9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.01.2021 - Geschichte

Das Deutsche Reich wurde vor 150 Jahren durch einen Krieg und die Demütigung von Feinden geboren und ging folgerichtig in einem Krieg unter. Dennoch genießt es bei Historikern inzwischen einen recht guten Ruf als eine Fast-schon-Demokratie. Eckart Conze, Autor von "Schatten des Kaiserreichs", will da in der Zeit nicht mitmachen: "Manche, wie Frank-Lothar Kroll oder Benjamin Hasselhorn, verfolgen eine neonationalistische Agenda, wenn sie das Kaiserreich nicht nur als 'normale' Nation, sondern sogar als freiheitlich verfassten Nationalstaat bezeichnen, um das Deutschland der Gegenwart in dessen Kontinuität zu stellen. Andere wollen im Reich von 1871 vorrangig eine reformbegeisterte, Demokratie praktizierende Zivilgesellschaft erkennen, wie die Historikerin Hedwig Richter in ihren Arbeiten der vergangenen Jahre. Gemeinsam ist diesen Revisionsversuchen, dass sie gegen den Popanz der längst überwundenen These eines angeblichen deutschen Sonderwegs in die Moderne Sturm laufen - und dass Verfassung und politische Institutionen in ihnen kaum eine Rolle spielen." Hedwig Richter hat ihre Ansichten neulich in einem Twitter-Thread nochmal zusammengefasst.

Im Januar 1971 versprühte ein Flugzeug der US-Luftwaffe zum letzten Mal den chemischen Kampfstoff "Agent Orange" über Vietnam, erinnert Arno Widmann in der FR. Aber bis heute leiden die Menschen an schweren Erbschäden: "Nach langen Auseinandersetzungen haben ein Teil der US-Soldaten, die aufgrund des Kontaktes mit dem Dioxin schwere Schäden erfuhren, Entschädigungen erhalten. Das begann aber erst in den 90er Jahren. Die vietnamesischen Opfer haben bisher keinen Cent bekommen. Allerdings hatten die Regierungen von George W. Bush und Barack Obama der Republik Vietnam an die 100 Millionen Dollar für ein ökologisches Reinigungsprogramm zur Verfügung gestellt. Wie lächerlich wenig das ist, erkennt man, wenn man sich vor Augen hält, dass 2016 die Kosten allein für die Reinigung eines acht Meilen langen Abschnitts des mit Dioxin verseuchten Passaic-Flusses in New Jersey mit 1,4 Milliarden Dollar veranschlagt wurden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.01.2021 - Geschichte

Der Historiker Martin Kohlrausch beobachtet in der FAZ einen seltsamen Widerspruch in der Wahrnehmung der Hohenzollern: Sie hatten historische Prägekraft - und doch erinnert man sicher ihrer kaum. Es könnte etwas mit ihrem Ende zu tun haben: "Die nächstliegende Erklärung für das weitgehende Verschwinden der Hohenzollern aus dem öffentlichen Bewusstsein ist die Flucht Wilhelms II. in die Niederlande am 10. November 1918. Langfristig wichtiger als die oft karikierte Dürftigkeit des kaiserlichen Abgangs waren seine Modalitäten. Es war eine Flucht ohne Vertreibung. Einen aktiven Sturz der Monarchie gab es in Deutschland nicht. Und damit auch wenig Substanz für eine positive Erzählung von ihrer Überwindung."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.01.2021 - Geschichte

In der FR-Serie über die Reichsgründung 1871 kommt heute der Historiker Christoph Nonn zu Wort. Im Interview erklärt er, was sich aus der Reichsgründung und dem Scheitern der Weimarer Republik für heute lernen lässt: "Die Entwicklung zur Moderne hat verschiedene Potenziale, demokratische wie undemokratische. Auch das sehen wir heute in China, Russland, in der Türkei, in Ungarn, Polen und vielen anderen Ländern der Welt. Der Glaube, dass die Moderne unausweichlich zur Demokratie führt, wie vielfach nach dem Ende des Kalten Krieges 1990 geglaubt wurde, war offensichtlich naiv. Das macht die Beschäftigung mit dem Kaiserreich umso spannender. Denn damals wurde Deutschland zu einer modernen Gesellschaft, mit dem Potenzial einer Weiterentwicklung zur Demokratie und zur Diktatur. Das heißt aber auch: Demokratische Errungenschaften sind zerbrechlich, unsicher. Die demokratische Zivilgesellschaft ist eine Dauerbaustelle, an der alle Bürger den Spaten schwingen müssen."

