat als Deutschland, was auch der ganze Zirkus um den letzten Preis, der ihren Namen trägt und an Masha Gessen verliehen wurde, zeigt. Interessant ist, dass immer noch niemand über die strukturelle Frauenfeindlichkeit der deutschen Medien spricht, die auf ihren Scheiterhaufen am Beispiel des letzten Krieges vor allem ideologisch 'ungehorsame' Frauen verbrennen."

Weitere Artikel: Dmitri Tscherniakov hat den "Kraftakt" auf sich genommen, die beiden Gluck-Opern "Iphigènie en Aulide" und "Iphigénie en Tauride" beim Festival D'Aix en Provence gemeinsam zu inszenieren, aber wirklich glücklich wird Eleonore Bühning im Tagesspiegel mit der Inszenierung trotz "Musikwonnen" nicht. Beide Iphigenien werden "vorgeführt als Varianten einer systemischen Familienaufstellung, wie auf dem Reißbrett. Die Artridenclan haust ist einer Art Tomatenhaus aus Metallstangen und Plastikfolien, durch die man durchgucken, aber, zumindest zum Leidwesen der Sänger, nicht allemal durchsingen kann." Die Nürnberger Kongresshalle ist einer der größten erhaltenen Monumentalbauten der Nazis, bald sollen hier Opern gegeben werden, in der taz berichtet Dominik Baur von den Plänen und den Protesten dagegen. Im Tagesspiegel zeichnet Eberhard Spreng nach, was der Kultur in Frankreich nach einem Wahlsieg des Rassemblement National blühen könnte.

Besprochen wird außerdem Andreas Merz' Inszenierung "Donezk.UA - eine dokumentarische Reise in den Donbas" am TD Berlin (Tsp, nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.07.2024 - Bühne

"Dämon. El funeral de Bergman." Foto: Christophe Raynaud de Lage.
Marc Zitzmann reist für die FAZ zum Festival d'Avignon, das dieses Jahr mit besonders vielen spanischen Inszenierungen aufwartet, allerdings stechen davon nicht alle positiv hervor, für "Dämon. El funeral de Bergman" von und mit Angélica Liddell findet er kein Lob: "Ein grotesk misslungener Auftakt, der den Ungeist der Zeit bedient. Schon in den ersten Minuten liest die Schauspielerin, deren Markenzeichen ein Dauerzustand maschinengewehrhaft ratternder Raserei ist, aus einem Halbdutzend in Frankreich erschienener negativer Rezensionen eigener Produktionen vor, nennt deren Autoren mit Namen und pickt mit kindischer Häme auf ihnen herum. Das nährt denselben dumpfen Antiintellektualismus, wie ihn die rechte Bewegung pflegt, die bevorzugt Journalisten ins Visier nimmt." Ganz anders sieht es Reinhard Brembeck in der SZ, für ihn ist Liddell "die radikalste Vertreterin der Kunstfreiheit": "Sie zeigt sich in einem einstündigen Monolog als verletzbare Künstlerfrau, sie klagt vehement Kunstfreiheit und das Recht auf Neues ein, zelebriert einen sehr spanisch-herben Todeskult, beschreibt drastisch das Sterben ihrer Eltern, evoziert die Schrecken menschlichen Verfalls im Alter, flucht auf Erektion und Sexualität. Doch diese Schimpftirade ist unterlegt mit einer ungeheuren Lebenslust, die Liddell schutzlos zu immer neuen theatralen Erkundigungen antreibt." In der nachtkritik schreibt Joseph Hanimann darüber.

