Bücherbrief

So keusch, so erotisch

02.06.2008. Eine Liebesgeschichte mit altbundesrepublikanischem Charme, eine Entführung aus Liebeskummer, jiddische Polizisten in Alaska, polnische Reportagen über Tschechien, die Erinnerungen eines palästinensischen Philosophen und eine falsche Violine: All das in den besten Büchern des Mai.
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Noch mehr Anregungen gibt es natürlich weiterhin
- im vergangenen Bücherbrief
- in der Krimikolumne "Mord und Ratschlag"
- und vor allem in den "Büchern der Saison" vom Frühjahr 2008

Frisch ausgewertet haben wir auch die Literaturbeilagen zur Leipziger Buchmesse.


Romane

Siegfried Lenz
Schweigeminute
Novelle

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Mit 82 Jahren hat Siegfried Lenz die erste Liebesgeschichte seines Lebens geschrieben. Die Kritiker waren ergriffen, begeistert, verzückt: "Selten las man etwas so Keusches, etwas so Erotisches!", jubelt Ulrich Greiner in der Zeit, der gleich mit Henning Sußebach nach Fünen pilgerte, um sich von Lenz im Interview erklären zu lassen, warum er sich eine solche Geschichte für das Alter reserviert hat ("Ich will damit nicht sagen, dass ich vorher keine ausreichenden Erfahrungen gehabt hätte..."). In der FAS schwärmt Marcel Reich-Ranicki von der "sinnlichen Prosa" in Lenz' "vielleicht schönstem" Buch: "Man kann alles fühlen, sehen, hören und riechen." Im Tagesspiegel lässt sich Christoph Schröder von der "altmodischen Entrücktheit" beeindrucken und dem "altbundesrepublikanischen Charme", der das Buch durchwehe.

Elliot Perlman
Sieben Seiten der Wahrheit
Roman

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Wieder ein ganz großer Roman aus Übersee. Die Welt schwört Stein und Bein, dass es sich bei Elliot Perlmans "Sieben Seiten der Wahrheit" nicht um Fehlalarm handelt. Aus sieben verschiedenen Perspektiven erzähle der Australier, wie der vom Weg des Erfolgs abgekommene Simon den Sohn seiner ehemaligen Geliebten entführt. "Wahrhaft grandios" findet die Welt, wie Perlman dieses etwas "angestaubte Projekt der klassischen Roman-Moderne für unsere Zeit und Mentalität relevant macht". Auch die SZ ist absolut überzeugt von diesem 900-Seiten-Werk: "'Sieben Seiten der Wahrheit'" ist ein komplexer Gesellschaftsroman und ein Menschenroman, intelligent, unterhaltsam, versiert in vielen Diskursen."

Michael Chabon
Die Vereinigung jiddischer Polizisten
Roman

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Andere Bücher von Michael Chabon im Perlentaucher

So etwas nennt man wohl "Uchronie". Michael Chabons neuer Krimi spielt in einem fiktiven jüdischen Staat, der 1948 in Alaska, statt in Israel gegründet wurde. Amtssprache ist Jiddisch. Abgründig, verworren, traurig, lustig, aufregend fand Georg Diez diesen Roman in der Zeit, den er als Parodie des "great american novel" darstellt. Die Übersetzung könnte aber noch etwas schmutziger funkeln, meint Diez. Auch Peter Körte schreibt in der FAZ mit echter Faszination. Besonders hebt er hervor, dass man Chabons Alternative zur tatsächlichen Geschichte ziemlich bald als richtig plausibel empfindet. Als literarische Vorbilder nennt Körte Raymond Chandler und Jerome Charyn.


