Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Bühne

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.06.2024 - Bühne

Für die taz porträtiert Katrin Bettina Müller die Autorin Patty Kim Hamilton, deren Stück "Und der Himmel über uns ist sein eigenes Land" bei der Langen Nacht der Autorinnen am Deutschen Theater uraufgeführt wird. Standard-Kritiker Helmut Ploebst wirft einen Blick auf das Programm des Impulstanz-Festival in Wien.

Besprochen werden Jens-Daniel Herzogs Inszenierung von Claude Debussys "Pelleas und Melisande" am Staatstheater Nürnberg (FR) und Livio Andreinas Inszenierung "Das große Welttheater" von Lukas Bärfuss nach dem Schauspiel von Calderón de la Barca im Welttheater Einsiedeln (nachtkritik, NZZ).
Stichwörter: Impulstanz, Bärfuss, Lukas

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.06.2024 - Bühne

Uwe Mattheis sitzt für die taz im Publikum, wenn auf den Wiener Festwochen in Form der "Wiener Prozesse" Theatergericht über den Rechtspopulismus gehalten wird. Nicht um autoritäres Besserwissertum geht es hier, stellt Mattheis klar. Denn "die neuen Jakobiner von Wien [sind] durch und durch milde Zeitgenossen. Sie lassen keine Köpfe rollen. Die juridische Dramaturgie im Theater der 'Wiener Prozesse' soll die öffentliche Sprache mäßigen, den Schlagabtausch von Stehsätzen in einen Austausch von Argumenten verwandeln. Wortreiche Rechtspopulisten werden plötzlich ganz still, wenn sie in der direkten Konfrontation der Lebensgeschichte einer Geflüchteten gegenüberstehen. Es geht um den ältesten Effekt des Theaters: Katharsis. In exemplarischer Weise könnte sie deliberativen Prozessen in der Wirklichkeit wieder auf die Sprünge helfen."

Das Timing stimmt bei Axel Ranischs Inszenierung des Gerd-Natschinski-Stücks "Messeschlager Gisela" an der Komischen Oper, freut sich Clemens Haustein in der FAZ, und auch die Pointen sitzen. Und die Schauspieler? Die brillieren sowieso: "Thorsten Merten ist ein Direktor Kuckuck, der zwischen krachenden Macht-Anwandlungen und einer Lassen-wir-den-Laden-mal-laufen-Einstellung mäandert, Maria-Danaé Bansen als Sekretärin Kulicke ist knallhart berlinernde Schnauze, Martin Reik, geborener Schwabe, macht als brachial leutseliger Messewart Priemchen deutlich, dass er Sächsisch als zweite Fremdsprache beherrscht, Gisa Flake als Gisela findet den Zauber im Normalen."

Außerdem: Georg Kasch entschuldigt sich in der nachtkritik für seine eigene Kolumne über queere Stoffe auf ostdeutschen Bühnen. Patrick Wildermann blickt im Tagesspiegel auf das Internationale Roma-Theaterfestival Common Tongue.

Besprochen werden Christian Lollikes Inszenierung von Madame Nielsens "Very Rich Angels" an den Münchner Kammerspielen (FAZ), Ben Johnsons Typenkomödie "Volpone" auf der Darmstädter Theter-Terrasse (FR), Jens Groß' Böll-Adaption "Frauen vor Flusslandschaft" in den Godesberger Kammerspielen (SZ), Georg Dittrichs "Il trovatore"-Inszenierung an der Staatsoper Stuttgart (Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.06.2024 - Bühne

456 Bewerbungen aus 65 Ländern wurden beim Internationalen Wettbewerb für Choreografie in Hannover eingereicht, zehn schafften es ins Finale, acht Produktionspreise wurden vergeben, resümiert Sylvia Staude (FR), die selbst mit in der Jury für den Kritikerpreis saß. Ins Halbfinale tanzten sich noch viele Duos, meist "elegisch bis leicht pathetisch". Der Hauptpreis, der Tanja Liedtke Award, aber geht nach China an den Choreografen Juezhi Tang: "'The Snail' heißt das Solo, die Schnecke, und Derui Gao war eine nuancierte, ausdrucksstarke, tänzerisch grandiose, nun ja, Menschen-Schnecke, wie er über und um sein Haus glitt, purzelte, geradezu flog, sich darin verkroch. Einerseits völlig unschneckisch in seiner Geschwindigkeit, andererseits mit manchen Bewegungen absolut schneckenähnlich und wohl genau beobachtet am lebenden Subjekt."

