Bücherbrief

Szenenschnittmonster

04.08.2014. Guillermo Saccomannos führt uns in die apokalyptische Welt der Angestellten. Elif Shafak erzählt die Geschichte eines Ehrenmords. Anne Goldmann beobachtet einen Mord von der Dachterrasse eines Wiener Mietshauses. Rüdiger Görner erforscht die dunkelsten Geheimnisse Georg Trakls. Und Wolfgang Matz analysiert die Kunst des Ehebruchs. Dies alles und mehr in den besten Büchern des Monats August.
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Weitere Anregungen finden Sie in den Leseproben in Vorgeblättert, in der Krimikolumne "Mord und Ratschlag", den Büchern der Saison vom Frühjahr 2014, unseren Notizen zu den Literaturbeilagen vom Frühjahr 2014 und in den älteren Bücherbriefen.

Literatur

Guillermo Saccomannos
Der Angestellte
Roman
Kiepenheuer und Witsch Verlag 2014, 192 Seiten, 18,99 Euro

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Guillermo Saccomannos" Roman "Der Angestellte" hat die Rezensenten ganz schön frösteln lassen. Der 1948 in Buenos Aires geborene Autor beschreibt eine Welt, in der es nur noch wenige Privilegierte gibt. Die Angestellten (in diesem Roman hat niemand einen Namen) stehen auf einer Mittelstufe - sie haben zwar einen Job und ein festes Einkommen, aber sie können jederzeit vom Wachdienst vor die Tür gesetzt werden, wo ihnen dann nur noch die Hölle der Straße bleibt. Die Hauptfigur dieses Romans beschließt, diesem Leben zu entkommen - indem er Firmengelder klaut und sich mit der blonden Sekretärin absetzt. Man braucht starke Nerven für diesen Roman, erklärt Ralph Hammerthaler in der SZ. So kalt und apokalyptisch sei dieser Trip. Aber die Sprache Saccomannos - von Svenja Becker grandios übersetzt - verwandelt diese Endzeitgeschichte in große Literatur, so Hammerthaler. Das sehen Maike Albath in der Welt und Mathias Schnitzler im Deutschlandfunk ähnlich: Auch wenn die Kapitalismuskritik Saccomannos wenig originell sei, seine "Sprachkunst jedoch, auch in der deutschen Übersetzung, und die dunkle, filmische Atmosphäre hinterlassen tiefe Eindrücke", erklärt Schnitzler. (Leseprobe bei Kiepenheuer und Witsch)

Elif Shafak
Ehre
Roman
Kein und Aber Verlag 2014, 528 Seiten, 24,90 Euro

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In "Ehre" erzählt die 1971 in Straßburg geborene, heute mit ihrer Familie in London und Istanbul lebende türkische Autorin Elif Shafak die Geschichte zweier kurdischer Schwestern, Zwillinge, um genau zu sein: die eine bleibt als Hebamme in dem Dorf, in dem sie geboren wurde, die andere wird verheiratet und landet nach einem Zwischenaufenthalt in Istanbul mit ihrem Mann und drei Kindern in London. Dort verlässt sie der Mann für eine andere, und die Frau, der die Kultur Großbritanniens fremd geblieben ist, verliebt sich zum ersten Mal. Als ihr Sohn davon erfährt, ist das Unheil nicht mehr aufzuhalten. Diese Geschichte um einen Ehrenmord entspricht eigentlich allen Klischees, aber nach Ansicht der meisten Rezensenten hat Elif Shafak diese Falle leichtfüßig umgangen. "Der Roman befriedigt unseren sensationsgeilen Blick über den Gartenzaun nicht", erklärt Alexandra Kedves im Zürcher TagesAnzeiger, vielmehr trage das Buch "Kapitel um Kapitel, Perspektivwechsel um Perspektivwechsel Fassade und Fremdheit ab, bis wir selbst mittendrin stehen". In der NZZ lobt Irene Binal die "geschmeidige Prosa" und "feine Melancholie" des Romans. Auch Mirjam Rosentreter (Funkhaus Europa) lobt die "wunderbar klare" und poetische Sprache. Und auf WDR2 versichert Christine Westermann, dass der Roman trotz des düsteren Themas eine bunte, mit Humor erzählte Familiengeschichte ist.