Aufruhr in der Tanzwelt: Gegen Choreografin Anne Teresa de Keersmaeker werden Vorwürfe wegen ihres Führungsstils laut, Xenia Wiest hat ihren Posten als Ballettdirektorin in Schwerin verloren, berichtet Dorion Weickmann in der SZ. Es fehlen Präventionskonzepte, um psychischer Gewalt und ausbeutenden Hierarchien zuvorzukommen, meint die Kritikerin: "Im Blick auf alle bis dato ruchbar gewordenen Fälle von Machtmissbrauch - und es sind allein im Tanz ein Dutzend - lässt sich feststellen: Nirgendwo gab es ein derartiges Präventionskonzept, nirgendwo eine auf mehrere Schultern verteilte Leitung. Die Alleinherrschaft ohne gleichberechtigtes Korrektiv begünstigt autoritäre Eskapaden. Umgekehrt müssen Tänzer und Tänzerinnen allerdings lernen, trotz Konkurrenz- und Karrieredruck ihr häufig mangelhaft präpariertes Selbstbewusstsein zu stärken und beim ersten Anzeichen eines Übergriffs das Stoppschild zu zücken. Wenn Verfehlungen erst Jahre später ans Tageslicht kommen, gestaltet sich die Aufarbeitung extrem schwierig: Die Fronten sind dann verhärtet, Kommunikation ist oft nicht mehr möglich." Und sie fügt an: "Systemisch gesehen sind Generalintendanten klassische Alleinherrscher. Kulturpolitiker lieben diese Konstruktion, weil sie sich dann nur mit einem einzigen Theatermenschen herumschlagen müssen. Aber ist der pyramidale Zuschnitt noch zeitgemäß? Darüber muss gestritten werden, mit offenem Visier."

"Es gibt keinen Moment, in dem hier irgendetwas in Ordnung ist. Es gibt keinen Moment, in dem nicht alles sitzt", hält die begeisterte Judith von Sternburg in der FR angesichts der Uraufführung der von Cecilia Arditto Delsoglio und Annette Müller komponierten Oper "Der Fremde" am Nationaltheater Mannheim, basierend auf dem Roman von Camus, fest. Eine aufregende, neue Variante der Geschichte: "Alles bleibt immer dicht am Text, alle bleiben auch dicht beieinander. Pierre-Alain Monot dirigiert eine klassische Kammerauswahl des Nationaltheaterorchesters, so dass man wieder bewundern muss, wie professionell und cool (und aufgeschlossen!) Opernorchester sich inzwischen allen Belangen neuer Musik stellen können. Es gilt mitzusummen, zu murmeln und zu sprechen - viele analoge Effekte, viele davon finden an der Grenze des Hörbaren statt, manchmal bloß wie kleine Irritationen, Störgeräusche. Eine ständige subkutane Aktion auch unterhalb des offensichtlichen Geschehens vermittelt eine Unheimlichkeit, aber auch eine tiefe Lebendigkeit."

Besprochen werden: "Carol. Shakespeare in Jena" von Lizzy Timmers am Theaterhaus Jena (Nachtkritik), "Donezk. UA" von Andreas Merz am Theaterdiscounter Berlin (Nachtkritik), "Schaf sehen" von Christof Seeger-Zurmühlen auf dem Asphalt Festival in Düsseldorf (Nachtkritik) und "Dirty Dancing" an der Alten Oper Frankfurt (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.07.2024 - Bühne

"Mittlerweile ist das Verhältnis völlig zerrüttet", resümiert Martin Kusej, scheidender Direktor des Wiener Burgtheaters, im großen Zeit-Abschiedsgespräch mit Peter Kümmel seine Zeit in Österreich: Jede Berichterstattung sei "gehässig" gewesen: "Das Burgtheater steht umgeben vom Bundeskanzleramt, der Präsidentenkanzlei, der Hofburg, dem Parlament und dem Rathaus, also mitten in der Macht. Ich habe versucht, die Kunst gegen die Machtspiele und Intrigen, die sich da abspielen, hochzuhalten. Das hat seinen Preis. Entweder man spielt mit, oder man ist rasch draußen. 'Mitspielen' heißt: tagsüber kritisch sein, abends in den In-Lokalen und Zirkeln Schulterklopfen. (…) Ich bin es gewohnt, gerade und ohne Berechnung meinen Weg zu gehen. Das ist hier nicht möglich. Die Messer kommen sorgfältig gewählt aus unerwarteten Richtungen." Eine plausible Erklärung habe er von der zuständigen Staatssekretärin bis heute für seine Nichtverlängerung nicht bekommen.

