Bücherbrief

Vollhändig ausgeschenkt

Der Newsletter zu den interessantesten Büchern des Monats.
14.05.2008. Roman des Monats Mai ist womöglich Uzodinma Iwealas "Du sollst Bestie sein!", die fiktive und doch schrecklich wahrhaftige Geschichte eines Kindersoldaten. Auch Thomas Pynchons neuer Roman - 1600 Seiten! - nötigte der Kritik den gehörigen Respekt ab. Und dann ist da Ulla Berkewicz' "Überlebnis", das niemanden kalt ließ.
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Noch mehr Anregungen gibt es natürlich weiterhin
- im vergangenen Bücherbrief
- in der Krimikolumne "Mord und Ratschlag"
- und vor allem in den "Büchern der Saison" vom Frühjahr 2008

Frisch ausgewertet haben wir auch die Literaturbeilagen zur Leipziger Buchmesse.


Literatur

Thomas Pynchon
Gegen den Tag
Roman

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Mit "Against the Day" hat Thomas Pynchon seinen bisher großzügigsten Roman geschrieben: Erst nach 1600 Seiten ist das Leseglück vorbei, und es führt von den Arbeiterunruhen in Colorado über das New York der Jahrhundertwende und Göttingen, den Balkan, Sibirien und Mexiko während der Revolution ins Paris der Nachkriegszeit. "Drogengenuss ohne Kater, Sex ohne schlechtes Gewissen", gab die FR schon bei Erscheinen der amerikanischen Originalausgabe glücklich zu Protokoll. Der Tagesspiegel fand das Buch "in seinen besten Momenten emotional mitreißend und intellektuell brillant, anrührend, aber nie sentimental, mal todtraurig, mal brüllend komisch, bis zur letzten Seite so unvorhersehbar wie eine Achterbahnfahrt im Dunkeln". Die NZZ hat die deutsche Übersetzung gelesen und versichert, dass Nikolaus Stingl und Dirk van Gunsteren Pynchons Sprachkraft und Witz bestens ins Deutsche übertragen haben.

Uzodinma Iweala
Du sollst Bestie sein!
Roman

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Dieser Roman, der einen neunjährigen Kindersoldaten zum Helden und Ich-Erzähler hat, schockiert und berührt die deutsche Kritik. Es ist alles fiktiv, aber in seiner Unmittelbarkeit und kunstvollen sprachlichen Knappheit erzeugt der in New York lebende, als er diesen Roman schrieb, gerade einmal dreiundzwanzig Jahre alte Autor nach Ansicht der FAZ einen "Sound des Tötens", der schaudern macht. Die SZ betont, ebenfalls sehr beeindruckt, dass gerade der Verzicht auf eine genaue Verortung dieser Geschichte "universelle" Gültigkeit verleiht. Auch die NZZ hat sich von diesem literarisch hervorragend gemachten "Totenlied auf die Zivilisation" faszinieren lassen.

Lukas Bärfuss
Hundert Tage
Roman

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Der Schweizer Lukas Bärfuss ist als Dramatiker bekannt geworden. Mit seinem Roman-Erstling hat er sich nun nach Afrika gewagt. Er schickt einen Schweizer Entwicklungshelfer mitten in den Völkermord in Ruanda und lässt ihn eine Liebesgeschichte mit einer Hutu erleben. Auch wenn es immer wieder kritische Anmerkungen zu einzelnen Punkten gibt, zollen die Kritiker dem Autor doch großen Respekt. Dafür zunächst einmal, dass ihm seine "tollkühne Mischung aus Krieg und Sex" - so Die Zeit - insgesamt nicht zur Geschmacklosigkeit missrät. Dafür auch, dass er den "existenziellen Kern" (NZZ) seiner Geschichte freilegt, die Verstrickung eines Westlers in die Katastrophe. Und die FAZ konstatiert etwas überraschend, aber es ist wiederum positiv gemeint: Dies ist "ein Roman über die Schweiz".

Ulla Berkewicz
Überlebnis

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Dieses Buch hat keinen kalt gelassen - im Guten wie im Bösen. Wobei es erst einmal den sehr nahe liegenden Verdacht aus dem Weg zu räumen galt, die Siegfried-Unseld-Witwe Ulla Berkewicz schreibe hier (auto)biografisch über den Tod ihres Mannes. Die Sache liegt nämlich komplizierter und das Projekt ist viel ambitionierter: Es geht sehr grundsätzlich um Tod, Trauer und Überleben. Und wie dieser Text selbst auseinanderzufallen scheint, in einen - in der Formulierung der Zeit - "heilsgeschichtlichen" und einen "unseldgeschichtlichen" Teil, so sind auch die Rezensentinnen und Rezensenten sehr hin- und hergerissen. "Peinvoll", "ekelerregend" findet die insgesamt dann doch nicht unbeeindruckte SZ das Werk, die FAZ urteilt: "delirierend, insistierend, gestelzt", aber auch: alle üblichen Kriterien sprengend und darum ein literarischer Text sui generis.


Fantasy/Jugendbuch

Timothee de Fombelle, Francois Place
Tobie Lolness
Band 1: Ein Leben in der Schwebe. (Ab 11 Jahre)

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Ein Fantasy-Epos für Kinder und Jugendliche? Da muss natürlich erst einmal der Name Harry Potter fallen. Tut er auch, in der Kritik der Zeit, die aber sogleich versichert, dass ihr das hier geschilderte Universum viel sympathischer scheint. Auf den ersten Blick scheint es jedenfalls sehr viel begrenzter: Der Held Tobie Lolness lebt nämlich auf einem Baum. Dieser Baum aber erweist sich am Ende dann doch als, mehr oder weniger, die ganze Welt. Darum geht es auch durchaus politisch zu ohne alle betuliche "Hobbitheimeligkeit", freut sich die FAZ. Nicht weniger begeistert als von der Geschichte sind die Rezensenten von den Illustrationen des Kinderbuchkünstlers Francois Place.


