Bücherbrief

Souveränes Schöpfertum

08.09.2014. Judith Hermanns Roman "Aller Liebe Anfang" zielt ins Herz der deutschen Mittelschicht. Sherko Fatah führt uns mit einem Übersetzer in den Irak. Silke Scheuermann besingt den Dodo. Und Geert Buelens zeigt uns Europas Dichter vor dem Ersten Weltkrieg. Dies alles und mehr in den interessantesten Büchern des Monats September.
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Weitere Anregungen finden Sie in den Leseproben in Vorgeblättert, in der Krimikolumne "Mord und Ratschlag", den Büchern der Saison vom Frühjahr 2014, unseren Notizen zu den Literaturbeilagen vom Frühjahr 2014 und in den älteren Bücherbriefen.


Literatur



Judith Hermann
Aller Liebe Anfang
Roman
S. Fischer Verlag 2014, 224 Seiten, 19,99 Euro

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Kein Buch hat in diesem Monat einen Wirbel ausgelöst wie Judith Hermanns erster Roman "Aller Liebe Anfang". Selten auch war die Kritik so gespalten. Hermann erzählt die Geschichte einer verheirateten Frau und Mutter, die als Altenpflegerin arbeitet und mit ihrer Familie ein recht beschauliches Vorort-Leben in einem Einfamilienhaus mit Garten führt. In diese ereignislose Idylle bricht ein Stalker ein, der ihr nachstellt. Ob dieser Mann nun eine reale Figur ist, oder Ausdruck von Stellas Sehnsucht nach Abenteuer und Unordung - schon darüber herrscht Uneinigkeit. Florian Kessler prägt in der taz für diese Stalkerfantasie den bösen Ausdruck "Mommy Horror". Die Kritiker des Romans stören sich an der "gezielt nebulösen Aura" (Freitag), die alles in diesem Roman umgibt, an dem "lethargischen Realismus"(Zeit) und den endlosen Beschreibungen "kunstvoller Gegenstandsarrangements" (Stuttgarter Zeitung). Doch das Buch hat auch entschiedene Liebhaber, deren überzeugendster Roman Bucheli in der NZZ ist: Für ihn erzählt Hermann "aus dem Innenleben einer Gesellschaft, die von der Liebe einen zugleich pathetisch hehren wie heillos zerrütteten Begriff hat". In der SZ erliegt Helmut Böttiger der "nicht recht greifbaren Energie" der Hermannschen Sätze. Und in der FAS deutet Volker Weidermann an, dass die Kritiker des Romans womöglich an einem wunden Punkt getroffen sind: Sie, die die Hermannschen Glückssucher im Berlin der 90er noch so bewunderten, wollen heute, "da in Hermanns Prosawelt Lähmung, Stillstand, Familienenge, Angst und Einsamkeit herrscht, bitte nicht mehr dabei sein". (Leseprobe beim Verlag)

Sherko Fatah
Der letzte Ort
Roman
Luchterhand Literaturverlag 2014, 288 Seiten, 19,99 Euro

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Volker Weidermann schreibt in seinem Porträt in der FAS über Sherko Fatah einen jener Kritikersätze, bei denen man sich fragt, ob sie wirklich in dieser Emphase gemeint sein können: "Sherko Fatah erzählt die spannendsten und spannungsreichsten Geschichten in der deutschen Literatur der Gegenwart." Aber man möchte dran glauben, denn Fatah hat mit beinahe beängstigender Präzisision die Entführungen im Irak vorweggenommen. Darum geht"s in dem Buch: die Entführung eines Westlers von gutem Willen in einem an Düsternis kaum mehr zu überbietenden Szanario, und um seine Beziehung zu seinem Übersetzer. Florian Kessler hat das Buch für die SZ besprochen und macht schon klar, dass es keine bequeme Lösung bietet. Weidermann malt vor allem den Abgrund des Missverständnisses zwischen dem Protagonisten und seinem an sich liberalen Übersetzer aus, der den Westen dennoch nicht verstehen kann. Da fragt man sich doch, warum ausgerechnet dieser Roman nicht für den Deutschen Buchpreis nominiert ist.

Karen Köhler
Wir haben Raketen geangelt
Erzählungen
Hanser Berlin 2014, 237 Seiten, 19,90 Euro

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Die meisten Erzähler in Karen Köhlers Erzählband "Wir haben Raketen geangelt" sind junge Frauen, und meistens leiden sie an der Liebe. Illusionen haben sie keine mehr, dafür viel Erfahrung mit Verrat, Bosheit, Gewalt, erzählt Sigrid Löffler im RBB Kulturradio. Männliche Helden gibt es in dem Buch überhaupt nur zwei, und die sind ausgesprochene Exoten (was Marc Reichwein in der Welt durchaus imponierte). Wehleidig? Aber überhaupt nicht. Sigrid Löffler jedenfalls lobt die 40jährige Autorin, von Haus aus Schauspielerin, als "autodidaktische, naturwüchsige Erzählerin" und bescheinigt den Erzählungen Vitalität und einen "rauen Charme". Klaus Irler von der taz Hamburg verneint jede Schwere: "Die Ich-Erzählerin ist eine, die noch lange nicht fertig ist mit dem Leben und zurück schlägt, wenn es sein muss." In der Zeit geht Ursula März noch um einiges weiter: Hier ist "Meisterschaft am Werk", ruft sie begeistert. In der FAZ erklärt Andreas Platthaus das Buch zu einem der fünf interessantesten in dieser Saison. (Leseprobe beim Verlag)

