9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.01.2021 - Geschichte

Im Tagesspiegel begrüßt der Historiker Mischa Honeck Joe Bidens Entscheidung die von Trump eingesetzte 1776-Kommission, die einen "patriotischen Geschichtsunterricht" in den USA durchsetzen sollte, zu liquidieren. Über die konservativen Verteidiger, die "von einem fairen Wettbewerb zweier Denkschulen" sprechen, kann er nur den Kopf schütteln: "Es ist der eklatante wissenschaftliche Regelbruch, der das Vorgehen von Trumps Weißwäschern kennzeichnet. Ihr propagandistisches Pamphlet enthält keine einzige Fußnote. Hinzu kommt, dass sich unter den Autoren kein einziger professioneller Historiker befindet. ... Trumps Präsidentschaft, so könnte man mit einer Prise Sarkasmus resümieren, hatte ihren logischen Endpunkt erreicht: von Fake News zu Fake History."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.01.2021 - Geschichte

Heute ist Auschwitz-Gedenktag. Henryk Broder wirkt in der Welt eher resigniert: "Die deutsche Erinnerungskultur ist ein seltsames Wesen, fast so rätselhaft wie die Willkommenskultur. Sie dient nicht einer Erinnerung, die in die Zukunft wirkt, sondern einem verklärenden Blick zurück, voller Verlangen nach Absolution und Anerkennung." Die Rede von der "Singularität" des Holocaust erscheint Broder übrigens eher wie eine Ausrede: "Wenn Auschwitz, wie immer wieder festgestellt wird, ein 'einzigartiges' Verbrechen war, etwas, das es vorher in der Geschichte der Menschheit nicht gegeben hat, dann muss man sich auch keine Sorgen machen, dass es sich wiederholen könnte. Etwas, das einzigartig, 'singulär', ist, kann sich nicht wiederholen." Welt-Thomas Schmid erzählt zum Gedenktag drei Geschichten aus Lodz, unter anderem die von den Nazis eingesetzten Bürgermeisters der Stadt, Werner Ventzki, der die Vernichtung des Ghettos überwachte und später als Vertriebenenfunktionär eine prächtige Karriere machte.

Michael Wuliger, ehemals Redakteur der Jüdischen Allgemeinen, schreibt bei Facebook: "Im Frühjahr 1944 wurden die mehr als 7000 Juden aus Kisvárda und Umgebung von der ungarischen Gendarmerie in einem provisorischen Ghetto zusammengetrieben. Von dort deportierten die Deutschen sie zwei Wochen später, an Schawuot, nach Auschwitz. Dort starben Armin Wulliger, Berta Wulliger, Charlotte Wulliger, Ethel Wulliger, Jenni Wulliger und Wilma Wulliger."

Bernd Müllender erzählt in der taz die Geschichte des SS-Manns Hans-Ernst Schneider, der als Mitglied von Heinrich Himmlers "Ahnenerbe" etwa für die Plünderung der Bibliothek Lion Feuchtwangers verantwortlich war und nach dem Krieg als vermisst galt. In Wirklichkeit hat er seinen Namen in Hans Schwerte geändert und seine Scheinwitwe neu geheiratet. Ein Fall erfolgreicher Vergangenheitsbewältigung! "1965 kam er nach Aachen und avancierte endgültig vom Germanen zum Germanisten. Schwerte war Faust-Fachmann mit, ach, zwei Seelen in der Brust. Er gab sich ausgewiesen fortschrittlich und linksliberal, galt als Grandseigneur des Fachbereichs, absolut integer, bei den Studierenden überaus beliebt. 1995 flog die Doppelidentität auf."

Angesichts eines erstarkenden Antisemitismus zeigt sich Rüdiger Mahlo von der Jewish Claims Conference in Deutschland erfreut, dass die Bundesregierung 2020 die Ahndung von Holocaustleugnung verschärft hat. Aber es braucht mehr, vor allem mehr Unterricht in den Schulen zum Thema, meint er: "Als größter Förderer von Projekten zur Erforschung und Vermittlung der Schoah hat die Claims Conference in mehreren Ländern Studien in Auftrag gegeben, die das Wissen über den Holocaust unter Jugendlichen abfragen sollten. Das erschreckende Ergebnis: Ein großer Teil kann bereits mit dem Begriff Auschwitz nichts mehr anfangen. Auf der anderen Seite sagen etwa drei Viertel der Befragten, dass das Lernen über den Holocaust wichtig sei und 82 Prozent begrüßen die Vermittlung des Holocausts in der Schule. Das Schicksal des Gedenkens an die Schoah in unserer Gesellschaft und der daraus ableitenden Haltungen, gegen Antisemitismus und Rassismus einzustehen, liegt in unser aller Hand."