Szene aus Verdis "Sizilianische Vesper". Foto: Herwig Prammer

Ja, Verdis "Sizilianische Vesper" über die Liebe zwischen Todfeinden im Sizilien des Jahres 1282 gilt als Problemstück, räumt Christian Wildhagen in der NZZ ein. Aber dass Calixto Bieito daraus am Opernhaus Zürich ein "drittklassiges Splattermovie" macht, hat die Oper nicht verdient, seufzt er: "Bieito interessiert der Handlungsrahmen … nur im Hinblick auf ein zentrales Motiv: das der Gewalt gegen die Unterlegenen, namentlich gegen Frauen. Die zahlreichen Übergriffe und Vergewaltigungen, die im Libretto angedeutet sind, werden dann doch wieder, nach alter Bieito-Manier, sehr brutal und realistisch dargestellt. Es knirscht auch noch viel grundsätzlicher in seinem Konzept: Verdis Ästhetik verträgt diese Art von symbolhaft überhöhter Meta-Inszenierung nämlich nicht. Schon gar nicht 'I vespri siciliani'. ... Die Handlung wirkt konstruiert, die Charaktere erscheinen wenig glaubwürdig, der geschichtliche Hintergrund bleibt Staffage. Statt hier helfend mit den Mitteln des Theaters gegenzusteuern, stellt Bieito die Brüchigkeit erst recht aus."

Weitere Artikel: Für den Standard resümiert Colette M. Schmidt, die als Gerichtsschreiberin selbst Teil der Inszenierung war, Milo Raus zweiten Wiener Prozess, bei dem es um die Frage ging, ob die FPÖ demokratiegefährdend ist und ihr die Parteienfinanzierung gestrichen werden soll. Nachtkritiker Georg Kasch muss sich korrigieren: Entgegen seiner Behauptung in einer Kolumne muss er feststellen: Es gibt sehr wohl queeres Theater im Osten.

Besprochen werden Axel Ranischs Inszenierung der DDR-Operette "Messeschlager Gisela" im Spiegelzelt vor dem Roten Rathaus für die Komische Oper (Welt), Kathrin Mädlers Inszenierung von Kleists "Der zerbrochene Krug" am Staatstheater Mainz (FR), Bernadette Sonnenbichlers Adaption von Dana Vowinckels Roman "Gewässer im Ziplock" (SZ) und Andriy Zholdaks Inszenierung von Beethoven Fidelio an der Dutch National Opera in Amsterdam (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.06.2024 - Bühne

Szene aus "Die Riesen vom Berge". Foto: Foto: Karl und Monika Forster.

Ein "verspieltes Panorama voll von Poesie, himmelsstürmerischer Träumereien und bedrohlichster Abgründe" wird nachtkritiker Michael Laages mit Ingo Kerkhofs Inszenierung von "Die Riesen vom Berge" am Staatstheater Wiesbaden geboten. Die Aufführung des unvollendeten Dramas von Luigi Pirandello markiert das Ende der Intendanz Uwe-Eric Laufenbergs und setzt ans Ende der internen Streitereien (unser Resümee) ein richtiges "Zauberkunststück", wie sich Laages freut. Schauplatz ist die "Villa Scalone", in der eine Gruppe von Außenseitern auf eine Theatergruppe um die exzentrische Gräfin Ilse trifft: "Immer mal wieder in der Theatergeschichte haben ja Autorinnen und Autoren den (durchaus schwierigen) Versuch unternommen, dem Publikum zu erklären, wie Theater entsteht, nach welchen Regeln es funktioniert. Was in der Villa Scalogna geschieht, dem Zuhause der Pechvögel, veredelt Ort und Zeit und Raum zum Universum der Sehnsüchte. Nicht, dass da immer gleich Sinn zu ergründen wäre im Wirbel der Worte - stattdessen 'nurmehr Wahn', wie es immer wieder heißt. Alle Sicherheit, alle Wahrheit schwindet dahin, alles verschwimmt - so sehr, dass jetzt tatsächlich 'Riesen' von den Bergen herab kommen könnten; wir, das Publikum, sind ja auch schon da." Auch in der FR gratuliert Marcus Hladec zu dieser "superbunten, schönen und wissend arrangierten Arbeit". 

