Verlage und Bibliotheken müssen
zum Dialog zurückkehren, fordert
Friedrich Geißelmann, der Vorsitzende des Deutschen Bibliotheksverbandes. Zunächst beschreibt er allerdings, wie Bibliotheken sich über die Verlage ärgern: "Vor kurzem hieß es noch, das
hemmungslose Fotokopieren führe zum Ruin. Offensichtlich haben die Verlage überlebt, und es scheint sogar noch Geld vorhanden - zum Beispiel für eine
sündteure Kampagne zum Paragrafen 52a. Bei vielen Bibliotheken hat sich in den vergangenen Wochen der Eindruck verfestigt, die Verlage erklärten sie zu ihrem Feindbild, titulierten sie als
'Wissenschaftsbürokraten', die in ihrer Geldnot ganz skrupellos mit Urheberrechten umgehen. Das ist falsch. (...) Es ist so weit gekommen, dass die Bibliotheken nicht mehr einfach nach mehr Geld rufen können. Denn es hat sich herumgesprochen: Das Ergebnis wäre nur eine weitere Stärkung der Marktmacht 'der Verlage'. Auch mit der Kündigung des Gesamtvertrags über den Kopienversand, die den Zweck hat, die VG Wort aus dem Geschäft zu drängen, hat der Börsenverein letztlich die
Monopolisten unterstützt. Was ist zu tun? Zum sachlichen Gespräch zurückkehren, die Kampagne einstellen,
Website zum Paragrafen 52a vom Netz nehmen und eine vernünftige Handhabung des Gesetzes durchsetzen."
Sybille Fuhrmann berichtet über den
Verkauf von BertelsmannSpringer durch den Medienkonzern
Bertelsmann an die britischen Finanzinvestoren
Cinven und
Candover. "Mit der Unterschrift unter den Vertrag hat
Gunter Thielen, Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann AG, eine Entscheidung besiegelt, die noch sein Vorgänger
Thomas Middelhoff - wenn auch unter anderen Vorzeichen - getroffen hatte. Dem Ex-Chef war es darum gegangen, den Medienkonzern ganz auf die
Bedienung der Massenmärkte auszurichten. Die Fachinformationen mit ihren spezifischen und relativ kleinen Zielgruppen passten nicht in diese Strategie. Auch wenn Thielen den Kurs seines Vorgängers in vielen Bereichen korrigiert hat - der Notwendigkeit des Verkaufs der renditestarken Fachverlagsgruppe konnte er sich nicht verschließen. Denn
der Konzern braucht Geld, um seine Schulden zu tilgen". BertelsmannSpringer "soll als Ganzes bestehen bleiben, bekräftigen die Verhandlungsführer
Peter Gangsted [Cinven] und
Jens Tonn [Candover] gegenüber dem
Börsenblatt. Verfolgt werde eine Doppelstrategie: BertelsmannSpringer soll möglichst in die Riege der Big Player auf dem internationalen Feld der Fachinformationen aufsteigen (...).
'Buy and Build' sei die Devise, sagt Peter Gangsted". Zunächst soll
Kluwer Academic Publisher integriert werden. "Im vergangenen Jahr haben die beiden Beteiligungsgesellschaften das Management-Buyout dieser Fachinformationssparte aus dem Wolters Kluwer-Konzern finanziert." Länger als
fünf Jahre halten Cinven und Candover keine Beteiligung. "Dann soll sich das eingesetzte Kapital deutlich vermehren. Hierfür gebe es
zwei Alternativen, erläutert Tonn. Den
Gang an die Börse oder den
Verkauf an einen der großen Medienkonzerne. Möglicherweise kommen die Riesen dann doch wieder ins Spiel,
vielleicht sogar Bertelsmann. Denn Fachverlagsgruppen wie
Elsevier kommen bei einem solchen Deal aus Gründen des Wettbewerbsrechts wohl kaum zum Zug."
Im Gespräch mit Sabine Schwietert erklärt
AKS-Sprecherin
Ilona Rehme, warum die kleineren Sortimenter
mit dem Börsenverein unzufrieden sind. Auf dem jüngsten AKS-Treffen seien unter anderem die neuen Publikationsrichtlinien des
Börsenblatts kritisiert worden, "die den
vollständigen Abdruck von Stellungnahmen der gewählten Gremien in der Printausgabe nicht mehr gewährleisten. Eine sehr heftige Diskussion entzündete sich am
Welttag des Buches. Die AKS-Mitglieder sind der Meinung, dass es kein sorgsamer Umgang mit Mitgliedsbeiträgen von mehr als 5.000 Buchhandlungen und etwa 2.000 Verlagen ist, wenn daraus Welttagsaktivitäten in
lediglich fünf Metropolen finanziert werden." Die AKS-Rebellen planen die Gründung eines eigenen Vereins. Mehr
hier.
Mit dem
Konditionenstreit zwischen Verlagen und Buchhandel befasst sich
Matthias Ulmer, geschäftsführender Gesellschafter des
Eugen Ulmer Verlags. "Der Branchenkonsens ist zerstört. Selbst unsere wichtigsten Partner, Autoren, Journalisten, Bibliothekare, Lehrer und Dozenten, sammeln sich und suchen den Konflikt. Diese
Verteilungskämpfe verursachen enorme
soziale Kosten. (...) Im Kampf gegen diese Gefahren verbrauchen wir nicht nur unser Geld und unsere Kräfte, sondern auch die
Sympathie in der Gesellschaft. Die Mobilisierung unserer Freunde fällt zunehmend schwerer, Hinterhofkomödien wie das
Buchmessentheater tragen dazu gehörig bei." Die Lösung des Konditionenstreits könne nicht in einer gemeinsamen Regelung liegen. "Kartellamt und Wettbewerb werden das nicht dulden." Ulmer vertraut statt dessen auf die "Steigerung der
Effizienz". "Wenn wir die Transaktionskosten senken können, profitieren alle davon: Standardisierung der Datenübertragung, Elektronische Lieferscheine, gemeinsame Informationssysteme, gemeinsames Marketing - die Ansatzpunkte sind oft diskutiert worden. Für die Umsetzung fehlt der
Konsens. Neben der Effizienz brauchen wir ihn nötiger denn je."