Dabei gibt es gute Ansätze, erzählt Steffi Hentschke auf Zeit online, vor allem im Netz die Erinnerung zu bewahren: "Michael Löffelsender weiß, was an diesem Tag vor 76 Jahren geschah. Für das Projekt #otd1945 hat der Historiker einzelne Geschehnisse im Konzentrationslager Buchenwald und der Außenstelle Mittelbau-Dora recherchiert. Seit Anfang Januar veröffentlicht er täglich einen Ausschnitt auf dem Blog liberation.buchenwald.de. ... 2005 erklärten die Vereinten Nationen den 27. Januar zum internationalen Holocaust-Gedenktag. In diesem Jahr finden die Veranstaltungen dazu erstmals und fast überall auf der Welt ausschließlich online statt. Die Stadt Freiburg lädt zur Podiumsdiskussion über Antisemitismus damals und heute, das Holocaust-Museum in Skokie in Illinios bietet ein Gespräch mit zwei Überlebenden an. Das Goethe-Institut Israel debattiert über 'das Monster der Erinnerung', inspiriert vom Roman Monster von Yishai Sarid. In dem Buch untersucht der israelische Schriftsteller, warum das Geschichtsbewusstsein trotz Erinnerungspolitik schwindet. Die Feststellung treibt auch Gedenkstätten und Holocaustforscherinnen um und lässt sie fragen: Kann digitales Erinnern gelingen?" (Im Tagesspiegel verweist Simone Reber noch auf eine Online-Schau im Willy-Brandt-Haus mit rund 200 Porträts von Überlebenden des Holocaust.)

Wenn die letzten Überlebenden der Schoah gestorben sind, wer erbt dann ihre Autorität, fragt in der FR Aleida Assmann, die die Frage der neuen Deutungshoheit umtreibt, vor allem was die Definition von Antisemitismus angeht: "Wenn sie nicht mehr mit- und widersprechen können, wem gehört dann der Holocaust, wer übernimmt die Verantwortung und Deutungshoheit? Die Politiker? Sicher nicht allein, denn die Verantwortung tragen wir alle. Als eine problematische Form der Politisierung erfahre ich zurzeit eine neue Antisemitismusdefinition, die sich vom klassischen Antisemitismus zunehmend auf den sogenannten modernen Antisemitismus verlagert, womit Kritik an der israelischen Regierung gemeint ist. Problematisch ist diese Verschiebung des Begriffs vor allem deshalb, weil denen, die ihn forcieren, das Schmieden rechter politischer Allianzen offensichtlich mehr bedeutet als der gerade jetzt so wichtige gemeinsame Kampf gegen Antisemitismus."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.01.2021 - Geschichte

In der NZZ erinnert der Theologe Jan-Heiner Tück an einen Erlass Albrechts V., der vor 600 Jahren die Vernichtung der Juden befahl. Es war das erste große Trauma der Juden in Österreich: "Herzog Albrecht V. (1397-1439) knüpfte zunächst an die moderate Judenpolitik seiner Vorgänger an, vollzog in den Jahren 1420/21 aber eine radikale Kehrtwende, als er die Inhaftierung, Vertreibung und Vernichtung der Juden anordnete, wenn diese die Taufe verweigerten. Die antijüdische Barbarei erreichte ihren Kulminationspunkt, als am 12. März 1421 die letzten in Wien verbliebenen Juden auf einer Wiese nahe der Donau auf einem Scheiterhaufen zusammengetrieben und bei lebendigem Leibe verbrannt wurden. 92 Männer und 120 Frauen. Die Asche der Verbrannten soll anschließend nach Gold und Schmuck durchsucht worden sein."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.01.2021 - Geschichte

