Die Buchmacher

Die Buchmacher

Ein Blick in die Branchenblätter der Buch- und Verlagswelt. Jeden Montag ab 12 Uhr.
10.06.2003. Diese Woche lesen Sie: Warum es der Branche noch nicht schlecht genug geht. Warum das Risiko von Potter 5 höher ist als das von Potter 4. Warum sich der Internationale Buchpreis mit bekannten Autoren schmückt. Wem der verlängerte Ladenschluss hilft. Und was ein Taschenbuch ist. Von Hubertus Volmer.

buchreport.express

Der verlängerte Samstags-Ladenschluss "hilft nur den Großen", titelt der buchreport. Das ist im Buchhandel nicht anders als im gesamten Einzelhandel. "In Klein- und Mittelstädten, aber auch in vielen Großstädten" gebe es nach Ansicht der ansässigen Buchhändler keine ausreichende Nachfrage fürs samstägliche Einkaufen bis 20 Uhr. Durch Zuschläge und Freizeitausgleich würden die neuen Öffnungszeiten zum Kostenfaktor. "In vielen deutschen Städten haben Einzelhändler branchenübergreifend versucht, per Absprache einheitliche Lösungen zu finden. (...) Allerdings: Wer auch in Zukunft schon vor 20 Uhr die Lichter ausgehen lässt, ist nicht sicher, ob er nicht mit Nachteilen rechnen muss".

Der Branche geht es offenbar noch nicht schlecht genug, schreibt der buchreport. "Die jährliche Logistikumfrage des Börsenvereins für 2002 macht deutlich, dass auf den Bestellwegen, der Auslieferung und den Remissionen immer noch viel zu viel Geld verschwendet und Möglichkeiten zur Rationalisierung im Sortiment zu wenig wahrgenommen werden". Die sei ein "ökonomischer und ökologischer Irrsinn", erklärt Andrea Czepek in einem Kommentar. "Sinnvoller wäre eine deutlichere Aufteilung, nach der bei den Verlagen nur große Bestellungen, bei den Barsortimenten hingegen alle kleineren Mengen zu bestellen wären."

Buchhändler ärgern sich, weil der Potter-Verlag Carlsen ihnen für "Harry Potter und der Orden des Phönix" kein Rückgaberecht einräumen will. Der Verlag argumentiert, dies sei doch schon bei Band vier so gewesen. Außerdem werde sich Band fünf sicherlich ebenso gut verkaufen wie sein Vorgänger. "Doch es sprechen einige Gründe für ein erhöhtes Risiko", hält der buchreport dagegen. "Der Band könnte nicht so gut gelungen sein wie die bisherigen vier. 1.000 Seiten könnten für viele Fans ein zu großes Hindernis darstellen. Das Interesse der Kinder, die noch bei Band 4 gefiebert haben, kann inzwischen abgekühlt sein, immerhin sind sie inzwischen drei Jahre älter." Und: "Das Buch ist mit 28,50 Euro das bislang teuerste Kinderbuch."

Random House hat dem Bundeskartellamt ein Gutachten geschickt, um doch noch die Zustimmung der Behörde zur Übernahme der Verlagsgruppe Ullstein Heyne List zu erreichen. Verfasser des Gutachtens ist Wernhard Möschel, Wirtschaftsjurist an der Uni Tübingen und "eine der Koryphäen seines Faches". "Möschel lässt kein gutes Haar an dem Text, mit dem das Kartellamt auf 62 Seiten begründet hat, warum es die Übernahme von Ullstein Heyne List durch Random House vorläufig nicht genehmigen werde. Zu den barschen Formulierungen seines Schriftsatzes gehören Wendungen wie "Evident rechtswidrig", "Falsche Tatsachenbasis", "Verstoß gegen die Denkgesetze", "Keine konkreten Ermittlungen, sondern in hohem Maße Spekulationen" oder "Gravierende Rechtsfehler". Fazit seines Gutachtens, für das ihm Auftraggeber Random House nach Zustellung der Abmahnung durch das Kartellamt am 22. Mai gerade 14 Tage Zeit lassen konnte: Das Kartellamt darf den Buchmarkt nicht so unterteilen, wie in der Begründung geschehen, sondern kann nur von einem Hochpreis- und einem Niedrigpreissegment ausgehen." In einem Kommentar schreibt "HH", Möschel werde das Kartellamt mit seinem Gutachten kaum umstimmen. Die Auseinandersetzung werde voraussichtlich vor den Gerichten fortgesetzt. Darauf habe Random House sich mit dem Gutachten "offensichtlich bereits eingerichtet, denn vor dem Oberlandesgericht in Düsseldorf dürfte die harsche Abrechnung des Renommier-Juristen Möschel anders bewertet werden als jetzt vermutlich durch das Kartellamt. Ein Sieg in Düsseldorf wäre freilich noch immer nicht das Finale in diesem Streit, denn der beigeladene Deutsche Taschenbuch Verlag hat sich durch seine Gesellschafter per einstimmigen Beschluss die Zusage geben lassen, dann vor dem Bundesgerichtshof in Karlsruhe in die Revision zu gehen." Mehr hier.

Der bayerische Buchpreis "Corine" - der sich im Untertitel freilich Internationaler Buchpreis nennt - schmückt sich "mit bekannten Autoren (...), um selbst bekannter zu werden", heißt es im buchreport. Das Kuratorium habe sich "für bewährte Autoren entschieden, die den Preis kaum noch nötig haben dürften". Die Preisverleihung findet am 5. November in München statt, wird am 8. November im Bayerischen Fernsehen gezeigt, am 9. November auf 3sat wiederholt und von Desiree Nosbusch moderiert. Hier die Liste der Preisträger.

