9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.08.2024 - Gesellschaft

Die italienische Mafia wäscht in Deutschland Millionen, biedert sich an die lokale Politik an und die deutschen Behörden scheinen sich nicht dafür zu interessieren, wundert sich Sandro Mattioli von der Organisation "Mafia? Nein danke" im Tagesspiegel-Gespräch mit Helena Piontek. "Mit meinem Verein waren wir bei der Polizeipräsidentin Barbara Slowik zu Gast und wollten ins Gespräch kommen über Hinweise auf italienische Organisierte Kriminalität in Berlin. Mit dabei war auch ein leitender Polizist des LKA, zuständig für schwere und Organisierte Kriminalität. Und er sagte zu uns: Wir sollten uns doch besser um Flüchtlinge kümmern, dort gebe es auch Organisierte Kriminalität. Für einen Verein, der seit mehr als einem Jahrzehnt eine absolut engagierte Arbeit zu italienischer Organisierter Kriminalität macht und für das Thema sensibilisiert, ist so eine Aussage natürlich wie ein verbaler Mittelfinger." Mattioli fordert, dass der Staat diese Organisierte Kriminalität endlich erfasst.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.08.2024 - Gesellschaft

Nachdem der Zentralrat der Juden die geplante Auszeichnung der Publizisten Meron Mendel und Saba-Nur Cheema mit der Buber-Rosenzweig-Medaille in einem Brief kritisierte (unsere Resümees), äußern sich das Paar jetzt erstmals im SZ-Gespräch mit Nele Pollatschek. Sie seien "irritiert und verletzt", dass sie den Boykott, den sie immer wieder kritisierten, nun ausgerechnet durch den Präsidenten des Zentralrats erleben müssen, erklären sie. "Es ist besonders perfide, weil unsere Arbeit aus einer tiefen Verbundenheit mit Israel kommt. Und mit den Palästinensern", sagt Mendel: "Gleichzeitig geht dieser Angriff gegen mich an der Auszeichnung völlig vorbei. Denn die ist ja nicht für mich und meine Meinungen, sondern für unsere gemeinsame Arbeit." Mendel werde auch häufig kritisiert, weil seine Frau muslimisch sei, so Cheema, wozu Mendel ergänzt: "Die Frage ist ja auch: Wie stellt man sich das vor? Dass Juden nur sprechen dürfen, wenn sie die offizielle Position 'der Gemeinschaft' vertreten? Das wäre der Horror. Und entspricht auch noch dem antisemitischen Stereotyp: Alle Juden denken oder wollen das Gleiche."

Im großen WamS-Interview teilt Alice Schwarzer aus: Sie wettert einmal mehr gegen das Selbstbestimmungsgesetz oder Feministinnen, die "die wissenschaftliche Tatsache leugnen, dass es nur zwei biologische Geschlechter gibt": Die nennt sie "einfach nur dumm und peinlich", die "Trans-Ideologie" hält sie für "kulturelle Aneignung". Im Gespräch geht es auch um den politischen Islam, der zu "allgemeinen Militarisierung unseres Landes" führe. Zudem hält sie "den Islamismus für den zentralen Antrieb der linken Woke-Bewegung an den Universitäten der westlichen Welt. Der politische Islam agitiert da seit Jahrzehnten, ausgestattet mit Milliarden Petrodollars aus Saudi-Arabien und anderen Öl-Ländern."

Weitere Artikel: In der FAS resümiert Jessica Ramzcik die antisemitischen Ausschreitungen beim diesjährigen Berliner CSD. Ebenfalls in der FAS reisen Elena Witzeck und Daniel Pilar zu Jugendzentren, Kampfsportzentren und Festivals in Ostdeutschland, um den Rechtsruck und die Arbeit dagegen zu dokumentieren.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.08.2024 - Gesellschaft