Erinnerungen

Swetlana Geier
Ein Leben zwischen den Sprachen

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Übersetzungen von Swetlana Geier im Perlentaucher

Nur die NZZ hat dieses Buch besprochen, das im kleinen Zürcher Pforte-Verlag erschienen ist. Wir warten nicht auf weitere Begeisterungsstürme von Kritikern. Swetlana Geier ist nicht nur die berühmteste lebende Übersetzerin aus dem Russischen. Sie weiß aus ihrem recht bewegten Leben sowohl über stalinistischen, als auch über Naziterror zu berichten. Ulrich Schmid hat sich in der NZZ tief beeindruckt über das Buch geäußert. Auch Geiers Gedanken zum Wesen des Übersetzens selbst haben auf den Rezensenten großen Eindruck gemacht. Hier ein Interview mit Geier in der Welt.

Sari Nusseibeh
Es war einmal ein Land
Ein Leben in Palästina

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Durchweg beeindruckt sind die Rezensenten von der Autobiografie des palästinensischen Philosophen und Politikers Sari Nusseibeh, der Israel ebenso wie Arafat beriet. Geboren ist Nusseibeh in Jerusalem, studiert hat er in Großbritannien und den USA. Heute ist er Präsident der arabischen Al-Quds-Universität in seiner Geburtsstadt. Unzweideutig ist seine Position im Nahost-Konflikt: Eine andere als eine Zweistaatenlösung scheint ihm nicht möglich. Wie und warum es zu dieser bis heute nicht kam, schildert er nun in diesem - so die taz - "ebenso spannenden wie bedrückenden Zeitzeugenbericht". Die FR schließt sich den Worten des Schriftstellers Amos Oz an und lobt die Autobiografie als "ein feinsinniges, trauriges und humorvolles Erinnerungsbuch". Einzigartig findet die Zeit das Buch darin, wie es das eigene Erleben und die Reflexion zu verbinden versteht.
Mehr zum Thema Israel: Nach einem Vierteljahrhundert endlich ins Deutsche übersetzt wurde Tom Segevs längst zum Klassiker avancierte Studie über die Anfänge des israelischen Staats "Die ersten Israelis". (Bestellen) Die Feuilletons konstatieren: Auch nach all den Jahren ist das Buch noch höchst lesenswert.


Reportagen

Rolf Lamprecht
Die Lebenslüge der Juristen
Warum Recht nicht gerecht ist

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Dreißig Jahre Erfahrung hat der Autor als Gerichtsreporter für den Spiegel gesammelt. Die Lehren, die er aus dieser Erfahrung in diesem Buch zieht, sind ernüchternd, jedenfalls für all diejenigen, die sich vom Recht viel oder allzuviel versprechen: Richter, so scheint das Fazit zu lauten, sind auch nur Menschen. Sie handeln und urteilen emotional, subjektiv und keineswegs unabhängig von gesellschaftlichen Faktoren. Die SZ hat dieser Ausnüchterungsversuch für Rechtsidealisten durchweg überzeugt. Sie ist der Meinung, dass Lamprecht hier der "Lebenslüge" der Zunft den Garaus mache. (Hier einige Reportagen von Lamprecht im Spiegel.)

Mariusz Szczygiel
Gottland
Reportagen

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Dreißig Reporter gibt es bei der polnischen Tageszeitung Gazeta Wyborcza. Für den Leiter der Reportageabteilung, Mariusz Szczygiel, eine Ehrensache im Land Ryszard Kapuscinskis und Hanna Kralls. Szczygiel selbst hat als Reporter vor allem über das Nachbarland Tschechien berichtet. Einige dieser Reportagen sind in dem Band "Gottland" versammelt (der Titel bezieht sich auf das Karel-Gott-Museum in Prag). In der NZZ rühmt Karl-Markus Gauß, selbst Autor vielgerühmter Reisereportagen, nicht nur die "meisterliche Prosa" Szczygiels, auch die Geschichten haben ihn beeindruckt. Die Helden der Reportagen sind oft Künstler, die - wenigstens eine kurze Zeit lang - berühmt waren. Goebbels' Geliebte Lidia Baarova etwa oder der Schöpfer der Stalin-Statue, der unglückliche Otakar Svec, oder die Bata-Familie. "Szczygiel hat nach Geschichten gefahndet, in denen sich die Anpassung an schlechte Zeiten exemplarisch ausdrückt", schreibt Roland H. Wiegenstein auf der Webseite Berliner Literaturkritik. Und wie er das macht, erinnert den Kritiker stark an Alexander Kluge: "dieselbe konstatierende Kühle, diese lakonische Sprache, dieselbe Neigung zur Parabel, wie sie die Historie schreibt".