Michael Kleeberg
Vaterjahre
Roman
Deutsche Verlags-Anstalt 2014, 512 Seiten, 24,99 Euro

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Mit "Vaterjahre" legt Michael Kleeberg einen zweiten Roman über seine Figur Karlmann Renn vor, anhand derer er Tiefe und Banalität der Gegenwart schildert. Laut Sandra Kegel in der FAZ ist er ist ein desillusionierter Volkswirt, der sich vor allem für Sport, Fernsehen, seine Männerfreunde und seine Tochter interessiert, und der allgemein wenig über das Leben nachdenkt. Aber das tut der Autor für ihn - in essayistischen Passagen, denen Kegel anmerkt, dass Kleeberg auch Proust-Übersetzer ist. Auch die Durchdringung und Komposition seines Materials lässt sie an Proust denken. Auch die anderen Rezensenten sind beeindruckt von Kleebergs zweitem "Karlmann"-Roman. taz-Kritiker Dirk Knipphals staunt unter anderem darüber, wie klug, facetten- und assoziationsreich Kleeberg Familienleben, hanseatische Unternehmenskultur und Charaktere schildert. Im culturmag bewundert Wolfram Schütte die "entspannte, epische Gelassenheit" des Erzählers. Burkhard Müller in der SZ würdigt den "großen, genauen" Ernst von Kleebergs Romankunst und wünscht dem Autor die fällige breitere Anerkennung. (Leseprobe beim Verlag)

Silke Scheuermann
Skizze vom Gras
Gedichte
Schöffling und Co. Verlag 2014, 104 Seiten, 18,95 Euro

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Wann wurde zuletzt ein Gedichtband so oft und so überschwänglich besprochen wie Silke Scheuermanns "Skizze vom Gras"? In diesen Naturgedichten lotet Scheuermann nicht nur das Verhältnis von Mensch und Natur, Kosmos und Alltag aus, sondern erweckt auch ausgestorbene Tierarten zu neuem lyrischen Leben, wie etwa die Wandertaube Martha oder den Dodo, der "zum Überleben zu verträumt" war. Heinrich Detering beschreibt die Gedichte in der FAZ als bedrohlich, verwirrend und tröstlich zugleich. "Souveränes Schöpfertum" sieht Björn Hayer in der taz hier am Werk und freut sich über die Verve und Lichtheit der Gedichte. In der NZZ sieht Michael Braun in ihnen die Möglichkeiten des Menschseins erforscht. In der Welt betont Herbert Wiesner den Humor und die Ironie einer Dichterin, die sich gern ins eigene hohe Wort fällt. Nur Florian Kessler in der SZ findet das Spiel mit dem "Flair der Utopie" zu kokett.


Sachbuch

Geert Buelens

Europas Dichter und der Erste Weltkrieg
Suhrkamp Verlag 2014, 459 Seiten, 26,95 Euro

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Dies dürfte eines der faszinierendsten Kompendien zum Ersten Weltkrieg sein, die im Gedenkrausch dieses Jahrs erschienen sind. Der niederländische Autor Geert Buelens hat einen wahrhaft kosmopolitischen Blick auf die Literatur der Zeit, lobt FAZ-Rezensent Niklas Bender. Was Bender am meisten erstaunt: Die "Sucher blauer Blumen" und "Flüsterer im Elfenbeinturm" zeigten sich größtenteils erstaunlich gewaltaffin. Beinahe sämtliche -ismen der Zeit, Symbolisten, Futuristen, Expressionisten, Sozialisten, Nationalisten und Internationalisten, begrüßten den Krieg als Aufbruch aus gesellschaftlicher, sprachlicher oder allgemein künstlerischer Enge. Auch Manfred Koch in der NZZ, Jürgen Verdofsky in der FR und Katharina Borchardt im NDR schreiben sehr lobend. Wer"s antiquarisch findet, könnte als ergänzende Lektüre Kurt Flaschs Studie "Die geistige Mobilmachung - Die deutschen Intellektuellen und der Erste Weltkrieg. Ein Versuch" zu Rate ziehen. (Leseprobe aus Buelens Band beim Perlentaucher).

