9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.04.2020 - Internet

"Third Party Cookies" (also kleine Dateien von Drittanbietern, die der Nutzer wie ein Corona-Virus mit sich trägt und das ihm personalisierte Werbung beschert) sollen verboten werden. Die Springer-Gruppe und andere Medien bilden jetzt Log-in-Allianzen, die ein Login erforderlich machen, bevor man lesen darf, berichtet Igor Hirsch bei Meedia: "Log-In-Allianzen versprechen, Nutzern die notwendige Datensicherheit zu geben und Unternehmen trotzdem das zur Verfügung stellen will, was diese brauchen: eben - Daten... Die Idee dahinter ist einfach: Mehrere Unternehmen schließen sich zusammen, um ein gemeinsames Login-Tool am Markt zu etablieren. Nutzer sollen sich so einfacher für die digitalen Angebote entscheiden. So bleiben die Daten und Profile auch bei einem überschaubaren Kreis von Firmen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.04.2020 - Internet

Der Medienwissenschaftler Tilman Baumgärtel benennt in der taz zwei Hauptprofiteure der Coronakrise: die Videosoftware Zoom und Microsoft mit seiner Software Teams, die ebenfalls Videokonferenzen erlaubt und über die viele Schüler heute Hausaufgaben bekommen. Microsoft offeriert den Schulen kostenlose Lizenzen - und fixt so die Schüler an, so Baumgärtel. Das sollte man im Kopf behalten, weil Schulen gerade fünf Milliarden Euro zur Verbesserung digitaler Strukturen bekommen sollen: "Das Geld ist zum Teil für die Anschaffung von Computern, Servern, Routern und WLAN gedacht, zum Teil aber auch für die Entwicklung von Lern- und Kommunikationsplattformen. Ausdrücklich werden hier 'gemeinsame Server- und Dienstlösungen' angestrebt, wobei 'prioritär Open-Source-Angebote' heranzuziehen seien. An diesem Ziel muss unbedingt festgehalten werden. Es kann nicht sein, dass als ein Ergebnis der Coronakrise nun proprietäre Programme wie Zoom oder Teams zum De-facto-Standard werden, weil Lehrer und Schüler mit ihnen umzugehen gelernt haben."

Wir erleben derzeit eine "Coronalisierung der Lebenswelt", meint hingegen der Philosoph Markus Gabriel in Anlehnung an Jürgen Habermas in der Welt: "Diese besteht darin, dass wir Europäer mehr denn je zum digitalen Proletariat US-amerikanischer Digitalunternehmen werden. Wir haben noch niemals so viele Daten für Google, Facebook und neuerdings Zoom, Skype und Co. produziert wie in den letzten Wochen." Deshalb warnt er vor der Corona-App, denn: "Datensicherheit ist nicht dasselbe wie Ethik. Denn die entscheidende Frage ist, ob und unter welchen Bedingungen die Einführung einer digitalen Gesundheitsüberwachung in Deutschland und Europa ethisch gerechtfertigt werden kann."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.04.2020 - Internet

Stefan M. Seydel besingt in der NZZ die Wikipedia, die gerade Unmengen "unaufgeregtes Wissen" bereitstellt.

In der FAZ ärgert sich die ehemalige grüne Europa-Abgeodnete Helga Trüpel, wie die Corona-Krise benutzt werde, um gegen Urheberinteressen im Netz vorzugehen. Reine Augenwischerei sei es, wenn jetzt ein schneller Zugang zu Inhalten gefordert werde, da viele Kulturinstitute geschlossen seien: "Nach wie vor fußt die Kampagne der Internetaktivisten (von den Piraten, über Internetmonopole wie Youtube und Stiftungen wie Wikimedia und die Shuttleworth Foundation) auf einem völlig unregulierten Freiheitsbegriff und gibt sich damit neoliberal in Bezug auf die Regulierung der Plattformen (keine Haftung, keine Kontrolle) und sozialistisch in Bezug auf die Nutzer und Uploader: Alles soll unreglementiert und sofort zur Verfügung stehen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.04.2020 - Internet

