9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.07.2024 - Gesellschaft

Es gibt so Themen, die in der deutschen Öffentlichkeit äußerst ungern angegangen werden. Das Kinderkopftuch ist so eins (unser Resümee). "Kinderehen", über die Ronya Othmann in ihrer FAS-Kolumne schreibt, gehört ebenfalls in diesen Themenkreis. "Allein in Berlin habe es 2022 laut einer Umfrage des Arbeitskreises gegen Zwangsverheiratung und der Gleichstellungsbeauftragten des Bezirksamts Friedrichshain-Kreuzberg 496 Fälle von versuchten oder durchgeführten Zwangsverheiratungen gegeben. ... Bundesweite Zahlen gibt es nicht. Zwangs- und Kinderehen betreffen nicht nur Minderjährige, die verheiratet nach Deutschland kommen, sondern auch Mädchen und Jungen, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind und hier zur Schule gehen. Sie werden hier verheiratet (natürlich nicht offiziell vor dem Standesamt) oder dafür ins Ausland gelockt oder verschleppt."

Othmann empfiehlt den Ted-Talk der kurdisch-britischen Aktivistin Payzee Mahmod, die als einige der wenigen über ihre eigene Erfahrung mit Zwangsheirat berichtet, aus der sie sich befreien konnte.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.07.2024 - Gesellschaft

Die sogenannte Migrationsforschung ist meist zu vornehm, um zu diesem Thema zu recherchieren, also gab die feministische Organisation "Terre des Femmes" zum zweiten Mal nach 2019 eine Umfrage zum Kinderkopftuch an deutschen Schulen in Auftrag. Befragt wurden Lehrer und Lehrerinnen. Die Ergebnisse wurden vor einigen Tagen auf den Seiten der Organisation präsentiert. "In der Umfrage ging es auch um die Frage der Freiwilligkeit. Wird das 'Kinderkopftuch' nicht freiwillig getragen, ist dies ein starker Indikator für eine patriarchal-autoritäre Erziehung. Aus den Ergebnissen wird ersichtlich, dass es sich nicht um Einzelfälle oder um ein Randphänom handelt, sondern zehntausende Mädchen in Deutschland betrifft. ... Die Umfrage 2024 zeigt einen signifikanten Anstieg der Nichtteilnahme von Mädchen mit 'Kinderkopftuch' am Sexualkundeunterricht." Hier die Umfrageergebnisse als pdf-Dokument.

Der Kampf gegen das Kopftuch ist weiterhin ein sehr einsamer, konstatiert die NZZ-Autorin Fatina Keilani in einem Artikel über die Umfrage: "Im politischen Raum ist einzig die AfD derselben Auffassung. Ihr Antrag, das Kopftuch für unter Vierzehnjährige an Schulen und Kindertageseinrichtungen zu verbieten, wurde erst im März im Bundestag abgelehnt. Terre des Femmes teilt zwar diese Haltung, distanziert sich aber sonst von der AfD."

Die Sportschuhfirma Adidas hat eine lange Geschichte des Mitläufertums. Die Dassler-Brüder waren die Lieblingslieferanten des Hitler-Regimes. Später kooperierte man mit dem notorischen Antisemitien Kanye West und musste dann hohe Investitionen in den Wind schreiben. Nun legt Adidas den Sportschuh der Olympischen Spiele von 1972 wieder auf - bei denen bekanntlich elf israelische Sportler von palästinensischen Terroristen ermordet wurden. Und kiest als Botschafterin dieser Wiederauflage das Supermodel Bella Hadid, die palästinensicher Herkunft ist und gern Parolen wie "From the River..." skandiert. Inzwischen hat Adidas aber wohl alle Werbemittel zu der Kampagne aus dem Netz und von den Leuchtreklametafeln des Times Square genommen. Mehr bei Spiegel online und hier in der Jüdischen Allgemeinen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.07.2024 - Gesellschaft