Der Politologe Stephan Grigat erinnert in der FAZ an die Vertreibung der Juden aus der arabischen Welt, die mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs begann: "Neben 'push'-Faktoren wie Verfolgung und Diskriminierung, ökonomischer Not und politischer Instabilität in den arabischen Staaten existierten auch 'pull'-Faktoren wie die zionistische oder religiöse Sehnsucht nach einer jüdischen Heimstätte, deren Erfüllung durch die Gründung Israels seit 1948 realisierbar erschien. Die Hauptursache muss jedoch in den antijüdischen Traditionen der islamisch dominierten Gesellschaften und dem manifesten Antisemitismus der jeweiligen arabischen Führungen gesehen werden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.01.2021 - Geschichte

Seit siebzehnhundert Jahren leben Juden in Deutschland, seit Kaiser Konstantin 321 das Dekret unterzeichnete, das ihre Berufung in den Stadtrat von Köln erlaubte. Für Michael Wolffsohn ist das natürlich kein Grund, in einen staatlich verordneten "Judenjubel" einzufallen, wie er in gewohnter Schärfe in der Welt schreibt: "Konstantin wollte die Juden nicht, er brauchte sie. Im zwar hoch entwickelten, doch bereits zerfallenden, krisengeschüttelten Römischen Reich und ganz besonders im damals unterentwickelten Germanien wurden Bürger gebraucht, die - spitz formuliert: anders als die wenigen einheimischen und als die vielen ein- oder zugewanderten Barbaren - lesen und schreiben oder Geld- und Fernhandel betreiben konnten. Juden lebten also am 'deutschen Rhein' bereits vor den meistens erst später eingewanderten Germanen. Konstantins Judenpolitik kennzeichnet epochenübergreifend deutschjüdische, ja, diasporajüdische Existenz. Juden waren im bald ganz christlichen Abendland nicht gewollt. Willkommen waren sie nur, wo, wenn und solange sie gebraucht wurden. Es galt das Gesetz eiskalter Nützlichkeit."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.12.2020 - Geschichte

Könnte es sein, dass auch die Norweger sich im Zweiten Weltkrieg nicht ganz so heldenhaft betragen haben, wie es auch die dortige Geschichtsschreibung offenbar gern behauptet? Anders als die Dänen haben die Norweger ihre Juden nicht gerettet, über 700 Juden wurden deportiert. Fabian Wolff berichtet in der taz über das Buch "Hva visste hjemmefronten?" ("Was wusste die Heimatfront?") der Journalistin Marte Michelet: "Die etablierte Erzählung lautete bislang: Eine landesweite Verhaftungsaktion der Gestapo im November 1942 und die anschließende Massendeportation seien in Norwegen wie ein Blitz aus heiterem Himmel gekommen. Die Heimatfront habe alles in ihrer Macht stehende getan, um wenigstens Teile der jüdischen Bevölkerung zu retten. Was Michelet in 'Hva visste hjemmefronten?' aufgrund neuer Dokumente grundsätzlich in Frage stellt. Ihre Behauptung: Die Gestapo-Aktion sei zentralen Personen der 'Heimatfront' drei Wochen zuvor bekannt geworden, aber Antisemitismus sei bei diesen ebenso wie in Norwegen insgesamt recht verbreitet gewesen. Das Schicksal der jüdischen MitbürgerInnen sei ihnen deshalb relativ gleichgültig gewesen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.12.2020 - Geschichte

Im FR-Interview mit Bascha Mika spricht der Historiker Andreas Kossert über Flucht und Vertreibung und die Weltgeschichte der Heimatlosigkeit: "In den Überlieferungen der Menschheit spielt dieses Thema stets eine Rolle.  Viele Fluchterfahrungen sind jedoch in der Geschichte versunken, die kennen wir nicht mehr. Aber erzwungene Wanderschaft hat es immer gegeben. In der Vormoderne betraf es vor allem religiöse Minderheiten, in der Moderne taucht dann die Idee der ethnischen Homogenität auf. Wer dazu gehören soll und wer ausgeschlossen wird, folgt bis heute ethno-religiösen Mustern, die auf erschreckende Art zeitlos geblieben sind. Denken Sie nur an die Kurden und Jesiden. Oder an Berg-Karabach; dort sehen wir unter den Augen der Weltöffentlichkeit, wie eine ethnisch motivierte Vertreibung im 21. Jahrhundert stattfindet."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.12.2020 - Geschichte

Andreas Fanizadeh rekapituliert in der taz, wie der Historiker Christopher Clark von dem Gutachten abrückte, in dem er die Hohenzollern im Streit um ihre Unterstützung der Nationalsozialisten entlastete. Dabei geht er vor allem auf eine Auseinandersetzung in der New York Review of Books ein, in der Clark von David Motadel scharf kritisiert wurde: "Clark erwiderte Motadel, ebenfalls in der New York Review, solch reaktionäre Motive lägen ihm fern. Er fühle sich instrumentalisiert. Er betrachte den Kronprinzen sehr wohl als einen 'gewalttätigen, ultrarechten Charakter', der mit Hitler sympathisierte und zur 'finalen Abrechnung mit der deutschen Linken drängte'. Doch hatte er den Kronprinzen schlicht für zu unintelligent und auch isoliert gehalten, als dass dieser eine größere politische Rolle hätte einnehmen können. Inzwischen, so Clark weiter, habe sich jedoch die Quellenlage verändert und er sähe es anders."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.12.2020 - Geschichte