Stewart O"Nan
Die Chance
Roman
Rowohlt Verlag 2014, 224 Seiten, 19,95 Euro

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Obwohl er seit 20 Jahren Romane schreibt, ist Stewart O"Nan einer der großen, aber doch fast ins Vergessen geratenen Autoren der amerikanischen Gegenwartsliteratur, bedauert FAZ-Kritikerin Felicitas von Lovenberg. Die Geschichte von der zweiten, wagemutigen Hochzeitsreise - an die Niagara-Fälle! - eines in die Jahre gekommenen, finanziell ruinierten, kurz vor der Trennung stehenden Ehepaars aus der Mittelschicht scheint jedenfalls wieder ein typischer O"Nan zu sein: knapp und präzise erzählt, mit viel Raum für eigene Assoziationen, lobt Lovenberg. In der FR bewundert Christoph Schröder die Genauigkeit, mit der O"Nan die Verluste, Ängste und Sehnsüchte dieser Menschen zu beschreiben weiß. "Eines der stärksten" Bücher Stewart O"Nans, meint im MDR Stefan Maelck, den die "große Menschlichkeit" des Autors beeindruckt hat.

Philipp Meyer
Der erste Sohn
Roman
Albrecht Knaus Verlag 2014, 608 Seiten, 24,99 Euro

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Philipp Meyers Familiensaga über den texanischen Clan der McCulloughs umfasst 150 Jahre Kampf um Weideland und Öl, Fehden zwischen Indianern, Texaner und Mexikanern und jede Menge Familiengeheimnisse. Fünf Jahre hat der 1974 geborene, ursprünglich als Broker arbeitende amerikanische Autor daran geschrieben. Der drastische Fotorealismus, mit dem er Natur und Lebenskampf in Texas beschreibt, hat den FAZ-Rezensenten Oliver Jungen schwer beeindruckt. Er hat am Ende viel gelernt über die wechselseitige und aufeinanderfolgende Auslöschung von Ethnien und Imperien, aber auch über indianische Rituale. In der Welt fühlt sich Wieland Freund erdrückt von all den "Fakten, Fakten, Fakten". Auch ist ihm die Beschreibung der texanischen Geschichte als sozialdarwinistischer Kampf suspekt, in dem moralisch alle gleichermaßen versagen. Hartmut Wilmes bewundert in der Kölnischen Rundschau dagegen die geradezu Shakespearesche Größe dieser Menschen. Und für Christopher Schmidt (SZ) ist der Roman ganz klar eine GAN - Great American Novel. (Leseprobe beim Knaus Verlag)


Krimi

Anne Goldmann
Lichtschacht
Roman
Argument Verlag 2014, 256 Seiten, 12 Euro

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Anne Goldmanns Krimi "Luftschacht" spielt auf dem Dach eines Wiener Mietshauses. Dort hat sich Lena in der Dachgeschosswohnung einer verreisten Freundin einquartiert und dort beobachtet sie - einen Mord? Oder wohin ist die Frau verschwunden, die eben noch zwischen einem Paar saß? Lena ist sich nicht sicher, was sie gesehen hat. Zu dieser Unsicherheit kommt noch eine andere: Sie ist neu in der Stadt, kennt niemanden, wem soll sie trauen? Einem der beiden Wohnungsnachbarn, die sie bald darauf kennenlernt? FR-Rezensentin Sylvia Staude lobt die "zart paranoiden Atmosphäre" dieses Krimis. In der FAZ vergibt Jürgen Kaube die Höchstnote, wenn er die Geschichte mit den Werken von Chabrol und Highsmith vergleicht. Im Freitag denkt Thekla Dannenberg eher an die Psychothriller von Margaret Millar oder Celia Fremlin. Und in der Welt beschreibt Elmar Krekeler es so: Kein Hochgeschwindigkeitsthriller, sondern ein "auf Handkante genähtes Szenenschnittmonster. "Lichtschacht" ist ein schleichendes Gift. Aber ein sprachlich schönes und hochwirksames."