Wer immer noch glaubt, die AfD sei zwar rechts, aber nicht rechtsextrem, dem können Nils Lenthe und Jean-Philipp Baeck auf die Sprünge helfen. Sie erzählen in der taz von einer Sonnenwendfeier in Strahwalde, Oberlausitz, wo sich "etwa 150 Erwachsene und Kinder zu einem Ritual mit Fackeln, Trommeln und Lagerfeuer" trafen. Sie "sangen Lieder der Hitlerjugend und ehrten einen SS-Standartenführer. Die anwesende Polizei nahm laut Zeugen die Personalien der Teilnehmer auf, schritt aber nicht ein. Die taz hatte mit dem Medienkollektiv Recherche Nord kürzlich bereits über eine ähnliche Zeremonie in Eschede berichtet. Anders als in Niedersachsen standen in der Oberlausitz in Strahwalde allerdings AfD-Lokalpolitiker Seit an Seit mit den Neonazis. Mehr noch: Das Event wurde von Mandatsträgern der AfD mitgestaltet, darunter ein Gemeinderat aus Mittelherwigsdorf sowie ein Stadtrat aus Niesky. ... Geschworen wurde unter anderem auf die 'deutsche Jugend', geredet 'zur Ehre des Löbauer Standartenführers Max Wünsche und all den Ritterkreuzträgern'. Die Runde antwortete jeweils mit einem 'Heil Sonnenwende'. ... Der SS-Standartenführer Wünsche war Ordonnanzoffizier bei Adolf Hitler und befehligte im Zweiten Weltkrieg die 12. SS-Panzerdivision 'Hitlerjugend', in der massenhaft Hitlerjungen für den Kriegsdienst rekrutiert wurden."

Wie das mit dem Rechtspopulismus so ist: Er saugt sich voll an den Non-dits des Mainstream. Wähler, die AfD wählen haben es nicht selten satt, dass Hinweise auf Realitäten, wenn sie nicht genehm sind, in die rechte Ecke geschoben werden, meint Michael Miersch in einem Essay für sein Blog. Das gelte für das Thema Migration, aber auch für das Thema Energiewende. "Auch hier haben die bösen Blauen viele Fakten auf ihrer Seite. Wer glaubt, dass die Energiewende ein linkes Projekt sei und die Kritik daran rechts, ignoriert die Geschichte. Bevor die SPD in den 1990er-Jahre immer mehr von der grünen Weltanschauung übernahm, wäre kein sozialdemokratischer Kanzler auf die Idee gekommen, Heizung, Strom und Tankfüllung künstlich zu verteuern. Sozial ist das jedenfalls nicht. Dass durch das Abschalten der Atomkraftwerke mehr Kohle verbrannt wird, ist eine Tatsache und keine rechte Propaganda. Ebenso der physikalische Fakt, dass Windturbinen bei Windstille und Sonnenkollektoren nachts keinen Strom liefern. Circa 500 Milliarden Euro hat die Energiewende bisher gekostet. Dass dieser immense ökonomische Aufwand einen kühlenden Einfluss auf das Weltklima hätte, behauptet nicht einmal Robert Habeck."

"Zukunft" ist nicht etwas, was Menschen sich immer schon ausmalten. Erst die Aufklärung gab den Menschen die Vorstellung, dass sie ihr Leben gestalten können. Neuerdings aber überwiegen mit Blick auf Klimawandel und Polarisierung die düsteren Szenarien. Tagesspiegel-Redakteur Christoph David Piorkowski plädiert für positive Bilder von Zukunft, ein bisschen volkspädagogisch klingt es aber schon: "Anstatt die Zukunft bloß als Verzicht zu beschreiben - weniger Konsum, weniger Wohlstand -, müssten Forschung, Politik und Aktivismus diskutieren, was durch Kreislaufökonomie oder 'Postwachstum' gewonnen werden könnte. Etwa eine andere Beziehung zum Leben, die nicht durch Effizienz oder Verwertbarkeit bestimmt wird, eine Wirtschaft, in der man eben beiträgt, was man kann, anstatt seine Arbeitskraft als Ware zu verhökern. Auch mit Blick auf die Demokratie sollte man für deren Verbesserung werben, anstatt bloß an die Wand zu malen, was wir verlieren, wenn der Autoritarismus sich durchsetzt."