Szene aus "Epilog". Foto: Kiran West

Mit dem Stück "Epilog" verabschiedet sich John Neumeier nach 51 Jahren als Leiter des Hamburger Balletts, ihm folgt der Argentinier Demis Volpi. In der Welt verneigt sich Manuel Brug vor dem Choreografen, der ein ganzes Tanzimperium hinterlässt - und sich mit dem "Epilog" ein autobiografisches Denkmal setzt: "Viele Neumeier-Versatzstücke, -Reminiszenzen, -Requisiten, -Manieren wie -Manierismen tauchen nun auf. Da sitzt eine Familie am Tisch, steif, spießig, und ein Junge (Louis Musin), der dort ausbrechen will, windet sich darunter. Der wiederum hat einen Doppelgänger, die nunmehr letzte Neumeier-Jünglingsentdeckung, den zartgliedrigen Aspiranten Caspar Sasse. Er läuft ebenfalls als Neumeiers Alter Ergo durch das Werk, am Ende mit Zylinder, Zauberlehrling wie Meister, der dies alles erlebt wie eben auch geschaffen hat. Und der doch selbst in einem Zwiespalt zwischen männlichem Begehren mit vielen halbnackten Leibern, Duos, Gruppen und der balletttraditionellen Anbetung der Frau als Muse und Ballerina, Star und Göttin auf Spitzenschuhe steckt, wie sie jetzt die feinherbe Anna Laudere als eine Art Mutterfigur und die strahlende Ida Praetorius als Solistin verkörpern."

Weitere Artikel: In der FAZ berichtet Hannes Hintermeier von den Querelen um die Leitung der Passionsspiele 2030 in Oberammergau. In der taz porträtiert Simone Schlindwein die aus Waisen- und Straßenkindern bestehende ugandische Tanzgruppe Hyperskids Africa, die über die sozialen Medien so viel Bekanntheit erreichte, dass sie sich ihre Schulgebühren verdienten und nun auf Welttournee gehen. Der Tagesspiegel berichtet über einen möglichen Baustopp bei den Sanierungsarbeiten der Komischen Oper, das Leitungsduo Susanne Moser und Philip Bröking äußerte sein Entsetzen.

Besprochen werden Krzysztof Warlikowskis Inszenierung "Le Grand Macabre" bei den Münchner Opernfestspielen (Zeit) und Laurenz Lüttekens Buch "Die Zauberflöte. Mozart und der Abschied von der Aufklärung" (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.07.2024 - Bühne

Michael Wurmitzer blickt im Standard auf den österreichischen Theatersommer. Ebenfalls im Standard berichtet Stefanie Ruep über die Pläne des Regisseurs Robert Carsen für seine "Jedermann"-Inszenierung bei den Salzburger Festspielen. Janis El-Bira besucht für nachtkritik das Gefangenentheater aufBruch, das derzeit mit einer von Peter Atanassow inszenierten "Dreigroschenoper" für Aufsehen sorgt (mehr hier). Gleichfalls in der nachtkritik findet sich ein Text Joseph Hanimanns über das diesjährige Festival d'Avignon.

Besprochen werden zwei Aufführungen am Staatsheater Mainz: "Rosenkavalier" (FR) und "Ich, Antigone" (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.07.2024 - Bühne

Szene aus "Melancholie des Widerstands" an der Staatsoper Berlin. Foto: William Minke.