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Gestern erschien Jens Balzers neuer Essay "After Woke", in dem er der woken Gemeinschaft nach dem 7. Oktober den "moralischen Bankrott" attestiert. Im Gespräch mit der Berliner Zeitung versucht er unter anderem am Beispiel der amerikanischen Bürgerbewegung zu erläutern, wie der Antisemitismus ins postkoloniale Denken kam: "Da gibt es einen antisemitischen Turn, der bis in die 1960er-Jahre zurückreicht und der zunächst gar nichts mit dem Nahostkonflikt oder Israel zu tun hat. Der geht vielmehr auf die Nation of Islam zurück, die sich gegen moderate Kräfte wie Martin Luther King Jr. an die Spitze der Bewegung setzen wollte - unter anderem dadurch, dass sie die Juden als Hauptgegner auserkoren hat. Anfang der 1990er warnen postkoloniale Theoretiker wie Henry Louis Gates Jr. und Cornel West - ich zitiere das in meinem Buch - dringend davor, dass schwarze Befreiungs-Communitys, die in den Antisemitismus kippen, die moralische Legitimität für den eigenen Befreiungskampf verlieren. Das hat sich fortgepflanzt.  (…) Es gibt auch bei Black Lives Matter eine antisemitische Unterströmung, die sehr schnell vom Protest gegen die israelische Militärpolitik und die israelische Regierung zu antisemitischen Attacken auf Juden und Jüdinnen generell geführt hat. Man könnte sagen: Die Bewegung wurde früh von 'antizionistischen' Kräften gehijackt, und beim Import von Black Lives Matter nach Deutschland und Europa wurde das dann einfach mitübernommen." Gleichwohl räumt er ein, es sei falsch, wie es von rechts geschieht, "den gesamten Postkolonialismus unter Antisemitismusverdacht zu stellen".

"Muslimischer Antisemitismus hätte keine Chance, wenn die anderen Teile der Gesellschaft ihm wirklich etwas entgegensetzen würden", sagt die Leipziger Rabbinerin Esther Jonas-Märtin im Tagesspiegel-Gespräch: "Wie kann es sein, dass so viele Jahre der Al-Quds-Tag in Berlin stattfinden durfte und dort Israel-Flaggen verbrannt werden konnten? Muslimischer Antisemitismus würde wenig fruchtbaren Boden finden, wenn alle anderen bei sich selbst aufräumen würden." Sie kommt auch auf innerjüdische Konflikte in Deutschland mit Blick auf die russischen Juden, die in den neunziger Jahren aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland kamen, zu sprechen: "Das Problem ist, viele von ihnen glauben, nur das orthodoxe sei das authentische Judentum. (….)  Natürlich haben viele Zugewanderte eine andere Kultur mitgebracht. Zum Beispiel haben sie in Leipzig den 9. Mai gefeiert, den Tag des Sieges über Nazi-Deutschland, und standen dann mit ihren sowjetischen Militäruniformen und -orden in der Gemeinde. Und sie hatten deutlich konservativere Ansichten - zum Beispiel musste schnell eine Trennwand in die Synagoge, weil sie durchgesetzt haben, dass Frauen und Männer getrennt beten sollen. Man muss allerdings sagen: Ohne die neuen Mitglieder gäbe es viele jüdische Gemeinden nicht mehr. Oft wird von einer Renaissance jüdischen Lebens in Deutschland nach 1989 gesprochen. Das stimmt so einfach nicht. Es gibt jetzt ein ganz neues Judentum."

Auf Twitter gibt es im Moment nur ein Thema: den Sieg der intersexuellen Boxerin Imane Khelif (Algerien) gegen die Italienerin Angela Carini. Till Randolf Amelung fasst die Debatte in queernations.de sehr sachlich zusammen. Khelif wuchs zwar als Frau auf, aber hat die Testosteron-Werte eines Mannes, für einen Boxkampf mit einer Frau keine idealen Bedingungen, der Kampf war nach 46 Sekunden beendet: "Der aktuelle Fall von den Olympischen Spielen in Paris zeigt: Inklusion hat Grenzen, und biologische Faktoren können bei Geschlecht weder wegdiskutiert noch kleingeredet werden. Schon gar nicht sollte mit Inklusion die Toleranz anderer strapaziert werden, deren Wettbewerbe mit solchen Belastungen für faire Bedingungen ruiniert werden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.08.2024 - Gesellschaft