Auf die ihm von vielen Seiten gestellte Frage, warum deutsche Medien nie über moderate pro-palästinensische Demonstrationen berichten, antwortet Sebastian Leber im Tagesspiegel schlicht: "Weil es keine gibt". Die extremistische Demonstrationskultur vieler Pro-Palästinenser, die sich keineswegs von den terroristischen Aktivitäten der Hamas distanzieren oder das Existenzrecht Israels in Abrede stellen, sei kein Zeichen von Solidarität, betont Leber: "Die Palästina-Solidarität in Deutschland ist auch gar nicht solidarisch mit den Bewohnern des Gazastreifens. Im Gegenteil: Sie verlängert das Leid der Zivilisten, weil sie - von manchen Aktivisten gewollt - die Position der Hamas stärkt und diese zum Durchhalten und Weiterkämpfen ermutigt. Wenn es über diese Bewegung etwas Positives zu berichten gibt, dann wohl nur, dass sie in den vergangenen neun Monaten ein eindrucksvolles Beispiel dafür abgegeben hat, weshalb es einen Staat Israel als Schutzraum für Jüdinnen und Juden braucht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.07.2024 - Gesellschaft

Der Schriftsteller Clemens J. Setz erklärt in der Zeit, wie die von Elon Musks Firma Space X geplanten "Starlink"-Satelliten die Ozonschicht in kürzester Zeit massiv schädigen könnten. Die Satelliten sollen  "unvorstellbare Riesenschwärme bilden", zum Beispiel um schnelleres Internet zu gewährleisten. "Damit es aber dort oben nicht zu eng wird, muss jeder alt gewordene Starlink-Satellit, also jeder mit einem Alter über fünf Jahren, zurück auf die Erde stürzen und verglühen. Dabei hinterlässt er in der Stratosphäre eine bestimmte Substanz: Aluminiumoxid. ... Das Problem mit den Auswirkungen des Verglühungsnebenprodukts Aluminiumoxid auf die Ozonschicht ist allerdings, dass die Effekte hier viel rascher sichtbar würden. Das jahrzehntelang genau dokumentierte Zuheilen der Ozonlöcher hätte auf jeden Fall ein Ende. Neue Löcher würden bald wieder entstehen, so wie damals, in meiner frühen Kindheit. Ein einzelner Satellit hinterlässt beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre etwa dreißig Kilogramm, und alle im Jahr 2022 verglühten Satelliten hinterließen zusammengerechnet etwa siebzehn Tonnen Aluminiumoxid."

Die Zeit bringt zwei Debattenbeiträge zum Verbot des Wolfsgruß (unsere Resümee). Pro Verbot ist Ali Ertan Toprak, Vorsitzender der Kurdischen Gemeinde Deutschland. Die Türkei sei bei der EM schon mal rausgeflogen, "dass der Wolfsgruß zum Massenphänomen wird, beruhigt mich nicht. Die Grauen Wölfe sind mit gut 12.000 Anhängern in Deutschland eine unserer größten rechtsextremen Gruppierungen. In Frankreich gilt ein Verbot der Grauen Wölfe. In Österreich ist der Wolfsgruß verboten. Wann zieht Deutschland endlich nach?" Gegen ein Verbot ist Nurhan Soykan, Vorstandsmitglied im Zentralrat der Muslime: "Der Wolfsgruß der Fans war eine Rebellion gegen den Assimilierungsdruck. Deshalb wäre auch ein Verbot falsch. (...) Der Wolfsgruß ist aber nicht eindeutig und keiner verbotenen Organisation zurechenbar. Sein Verbot würde als staatliche Repression gewertet und die Integration Jugendlicher behindern."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.07.2024 - Gesellschaft