Besprochen werden Philipp Arnolds Inszenierung des Stücks "Prana Extrem" nach dem Roman von Joshua Groß am Münchner Volkstheater (nachtkritik), Bettina Bruiniers Inszenierung von Miru Miroslava Svolikovas Stück "Gi3F (Gott ist drei Frauen)" am Tiroler Landestheater (nachtkritik), Bernadette Sonnenbichlers Adaption von Dana Vowinckels Roman "Gewässer im Ziplock" (nachtkritik), Axel Ranischs Inszenierung der DDR-Operette "Messeschlager Gisela" am Düsseldorfer Schauspielhaus (nachtkritik), das Musical "Very Rich Angels" der dänischen Künstlerin Madame Nielsen an den Münchner Kammerspielen (SZ) und Helena Jacksons Inszenierung von Gary Owens "Killology" am Schauspiel Frankfurt (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.06.2024 - Bühne

An diesem Wochenende beginnt der zweite Wiener Prozess im Rahmen der von Milo Rau kuratierten Wiener Festwochen, angeklagt ist diesmal die FPÖ, als Kronzeuge der Anklage tritt Julian Hessenthaler, Macher des Ibiza-Videos, auf, als Verteidigung die ehemalige AfD-Parteivorsitzende Frauke Petry. Der Standard begleitet das Spektakel per Liveticker, Welt-Kritiker Jakob Hayner nötigt Raus Programm, bei aller Befremdung über den "koketten Flirt mit dem Aktivismus", Respekt ab: "Die Höhepunkte sind Theaterabende, die man so schnell nicht vergessen wird: Carolina Bianchi setzt sich mit K.o.-Tropfen außer Gefecht, Angélica Liddell stürzt sich in einen blutigen Stierkampf, Florentina Holzinger lässt nackte Nonnen tanzen. Tim Etchells klamaukige Slapstick-Nummer tourt durch alle Wiener Bezirke. Die letzten Arbeiten von René Pollesch und Peter Brook sind schon jetzt Theatergeschichte."

Von schlechter Auslastung und internen Querelen am Dortmunder Schauspielhaus seit Julia Wissert die Intendanz übernommen hat, berichten in der SZ Alexander Menden und Uwe Ritzer: "Interne Kritiker fühlen sich ... von ihr abgebürstet. Sie sei 'dogmatischer als mancher alte weiße Mann, der hier Intendant war', zitierte die WAZ einen langjährigen Mitarbeiter. 'Es herrschte eine besondere Form von Druck und Angst, eine Form von weicher Gewalt', sagte ein ehemaliges Ensemble-Mitglied der SZ. Zunächst einverstanden damit, namentlich mit diesem und anderen kritischen Sätzen zitiert zu werden, zog die betreffende Person ihre Zustimmung wieder zurück. So ist es häufig, wenn man mit Wissert-Kritikern spricht. Die Angst ist groß, am Ende als alter weißer Mann oder alte weiße Frau gebrandmarkt dazustehen, der oder die auf eine junge schwarze Intendantin losgeht."