Sachbuch

Roland Barthes
Die Vorbereitung des Romans

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In den Siebziger Jahren beschloss der große (post)strukturalistische Theoretiker Roland Barthes, einen Roman zu schreiben. Es wurde nichts draus. Und darüber, wie und warum genau nichts draus wurde, hielt er von 1978 bis zu seinem Unfalltod im Jahr 1980 eine Vorlesungsreihe, deren Mitschriften nun vorliegen. In Wahrheit ist der Horizont freilich, wie nicht anders zu erwarten, sehr weit: Um Proust geht es, um Kafka und Flaubert, um den Realitätseffekt und das Verhältnis (a la Lacan) von "Realem" und "Imaginärem". Sehr lehrreich findet Ina Hartwig das alles - bedauert allerdings sehr, dass Barthes seine hier ebenfalls versammelten Notizen zu "Proust und die Fotografie", den "Glanzpunkt" des Buchs, nicht mehr ausarbeiten konnte.

Rohan Kriwaczek
Eine unvollständige Geschichte der Begräbnis-Violine

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Eine ehrwürdige Tradition? Nach Rohan Kriwaczek nahm die Begräbnisviolinmusik im 16. Jahrhundert mit George Babcotte, einem Günstling der englischen Königin, der später als Häretiker verfolgt wurde, ihren Anfang. Den Beginn ihres Niedergangs in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts schreibt der Autor den bösen Bemühungen Papst Gregor XVI. zu und hier entfaltet er, so die FAZ, eine an schaurigen Einzelheiten reiche Verschwörungstheorie. Zur Vollständigkeit dieser Geschichte gehört die im Buch selbst fehlende Information, dass es sie (die Violine und ihre Geschichte) so, wie vom Autor geschildert, gar nicht gibt. Kriwaczek hat sich einfach für seine eigene Tätigkeit als Trauerviolinist eine ehrwürdige Tradition erfunden. Das hat allerdings weder den Eichborn Verlag gehindert, das Buch in seine ehrwürdige "Andere Bibliothek" aufzunehmen, noch mindert es die Begeisterung der Feuilletons für das Buch. Die NZZ macht klar, dass es sich um ein "Schelmenstück" handelt, das seine "eigene Realität" entwickelt. Die SZ lobt, vielleicht auch ein wenig tongue in cheek, die "kühnen Syn- und Hypothesen" des Autors, die FAZ fühlt sich sogar an Laurence Sternes "Tristram Shandy" erinnert.

Gesine Schwan
Allein ist nicht genug
Für eine neue Kultur der Gemeinsamkeit

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Aus aktuellem Anlass empfiehlt die FAZ die Lektüre dieses aus Gesprächen entstandenen Bands, in dem Gesine Schwan, Politologin, Universitätspräsidentin und nun also mehrfache Bewerberin fürs höchste Amt im Staat, darlegt, was sie intellektuell so umtreibt. Durchaus erfreut ist der Rezensent etwa, dass Schwan - anders als die Gegenwartsmode es will - vor deutlicher "Kulturkritik", nämlich Kritik an einer Kultur der Vereinfachung, nicht zurückschreckt. Nicht weniger als eine "philosophische Streitschrift über das gute Leben" sei dieses Buch, dessen Autorin auch als Person in der Lektüre einen sehr sympathischen Eindruck auf die FAZ machte.