"Schreiend aktuell" ist  David Martons Inszenierung der Oper "Melancholie des Widerstandes" an der Staatsoper Berlin, findet Clemens Haustein in der FAZ. Marc-André Dalbavie hat das Stück, in dem eine Kleinstadt nach und nach im Chaos versinkt, nach dem gleichnamigen Roman von László Krasznahorkai als "filmische Oper" konzipiert - und Haustein findet hier alle Symptome der gegenwärtigen Krisenhaftigkeit: Machtbesessenheit, Umweltzerstörung, Faschismus. Das macht nun nicht gerade froh, allerdings leuchtet dem Kritiker aus dem Dunkel der Countertenor Philippe Jaroussky entgegen, "ein Glücksfall für die Inszenierung. Seine satt leuchtende Stimme, die kein Falsch und Böse kennt, verleiht dem Valouchka eine Strahlkraft von himmlischer Naivität." Ein "Opernrätsel" entfaltet sich indes für SZ-Kritiker Wolfgang Schreiber: "Die Figuren mäandern auf verschlungenen Pfaden durch geisterhafte Filmschnitte oder durch die Bühnenrealität. Sie verschwinden und tauchen wieder auf als apokalyptische Träumer. Im Roman ist das bezwingend erzählt, die Oper jedoch ist narrativ überfrachtet davon, dass Musiktheater hier Filmtheater werden soll." In der nachtkritik schreibt Georg Kasch zum Stück. Im Tagesspiegel Georg Dotzauer.

Besprochen wird Andriy Zholdaks Inszenierung von Beethovens Oper "Fidelio" an der Oper Amsterdam (Welt), John Neumeiers Choreografie "Epilog" an der Staatsoper Hamburg (FR, SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.07.2024 - Bühne

Szene aus "Ich,Antigone" am Staatstheater Mainz © Andreas Etter

"Vokuhila", "Bullshit", "Letzte Generation" - nachtkritikerin Shirin Sojitrawalla begegnet in Alexander Nerlichs Inszenierung von "Ich, Antigone" am Staatstheater Mainz einigem, was man bei Sophokles so nicht erwartet hätte. In dieser modernen Version tritt Antigone als "burschikose junge Frau auf", die sich gegen den Herrscher Kreon auflehnt, erzählt Sojitrawalla: "Es hat etwas kindlich Unbeholfenes, wenn Antigone viel Staub aufwirbelt, um ihrem toten Bruder die letzte Ehre zu erweisen. Wie überhaupt der Staub eine Hauptrolle spielt. Die Bühne ist ein wüster Ort, ringsum die Überreste eines Abbruchhauses. Aus den Trümmern erheben sich dunkle Gestalten, die aus dem Staub kommen, schon zu Staub geworden sind. Die tote Mutter Iokaste ist auch darunter. Der Staub ersetzt bei Gschnitzer den Chor der Greise." Die Modernisierung tut dem Ganzen nicht unbedingt gut, meint Sojitrawalla, doch könne man aber durchaus was lernen, und zwar "sich von Herrschaftsgesten nicht blenden zu lassen und die alten Haudegen einfach zu vergessen." In der FR ist Marcus Hladec angetan von der Aufführung und schwärmt von den Outfits: "Zana Bosnjaks Kostüme in Schwarz und Erdfarben setzen teils Leder ein wie Verweise auf Haut und Schmerz."

In der FAZ unterhält sich der Dirigent René Jacobs mit Gerald Felber über die Entdeckungen, die er in der Ur-Fassung von George Bizets "Carmen" machte. Die berühmte "Habanera" zum Beispiel, gab es ursprünglich so gar nicht, erzählt Jacobs. Überhaupt wurden viele Änderungen im Nachhinein, auf Druck von Bizets Zeitgenossen, vorgenommen: "Zum Beispiel drohten die Choristen der Opéra-Comique sogar mit Streik, weil sie manche Passagen zu kompliziert fanden - die hat er dann eben zähneknirschend ausgelassen. Diese Musik sei 'exécrable' (ekelhaft), schimpfte der Chor … mit Ausnahme der Habanera! Das hat Bizet erbittert. Er wusste, dass seine ursprüngliche Auftrittsarie dem Text des Librettisten genau entsprach, während die Melodie der Habanera einfach nicht zu Halévys Versen passt. Zweifellos kommt auch der Sinn des Textes in der ursprünglichen Arie besser heraus: Stolz proklamiert Carmen ihr Ideal der freien Liebe." Eine konzertante Aufführung der Ur-Carmen gibt es hier.