Besprochen werden das von Alia Luque und dem Trio ACE inszenierte "Kein Sportstück" am Staatstheater Karlsruhe (nachtkritik), Gernot Grünewalds Adaption von Thomas von Steinaeckers Roman "Die Verteidigung des Paradieses" an den Münchner Kammerspielen (nachtkritik), João Turchis Inszenierung "Last Supper" in der Kaserne Basel (nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.06.2024 - Bühne

"100% peruanisch-amazonisches Haar. Bild: Fabian Ritter.

In Manuela Infantes Theaterabend "100% peruanisch-amazonisches Haar" am Schauspielhaus Bochum geht es passend zum Titel um Verflechtungen, die weit über das Kopfhaar und die daraus bestehenden Perücken hinausgehen, die die Protagonistin des Stückes trägt, berichtet Theresa Schütz für die nachtkritik: "Ein Haartest konfrontiert die Schauspielerin schließlich mit der Tatsache, dass 159 verschiedene DNA-Spuren auf ihrem Kopf nachgewiesen werden konnten. Womit wir beim Haarraub-Komplex wären, dem zuvorderst Frauen aus verarmten, weil landwirtschaftlich ruinierten Regionen Südamerikas ausgeliefert sind. Stimmen berichten auch von Frauen, die aus Angst lieber ihre Haare essen. Und so steht die haarige Frage im Raum: Wussten wir von dieser Verflechtung? Wollen wie es überhaupt wissen? Reicht es nicht zu wissen, dass das Haarteil von Amazon kommt?"

Elfriede Jelineks Monolog "Angabe der Person" ist zuerst am Deutschen Theater in Berlin auf die Bühne gekommen und gastiert jetzt im Rahmen der Wiener Festspiele an der dortigen Volksbühne. Dass Standard-Kritiker Ronald Pohl so viel Freude an dem Stück findet, liegt vor allem an den Schauspielerinnen, die diese Geschichte zwischen Altern, Steuerfahndung und Familienforschung spielen: "Die Schauspielerinnen des Deutschen Theaters Berlin sind die Koloratursopranistinnen dieses Spuks. Jede knallt den Aktenordner ungehalten auf den Boden. ... In der Version der ingrimmigen Fritzi Haberlandt wird Rokoko-Gift versprüht. Mit spitzen Fingern aus gerüschten Ärmeln modelliert die Mimin in Blitzes Schnelle Jelineks Sprachturmbauten. Kommt vom 'Baldur' (von Schirach) auf den 'Arthur' (Seyß-Inquart), von diesen beiden auf ihren Cousin - und macht auch vor dem funktionsethischen Gebrauchsliteraten Ferdinand von Schirach nicht halt."

Mamela Nyamza ist eine der wichtigsten südafrikanischen Choreografinnen, weiß im Tagesspiegel Sandra Luzina, die Nyamzas Stück "Hatched Ensemble" im HAU bewundert. Es ist auch eine Auseinandersetzung mit Ballett als elitärer und rassistisch geprägter Tanzform: "'Hatched' bedeutet ausgebrütet. Nyamaza hat auch wirklich etwas ausgeheckt. Ihr geht es nicht nur um eine Abrechung mit dem Ballett, das stelltvertretend für die Kultur der Weißen steht. Sie will einen Akt der Selbstbefreiung zeigen, einen Clash der Kulturen. Die Performer streifen zum Schluss die Spitzenschuhe ab und dehnen genüßlich ihre Füße. Zu fröhlichen Rhythmen tanzen sie barfuß, nur mit einem roten Mantel bekleidet. Die Rückbesinnung auf die afrikanische Tradition, so suggeriert die Szene, ist der einzige Weg, um sich von rassistischen Zuschreibungen zu befreien."