Nachdem Innenministerin Nancy Faeser das Islamische Zentrum (IZH) in Hamburg, das in der "Blauen Moschee" an der Alster residierte, wegen seiner Nähe zum iranischen Mullah-Regime geschlossen hat, stellt sich die Frage, was nun mit dem Gebäude geschehen soll. Stephan Steinlein stellt im Hamburger Abendblatt Ideen des Vereins "Säkularer Islam Hamburg" vor und hat mit der Autorin Necla Kelek gesprochen, die auch diesem Verein angehört. Das Haus sollte zu einer Art Begegnungsstätte werden, resümiert Steinlein: "Freitags könnte das Haus offen sein für Gebete, geführt von liberalen Imamen. An allen anderen Tagen könnte es um die 'großartige persische Kultur gehen oder um interreligiöse Begegnungen'. Den Kurden, Schiiten und Sunniten, die sich für das Projekt gefunden haben, schwebt ein Kulturzentrum 'Blaue Moschee' in öffentlich-kontrollierter Trägerschaft vor - vergleichbar organisiert wie Kampnagel, Theater oder Museen. Ein Förderverein könne die Planung und Koordination der Bildungs- und Kulturveranstaltungen, Lesungen, Ausstellungen oder Diskussionen übernehmen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.07.2024 - Gesellschaft

Über die Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele in Paris gab es einige Aufregung (unser Resümee). Vor allem eine LGBTQ-Abendmahl-Parodie erzürnte einige konservative Gemüter. Pascal Bruckner sieht es in der NZZ nicht ganz so eng, die Provokation einer von Dragqueens dargestellten Abendmahlszene fand er dann aber doch zu "kindisch": "Außerdem wäre die parodistische Aufführung noch pikanter und vor allem kühner gewesen, wenn sich die Schauspieler auch über andere Religionen lustig gemacht hätten. Das Christentum ist nun einmal bekanntlich die einzige Konfession, über die man ungestraft lachen kann. Wenn man sich über den Islam lustig macht, wird man zuerst des Rassismus beschuldigt und dann mit einer ordentlichen Schlächterei bedroht. Wer Ohren hat zu hören ... Die Organisatoren haben sich beflissen bei allen Personen oder Gemeinschaften entschuldigt, die sich von bestimmten Sequenzen verletzt gefühlt haben."

Allerdings wird bestritten, dass es sich bei dem Figuren-Arrangement der Dragqueens, das in einem Moment dem "Abendmahl" Da Vincis ähnelte, überhaupt um eine Anspielung auf dieses Abendmahl handelte. Der Historiker Philippe Dagen sieht sich in Le Monde viel mehr an ein dionysisches "Festmahl der Götter" erinnert, ebenfalls ein häufiges Motiv in der Kunstgeschichte: "Im Allgemeinen sind dies die Elemente der klassischen Ikonografie des Festmahls der Götter, eine olympische Versammlung, denn sie vereint Göttinnen und Götter des Olymps umfasst. Dies war auch die Referenz, die der Regisseur der Zeremonie im Sinn hatte."

Manche konzentrieren sich aufs eigentliche:

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.07.2024 - Gesellschaft

Bei der Olympiaeröffnung kam es unter vielen Tableaus auch zu einen queeren Figuren-Arrangement, das an Leonardos "Abendmahl" erinnerte, aber auch eindeutig Anspielungen an griechische Mythologie enthielt. Die Empörung war groß, das Who is Who des Rechtspopulismus meldete sich geschlossen zu Wort, berichten Michaela Wiegel und Matthias Rüb in der FAZ: "Die Welle der Kritik an den vorgeblich blasphemischen Szenen war über die sozialen Netzwerke orchestriert worden. Der amerikanische Milliardär Elon Musk beklagte noch vor Ende der Zeremonie auf der Plattform X, diese sei 'extrem respektlos gegenüber Christen'. Donald Trump Jr. kritisierte eine 'satanische Dragqueen-Eröffnungsfeier'. Die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Zakharova, prangerte eine 'LGBT Parodie des Abendmahls' an, mit 'Transvestiten als Aposteln'. Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán bewertete die Zeremonie als Zeichen dafür, dass die 'metaphysischen Bande zu Gott, zum Vaterland und zur Familie' sich in Frankreich aufgelöst hätten." Nun ja, wenn eine solche Allianz zustandekommt, meint Jan Feddersen in der taz, "dann muss beim anlassgebenden Projekt einiges richtig in Szene gesetzt worden sein: Die Eröffnungsfeier war opulent, ergreifend und auch kitschig."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.07.2024 - Gesellschaft