Weitere Artikel: In der taz berichtet Jens Fischer, wie das rechte Online-Portal "Nius" mit unsinnigen Vorwürfen Stimmung gegen das Dokumentartheaterstück "Unsere Elf" von Tuğsal Moğul und Maren Zimmermann macht. Mitglieder von Anne Teresa De Keersmaekers Tanz-Company "Rosas" werfen der Choreografin einen toxischen Führungsstil vor, meldet Wiebke Hüster in der FAZ. Das Theaterfestival in Avignon startete mit einem Aufruf zum Boykott des Rassemblement National, meldet der Tagesspiegel mit dpa.

Besprochen werden Peter Carps Adaption von Margaret Atwoods "The Handmaid's Tale" am Theater Freiburg (nachtkritik, SZ), Boris Nikitins und Sebastian Nüblings Inszenierung ihres Stücks "Dämonen (Berlin)" am Gorki-Theater Berlin (nachtkritik), Krzysztof Warlikowskis Inszenierung von György Ligetis Oper "Le Grand Macabre" bei den Münchner Opernfestspielen (SZ, nmz), Hofesh Shechters Choreographie "Theatre of Dreams" zur Situation in Nahost am Theatre de la Ville in Paris (SZ), Jana Vettens Inszenierung von Sivan Ben Yishai und Gerhild Steinbuch und Ivna Žics Version von Henkrik Ibsens Stück "Nora" am Theater Heidelberg (nachtkritik), Sarah Kohms Adaption von Jovana Reisingers autofiktionalen Roman "Enjoy Schatz" an der Schaubühne in Berlin (taz) und Leo Kees Adaption von Sten Nadolnys Roman "Die Entdeckung der Langsamkeit" am Frankfurter Theaterhaus (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.06.2024 - Bühne

In der Welt blickt Jakob Hayner zurück auf die Theatersaison und wütet gegen einen neuen Trend: das politisch korrekte Umschreiben. Was nicht passt, wird passend gemacht, ärgert sich der Kritiker: Klassiker bekommen einen anti-rassistischen oder feministischen Anstrich, manchmal bleibt vom Original nicht viel übrig, der ursprünglich Autor "steht nur noch als Abgekanzelter auf dem Spielplan". Dabei dient die moralisierende Kunst oft nur dem eigenen Ego: "Wer in der Kunst, wohin man auch blickt, immer nur sein eigenes Antlitz sehen will, leidet an einem ästhetischen Narzissmus. Die einzige Sorge gilt dem Selbstbild, jegliche Werthaltigkeitgeht verloren. Selbstermächtigung kippt in Selbstentmächtigung, wo der Kitsch über Widersprüchliches triumphiert. Wem das gefällt? Einem Publikum, das das hypermoralische Selbstbild zum Politik- und Religionsersatz erhoben hat und sich an widerspruchsfreier Selbstbestätigung durch plumpe Meinungssoße erfreut."

Es gibt in Deutschland kaum irgendwo ein Klassikpublikum, das so anspruchsvoll und "kundig" ist, wie in München. Um so trauriger, findet Reinhard J. Brembeck in der SZ, dass es sich nun doch mit einer sehr abgespeckten Variante eines neuen Konzerthauses begnügen muss (Unser Resümee). Da guckt man vielleicht doch etwas neidisch auf die Pläne für ein neues Konzerthaus in Düsseldorf, wo möglich scheint, was in München niemand finanzieren will:"Bisher sollte, so der Plan, das alte Haus am Hofgarten abgerissen und durch einen Neubau ersetzt werden, weder ein billiges noch ein unumstrittenes Projekt. Jetzt aber ist den Stadtvätern der in finanzielle Schieflage geratene Investor René Benko unfreiwillig zum Helfer in der Planungsnot geworden. Dessen insolvente Firma Signa besaß ein 9000-Quadratmeter-Grundstück in bester Düsseldorfer Lage ... das neue, Stand heute, 700 Millionen Euro teure Opernhaus soll spätestens in zehn Jahren stehen, auch die Musikhochschule und womöglich das Lager für den Opernfundus sollen dort unterkommen. "