Besprochen wird außerdem die Strauss-Oper "Salome" in der Inszenierung von Cyril Teste an der Wiener Staatsoper (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.06.2024 - Bühne

Kafkas Käfer mal anders. Bild: Paul Max Fischer

Einer ganz eigenen Annäherung an Kafkas "Verwandlung" wohnt SZ-Kritiker Martin Krumbholz beim Impuls-Theater-Festival in Köln, Düsseldorf und Mühlheim bei. Dort nämlich wurde er von Performer Manuel Gerst, Gründungsmitglied der freien Theatergruppe Monstertruck, aufgefordert, in einem Happening einen VW-Käfer mit Hämmern, Äxten, Golfschlägern und Mistgabeln zu zertrümmern: "Jemand sprüht in großen weißen Lettern 'Sei zärtlich' auf die Karosserie. Es dauert fast eine Stunde, bevor sich die Stoßstangen lösen lassen. Obwohl die Leute sich wirklich alle erdenkliche Mühe geben. Leicht zu dechiffrieren ist das Happening nicht. Vielleicht liegt darin sogar seine Qualität. Einerseits gilt der auf den ersten Blick fast unschuldige VW-Käfer vermutlich als Repräsentant fossiler Energien. Andererseits gerät aber auch die tatsächlich staunenswerte Zerstörungslust der ja ganz und gar freiwillig Mitwirkenden kritisch oder ethnologisch in den Blick. Was ist da los? Wieso gerieren diese Menschen sich so enthemmt, nur weil man ihnen (scheinbar?) freie Bahn lässt?"

Besprochen werden Modest Mussorgskys "Chowanschtschina" an der Berliner Staatsoper unter den Linden (FAZ, Welt, NZZ, VAN und ND - mehr hier), Janusz Kicas Inszenierung von Carlo Goldonis "Trilogie der Sommerfrische" am Wiener Theater in der Josefstadt (FAZ), Florentina Holzingers Performance "SANCTA" in Schwerin (Zeit) und das Körber Studio Junge Regie in Hamburg (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.06.2024 - Bühne

Staatsoper Hamburg: Saint François d'Assise. Jacques Imbrailo, Anna Prohaska, Audi Jugendchorakademie, Vokalensemble LauschWerk. Foto: Bernd Uhlig

Olivier Messiaens "Saint François d'Assise" ist laut FAZ-Autor Jürgen Kesting weniger eine Oper denn ein regelrechtes Mysterium, verehrt, aber auch gefürchtet, vor allem von den Musikern, die das Stück aufführen sollen. Georges Delnon und Kent Nagano haben an der Hamburger Staatsoper die Herausforderung im Rahmen des Internationalen Musikfests angenommen. Die Inszenierung ist nicht frei von Sakral- und Sozialkitsch, lesen wir, aber musikalisch gerät die Darbietung "zum Befreiungsschlag Naganos als Operndirigent. Das Orchester war auf die maßlosen Herausforderungen der Partitur glänzend vorbereitet. Das besondere Charakteristikum des Raumklangs, die früher oft kritisierte Trennschärfe, sorgte selbst dieses Mal für exzellente Durchhörbarkeit. Ein Paradox nur: dass die exzessiven Ballungen des finalen Alleluja zur Tortur der Ohren wurde. Unaufgelöst blieb das im Ritual des Werks liegende Dilemma: sein Glaubens-Dogmatismus. Die Begegnung mit einem Aussätzigen, der durch den Liebeskuss geheilt wird, oder das Nacherleiden der Stigmatisierung als Ausdruck von Gottesliebe gehören zu den Zumutungen, denen Messiaen seine Hörer aussetzt."

Ebenfalls für die FAZ besucht Wiebke Hüster einen Tanzabend an der Semperoper Dresden. "Classics" ist das Programm überschrieben, gezeigt wird jedoch kein narratives Ballett aus dem 19. Jahrhundert, sondern neuere Stücke, unter anderem Balanchines "Serenade". Kann man da von "Klassikern" sprechen? Man kann: "Ballette sind dann Klassiker, wenn in ihnen alles aus einem Grund heraus geschieht, wenn sie eine innere Logik offenbaren, also auch Überraschungen, Wendepunkte. 'Serenade' führt das vor. Wenn zu Beginn siebzehn Frauen mit parallel aufgestellten Füßen in einer rhombenartigen Formation über die Bühne verteilt stehen und mit himmelwärts weggestreckten Händen die Sonne abschirmen zu wollen scheinen, dann setzt diese ungewöhnliche Haltung gleich den Ton, interessant, geheimnisvoll, vieldeutig."