Sachbuch

Rüdiger Görner
Georg Trakl
Dichter im Jahrzehnt der Extreme
Zsolnay Verlag 2014, 352 Seiten, 24,90 Euro

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Unter den überregionalen Zeitungen, die wir lesen, hat sich bisher nur die Welt mit Rüdiger Görners Trakl-Biografie auseinandergesetzt - mag sein, dass die anderen Zeitungen auf den hundertsten Todestag im November 1914 warten. Trakl starb, traumatisiert von der einsetzenden Katastrophe des 20. Jahrhunderts, an einer Überdosis Kokain. Hymnisch bespricht Fritz J. Raddatz das Buch: Einfühlsam, ja geradezu "liebevoll" interpretiere der Autor das Leben und Werk des Dichters, schreibt Raddatz, der hier nicht nur Trakls dunkelste Geheimnisse, sondern auch bisher Unerforschtes seines Schaffens liest. Wie eng beides miteinander verknüpft ist, ahnt der Kritiker schon im "fiebrigen Farbenrausch" der ersten Gedichte, die, wie auch die Späteren, von Görner gemäß Lacans Diktum "Lyrik ist Wissen von Unbewusstem" brillant analysiert werden. Hier als pdf-Dokument die recht ausführliche Leseprobe des Verlags, in der Görner unter anderem über die inzestuöse Liebe Trakls und seiner Schwester Grete spricht.

Maria Janion
Die Polen und ihre Vampire
Studien zur Kritik der Phantasmen
Suhrkamp Verlag 2014, 475 Seiten, 48 Euro

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Die polnische Essayistin Maria Janion ist hierzulande noch weithin unbekannt. Daher nimmt Stephan Wackwitz in der FAZ den Band "Polen und die Vampire" zum Anlass, die 1926 geborene Kommunistin, Bürgerrechtlerin und Feministin überhaupt erst einmal vorzustellen und für ihr Schreiben und Denken, das weit über literaturwissenschaftliche Fragen hinausgehe, eine Lanze zu brechen. Janions Essays über die großen Dichter Adam Mickiewicz oder Miron Bialoszewski sind keine akademischen Rituale, sondern kulturkritische Interventionen in aktuelle Debatten, versichert er, sie behandeln Polens Romantik ebenso wie sein ambivalentes Verhältnis zur europäischen Moderne. In der Welt preist Stephanie Peter die Autorin als bedeutende Zeitzeugin des 20. Jahrhunderts. Sie vermisst tn diesem Band nur einige von Janions wichtigen feministischen Aufsätze.

Gian C. Fusco
Die Unerwünschten
Als Amerika die Mafia nach Hause schickte
Berenberg Verlag 2014, 152 Seiten, 20 Euro

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Im Gefolge des Mafiabosses Lucky Luciano schickten die USA zum Ende des Zweiten Weltkriegs Hunderte von Gangstern nach Sizilien zurück. Dort fristeten sie in ihren Heimatdörfer ein elendes Leben als Bettler und Hungerleider, von der Cosa Nostra als unbrauchbar gewordene Handlanger fallengelassen, von der Bevölkerung verachtet. Der italienische Journalist Gian Garlo Fusco hat 1962 in "Die Unerwünschten" die Lebensberichte dieser Männer aufgeschrieben, und dass der Berenberg Verlag sie nun auf Deutsch herausbringt, freut die Rezensenten sehr. In der Stuttgarter Zeitung ist Thomas Klingenmeier beeindruckt von der Sachlichkeit, mit der Fusco die "schäbige Ökonomie der Mafia" zeigt, die ihre ehemaligen Schläger und Mörder ohne mit der Wimper zu zucken ausrangiert. In der FAZ macht Hannes Hintermeier sehr deutlich, dass diese Porträts keine schönen Geschichten erzählen, "sondern höchst brutale". Besonders hebt er die Arbeit der Übersetzerin Monika Lustig hervor, die mit viel Sprachwitz dem Mafia-Slang eine deutsche Form gegeben habe.