Die "Queers for Palestine", die gegen Israel kämpfen, das auch für viele schwule und lesbische und trans Menschen ein Zufluchtsland ist, sind "Lügnerinnen* und Feinde der queeren Frage", schreibt Jan Feddersen, der in der taz daran erinnert, wofür der CSD eigentlich stehen sollte: "Ein CSD… definiert seine Wichtigkeit über sich selbst, nicht über Fragestellungen, die Queeres nicht automatisch oder ideologisch unmittelbar berühren. Wertgeschätzt werden von diesem, wenn man so will, freiheitlich-demokratischen CSD-Bündnis alle Länder auf der Welt, in denen wir geschützt sind. Also: Israel, nicht das realexistierende Palästina der Hamas. Die USA, nicht das strukturell strikt homophobe Russland. Also die iranische Queer-Community, nicht den Iran und seine Horrorreligionswächter. Eine Bürgerrechtsbewegung muss niemals fragen, wer die Freunde und Freundinnen sind, das weiß sie auf Anhieb - sie weiß auch, wo die Feinde sind: Im Iran und den von ihm beeinflussten Gebieten, in Syrien, Libanon, Gaza, Saudi-Arabien und den meisten arabischen Staaten. 'Queers for Palestine', wollen sie keinen Ausschluss von CSDs riskieren, müssen sich dafür verwenden, für Israel einzustehen. Sie müssen sich dafür einsetzen, dass Schwule nicht getötet werden, weil sie sind, was sie sind."

Im NZZ-Gespräch warnt die Holocaust-Überlebende Margot Friedländer vor dem wiedererstarkenden Antisemitismus in Deutschland: "Das Erschreckende ist, dass es diese Spezies und den Antisemitismus immer gegeben hat. Für die Zukunft kann ich leider nichts voraussagen. Ich kann nur sagen, was war und wie ich mich fühle. Ich habe grosse Sorge, dass wieder etwas geschehen könnte, und ich sage: Ich warne euch davor."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.07.2024 - Gesellschaft

Morgen feiert Berlin den Christopher Street Day (Näheres hier). Die Szene ist völlig zerrissen, berichtet Lilly Schröder in der taz. Viele Schwulen- und Lesbenorganisationen schlagen sich aber recht eindeutig auf die antiisraelische Seite. Die "Internationalistische Queer Pride" (IQP) etwa "positioniert sich eindeutig propalästinensisch. Teil des ursprünglichen Bündnisses der seit 2021 stattfindenden Demonstration waren die Israel-Boykottbewegungen 'BDS Berlin' und 'Palästina spricht'. In der Vergangenheit wurden Vorwürfe der Israelfeindschaft laut, im Aufruf für Samstag heißt es 'No Pride in Genocide & Apartheid'. Die Mitglieder des diesjährigen Bündnisses wurden bislang nicht bekannt gegeben. Der taz gegenüber möchte IQP sich zu ihrer Haltung im Nahostkonflikt nicht äußern." Dagegen stehen auch einige  proisraelische Gruppen.

Das Blog Queer Nations übernimmt den Essay "Die Verqueerung des Antisemitismus" der amerikanischen Professorin Corinne E. Blackmer, der zuerst in Tablet erschien - noch vor dem 7. Oktober. Für  die massive Israelfeindlichkeit vieler queerer Akteure macht sie direkt Judith Butler und andere Theoretiker verantwortlich. Und zeigt auf, wie schräg deren Diskurse sind: So " behaupten Israels Queer-Kritiker, dass die Anpreisung der liberalen Haltung des Landes zu den Rechten von Schwulen und Lesben eine Form von Rassismus und Islamophobie ist, die dazu dient, Araber als homohassende Barbaren darzustellen. In verblüffendem Gegensatz dazu betrachten dieselben Progressiven die arabischen Länder, die staatlich geförderte, kulturell akzeptierte grausame Strafen für Homosexuelle (lange Gefängnisstrafen, Ehrenmorde oder Todesurteile) verhängen, als subalterne Verbündete."