Weitere Meldungen: Weltbildplus will über die bestehenden 30 Franchise-Filialen hinaus keine weiteren Läden nach diesem Modell eröffnen. Der Nachfolger der langjährigen Karstadt-Buchchefin, Carola Markwa, heißt Andreas Kühn. Markwa beginnt am 1. Juli bei Weiland in Hannover. Die Schweizer Thalia-Tochter Jäggi öffnet im Spätherbst eine Filiale in Thun - die zweite Jäggi-Neueröffnung innerhalb eines Jahres. Die Bibliographisches Institut & F.A. Brockhaus AG hat 2002 etwas weniger Umsatz und Gewinn gemacht als 2001. Der Verlag für Recht und Wirtschaft ist neuer Gesellschafter beim Uni-Taschenbuchverlag UTB. Die Börsenvereins-Tochter MVB hält die Höhe ihres Gewinns geheim. "Die alte Tante Buchhändlervereinigung heißt zwar jetzt leicht modernisiert MVB, aber mit Auskünften über ihre wirtschaftliche Entwicklung geizt sie noch mehr als bisher schon. Da hilft es auch nichts, dass die Mitglieder über den Börsenverein gleichsam Gesellschafter der Wirtschaftstöchter-Holding sind: Über deren Finanzlage und -gebaren können sie nur spekulieren", kommentiert David Wengenroth. Der amerikanische Potter-Verlag Scholastic entlässt 400 Mitarbeiter. Und schließlich gibt es noch einen Bericht von der BookExpo America.

Und: die Bestsellerlisten.
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Börsenblatt

Die Nachfrage nach Büchern in der Originalsprache steigt, berichtet Eckart Baier. "Vor allem Internet-Buchhändler wie Amazon.de haben dafür gesorgt, dass sich der Markt erheblich gewandelt hat. (...) Der Handel mit Titeln in Originalsprache ist für Online-Buchhändler ein lukratives Geschäft - und durch fehlende Buchpreisbindung eine willkommene Gelegenheit, auch mit Kampfpreisen um die Kunden zu buhlen. (...) Vor allem gefragt bei den Kunden sind Bücher der Kategorie 'Liebe, Spannung, Nervenkitzel', Bücher, die unterhalten und deren Handlung auch mit besserem Schulenglisch zu verstehen ist. 'Bücher für den Massenmarkt sind mittlerweile unter Kerngeschäft', bestätigt Johann Christian Petersen, Geschäftsführender Gesellschafter des Familienunternehmens Petersen Buchimport."

Weitere Meldungen: Auf dem Ökumenischen Kirchentag wurden in drei Tagen mit dem Verkauf von Büchern rund 500.000 Euro umgesetzt. 65 evangelische und katholische Verlage hatten auf 1.700 Quadratmetern rund 4.500 Titel angeboten. Cornelsen hat die Rabatt-Neuregelung bei DFÜ-Bestellungen wieder zurückgenommen. Das Marktforschungsunternehmen Media Control liefert dem Börsenverein künftig seine Verkaufsdaten vom deutschen Buchmarkt; der Börsenverein will damit seinen Bereich Marktforschung weiter ausbauen. Die Verlegerin Hildegard Winkler ist gestorben. Die Frankfurter Buchmesse will den schönsten und den "kundenfreundlichsten Stand" auszeichnen.

Es gibt keine Ratgeberkrise, schreibt Heiko Windfelder, Marketingchef beim Franckh-Kosmos Verlag, und erklärt, dass Verlage nicht über Nacht Ratgeberkompetenz entwickeln. Außerdem erörtern Katrin Berger von der Buchhandlung Berger in Forst (Lausitz) und Wolf-Rüdiger Feldmann von Cornelsen die Frage, ob sich das Saisongeschäft mit Schulbüchern für Buchhändler überhaupt noch lohnt. Berger sagt Nein: "Die Budgets der Schulen werden immer knapper, die Forderungen der Schulen immer dreister. Die Bücher - selbstverständlich nach Klassen sortiert - ins oberste Stockwerk der Schule zu transportieren, ist schon lange die Norm." Feldmann betont dagegen das Positive: So steige etwa der Anteil der Lernmittel, die von den Eltern bezahlt werden müssen. "Dieser Elternkauf muss laut Preisbindungsgesetz nicht rabattiert werden." Regine Meyer Arlt interviewt Susanne Franzkeit, Leiterin des Verlags V&R unipress, einer Tochter von Vandenhoeck & Ruprecht. Franzkeit will ihren Verlag zu einem Universitätsverlag "nicht für eine Uni, sondern für viele Unis" (Meyer-Arlt) machen. "Dieses Konzept spiegelt sich übrigens in unserer Cover-Gestaltung", erklärt Franzkeit. "Die neuen Cover sehen für jeden Fachbereich eine eigene Hintergrundfarbe und für jede Uni eine eigene Balken-Farbe vor." Holger Heimann erläutert das Projekt einer Internet-Plattform für den Rechtehandel mit Kleinlizenzen, eine Idee von Börsenvereinsjustiziar Christian Sprang. Stefan Hauck stellt die Kinderbuchprogramme des kommenden Jahres vor ("Mehr Pappe, weniger Titel"). Andreas Trojan porträtiert Prestel-Verleger Jürgen Tesch. Karin Schmidt-Friderichs hat einen Nachruf auf den Buchgestalter Hans Peter Willberg geschrieben. Und schließlich berichtet das Börsenblatt auf 15 Seiten von den Buchhändlertagen in Karlsruhe.

In seiner Online-Ausgabe geht das Börsenblatt außerdem der Frage nach, was eigentlich ein Taschenbuch ist. Keine komplizierte Frage? Doch: "Stupid White Men" beispielsweise ist keines. Mehr hier.
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