9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.04.2018 - Geschichte

In der taz erinnert sich der französische Freund und Weggenosse Jean-Marcel Bouguereau an Rudi Dutschke: "In einem Interview mit dem französischen Historiker und Osteuropa-Experten Jacques Rupnik im Jahre 1978 erklärte er, dass das entscheidende Ereignis des Jahres 1968 nicht die Proteste in Paris gewesen seien - von denen er erst auf seinem Krankenhausbett erfuhr - sondern Prag, wo der Versuch, den Sozialismus menschlicher zu machen, das absolute Gegenteil der von der französischen Linken verteidigten stalinistischen Linie dargestellt habe."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.04.2018 - Geschichte

Für die FR hat sich der Historiker Wolfgang Kraushaar die Umstände um das Attentat auf Rudi Dutschke noch einmal genauer angeschaut. Die Annahme, dass die Berichterstattung der Bild zum Mord beigetragen habe, entkräftet er: Der 24jährige Neonazi Josef Bachmann habe ein Exemplar der "Deutschen Nationalzeitung und Soldatenzeitung" dabei gehabt. Die Brandstiftung im Rahmen der Ausschreitungen gegen den Springer-Verlag sei hingegen von einem V-Mann des Verfassungsschutzes vorangetrieben worden, so Kraushaar: "In seinen Armen trug er ein Körbchen mit sich, in dem sich Brandflaschen - sogenannte Molotow-Cocktails - befanden, die er freigiebig unter den Demonstranten verteilte. Da die Aktivisten anfangs Probleme hatten, die Fahrzeuge überhaupt anzuzünden, zeigte er ihnen, wie man das am besten macht. Sie sollten erst einmal umgestürzt werden, empfahl er ihnen, damit die unten liegenden Tanks besser zu erreichen seien und von dort am besten angezündet werden könnten. Der Fahrzeugpark verwandelte sich nun in ein regelrechtes Flammenmeer."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.04.2018 - Geschichte

Fünfzig Jahre nach den Schüssen auf Rudi Dutschke erinnert sich Ilja Richter in der taz an den berühmten 68er, der zufällig im gleichen Haus wohnte wie seine Familie: "Dieser Dutschke war meinem Vater gewiss verhasst - als Utopist. Denn die hätten ja schon als Partisanen im Spanienkrieg 1936 gegen Franco versagt, sagte Papa immer. Und überhaupt: Jetzt sei Friede! Die Arbeiter seien heutzutage satt und hätten ihr gutes Auskommen. 'Was wollen die also? Diese Dutschkes?!' Als marxistisch geschulter Proletarier und Untergrundkämpfer, der fast zehn Jahre im Zuchthaus und KZ gesessen hatte, waren ihm diese akademisch geprägten Reden Dutschkes ein Gräuel."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.04.2018 - Geschichte

In der FAZ schreibt Stefanie Schüler-Springorum zum Tod des Historikers Reinhard Rürup. Ebendort antwortet der Historiker Ulrich Keller, der über die erste Phase des Ersten Weltkriegs geschrieben hat (es geht um die Frage, ob sich belgische Freischärler gegen den Einmarsch deutscher Truppen gewehrt hatten, was er bejaht) auf einen Artikel seiner Konkurrenten John Horne und Alan Kramer.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.04.2018 - Geschichte

Der Historiker Reinhard Rürup, langjähriger Direktor der Berliner Stiftung "Topographie des Terrors", ist gestorben. Götz Aly würdigt den Kollegen in der Berliner Zeitung: "Freundliche Distanz, kühles Urteil, westfälisches Understatement - das waren Tugenden, die der Historiker Reinhard Rürup vorlebte und die ihn von vielen seiner Kollegen so angenehm unterschieden. Eitelkeiten, branchenübliches Platzhirschgetue, Konferenzen-Jetset, die Begründung einer 'Rürup-Schule' - all das blieb ihm ziemlich fremd. In seinen Vorträgen verzichtete er auf jeden Effekt, auf jede kühne Behauptung, er fesselte allein durch Präzision, an guten Tagen mit einer leichten Prise Ironie verfeinert."

Außerdem: In der NZZ stellt Benedict Neff die Ausstellung "Sparen - Geschichte einer deutschen Tugend" im Deutschen Historischen Museum in Berlin vor.
Stichwörter: Rürup, Reinhard, Aly, Götz

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.04.2018 - Geschichte

Die taz macht ein kleines Dossier zu 1968. Die Dramaturgin Brigitte Landes erzählt im Interview mit Jan Feddersen , dass sie den vielgefeierten "sexuellen Aufbruch" damals schon zwiespältig fand. "Die Pille war nützlich, aber in die Frankfurter Studentenkeller konnte man als Frau kaum einen Fuß setzen, ohne rüde angegraben zu werden. Die Männer wussten, dass es Verhütung für Frauen gibt, nicht nur das Kondom. Ich bin immer wieder ganz schnell rausgegangen. Ich wollte kein Freiwild sein. Die Universität war ein neues Terrain für mich. Ich kam von einem Mädchengymnasium und musste die erwachsene Übergriffigkeit von Männern erst mal parieren lernen."