Besprochen werden Sarah Kohms Inszenierung von Jovana Reisingers Stück "Enjoy Schatz" an der Schaubühne Berlin (nachtkritik), Simone Sterrs Inszenierung des Stücks "Fifty Degrees of Now" nach Kim Stanley Robinson Roman "Das Ministerium für die Zukunft" am Stadttheater Gießen (nachtkritik), Knut Webers Inszenierung von Shakespeares "Der Sturm" am Theater Ingolstadt (nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.06.2024 - Bühne

Die Intendanz von Uwe Laufenberg am Staatstheater Wiesbaden ist nach zehn turbulenten Jahren zu Ende, Eva-Maria Magel und Guido Holze blicken in der FAZ zurück auf Skandale, Streits und so manche künstlerische Differenz: "Nicht nur das letzte Laufenberg-Jahr war mit 'einigen Turbulenzen' behaftet, wie es nun die interimistische Theaterleitung anlässlich einer letzten Erfolgsbilanz der Spielzeit und der Maifestspiele mit einem 'tollen Gesamtabschluss' nannte. Turbulenzen sind Programm gewesen in den knapp zehn Wiesbadener Jahren in der Intendanz Laufenberg, weit mehr als in der Landeshauptstadt ohnehin üblich. Das hatte schon vor dem eigentlichen Spielzeitbeginn im Herbst 2014 angehoben - als 1500 Wiesbadener statt einer Neuinszenierung von Puccinis 'La Bohème' durch den damals angesagten Isländer Thorleifur Örn Arnarsson mit einer Petition lieber die 27 Jahre alte Fassung des Repertoires behalten wollten."

Weiteres: Nach Jahrzehnten der intransparenten Besetzung soll der Posten des Spielleiters der Oberammergauer Passionsspiele nun offener vergeben werden, hat der Gemeinderat des Ortes beschlossen, der bisherige Leiter Christian Stückl ärgert sich (FR). Die Initiative "Critical Classics" setzt sich für diskriminierungsarme Opern ein (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.06.2024 - Bühne

Maryna Makarenko bei Wolfen Festival. Foto: Falk Wenzel

Vor der Wende lebten in der ehemaligen Industrievorzeigestadt Wolfen bei Bitterfeld 36.000 Menschen, heute sind es noch 5000, dort wo einst die Film- und Chemiefaserproduktion florierte, wuchern heute Pflanzen und Giftmühl, erzählt der Dramaturg Carl Hegemann, der sich in der Zeit umso mehr freut, dass hier seit drei Jahren das von verschiedensten Künstlern bespielte Osten Festival stattfindet. Die Arbeiten setzen sich mit Aufstieg und dem Niedergang der Region auseinander, Kunst sieht hier nicht immer aus wie Kunst, Theater nicht wie Theater: "Im 'Hörsaal', der Spielstätte im Rathaus, wird beispielsweise unter dem Titel Ödipus in der Giftfabrik von Les Dramaturx der Zusammenhang von Artensterben und Ungeziefervernichtungsmitteln wie DDT untersucht und illustriert, inklusive meditativer Einfühlung in die Welt einer Raupe vor ihrer Verpuppung zum Schmetterling. Eine Künstlergruppe aus New York (Oscar Olivo, Amy Trompetter und Elsa Saadi) berichtete über industriebedingte Verheerungen in Rochester, dem Standort der amerikanischen Kodak-Filmproduktion, und über die zahlreichen Analogien zu Wolfen. Die ukrainische Tänzerin Maryna Makarenko widmete sich den schleichenden Vergiftungsprozessen bei der Filmherstellung in der ehemaligen Sowjetunion."