Die modische Linke kultiviert einen Antisemitismus, den sie sich durch praktische Dokumente wie die "Jerusalemer Erklärung" gern wegerklärt. Und der Antisemitimus rechtsextremer oder -populistischer Parteien ist keineswegs verschwunden, konstatiert Richatrd C. Schnelder in seiner Spiegel-Kolumne: "Die Mitte der Gesellschaft verschwindet. Die natürlichen Verbündeten der Juden von links gegen den altbekannten rechten Antisemitismus brechen weg. Der offene Hass kommt nun gerade von dieser Seite - das reicht hinein bis in den engeren Bekanntenkreis, das erlebe auch ich in diesen Tagen. Und so wirkt der entfesselte progressiv-linke Antisemitismus zusammen mit dem islamistischen Judenhass bedrohlicher als der Judenhass von rechts."

Massenhaft haben Türkei-Fans beim letzten Spiel ihrer Mannschaft den "Wolfsgruß" gezeigt. Das ist auch Schuld der deutschen Politik, ärgert sich der Duisburger Pädagoge und Autor Burak Yilmaz in der SZ: "Seit 2020 liegt ein Verbotsantrag der Grauen Wölfe und ihrer Symbole auf dem Tisch des Innenministeriums. Nancy Faeser sitzt das Problem aus. Sie und ihr Ministerium tragen die politische Verantwortung für diesen Tabubruch. Hätten sie ein Verbot der Grauen Wölfe und die Strafbarkeit des Wolfgrußes durchgesetzt, wären jetzt strafrechtliche Konsequenzen möglich. Wenn Rechtsextreme keine Grenzen spüren, dann werden sie täglich neue Tabus brechen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.07.2024 - Gesellschaft

Im SZ-Interview erläutert der Rechts- und Islamwissenschaftler Mathias Rohe, was die deutsche Gesellschaft angesichts der wachsenden Bedrohung durch den Islamismus besser machen kann. Für Rohe hat Deutschland "ganz offensichtlich, und nicht erst seit gestern" ein Problem mit dem terroristischen Islamismus, der sich auch in sozialen Netzwerken ausbreite: "Harte Strafen werden die tiefer liegenden Probleme nicht lösen. Wir müssen mit der Prävention schon in der Schule anfangen. Der islamische Religionsunterricht durch Lehrkräfte, die in Deutschland ausgebildet wurden, muss weiter ausgebaut werden. Und auf Social Media brauchen wir viel mehr authentische Inhalte, um den Extremisten etwas entgegenzusetzen. Von Muslimen an Muslime, auf Augenhöhe, mit der richtigen Ansprache."

Prävention scheint jedenfalls dringend: "An Berliner Schulen nehmen religiöse Konflikte mit fundamentalistisch gesinnten Muslimen zu", berichtete vorgestern Frederik Schindler in der Welt.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.07.2024 - Gesellschaft

Der besonders an den Unis losbrechende Israelhass und der damit verknüpfte linke Antisemitismus sind eigentlich nichts Neues, sagt Michael Wolffsohn im Gespräch mit Michael Hanfeld von der FAZ, es gebe sie eigentlich seit 1967. Und doch sagt er auch: "Meine Generation, auch ich selbst, hielt massiven Judenhass für vergangen, also für Geschichte. Dass unsere physische Existenz und Lebensqualität im Alltag in Deutschland widerrufen werden könnten, das hätte ich nicht erwartet. Das haben die meisten von uns nicht erwartet. Wir dachten, dass unsere Existenz gesichert sei, auch dadurch, dass der Staat jüdisches Leben schützen will, es aber, ich wiederhole mich, nicht kann. Das ist das Grundproblem, und insofern ist Geschichte Gegenwart."