Der Historiker Mischa Meier feiert mit einer riesigen Studie über die Völkerwanderung einen großen Erfolg auf dem Buchmarkt. Im Gespräch mit Jürgen Kaube und Andreas Kilb von der FAZ erklärt er, dass das Reich Risse zeigte, als die Eliten den Zugriff darauf verloren: "Das Römische Reich war ja von vornherein ein Gebilde, das aus sehr heterogenen Regionen bestand. Und das in den Phasen, in denen es gut funktioniert hat, Mittel und Möglichkeiten besaß, diese Regionen durch übergreifende Elemente wie den Herrscherkult, die Infrastruktur, das Militär, die Sprache, die Verwaltung zusammenzuhalten. In dem Moment, in dem diese Elemente aus ganz verschiedenen Gründen nicht mehr funktionieren, ist klar, dass die unterschiedlichen Regionen ihre eigene Identität wiederentdecken."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.01.2021 - Geschichte

Es ist höchste Zeit, dass Frankreich seine koloniale Vergangenheit und den Algerienkrieg aufarbeitet, schreibt Martina Meister in der Welt. Deshalb liegt Macron nun ein "mutiger Leitfaden der Versöhnung" des Historikers Benjamin Stora vor: "Er fordert eine 'Wahrheitskommission', die Öffnung der Militärarchive, gemeinsame Aufarbeitung der Geschichte, eine Organisation nach dem Vorbild des deutsch-französischen Jugendwerks, ein Totenbuch mit den Namen aller Verschwundenen, den Fakten ihrer Ermordung und vieles mehr. Auch wünscht er sich Symbole und Gesten. Nun ist es an Macron, sich auf dem verminten Feld in Richtung Versöhnung zu bewegen. Vom Erfolg hängen nicht nur das Wohlbefinden Frankreichs, sondern auch die Beziehungen zu Algerien ab. Den Anfang hat Macron bereits gemacht, indem er als erster Präsident eingestand, dass Frankreich während des Algerienkrieges gefoltert hatte."

Mit der deutschen Reichsgründung nahm auch der Judenhass - vor allem durch das protestantische Bildungsbürgertum - organisierte Form an, schreibt Micha Brumlik in der FR. Durch die ökonomische Krise der 1890er Jahre kam es zusätzlich zu "tiefgreifender Kulturkritik": "Die Kulturkritik, die alle gebildeten Schichten Deutschlands ergriff, schlug indes unter gebildeten Protestanten deshalb besonders durch, weil sie - wie keine andere gesellschaftliche Gruppe - das Scheitern der im Idealismus und dem auf ihn folgenden Kulturprotestantismus entwickelten Synthese von moderner Kultur und Innerlichkeit erfahren hatten. Vor diesem Hintergrund entstanden in den 1880er Jahren verschiedenste Gruppierungen und Parteien, die ihr wichtigstes Ziel darin sahen, gegen die Juden als Inbegriff des Liberalismus zu agitieren; die modernsten unter ihnen verabschiedeten sich dabei vom traditionell kirchlichen Antijudaismus und stellten sich - vermeintlich naturwissenschaftlich aufgeklärt - auf den Boden von Rassen- und Sprachwissenschaft: So prägte der Journalist Wilhelm Marr 1879 zum ersten Mal den Begriff 'Antisemitismus' mit dem ausdrücklichen Interesse, die Frage der Juden nicht mehr vom 'confessionellen Standpunkt' aus zu betrachten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.01.2021 - Geschichte

In der SZ erinnert Thomas Steinfeld an die Gründung der Kommunistischen Partei Italiens vor hundert Jahren und ihre Bedeutung, die sich nicht zuletzt darin zeigte, dass die Partei zu ihren Hochzeiten ein Viertel aller italienischen Wähler gewinnen konnte: "Die Bedeutung, die der PCI nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs für Italien errang, wird oft damit erklärt, dass die Partei den Widerstand gegen die deutschen Besatzer und ihre italienischen Vasallen angeführt habe. Darüber seien feste Strukturen aufgebaut worden, die sie dann im Frieden für politische Aufgaben nutzen konnte. In der Organisation aber liegt allenfalls die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte besteht darin, dass der italienische Kommunismus eine weltliche Antwort auf die katholische Kirche bildete."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.01.2021 - Geschichte

Am 19. Januar 1871, in den Tagen der Reichsgründung, wurde der Historiker Ferdinand Gregorovius, Autor der berühmten "Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter", fünfzig. Wenig später zog er sich doch lieber wieder nach Rom zurück, erzählt Gustav Seibt auf sueddeutsche.de in einem schönen Gedenkartikel: "Im selben Jahr, in dem auch Richard Wagners "Ring" erstmals in Bayreuth aufgeführt wurde, bilanzierte er in einem Brief mit einem fast nietzscheanischen Akzent den modischen Germanenkult des neuen deutschen Reichs: 'Die Größe des deutschen Genius, ja seine wahrste und innerste Nationalität, bestand bisher in seiner kosmopolitischen und humanen Idee - nun sollen diese geweihten Gefilde verlassen werden, und man zwingt uns in die Eiszeit des Germanentums mit ihren Recken, Lindwürmern und Höhlenbären zurück. Dieser Anachronismus wird sich rächen.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.01.2021 - Geschichte