Jacquelyn Wagner (Leonore) and Eric Cutler (Florestan). Foto: Monika Rittershaus

So viel ist sicher: Mit Beethovens "Fidelio" kann Manuel Brug nichts anfangen, ein "grottenschlechtes, abstruses Machwerk" nennt er die Oper in der Welt - daran ändert auch Andriy Zoldaks Inszenierung an der Dutch National Opera nichts. Doch immerhin kann Zoldak, der als "Castorf der Ukraine" gilt, Brug mit "Gummischlangen, Engelsflügeln, Robotern, Wolfsfiguren... und pyrotechnischen Effekten" bestens unterhalten: "Zholdak, der auch für Bühne, Kostüme, Licht und Text verantwortlich zeichnet, will … einen Kampf zwischen Dunkel und Licht austragen, will Harmonie und Schönheit wiederherstellen, durchaus Themen Beethovens. Er macht das auf sehr eigene, ja eigenwillige Weise. Die Musik wird manchmal umgestellt, manches, etwa das freudenmartialische, ins Finale überleitende 'Heil sei dem Tag' ist gestrichen, ebenso vieles des nicht eben gut beleumundeten Dialogtextes. Stattdessen gibt es Zholdak-Einlassungen, auch die von Gustav Mahler als utopische Musikbrücke vor dem Finale eingefügte, inzwischen nur noch selten gespielte Dritte Leonoren-Ouvertüre erklingt hier, denn so ist noch mehr Zeit für pantomimische Kommentare."

Weitere Artikel: In der taz würdigt Harff-Peter Schönherr die Osnabrücker Bühne 11, auf der Jung und Alt gemeinsam Theater machen. Besprochen werden Franziska Kronfoths und Julia Lwowskis Inszenierung von John Adams Oper "Nixon in China" an der Deutschen Oper Berlin (Zeit).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.06.2024 - Bühne

Foto: Jean-Louis Fernandez

Weniger grell als ihre bisherigen Arbeiten, dafür umso feiner und klüger erscheint Egbert Tholl in der SZ Pınar Karabuluts Inszenierung von Bellinis Belcanto-Oper "I Capuleti e i Montecchi" an der Opera National de Lorraine in Nancy: "Karabulut macht aus der Geschichte einen Western. Das passt gut für ein Genre voller Familienfehden. Anfangs, noch zur Ouvertüre, stehen sich die Capuleti und die Montecchi stumm und feindlich gegenüber, die einen tragen leuchtendes Blau, die anderen Rot - die Kostüme von Teresa Vergho wirken durchaus vertraut, wenn man schon einige Arbeiten Karabuluts gesehen hat. Der Chor trägt Hut und Augenbinde wie Zorro, Capellio einen Zylinder und ein ausuferndes Plusterkostüm, die Liebenden Blumen auf Weiß. Und die Liebe, die ist ein Kunstwerk, zu Beginn schon voller Zärtlichkeit; Karabulut drapiert das Paar auf einem kreisrunden Podest, lange bevor Romeo auftritt. Im Westernstil geht es voran, der Chor wiegt sich in herrlichen Gesten der Männlichkeit, nie zu viel, sondern ironisch fein. Liebevoll gebaute Pferde gibt es auch, fünf davon."

Besprochen werden Florent Siauds Inszenierung von Peter Tschaikowskys Oper "Eugen Onegin" am Théâtre du Capitole in Toilouse (FAZ), Dorothee Oberlingers Inszenierung von Carl Heinrich Grauns "Adriano in Siria" bei den Musikfestspielen Potsdam (FAZ) und Barrie Koskys Inszenierung der "Così fan tutte" in der Wiener Staatsoper (FR).