Auf ZeitOnline informieren Meike Laaff und Lisa Hegemann über die Sicherheitslücken, die sich beim derzeit so beliebten Videodienst Zoom auftun. Am gravierendsten ist, dass Zoom keine End-zu-End-Verschlüsselung benutzt: "Bei dieser Form der Verschlüsselung wären die Daten nur für die Kommunikationspartner einsehbar, auf Firmenservern lägen sie lediglich verschlüsselt vor. Genau das hatte Zoom in seinem White Paper versprochen. In solchen Veröffentlichungen erklären Unternehmen die Funktionsweise ihrer Software. Stattdessen nutzt Zoom laut The Intercept ein Verschlüsselungsprotokoll namens Transport Layer Security, kurz TLS. Das verschlüsselt Daten zwar auch, aber, wie der Name schon verrät, nur während des Transports. Das bedeutet, dass Zoom-Meetings zwar nicht von jemandem mitgehört werden können, der sich ins WLAN eingehackt hat, sehr wohl aber, theoretisch, von Zoom-Mitarbeitern."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.03.2020 - Internet

Während Amazon in der Corona-Krise brummt, müssen die sozialen Netze, die stärker auf Werbung angewiesen sind, mit einem empfindlichen Einnahmeausfall rechnen, berichtet Meedia unter Bezug auf verschiedene Quellen: "Dass Facebook und auch Google im besonderen Maße von den Folgen der Corona-Krise betroffen sein würden, war bereits seit Wochen von Analysten zu hören. 'Werbung ist ein Bereich, den man in unsicheren und volatilen Zeiten leicht reduzieren kann', gab etwa Collin Colburn, Senior-Analyst beim Marktforscher Forrester Research, zu bedenken." Allein bei Facebook rechnet man Einbußen von Anzeigengeldern in Höhe von 15,7 Milliarden Dollar, bei Google gar von 28,6 Millarden Dollar!

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.03.2020 - Internet

Sehr "beflissen" seien die großen Plattformen wie Youtube, Facebook und Twitter beim Ausschalten von Desinformationen über die Corona-Krise, berichtet Julian Jaursch in Netzpolitik. Die Haupttechniken seien dabei "Warnungen vor Desinformation und Verweis auf verlässliche Quellen" und "Hoch- und Herabstufen von Inhalten via KI". Insgesamt läuft es darauf hinaus offizielle Quellen zu privilegieren: "Große Plattformen haben mittlerweile etwas Erfahrung damit, Nutzende auf verlässliche Informationen hinzuweisen. So gibt es schon seit einiger Zeit unter bestimmten YouTube-Videos Verweise zur Quelle des Videos - etwa, ob es sich bei den Produzierenden um staatliche TV-Sender handelt. Warnhinweise zu COVID-19 gibt es in unterschiedlichen Formen auf fast allen Plattformen: YouTube zeigt bereits auf der Startseite einen Link zur Weltgesundheitsorganisation, die auch mit TikTok und Snapchat kooperiert. Google hat ein prominent platziertes Infofenster bei einer Suche zum Thema, Amazon verlinkt auf das Robert Koch-Institut, Twitter auf die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.03.2020 - Internet

Parallel zum Ausbruch des Coronavirus breiten sich Falschnachrichten und Verschwörungstheorien aus, konstatiert Ulrich Hottelet auf Zeit Online: Die WHO spricht von einer "Infodemie". Laut Washington Post verdächtigt das amerikanische Außenministerium Russland, gezielt Desinformationen zu streuen, um seine "Gegner zu schwächen", schreibt Hottelet weiter, warnt aber: Falschinformationen in sozialen Netzen lassen sich kaum einem Akteur zurechnen. "Die Plattformen reagieren auf die Fake-News-Vorwürfe, indem sie sich im Kampf gegen Falschnachrichten zusammenschließen. Am Montag veröffentlichten die großen Internetfirmen Google, YouTube, Microsoft, LinkedIn, Facebook, Reddit, Twitter und YouTube ein Statement, in dem sie ankündigten, gemeinsam gegen Betrügereien und Desinformationen zum neuen Coronavirus vorzugehen. Jedes Unternehmen bekämpft die 'Infodemie' zudem mit eigenen Maßnahmen: (…) Google versucht, die Suchergebnisse stärker zu kontrollieren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.03.2020 - Internet

Und wo wären wir jetzt ohne Internet, fragt in der Welt Dagmar Rosenfelder all die sonst omnipräsenten Internetkritiker, die jetzt sehr still geworden sind: "Die Beschränkungen, zu denen das Virus uns zwingt, als Chance zu sehen, von dem Höher-schneller-weiter runterzukommen, dem die Gesellschaft verfallen sei, ist dumm. In Deutschland zeigt sich gerade jetzt, dass es gar nicht zu hoch, zu schnell, zu weit gehen kann. In der Digitalisierung zum Beispiel ist das Land weder effizient noch ambitioniert gewesen. Nun, wo alle, deren Beruf es zulässt, von zu Hause arbeiten, sämtliche Schulen geschlossen sind und Unterricht nur noch online stattfinden kann, macht sich das bemerkbar."