Heinrich August Winkler schildert in der FAZ auf der "Ereignisse und Gestalten"-Seite sehr lesenswert die politische Gemengelage, in der vor 150 Jahren die Reichsgründung geschah und erinnertn an die Annexion von Elsass-Lothringen, die in den meisten Gedenkartikeln kaum erwähnt wurde: "In Deutschland wurde dieser gegen den Willen der Bevölkerung vollzogene Gewaltakt quer durch fast alle politischen Lager und Konfessionen als nationale Wiedergutmachung und Heimkehr ins Reich bejubelt. Bei der Abstimmung im Reichstag am 25. Mai 1871 stimmten nur die beiden sozialdemokratischen Abgeordneten August Bebel und Wilhelm Liebknecht in enger Abstimmung mit ihren im britischen Exil lebenden politischen Freunden Karl Marx und Friedrich Engels gegen die Annexionsvorlage - ein wesentlicher Grund, weshalb der jungen Partei fortan der Ruf der 'vaterlandslosen Gesellen' anhaftete."

Andreas Kilb betrachtet aus gleichem Anlass Anton von Werners Gemälde "Eröffnung des Reichstags im Weißen Saal des Berliner Schlosses", das die symbolische Ordnung des Deutschen Kaiserreichs zeige. (Das "Lebendige Museum online" lässt uns dieses Bild von 1893 allerdings nur sehen, wenn wir zuvor "unter Angabe des Verwendungszwecks" ans Bildarchiv des Deutschen Historischen Museums geschrieben haben. Sehr lebendig, Glückwunsch!)

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.01.2021 - Geschichte

In der FR setzt der Historiker Volker Ullrich die Reihe zur Reichsgründung 1871 mit einem Essay zu den außenpolitischen Konstellationen fort: "Das zeitweise Desinteresse sowohl Russlands als auch Großbritanniens an Mitteleuropa erleichterte es Bismarck, den Krieg mit Österreich um die Vorherrschaft in Deutschland 1866 und den Krieg mit Frankreich um die deutsche Einheit 1870/71 zu begrenzen. Überdies hatte er es verstanden, den französischen Kaiser Napoleon III. in die Rolle des Aggressors zu manövrieren. In Europa war man schockiert über das Vorgehen der französischen Regierung, die scheinbar ohne Grund den Krieg vom Zaun gebrochen hatte. Die Sympathien der europäischen Öffentlichkeit lagen ganz überwiegend beim Norddeutschen Bund und den mit diesem verbündeten süddeutschen Staaten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.01.2021 - Geschichte

In der NZZ fragt sich der Historiker Peter Graf Kielmansegg, ob es eine Alternative zur deutschen Reichsgründung von 1871 gegeben hätte. Sein Antwort ist - jein. "Die Sympathien für einen lockeren mitteleuropäischen Staatenbund, der stark genug sei, sich zu verteidigen, aber nicht stark genug anzugreifen, wie sie von Zeitgenossen, vor allem aber auch späteren Beobachtern immer wieder geäußert worden sind, übersehen gern, dass das Alte Reich eben nicht stark genug war, sich gegen mächtige Nachbarn zu verteidigen. Vom Dreißigjährigen Krieg bis zu Napoleon war Deutschland ein Raum gewesen, in den Nachbarmächte ziemlich beliebig einmarschieren konnten und einmarschiert sind. ... Wenn es eine Alternative zur Reichsgründung von 1871 gab, dann lag sie nicht in einer ganz anderen Antwort auf die offene deutsche Frage. Sie hätte in einem anderen Weg zum Ziel gelegen: in einer Nationalstaatsgründung ohne Krieg gegen Frankreich und ohne Annexionen, langsamer, behutsamer, schonender also."

Außerdem in der NZZ zur Reichsgründung: Clemens Klünemann erklärt die Symbolkraft des Spiegelsaals von Versailles, in dem das deutsche Kaiserreich proklamiert wurde.