Außerdem: Christine Lemke-Matwey stellt auf Zeit Online die Opernfestspiele Heidenheim vor, die dieses Jahr ihren 60. Geburtstag feiern. Auf nachtkritik erinnert Wolfgang Behrens an den Kritiker Günther Rühler, der dieser Tage 100 Jahre alt geworden wäre. Sandra Luzina blickt im Tagesspiegel voraus auf das Berliner Festival Tanz im August.

Besprochen werden das Stück "The Making of Berlin" der belgischen Gruppe Berlin am Wiener Theater Akzent, als Teil der Wiener Festwochen (Standard), Christiane Jatahys ebenfalls auf den Wiener Festwochen aufgeführte "Hamlet - Dans les plis du temps" (FAZ), in einer Dreifachbesprechung die beiden erwähnten Festwochen-Stücke sowie als drittes die belgische Produktion "Medeas Kinderen" (taz), Nora Abdel-Maksouds Stück "Jeeps" am Staatstheater Darmstadt in der Inszenierung von Jessica Weisskirchen (FR), eine auf Musikrevue getrimmte Aufführung von Shakespeares "Richard III" an der Kammeroper Wien (Standard) und Modest Mussorgskys "Chowanschtschina" an der Berliner Staatsoper unter den Linden (nmz)

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.06.2024 - Bühne

Szene aus "Chowanschtschina" an der Staatsoper Berlin. Foto: Monika Rittershaus.

Auf eine Zeitreise in ein von Machtkämpfen und Gewalt geprägtes Russland des 17. Jahrhunderts begibt sich Tagesspiegel-Kritikerin Christiane Peitz bei Claus Guths Inszenierung der Mussorgsky-Oper "Chowanschtschina" an der Lindenoper in Berlin. Putin taucht hier nie auf, verrät die Kritikerin, trotzdem ist er "omnipräsent". Die Handlung ist entsprechend der historischen Situation ziemlich kompliziert, so Peitz, es geht aber unter anderem um den Moskauer Aufstand, bei dem die Strelitzen, die Palastgarde von Regentin Sofia, den Kreml stürmten und ein Massaker veranstalteten. Mussorgsky lässt den Fürsten Chowanski als vergnügungssüchtigen, brutalen Populisten auftreten, schildert Peitz: Am Ende ist "Fürst Chowanski der Mütterchen-Russland-Volkslieder müde, er bestellt sich Perserinnen. Sie tanzen ihm, den das Volk als 'weißer Schwan' bejubelt, einen Schwanengesang. Die Frauen und auch ein paar Männer drehen sich in langen, weißen Gewändern in Zeitlupe um ihn herum. Folklore als zur Chiffre geronnene Gewalt, Kolonialismus in Slowmotion, in der Choreografie von Sommer Ulrickson: Der Fürst ersticht sie nach und nach alle. Die Tanzkunst, ein Wirbeln und Taumeln zum Tod."

Auch Katharina Granzin ist in der taz ziemlich beeindruckt von diesem Abend, auch musikalisch: "Der Chor agiert toll, mal dunkel russisch raunend, dann sängerisch kraftvoll, ohne zu brüllen. Manche können beim Singen sogar tanzen. Die SängerInnen müssen stets die Präsenz einer echten Bühnenpersona wahren, denn sehr oft streift die Livekamera, deren Bilder in Massenszenen auf den Bühnenhintergrund projiziert werden, über die Gesichter, hebt einzelne aus der Menge hervor." In der SZ bespricht Wolfgang Schreiber das Stück.

In der FAZ resümiert Reinhard Kager den ersten Part von Milo Raus Wiener Festwochen. Er sieht hier viel unreflektiverten politischen Aktivismus und Aufmerksamkeitsheischen. Entschädigen kann ihn immerhin der Auftritt des Kyiv Symphony Orchestra unter Oksana Lyniv (siehe Musik).