Im Tagesspiegel ist Ina Rosenthal, Autorin und Projektleiterin der queeren Plattform "Pink Dot", entsetzt darüber, dass es inzwischen als Provokation gelten soll, wenn sie ihren Davidstern trägt: "Ich erinnere mich an eine Zeit, in der jüdisch zu sein in Deutschland etwas war, das man sagen, tragen, ertragen konnte. Weil es eben diese grundlegende Übereinkunft gab, dass niemandem aufgrund der Herkunft, Ethnie, Religion oder Hautfarbe die Existenz abgesprochen wurde. Was ist passiert? Wann haben wir angefangen, gegeneinander zu kämpfen?"

Die Publizistin Christine Brinck wiederholt in der Welt derweil noch einmal die Frage, die sich alle propalästinensischen Demonstranten gefallen lassen müssen: "Wo war das Camp mit teuren Northface-Zelten, als die Russen Mariupol belagerten, aushungerten, eine Geburtsklinik, Schulen, Kindergärten bombardierten und tausende Zivilisten starben? Wer hüllte sich da in Columbia oder Yale in blaugelbe Fahnen und verlangte, den Russen die Krim wieder abzujagen? Solidarität mit den überfallenen Ukrainern, die frei in ihrem eigenen Land leben wollen, äußern die hochmögenden Universitätsangehörigen nicht. Sie skandieren nicht 'Putin, hey, hey, how many kids did you kill today?' Die weinenden ukrainischen Kinder machen medienmäßig nicht so viel her wie deren Altersgenossen in Gaza. Wer marschiert für die Uiguren?"

Seit Jahren hat der Verein Verein Säkularer Islam Hamburg für die Schließung der "Blauen Moschee" in Hamburg gekämpft - nun ist der Schritt gegen diese Agentur des Mullah-Regimes endlich vollzogen. In einer Stellungnahme entwirft der Verein, dem unter anderen Necla Kelek und Ertan Toprak angehören, ein Zukunft für das Gebäude: "Die Blaue Moschee sollte ein Kultur- und Gebetshaus 'Jina-Mahsa-Amini Zentrum' werden. Neben der Religionsausübung soll es vor allem die lange Kultur des Vielvölkerstaates Irans, seine Verbindungen zu Hamburg und den vielen Exil-IranerInnen und iranischen Kaufleuten dokumentieren und lebendig machen. Ein solches Zentrum sollte unbedingt zusammen mit den demokratischen und säkularen Kräften, aber auch den unterschiedlichen Volksgruppen aus dem Iran, wie die Kurden, Belutschen, Azeris und iranisch religiösen Minderheiten (wie Sunniten, Bahais, Juden, Christen) und den islamischen Gemeinschaften, die sich zu Säkularismus bekennen, gestaltet werden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.07.2024 - Gesellschaft

Trump kündigte an, im Falle einer Wiederwahl die Zölle für Importe um zehn Prozent zu erhöhen. Auf lange Sicht könnte seine Wirtschaftspolitik auch Deutschland schaden, sagt der Ökonom Markus Brunnermeier im Zeit-Gespräch mit Roman Pletter und Kolja Rudzio: "In der Vergangenheit konnten deutsche Exporteure die Zölle auf die Verkaufspreise aufschlagen, das zeigen Studien. Am Ende haben also die Kunden in Amerika sie bezahlt. Wenn jemand die beste Maschine oder den besten Lkw-Sitz liefert und Kunden nicht die zweitbeste Ware wollen, bezahlt man das eben. Viele Mittelständler in Deutschland haben eine entsprechende Preissetzungsmacht. Allerdings müssen wir in die ganze Welt verkaufen, weil wir hohe Fixkosten haben und mit der Massenproduktion die Kosten für die einzelnen Produkte sinken. Wenn ein globaler Handelskrieg auch die Schwellenländer erfasst, sie ärmer macht und sie als Kunden ausfallen, dann würde das auch die Firmen hier hart treffen."