Tilman Spreckelsen stellt die
"Kleine Geschichte der edition suhrkamp" vor, die der Verlag zum 40. Jahrestag der Reihe herausgegeben hat. "
Jürgen Habermas schrieb aus dem Abstand von 20 Jahren, die Reihe habe damals 'die Strahlen des Zeitgeists nicht wie ein Spiegel zurückgeworfen, sie hat diese
in einem Brennglas fokussiert und
entzündet'. Als die Bücher ihre Leser nicht mehr wie früher erreichen, ist Suhrkamp 1975 der erste deutsche Verlag, der Taschenbücher
verramscht."
Als
"Erforscher des Alltäglichen" lobt Christoph Schröder den Schriftsteller
Peter Kurzeck. "Wer anfängt, Kurzeck zu lesen, wird zuerst
Angestrengtheit empfinden; Widerstände werden sich aufbauen. Knapp und kurz sind die Sätze, die häufig das Verb einfach aussparen und dem Assoziationsraum des Lesers überlassen - ein nicht abreißender Monolog, montierte Bilder, endlos scheinende Erinnerungsschleifen, Repetitionen von Begriffen und Motiven. (...)
Und doch: Wer sich die Zeit nimmt, diese streng durchgearbeitete Prosa genau zu lesen, wird feststellen, dass ihr jegliche Monotonie fern ist, dass sie immer wieder in all ihrer Kargheit
poetische Momente entfaltet. Das liegt an der Fähigkeit des Autors, im tagtäglichen Geschehen ständig das Neue zu entdecken. 'Die Städte', glaubt Kurzeck, 'werden sich immer ähnlicher. Als lebendiger Mensch und gerade als Künstler ist man aber dafür zuständig,
die Vielfalt der Welt zu erkennen und zu erhalten.'"
Weitere Meldungen: Ursula und Regine Kiepert (Schwiegertochter und Tochter des früheren Kiepert-Seniorchefs Robert Kiepert) eröffnen Mitte Juni in Berlin in der Hardenbergstraße 9a eine neue Buchhandlung:
U & R Kiepert wird der Laden heißen.
Bertelsmann hat im ersten Quartal dieses Jahres 399 Millionen Euro Verlust gemacht und 3,9 Milliarden Euro umgesetzt.
Jürgen A. Bach wird neben
Bernd Kolf zweiter geschäftsführender Gesellschafter bei der
Seemann Henschel GmbH (zu der die drei ehemaligen Dornier-Verlage E. A. Seemann, Edition Leipzig und Henschel gehören). Die Verlagsgruppe
teNeues hat im vergangenen Jahr 30 Millionen Euro umgesetzt: Kalender legten um 20 Prozent zu, Bildbände um 40 Prozent. Der Exportanteil der teNeues-Bücher liegt bei 70 Prozent.
Cornelsen hat seine Rabattkonditionen neu gestaltet; die Erreichbarkeit von Nachlässen ist nun an Bedingungen gekoppelt (siehe die
Buchmacher von letzter Woche). Beim
Ökumenischen Kirchentag gibt es auf dem Berliner Messegelände auch eine
kleine Buchmesse; dort präsentieren 65 Verlage ihre Programme: "'Wir hoffen auf einen Umsatz von ca. 500.000 Euro', sagte Wolfgang Fietkau, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Ökumenische Kirchentagsbuchhandlung Berlin 2003, dem
Börsenblatt." Und in der Rosa-Luxemburg-Straße in Berlin-Mitte hat die
Literaturagentur Eggers & Landwehr ein Literaturcafe eröffnet (
hier das Veranstaltungsprogramm des Cafes).
Außerdem schreibt Sybille Fuhrmann über
Stefan Effenbergs Biographie
"Ich hab's allen gezeigt".
Boris Langendorf erläutert, dass die Hoffnung auf eine konjunkturelle Besserung wächst, der Durchbruch jedoch noch auf sich warten lasse (mehr
hier). Katrin Hage berichtet, wie die deutsche
Fachpresse auf ihrem Jahreskongress in Wiesbaden sich "trotz Flaute findig" gezeigt hat. Thomas Blume widmet sich
Werkausgaben: "Was ist der Grund für eine solche Gesamtschau auf einen einzelnen Autor? Einer Gesamtschau, die sehr
kostenaufwendig ist und mehrere Jahre in Anspruch nimmt? 'Wir sind
einfach dazu verpflichtet, das Werk unserer Autoren in einem Zustand zu erhalten, der ihnen angemessen ist', sagt
Almuth Giesecke, Lektorin beim
Aufbau-Verlag in Berlin". Uwe Ebbinghaus porträtiert die
FAZ-Redakteurin
Felicitas von Lovenberg, die den vom Börsenblatt gestifteten
Alfred-Kerr-Preis erhalten hat.
In der vergangenen Woche erschien außerdem ein
Börsenblatt-Sonderheft zum Thema
Kalender 2004.