Beim Fan-Aufmarsch zum EM-Spiel Niederlande gegen die Türkei und im Stadion in Anwesenheit Erdogans zeigten sehr viele Türkei-Fans den "Wolfsgruß", eine Geste, die den "Grauen Wölfen", einer rechtsextremistischen türkischen Bewegung, zugeschrieben wird. In der Welt wiegelt Deniz Yücel ab: Die Geste sei nur über die letzten Jahre von den Rechten gekapert worden, viele Fans, die sie zeigten, wüssten nicht, wofür sie steht. "Zugleich sind Symbole und Zeichen der Grauen Wölfe seit den Neunzigerjahren Teil der Populärkultur, nicht zuletzt unter Fußballfans. Man kann es daher vielen türkischen Fans abnehmen, dass sie die Aufregung über den Wolfsgruß des Fußballers Merih Demiral nicht nachvollziehen konnten. In ihren Augen ist diese Geste alltäglich, nicht mal Ausdruck von Parteizugehörigkeit, die Strafe für Demiral unfair. Deshalb dürften die meisten nicht aus tiefer Überzeugung, sondern aus einer Mischung aus Halbwissen und Trotz massenhaft den Wolfsgruß gezeigt haben. Die echten Grauen Wölfe müssen selig sein, dass am Samstag allein im Olympiastadion mehr Leute den Wolfsgruß gezeigt haben als die rund 12.500 Personen, die der Verfassungsschutz hierzulande ihnen zurechnet."

Auch andere faschistische Symbole waren bei dieser EM zu sehen, bemerken Monty Ott und Ruben Gerczikow auf Zeit Online.


Eren Güvercin sieht es nicht ganz so milde. Hier seine Erläuterungen zum "Wolfsgruß" bei NTV.


9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.07.2024 - Gesellschaft

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Ost und West "sind zwar zusammengewachsen, aber schief", sagt der Soziologe Steffen Mau im BlZ-Interview, dessen neues Buch sich mit der Problematik auseinandersetzt. Der Osten sei dabei keine "westdeutsche Erfindung", wie es der Literaturwissenschaftler Dirk Oschmann bezeichnete, den Mau kritisiert, und die Ostdeutschen keine "eingebildeten Kranken". Viele Probleme sind Folgen vergangener Fehler und die Unzufriedenheit real, zum Beispiel was die Aufstiegschancen in der Gesellschaft angeht, so Mau: "Wenn man kein Dax-Unternehmen im Osten hat, dann kann man nicht schon als Schüler oder Student ein Praktikum dort machen und das nächste dann in der Auslandsniederlassung in China. Diese Karrieren gibt es im Osten nicht. Im Milieu der kleinen Leute im Westen ist es ähnlich. Die Wahrscheinlichkeit, aus Gelsenkirchen in die westdeutsche Elite aufzusteigen, ist auch gering. Aber es ist nicht die Art von Diskriminierung, die Leute mit einer anderen Hautfarbe oder einem anderen Namen auf dem Wohnungsmarkt erfahren. Oder durch Polizeikontrollen auf öffentlichen Plätzen und Bahnhöfen. Das geschieht Ostdeutschen nicht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.07.2024 - Gesellschaft

Spiegel-online Kolumnist Sascha Lobo hatte vor einigen Monaten den Begriff des "akzeptierenden Antisemitismus" in die Debatte geworfen (unser Resümee), womit er meinte, dass Antisemitismus entgegen vielen Behauptungen in der Öffentlichkeit eher nicht übel genommen wird. Nun setzt er nach und fragt nochmal nach dem "Warum des linken, weltoffenen, intellektuellen oder akzeptierenden Antisemitismus: Inzwischen glaube ich, dass es sich vor allem um eine soziale Konstruktion handelt - bei Leuten, die genau das eigentlich ablehnen. Das heißt, ein Teil der gebildeten, vorgeblich toleranten Antisemiten bildet sich die Meinung nicht anhand von Fakten oder ihren oft hochgehaltenen Werten, sondern ausschließlich aus Gründen ihres sozialen Umfelds. Weil meine Bekannten Peter und Amira so radikal und lautstark gegen alles von und mit Israel sind, dass sie kaum eine abweichende Haltung akzeptieren, beginne ich, mir selbst die Situation entsprechend zu erklären."