In der NZZ schlägt Tobias Sedlmaier vor, die Corona-Krise auch als Chance für Veränderungen im Kulturmarkt zu begreifen. Kulturereignisse würde inzwischen viel zu schematisch und formelhaft durchgeführt: "Warum nicht mehr Autoren auf Youtube vorlesen lassen? ... Warum nicht mehr Filme von Filmfesten streamen und anschließend via Skype-Call gemeinsam diskutieren lassen?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.03.2020 - Internet

Es ist Zeit, das Internet, heute die eigentliche Sphäre der Öffentlichkeit, als ein "Common" zu betrachten, schreibt Perlentaucher Thierry Chervel in einem größeren Essay zum zwanzigsten Geburtstag des Perlentauchers. Information sollte im Netz zum Beispiel möglichst frei zirkulieren können, "diese freie Zirkulation wird aber immer schwieriger, nicht nur wegen der Paywalls. Schlimmer wirkt sich aus, dass die Kulturindustrien nach der Krise ihrer ursprünglichen Geschäftsmodelle immer mehr auf Einnahmen setzen, die bislang sekundär waren - immer mehr verhindern Urheberrechte, die Monopolisierung von Werken durch riesige Konzerne und Leistungsschutzrechte die Auseinandersetzung mit Kultur und Information."

Um terroristische Inhalte aus dem Netz zu tilgen, möchten der Europäische Rat und die Kommission ein ganzes Bündel drakonischer Maßnahmen durchsetzen, darunter Uploadfilter und Fristen von einer Stunde. Was "terroristisch" ist, sehen aber die EU-Länder in Zeiten populistischer Regimes recht unterscheidlich, wendet Tomas Rudl  bei Netzpolitik ein. Bisher kam Widerstand aus dem Europäischen Parlament. Aber man ist wohl verhandlungsbereit: "So können sich die Abgeordneten beispielsweise vorstellen, auf eine unabhängige richterliche Überprüfung von Löschaufforderungen zu verzichten und diese auch grenzüberschreitend zuzulassen. Ein EU-Land könnte diese Aufgabe dann administrativen Einrichtungen oder etwa der Polizei überlassen. Diese Stellen könnten dann selbst darüber entscheiden, was sofort aus dem Netz getilgt werden soll - selbst wenn es sich um völlig legale Inhalte handelt, die in einem anderen EU-Land aber politisch unerwünscht sind."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.03.2020 - Internet

Im Interview mit Joachim Frank in der FR moniert der Medienwissenschaftler Pörksen eine maximale Fehlerintoleranz in öffentlichen Debatten, die einen Großteil der Gesellschaft in die Diskursresignation treibe: "Die gesellschaftliche Mitte darf sich durch die Fixierung auf die kleine, radikalisierte Minderheit der Hassenden nicht entmutigen lassen. Und wir leben gegenwärtig in drei Kommunikationswelten. Die erste Welt bestimmt die öffentliche Wahrnehmung: Wut, Hetze, furchtbare Attacken auf Andersdenkende und Andersaussehende. Die zweite Welt, die medial kaum vorkommt: eine Sphäre echter Wertschätzung und respektvoller Kommunikation - in Unternehmen, Universitäten, Schulen, Redaktionen. Und die dritte, gegenwärtig massiv beachtete Welt: eine manchmal übertriebene Betulichkeit und Hypersensibilität, die schon minimale Grenzüberschreitungen mit maximalem Furor verfolgt."

"Vernetzung verstört", meint Pörksen in einem weiteren Interview in der taz, weil uns auf demselben Kanal simultan Banales, Bestialisches und Berührendes zugleich erreiche: "Wir, die Bewohner einer privilegierten Welt, sind in eine Atmosphäre der totalen Gleichzeitigkeit eingetreten, sehen alles, leiden unter einer Überdosis Weltgeschehen, schwanken zwischen Erregungserschöpfung, Panikschüben, Mitgefühl, Ignoranz-Sehnsucht."

Auf Politico berichtet Mark Scott allerdings von einer Studie der New York University, derzufolge Facebook mit spalterischer oder ominöser Politwerbung weiterhin beste Geschäfte macht: Die Hälfte der in den USA gezeigten politischen Werbung in den USA stammt von unbekannten Urhebern: "Facebook hat nach eigenen Angaben seit Mai 2018 mehr als sieben Millionen politische Anzeigen in den USA bekommen, mit einem Wert von 1,1 Milliarden Dollar und lässt damit Google und YouTube weit hinter sich, die auf 216 Millionen Dollar kommen."