Auf ein empörendes Kapitel der deutschen Verlagsgeschichte macht Karina Urbach in der Zeit aufmerksam. Deutsche und österreichische Verlage "arisierten" nicht nur jüdischen Besitz, sondern auch Bestseller jüdischer Autoren, indem sie sie regimefreundlichen Autoren zuschrieben, die den Inhalt nur änderten, wenn sie, wie im Kochbuch der Großmutter von Urbach jüdische Rezeptnamen ("Omelette Rothschild") austauschten: "In einem Land, in dem Juden ihren rechtlichen Schutz von 1933 an sukzessive verloren, war auch deren geistiges Eigentum der Willkür preisgegeben: Jeder 'arische' Autor und jeder Verlag konnte sich an diesem Eigentum bedienen, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen." Der Fall des "Palandt", eines juristischen Kommentarwerks des C.H. Beck-Verlags, ist bekannt (und durch den Verlag selbst 2013 erforscht worden). Weniger bekannt ist, dass auch Knaurs einst so populäres Gesundheitslexikon dem prominenten jüdischen Arzt Josef Löbel "weggenommen" wurde. Erst jetzt, achtzig bis neunzig Jahre nach den Ereignissen, an denen sich der Verlage jahrzehntelang bereicherten, werden die Geschichten aufgearbeitet, so Urbach. Auch das Kochbuch von Alice Urbach wir wieder unter ihrem Namen erscheinen. Ausführlich kann man Urbachs Geschichte hier nachlesen.

Außerdem: Alteuropäische Großmächte wie Russland, Ungarn oder die Türkei haben den Verlust ihres Imperiums bis heute nicht überwunden, meint der Historiker Rasim Marz in der NZZ.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.12.2020 - Geschichte

Heute vor  fünfzig Jahren kniete Willy Brandt vor dem Mahnmal für den Aufstand im Warschauer Ghetto nieder. In Polen wurde diese Geste systematisch zensiert, schreibt Gabriele Lesser in der taz und zitiert den heute 94-jährigen Holocaust-Überlebenden Marian Turski: "Die meisten Polen haben nie davon erfahren. Die Zensur gab das Bilderverbot 'Kein kniender Kanzler!' heraus, in den Medien erschienen nur kurze Artikel, und dann begannen auch schon die Arbeiterunruhen an der Ostseeküste, die am Ende zum Sturz der Regierung führten. Der Besuch Brandts war kein Thema mehr."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.12.2020 - Geschichte

Vor genau fünfzig Jahren kniete Willy Brandt bei einem Staatsbesuch spontan oder zumindest unangekündigt vor dem Ghetto-Denkmal in Warschau nieder. Adam Krzeminski erinnert sich daran, wie das Bild davon in Polen manipuliert und zensiert wurde. Man habe gefürchtet, dass Brandt auf die Polen zu sympathisch wirke. "Für die Nationalkommunisten, die 1968 mit einer antisemitischen Kampagne Zigtausende polnische Juden ins Ausland getrieben haben, kniet Willy Brandt zudem an der falschen Stelle. Wenn schon, fauchen die 'Partisanen' um den Innenminister, General Mieczyslaw Moczar, dann hätte er seinen Kopf dem Schwert der Warschauer Nike darbieten müssen, also vor dem Denkmal für die Helden Warschaus im Zweiten Weltkrieg auf die Knie gehen sollen."

"Für Polen, die Gesellschaft der Opfer, sind solche Gesten nach wie vor wichtig, weil sie Befürchtungen entgegenwirken, die Opfer-Täter-Relationen könnten verleugnet werden", schreiben Peter Oliver Loew und Agniezska Lada, Direktor und stellvertretende Direktorin des Deutschen Polen-Instituts in Darmstadt in der Welt. Aber sie betonen auch die Bedeutung des vom Bundestag beschlossenen "Ort des Erinnerns und der Begegnung" in Berlin: Hier "sollen zwei Impulse fruchtbar zusammentreffen: das deutsche Bestreben, vor dem Hintergrund der von Deutschen verschuldeten NS-Verbrechen im Zweiten Weltkrieg die Versöhnung mit Polen zu untermauern, und das polnische Bestreben, dass Deutschland endlich und vorbehaltlos die immensen Ausmaße polnischen Leids in diesem Krieg anerkennen möge."

Ebenfalls in der Zeit verteidigt Thomas E. Schmidt den Hohenzollern-Prinzen Georg Friedrich, der bekanntlich Entschädigungen für Kunstschätze und andere Güter haben will, die er als seinen Privatbesitz ansieht: "Im Grunde ist der Fall zivil, wieso ist er seit einiger Zeit ein politischer? Man muss Preußen nicht mögen und staunt trotzdem über das Tempo der Feindbildaufrichtung. Vorbei die Zeiten, in denen man sich des Preußischen wohlwollend versicherte, weil es für Aufklärung oder die Herrschaft des Rechtes stand. Nichts davon blieb, nicht mal ein kritisches Preußenbild. Nur noch Empörung, die in einer Art antiborussischer Echokammer tobt."