Sachbuch

Igal Avidan
Israel
Ein Staat sucht sich selbst

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Auf große Zustimmung stößt diese Bestandsaufnahme des Journalisten Igal Avidan zum sechzigsten Gründungstag des Staates Israel. Kein Jubelbuch, sondern eine kritische Darstellung, die etwa im Konflikt mit den Palästinensern keineswegs einseitig Stellung bezieht. So kann die SZ Avidans Plädoyer für eine Anerkennung der Grenzen von 1949 nur zustimmen. Die NZZ findet die Darstellung auch der innerjüdischen Konflikte, zwischen säkularen und ultraorthodoxen Bevölkerungsteilen hoch interessant. Dies alles schildert Avidan in nüchternem Ton und sachlich abwägend - vor allem damit hat er die Rezensenten durchweg überzeugt.

Holm Sundhaussen
Geschichte Serbiens
19.-21. Jahrhundert

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Wer die Geschichte Europas verstehen will, muss sich mit dem Balkan beschäftigen. Holm Sundhaussen, Professor für Südosteuropageschichte an der FU Berlin erzählt hier die Geschichte Serbiens in den letzten 200 Jahren - und welches Land offenbart tiefere Risse und Abgründe in der jüngeren Geschichte Europas? Der Klappentext verspricht, dass Politik- und Ereignisgeschichte mit Gesellschafts-, Kultur- und Wirtschaftsgeschichte verfochten werden, und glaubt man dem Rezensenten Cyrill Stieger in der NZZ, so hält das Buch dieses Versprechen. Sundhaussen wirft laut Rezensent auch einen unerschrockenen Blick auf die Geschichtsmythen dieses Landes. Nur dieser Blick in die Vergangenheit, so Stieger, wird dem Land selbst und seinen Nachbarn helfen, die fälligen Schritte in die Zukunft zu machen.

Carl Dahlhaus, Norbert Miller
Europäische Romantik in der Musik
Band 2: Oper und symphonischer Stil 1800-1850. Von E. T. A. Hoffmann bis Richard Wagner

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Ein derart fulminantes Werk dürfte den Büchermarkt nicht allzu häufig beglücken. Allerdings muss man echtes Interesse mitbringen: Dies ist nur der zweite Band. Zusammen mit dem ersten Band sind hier 2.000 Seiten über die Geschichte der Romantik in der Musik zu lesen - und zwar aus europäischer, nicht aus verschmockt nationalhistorischer Perspektive. Das Werk versammelt neben einigen Skizzen des über dem Projekt 1989 verstobenen Carl Dahlhaus im wesentlichen Ausführungen des stupenden Opernkenners und engen Freundes von Carl Dahlhaus, Norbert Miller. Jens Malte Fischer zeigte sich in seiner Kritik für die SZ geradezu beglückt und rang um Worte: "Großes Buch". Berlioz und Liszt werden ihm als zentrale Figuren der europäischen Romantik nähergebracht. Die Art der Präsentation findet Fischer zudem dazu angetan, den Leser zu begeistern, mitzureißen und mit Wissen zu beglücken. Auch wenn das Buch, wie er erklärt, stilistisch stark zwischen Skizzenhaftem und "vollhändigem Ausschenken" großer Kenntnisse changiert.

Robert Fossier
Das Leben im Mittelalter

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Der Klappentext stellt das Buch als die Summe des französischen Historikers vor. Bestätigt wird dieses Versprechen vom Berliner Mittelalterhistoriker Michael Borgolte: "Ein Meisterwerk", lobt er in der FAZ. Borgolte stellt Fossiers Werk in die sozialhistorischer Tradition der Annales-Schule - also keine Ereignisgeschichte, sondern eine Darstellung der materiellen Kultur und Lebenswelt des Mittelalters unter Einsatz archäologischer und ethnologischer Methoden. Borgolte hebt insbesondere Fossiers Betonung des Landes im Mittelalter hervor, seine Ablehnung von Periodisierungen sowie sein Unterfangen, die Unterschiede zwischen den Ständen realistisch einzuebnen. Borgoltes bewegtes Resümee über das Buch: "Es lehrt die Lebenden Bescheidenheit vor den Leistungen anderer."


Hörbuch

Leonora Carrington
Das Hörrohr
Gekürzte Lesung. 4 CDs

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Die 81-jährige Rosemarie Fendel hat Leonore Carringtons berühmten Altersroman eingelesen, in der die 92-jährige Marian Leatherby ein Hörrohr geschenkt bekommt, das ihr die wahren Gedanken ihrer Mitmenschen offenbart. Und so erfährt sie vom Plan ihrer Familie, sie in ein Altersheim zu verbannen. Für die Zeit ist diese Lesung ein großes Ereignis: Die "unkaschierte Rauheit und Brüchigkeit" in Fendels Stimme verraten ihr mehr über die grimmige Heldin, als der Text selbst je über sie wusste. In der FAS stellte Monika Maron fest, dass sich dieser surreale Roman in den fünfzig Jahren seit seinem ersten Erscheinen geradezu verjüngt hat: "Dass eine Schar von Greisinnen, verstoßen von ihren Kindern und für unbrauchbar befunden vom Rest der Welt, eben diesen Zustand in Freiheit verwandelt, das liest sich heute wie eine aktuelle Botschaft an unsere von Altersangst besessene Gesellschaft."