François Fejtö
Gott, der Mensch und sein Teufel
Gedanken über das Böse und den Lauf der Geschichte
Matthes und Seitz 2014, 280 Seiten, 22,90 Euro

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Jahrelang hat François Fejtö an diesem Großessay gearbeitet, informiert Marko Martin in der Welt zu Beginn seiner Kritik, in der er Fejtö als antitotalitären Denker und Historiker Osteuropas vorstellt - und überdies als "einen an Jesus Christus glaubenden Juden und antikommunistischen Sozialdemokraten". Ob der Teufel eine Art Auslagerung des Bösen, ein moralisch bequemes Outsourcing sei, um Gott als ausschließlich gut erschienen zu lassen, scheint die Frage des Buches zu sein. Martin zeigt, wie Fejtö bibelkundig die Figur des Bösen von den Propheten der jüdischen Bibel bis hin zu den totalitären Ersatzreligionen des 20. Jahrhunderts verfolgt. Von den Religionen übernahmen diese Ideologien "Techniken der Verteufelung". Carsten Hueck findet bei Dradio Kultur eine hübsche Formulierung, um das Buch zu loben: "Hier ist keine Altkanzlerschaft zu spüren, kein Welterklärertum, sondern die lebendige Kraft eines geschmeidigen Geistes." Bernhard Lang verweist in der NZZ auf György Dalos" kundiges Nachwort.

Jim Holt
Gibt es alles oder nichts?
Eine philosophische Detektivgeschichte
Rowohlt Verlag 2014, 400 Seiten, 24,95 Euro

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Oh je, Jim Holt stellt die Frage der Fragen: Warum gibt es etwas und nicht nichts? Na, zumindest hat das "Etwas" den Vorteil, dass es nun auch Jim Holts Buch gibt, das laut Hannes Stein in der Welt ein Pointenfeuerwerk zündet. Das sei ein Buch, das mit Bogart in der Hauptrolle verfilmt werden könnte. Warum genau, geht aus seiner Kritik nicht hervor. Aber sppannend zu lesen sei"s und nicht religionsfeindlich. Auch Uwe Ebbinghaus in der FAZ findet, dass der amerikanische Bestseller seinen Erfolg verdient habe. Das liegt für ihn am hohen Niveau des Textes, der jenseits propädeutischer Begriffsklärungen Philosophen, Naturwissenschaftler und Theologen befragt, aber auch am Humor des Autors, wenn der abschweifend über das Mittagessen der Highbrows erzählt. Nach der Lektüre fühlt sich der Rezensent jedenfalls nicht mehr so, als sei er noch "mindestens fünf Einsteins von der Antwort entfernt" wie Holt es in seiner Einleitung konstatiert.


George Plimpton
Truman Capotes turbulentes Leben
Kolportiert von Freunden, Feinden, Bewunderern und Konkurrenten
Rogner und Bernhard Verlag 2014, 500 Seiten, 29,95 Euro

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FR-Rezensent Arno Widmann hatte viel Spaß mit den Eskapaden Truman Capotes", die eine lange Liste von Zeitgenossen in "Truman Capotes turbulentes Leben" zuhauf erzählen. Capote tratschte was das Zeug hielt, was ihm zeitlebens den einen oder anderen Prozess einbrockte, gab sich zu förmlichsten Anlässen exzentrisch im weißen Matrosenanzug und verursachte mit seinen Ideen zum Tatsachenroman so etwas wie die "Urkatastrophe des modernen Journalismus", weil sie noch immer allzu oft falsch verstanden werden, berichtet der Rezensent. Das Genre wird nur durch den nachhaltigen Zweifel glaubwürdig und spannend, erklärt Widmann, der Capotes Roman "Kaltblütig" das beste Beispiel dafür findet. Andrew O"Hagan zog in der LRB aus der Lektüre dieses Buchs folgende Konsequenz: "Never give a writer a key to your apartment. Or your office. Never let him talk to your children. If he says he wants to take a bath tell him the plumbing"s knackered."

Sadakat Kadri
Himmel auf Erden
Eine Reise durch die Länder der Scharia von den Wüsten des alten Arabien bis zu den Städte der muslimischen Moderne
Matthes und Seitz 2014, 320 Seiten, 22,90 Euro

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Vorurteile über die Scharia, das islamische Recht, kennt FAZ-Rezensent Wolfgang Günter Lerch jede Menge. Höchste Zeit, ihre Tragfähigkeit zu überprüfen, meint er und empfiehlt das Buch des Rechtsgelehrten Sadakat Kadri. Daran, dass ein aufgeklärtes Bewusstsein auf juristisch abgesegnete Enthauptungen und Steinigungen nur mit Abscheu reagieren kann, hegt Lerch zwar auch nach der Lektüre keinen Zweifel. Doch der Autor vermag ihm zu zeigen, dass die Scharia viel älter ist als ihre Auslegungen und viel pluralistischer geprägt. Auch nach Dirk Pilz in der FR betont der Autor die Wandlungsfähigkeit der Scharia, und das macht laut Pilz auch den Knackpunkt des salafistischen Fundamentalismus aus: Der weigert sich, jede Historizität des dieses eben doch von Menschen gefügten Gebäudes anzuerkennen. Und nichts erstaunt Kadri laut Rommeney bei Dradio Kultur mehr als dieses terroristische Denkverbot: "Was ihn am meisten verwundert, ist der Gegensatz, dass heute Strenggläubige das Internet nutzen, um detailliert die letzte Kleinigkeit nach der Scharia zu regeln, während die Gelehrten im frühen Islam große Scheu hatten im Namen Gottes zu richten, ihre Rechtsmeinungen gar schriftlich zu fassen."