In dem Dossier erinnert außerdem Wolf-Dieter Vogel an das Massaker an Studenten in Mexiko-Stadt. Und Gabriele Lesser schreibt über die von der KP betriebene Verjagung der Juden aus Polen im Jahr 68.

Das Gejammer der Alt-68'er kann Heribert Prantl in der SZ allerdings nicht mehr hören - so viel haben sie bewegt, meint er: "Jürgen Habermas wurde 1988 gefragt was von '68 geblieben sei. Er hat die bisher beste Antwort gegeben: 'Frau Süßmuth' hat er gesagt. Er meinte die Fundamentalliberalisierung der Republik. Frauenemanzipation, Ökologie- und Anti-Atombewegung, die Friedensbewegung, eine entspießerte Sexualmoral, die umfassende Demokratisierung der Gesellschaft - das alles ist Erbe von '68, auch der klare scharfe Blick auf den Nationalsozialismus. (...) Der kulturelle Umbruch von '68 war und ist der nachhaltigste Umbruch der Gesellschaft seit 1945. Die Kraft des Umbruchs zeigt sich darin, wie sich Rechtskonservative und AfDler daran abarbeiten."

Der ukrainische, an der Viadrina lehrende Historiker Andrii Portnov erzählt in der NZZ die überaus komplizierte Geschichte der ersten ukrainischen Unabhängigkeit vor hundert Jahren: "In den Revolutionsjahren 1917 bis 1921 wurden die ukrainischen Gebiete zum Schauplatz von politischen Projekten - von Konservativen und Monarchisten bis zu Sozialisten und Anarchisten. Die Ukrainische Volksrepublik in Kiew wurde von den Bolschewiki besiegt. Die Westukrainische Volksrepublik in Lwiw musste sich den polnischen Truppen unterwerfen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.04.2018 - Geschichte

Die Stadt Trier bereitet sich auf ein Jubiläum vor, das teilweise umstritten sei, berichtet Christoph Schmidt-Lunau in der taz, den 200. Geburtstag des Philosophen Karl Marx: "Zur Eröffnung der großen Landesausstellung am 5. Mai kommt ihr Schirmherr, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Die Ausstellung zeigt Marx' Werk in seiner Zeit. Die Lebenssituation der Menschen in der Industrialisierung des frühen 19. Jahrhunderts steht im Zentrum... Die Maschine zeichnet den Arbeitskreislauf der Industrie und die Akkumulation des Kapitals nach. Karl Marx' bekanntestes Werk, 'Das Kapital', wird so in Szene gesetzt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.04.2018 - Geschichte

Die taz startet eine Serie zu 1968. Jan Feddersen versucht, das Phänomen in einem Eröffnungsessay zu fassen: "68 war, die in London lehrende Historikerin Christina von Hodenberg hat dies in ihrem aktuellen Buch 'Das andere Achtundsechzig' akribisch aus den Quellen jener Jahre destilliert, in puncto Sozialismushoffnungen und Kommunismussehnsüchten nicht einmal gut gequirlter Unsinn. Was es war, sollte sich erst in den siebziger Jahren mit Macht zeigen - das war tatsächlich die Erosion, Konservative würden sagen: Zerstörung der Verhältnisse des Zusammenlebens. Frauen nahmen sich nicht mehr als Rippen ihrer Adame wahr, sondern als eigenständige, selbstbestimmte Personen."
Stichwörter: 68er, 1950er

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.03.2018 - Geschichte

Willi Winkler hat für die SZ "Dokumente aus einem bisher unbekannten Gehlen-Nachlass" eingesehen, die belegen, dass der BND unter Reinhard Gehlen ehemalige Wehrmachtsoffiziere ins heutige Institut für Zeitgeschichte einschleuste. Dort sollte eigentlich der Nationalsozialismus aufgearbeitet werden: "Ohne Fachleute aus genau dieser Zeit ging es aber offenbar nicht, weshalb das Institut nicht ohne Grund als 'Institut zur Förderung des Nationalsozialismus' geschmäht wurde, wie ein Mitarbeiter des Bundesamtes für Verfassungsschutz 1951 notierte. Zwischen ihm und der Organisation Gehlen herrschte in den ersten Jahren ein reger Personalaustausch, der hier zum ersten Mal dokumentiert werden kann."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.03.2018 - Geschichte

Danijel Majic führt für die Jüdische Allgemeine ein Gespräch mit Daniel Cohn-Bendit über zwei Themen, über die er partout nicht sprechen will, 1968 und mehr noch linken Antisemitismus: "Entschuldigen Sie, aber da kriegen Sie mich nicht hin, zu derart pauschalen Aussagen! Da können Sie reden, wie Sie wollen. Ja, es gab unerträgliche Positionen in der Linken, das habe ich immer gesagt. Und zum Teil hatten sie eine antisemitische Dimension. Das gab es. Aber eben genauso, wie es ganz schlimme Positionen gibt, die in den jüdischen Gemeinden vertreten werden oder in Israel. Beides ist wahr!"