Wolfgang Matz
Die Kunst des Ehebruchs
Emma, Anna, Effi und ihre Männer
Wallstein Verlag 2014, 320 Seiten, 24,90 Euro

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Emma Bovary, Effi Briest, Anna Karenina: Drei der wichtigsten Romane des 19. Jahrhunderts handeln von Ehebruch. Eigentlich liegt nichts näher, als die drei mal zusammen zu betrachten. Wolfgang Matz, Lektor bei Hanser und Essayist, hat diese Idee jetzt wahrgemacht - zur Freude der Kritiker. Joseph Hanimann bewundert in der SZ nicht nur die kenntnisreiche und überdies unterhaltsame Darbietung des großen Stoffs, er hat auch eine Menge gelernt: Etwa, weshalb diese Bücher trotz des gewandelten Geschlechterverhältnisses immer noch eine so große Attraktivität ausüben, wo genau die Unterschiede zwischen den drei berühmten Ehebrecherinnen liegen oder was eigentlich aus den Liebhabern geworden ist. Auch Jürgen Kaube lobt in der FAZ lobt das Talent des Autors, den eigentlich akademischen Stoff mit eindringlichem Gespür für psychologische Zwischentöne darzustellen. Anders als Wolfgang Schneider in der Welt, scheint er mit Matz einer Meinung zu sein, der "Effi Briest" in dem Dreigestirn als nachrangig betrachtet.


Ethan Zuckerman
Rewire!
Warum wir das Internet besser nutzen müssen
Huber Verlag 2014, 292 Seiten, 24,95 Euro

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Es gibt ja noch ein paar Leute, die anders als Frank Schirrmacher und andere Kulturkonservative am demokratischen Potenzial des Netzes festhalten und das Netz trotz allem nicht nur als eine Machenschaft übermächtiger Konzerne sehen. Ethan Zuckerman, der am gleichen Berkman Centre arbeitet wie etwas der große Yochai Benkler, gehört zu ihnen. Gerade hat er den Essay "New Media, New Civics?" über die Möglichkeiten demokratischer Partizipation im Netz vorgelegt (mehr dazu hier). Das heißt nicht, dass er unseren Gebrauch des Netzes nicht kritisch sieht: Man bewegt sich eben doch immer in einer selbstgewählten Filterblase aus nationalen News, Sportergebnissen und leichter Unterhaltung, lautet Ethan Zuckermans im durchaus schockierten Selbstexperiment erzielter Befund. Das hält Johannes Gernert in seiner taz-Besprechung für so plausibel wie bedauerlich: "Wir machen uns das Internet viel kleiner, als es für uns sein könnte", klagt er. Zuckerman, erklärt John Naughton im Guardian, verficht den Kosmopolitismus von Seiten wie globalvoices.org und fordert von jedem einzelne Netznutzer eine Öffnung zur Welt! In dieser Hinsicht fühlten sich David Pachali von irights.info und Cyrus Farivar von ars technica bei der Lektüre gewaltig inspiriert.


Dries Verbruggen (Hrsg.), Claire Warnier (Hrsg.)
Dinge drucken
Wie 3D-Drucken das Design verändert
Die Gestalten Verlag 2014, 256 Seiten, 39,90 Euro

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Das Buch sieht zwar aus wie für den Coffeetable gemacht, liefert aber in technischer wie theoretischer Hinsicht "solide Informationen", versichert Rezensent Tilman Baumgärtel in der taz. Vor allem hat er in diesem Band einen sehr guten Überblick darüber gefunden, was 3D-Drucker heute tatsächlich können und was Fantasien von Gestalter-Nerds sind. Positiv fällt auch das Resümee des Blogs Cyode (eines auf 3-D-Produkete spezialisierten Herstellers) aus: "Gleichzeitig fällt beim Lesen auf, dass die Autoren den 3D-Druck recht nüchtern betrachten und doch sein Potenzial hervorheben. Als Leser ist dies ein angenehmes Szenario, denn während andere ihre Begeisterung sehr überschwänglich formulieren, punkten Claire Warnier und Dries Verbruggen unter anderem mit guter Recherche, Fallbeispielen und kritischen Ansätzen."