Besprochen werden Anne Lenks Inszenierung von Lessings "Emilia Galotti" am Thalia Theater in Hamburg (FAZ), Florentina Holzingers feministische Messe "SANCTA" frei nach Paul Hindemith am Mecklenburgischen Staatstheater in Schwerin (Welt), Pia Richters Inszenierung von Shakespeares "Die Zähmung der Widerspenstigen" am Staatstheater Kassel (FR) und Victor Bodos Inszenierung von "Die gläserne Stadt" am Deutschen Schauspielhaus Hamburg (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.06.2024 - Bühne

Milda Tubelytė in "Searching for Zenobia. Foto © Judith Buss

Den "Schmerz der Welt" fühlt SZ-Kritiker Egbert Tholl in Lucia Ronchettis Musiktheaterstück "Searching for Zenobia". Die Archäologin Zeina, die in der syrischen Wüste nach Spuren der Herrscherin Zenobia sucht, flieht mit ihrer Tochter, als der Krieg die Stadt verwüstet. Leider geht dem subtilen und klugen Stück in der Inszenierung von Isabel Ostermann bei der Musikbiennale München ein bisschen was verloren, bedauert Tholl, auch die Akustik in der Münchner Muffathalle ist nicht ideal. Trotzdem ist er fasziniert, wenn sich "Zenobia zu Wort meldet, die Mezzosopranistin Milda Tubelytė. Trotzig beharrt die Königin darauf, ihren Thron gegen die Römer zu verteidigen, legt Beinschiene und Brustpanzer an, die Rüstung holt sie aus dem Sand hervor wie archäologische Fundstücke. Beide Frauen haben an diesem Abend viel zu erzählen, hochvirtuos, arios die eine, ebenfalls voller Emotion die andere. Irgendwann treten sie in einen echten Dialog miteinander, das eine Leben spiegelt sich im anderen, Zeina flieht über das Meer, über das Zenobia verschleppt wurde, und die fantastische Sängerin Mais Harb faltet ein Schiffchen aus Papier."

Weitere Artikel: In der Welt schreibt Reinhard Wengiereck einen Nachruf auf den Regisseur und Schauspieler Alexander Lang. Taz-Kritikerin Katrin Bettina Müller verschafft sich bei den Autorentheatertagen am Deutschen Theater in Berlin einen Überblick über den aktuellen Zustand der Deutschen Dramatik und bespricht Texte von Amir Gudarzi, Akın Emanuel Şipal, Guido Wertheimer, Fatma Aydemir und Lukas Rietzschel.

Besprochen werden der musikalische Theaterabend "Ciao. Ein Bandprojekt" von unter anderem Emre Aksızoğlu und Knut Berger am Gorki-Theater Berlin (nachtkritik), Malte Kreutzfeldts Inszenierung von George Taboris Stück "Die Goldberg-Variationen" am Theater Chemnitz (nachtkritik), Lies Pauwels Adaption von Hermann Hesses "Steppenwolf" am Theater Basel (nachtkritik, NZZ), Pia Richters Inszenierung von Shakespeares "Die Zähmung der Widerspenstigen" am Staatstheater Kassel (nachtkritik), Elsa-Sophie Jachs Inszenierung ihrer Büchner-Kombination "Leonce und Lena und Lenz" am Theater Münster (nachtkritik), Anne Lenks Inszenierung von Lessings "Emilia Galotti" am Thalia Theater Hamburg (nachtkritik), Thomas Lufts Inszenierung von Robert Thomas' Stück "Acht Frauen" bei den Bad Vilbeler Burgfestspielen (FR), Viola Scagliones vierteiliger Tanzabend "Play_Bach" am Gallus Theater in Frankfurt (FR) und, in einer Doppelbesprechung, Milo Raus "Medeas Kinder" und Christiane Jatahys Inszenierung von Shakespeares "Hamlet" bei den Wiener Festwochen (SZ).