Für Muslime gibt es keine Pflicht zum Judenhass, "auch nicht aus Solidarität mit den Palästinensern", betont in der NZZ der Jurist und Publizist Murat Kayman, der einst als Anwalt für die Ditib tätig war. Scharf kritisiert er nun führende Vertreter der größten muslimischen Dachverbände, darunter Ditib, IGMG und den sogenannten Zentralrat der Muslime nach dem 7. Oktober dafür, dass sie es "bewusst vermieden, die Hamas als Terrororganisation zu bezeichnen. Sie haben es erneut - wie schon in den vielen Jahren zuvor - vorgezogen, eine Strategie der doppelten Botschaften zu praktizieren. Nach außen betonen sie, es gebe unter Muslimen keinen Antisemitismus. Nach innen sind sie sich bewusst, dass der Hass auf Juden und den Staat Israel innerhalb der muslimischen Gemeinschaften weit verbreitet ist. Sie wissen, dass der Antisemitismus mit all seinen Stereotypen zum normalen 'Wissen' über 'den Juden' gehört." Kayman schließt: "Wer jüdisches Sterben als 'legitimen Widerstand' auch für die Zukunft rechtfertigt, muslimisches Sterben aber als 'Völkermord' verstanden wissen will, der wird nicht als vertrauenswürdige Stimme der Vernunft und der Friedfertigkeit verstanden."

Rupert Scholz, Ende der Achtziger CDU-Verteidigungsminister, im Anschluss Staatsrechtsprofessor an der LMU München und einer der "einflussreichsten juristischen Kommentatoren des Grundgesetzes" beim C. H. Beck-Verlag hat dem rechtspopulistischen Magazin Compact ein Interview gegeben, in dem er unter anderem dem Präsidenten des Verfassungsschutzes vorwirft, verfassungswidrig zu handeln, wenn er gegen die AfD vorgeht , berichtet Ronen Steinke in der SZ. Auch Angela Merkel wirft Scholz mit Blick auf die "Öffnung der Grenzen" 2015 Rechtswidrigkeit vor, fährt Steinke fort und fragt: Droht ein neuer Fall Hans-Georg Maaßen?

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.07.2024 - Gesellschaft

Der soziale Aufstieg hängt immer noch stark vom Elternhaus ab, erklärt die Soziologin Nancy Kracke im Zeit Online-Interview mit Martin Spiewak. "Wir wissen aus vielen Studien, dass die Bildungsschere schon weit vor der ersten Klasse auseinandergeht. Der Grund ist das unterschiedliche Anregungsniveau. Wie viel Eltern mit ihren Kindern sprechen, wie häufig sie vorlesen: All das ist je nach sozialer Herkunft unterschiedlich. Das heißt, der Kampf gegen die Bildungsungleichheit müsste quasi gleich nach der Geburt beginnen. Leider ist der Anteil der Kinder aus sozial benachteiligten Familien, die in die Kita gehen, zuletzt sogar gesunken. (...) Das Elternhaus wird immer einen Einfluss darauf haben, was aus den Kindern wird. Auch in Vorzeigeländern wie Schweden oder Finnland gibt es keine absolute Chancengleichheit. Aber jedes Bildungssystem sollte dazu beitragen, diesen Einfluss so gering wie möglich zu halten. Und da gibt es in Deutschland deutlich Luft nach oben."