Der Autor und Podcaster Ole Nymoen möchte sich von Politikern nicht für die "Kriegstüchtigkeit" seines Landes instrumentalisieren lassen, wie er in der Zeit schreibt. Er stellt in den Debatten über Krieg eine "verkehrte Abstraktion" fest, bei der "die eigene Sicherheit mit jener der politischen Herrschaft in eins fällt." Bevor er es zulässt, dass "Staat und Bürger zu einem untrennbaren Ganzen verklärt werden", lässt er sich lieber fremdbeherrschen: "Im Krieg aber erleben wir genau diese Ineinssetzung tagtäglich. Etwa wenn es immer wieder heißt, dass 'die Ukrainer kämpfen wollen'. Bei solchen Formulierungen entsteht schnell der Eindruck, es handele sich bei einem Staatsvolk um eine von jedem Abweichlertum befreite Interessengemeinschaft mit einem einzigen Zweck - der Souveränität der Herrschaft. Dabei ist es eigentlich selbstverständlich, dass in jedem Krieg ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung lieber unter fremder Herrschaft leben als im Kampf sterben will."

In der NZZ legt Ayaan Hirsi Ali einen ziemlichen Rundumschlag zum Problem religiös-fundamentalistischer Parallelkulturen in westlichen Ländern vor - natürlich geht es dabei um den Islam, um Vielehen, Zwangsverheiratungen und ein Problem, das noch seltener erwähnt wird: Inzucht, vor allem bei Einwanderern aus Pakistan. Für das NHS (hier die Studie) stellt sie inzwischen laut Ayaan Hirsi Ali eine gravierende Belastung dar: "Eine hohe Zahl von Cousin-Ehen führt zu vermehrtem Auftreten von Erbkrankheiten. Noch vor zwanzig Jahren wurde berichtet, dass britische Pakistaner 3,4 Prozent aller Geburten ausmachten, aber ihr Anteil bei den rezessiven Erbkrankheiten über 30 Prozent beträgt. Neuere Untersuchungen zeigen, dass sich das Verhältnis seither nicht verbessert hat." Nur das Christentum, behauptet Ali am Ende ihres Artikels, könne dem Islam die Idee einer gleichberechtigten Ehe entgegenhalten. Bei Netflix gibt es zum Thema Inzucht in Britannien  eine Dokumentation, allerdings schon aus dem Jahr 2010.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.07.2024 - Gesellschaft

Die Bundestagsresolution gegen den BdS ist doch eigentlich ein "riesiger Erfolg", meint Tobias Rapp bei Spon. "Seit 2019 wurde Schritt für Schritt deutlicher, dass der Hass auf Israel in Deutschland verbreitet ist und von öffentlichen Geldern gefördert wird." Das neue Vorhaben, wonach nur Projekte gefördert werden sollen, die eine Antisemitismusklausel unterschreiben, findet er allerdings fragwürdig: "Denn so wünschenswert es ist, keine Judenhasser mit staatlichem Geld auszustatten - will man wirklich Künstlerinnen und Künstler künftig erst mal unterschreiben lassen, dass sie auch wirklich loyal zu Israel stehen? ... Der riesige Erfolg der BDS-Resolution, dieses eigenartigen Zufallsprodukts, das eigentlich nur die AfD daran hindern sollte, sich als Antisemitismusbekämpfer aufzuspielen, beruht auf etwas anderem: Dass sie nämlich nicht war, was ihre Gegner ihr unterstellen. Sie war kein Gesetz, keine Vorschrift, keine Klausel. Sondern eine Meinungsäußerung fast aller Abgeordneten der demokratischen Parteien. Deshalb ist es ihr gelungen, was die Politik nur sehr selten schafft: das Bewusstsein der Institutionen und der Öffentlichkeit zu schärfen und eine der großen Debatten der Bundesrepublik loszutreten. Der Skandal um die antisemitischen Kunstwerke auf der Documenta 15 geht darauf zurück - und seit dem Massaker vom 7. Oktober ist es ein Streit, der die gesamte deutsche Gesellschaft bewegt."