9punkt - Die Debattenrundschau

Wer dazukommt und wer nicht

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
05.03.2018. Die taz lauscht der dröhnenden Stille nach der Bekanntgabe des SPD-Votums für die Große Koalition. Die Reform der öffentlich-rechtlichen Sender kann nicht von diesen allein betrieben werden, meint Markus Heidmeier bei Zeit online. Die NZZ staunt über die Verkitschung islamischer Gesellschaften durch den Islamismus. In der taz plädiert die Frauenärztin Kristina Hänel für eine Streichung des Paragrafen 219a.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.03.2018 finden Sie hier

Europa

Es muss für alle,  die gestern wie Pascal Beucker und Stefan Reinecke von der taz dabei waren, ein seltsamer Moment gewesen sein. Die SPD-Basis hat sich zu zwei Dritteln für eine Forführung der Großen Koalition ausgesprochen. Das Willy-Brandt-Haus birst bei der Bekanntgabe des Ergebnisses vor Menschen: "Und dann ist es still. Ganz still. In der SPD-Zentrale wird sonst vor aufgebauten Kameras gerne und ausgiebig geklatscht. Jetzt regt sich keine einzige Hand zum Applaus. Das war beim letzten Mitgliedervotum vor vier Jahren noch ganz anders, obwohl der Ausgang der gleiche war. Doch diesmal verzichten die weit mehr als hundert auf den Balkonen und in den Gängen versammelten Sozialdemokraten auf den üblichen tosenden Beifall. Ist das die viel beschworene Erneuerung der SPD?"

Gesellschaft

Im Gespräch mit Dinah Riese von der taz plädiert die Frauenärztin Kristina Hänel, die wegen der Information über Schwangerschaftsabbruch auf ihrer Website verurteilt wurde, für eine ersatzlose Abschaffung des Paragrafen 219a: "Das Informationsrecht für Frauen ist mit diesem Paragrafen nicht zu erreichen. Auch nicht, wenn er verändert wird. Die  Abtreibungsgegner werden nicht aufhören, Ärzte anzuzeigen und der Auslegung der Gerichte ist Tür und Tor geöffnet. Sie können einen freisprechen oder ins Gefängnis stecken, und das nur wegen einer Information auf einer Webseite."

Schweigen oder Empörung hilft hier auch nicht weiter, meint Richard Schröder in der Welt zur Aufregung um die Entscheidung der Essener Tafel, vorerst nur noch Einheimische zu verköstigen: "In der Essener Tafel begegnen sich Einheimische und Nichtdeutsche, die etwas gemeinsam haben: Sie führen prekäre Leben. Es ist gar nicht zu verhindern, dass an dieser sensiblen Begegnungsstätte schärfer als vielerorts sonst eine Frage aufkommt, die in allen Einwanderungsgesellschaften virulent ist. Die Frage, ob jene, die schon da sind, das Recht haben, zu bestimmen, wer dazukommt und wer nicht. Will man den Rhetorikern der nationalen Apokalypse den Boden entziehen, darf man diese Frage nicht verbieten, nicht verstecken."

Mit dem Islamismus ist in der arabischen Welt auch ein Anti-Ästhetizismus eingezogen, der Kulturdenkmäler, heilige Stätten und traditionelle Alltagsgegenstände gleichermaßen plattmacht, klagt Beat Stauffer in der NZZ. Das werde inzwischen auch in der arabischen Welt bemerkt, so Stauffer weiter. Er zitiert den marokkanischen Autor Omar Saghi: "Die Verkitschung, die mit dem Islamismus einhergehe, lasse sich weltweit beobachten, schreibt Saghi weiter: Die grellfarbigen Gebetsteppiche aus China, die synthetischen Gebetskäppchen, die Ganzkörperschleier, die Bärte. Nichts entgehe der Dampfwalze dieses 'ästhetischen Hurrikans'. Das Profil der arabisch-islamischen Städte habe sich in den letzten Jahrzehnten endgültig verändert. Dieselbe Geisteshaltung sei aber auch in der 'Kostümierung' und der pseudoreligiösen Gestik vieler Fundamentalisten ablesbar."

Außerdem bringt die taz einen Auszug aus einem Buch Michael Sontheimers über Berlin als Stadt der Revolte.

Wissenschaft

Die Wissenschaftssprachen in den Geisteswissenschaften sind alt geworden, meint ein melancholischer Peter Strasser in der NZZ. Welcher Student weiß heute noch, was der "Positivismusstreit" war? Expertenkauderwelsch gibt's zwar immer noch, so der emeritierte Philosophieprofessor, doch es fehlt ihm der Schwung ins Neue. Was auch mit dem Hang zum interdisziplinären Team zusammenhängen mag, für das Fachbegriffe wie "Duftmarken" funktionieren: "Es kommt immer mehr auf die 'conceptual skills' im Team an, für dessen netzwerkartige Interaktionen die sprachliche Ausdrucksform wesentlich ist, oft wesentlicher - warum es nicht offen ansprechen? - als das vorhandene Erkenntnispotenzial ... In der heutigen Teamhaltung wird, um Nietzsches Sprache zu verwenden, der Wille, 'einen neuen Stern zu gebären', eher belächelt oder als Affront gegen den Teamgeist empfunden."

Außerdem: Die Philosophin Manuela Lenzen erklärt, ebenfalls in der NZZ, Versuche des Wissenstransfers auf Maschinen.
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Geschichte

Krzysztof Ruchniewicz vom Willy-Brandt-Zentrum für Deutschland- und Europastudien der Universität Breslau greift in die Debatte um einen Berliner Gedenkort für die von Nazis ermordeten nicht-jüdischen Polen ein und schlägt vor, mit Plaketten und ähnlichen Mitteln an Menschen zu erinnern, die sich nach dem Krieg für die Versöhnung zwischen den beiden Völkern einsetzten: "Es waren diese Menschen, die die Grundlagen für die gutnachbarlichen deutsch-polnischen Beziehungen nach 1989 geschaffen haben."

Kulturpolitik

Wiebke Huester fordert in der FAZ, dass das künftige Pina-Bausch-Zentrum in Wuppertal trotz der Kulturhoheit der Länder auch dauerhaft Bundesmittel bekommt: "Analog zur Berlinale und Bayreuth ist davon auszugehen, dass das Pina-Bausch-Zentrum eine gesamtgesellschaftlich wichtige Aufgabe erfüllen würde. Das Tanztheater ist eine deutsche Erfindung, die das Schauspiel, die Oper und den Film weltweit maßgeblich beeinflusst hat."
Stichwörter: Bausch, Pina

Medien

Die Empörungswellen, die über alles und jeden hereinbrechen, der mal eine schräge Äußerung macht, sind auf Dauer nicht gut für eine Demokratie, meint der Medienforscher Bernhard Pörksen im Interview mit der Welt. Wir müssen lernen, so seine Forderung, eine "redaktionelle Gesellschaft der Zukunft" zu werden. Nur dann werden wir das Internet auch positiv nutzen können, wie sein Beispiel einer Schülerin aus Schottland zeigt, die mit ihrem Blog eine "Massenbewegung" für besseres Essen auslöste: "Und diese Schülerin, Martha, wäre bei einem Anruf in der Lokalredaktion ihrer Zeitung vermutlich schon an der Sekretärin gescheitert. Sie hatte zu ihren besten Zeiten eine Million Leser und bekam jede Menge Geldspenden, mit denen sie dann eine Schulküche im afrikanischen Malawi finanziert hat. ... Dieses Beispiel zeigt: Es kommt auf uns an und auf die Relevanz, die wir Themen beimessen - als Gatekeeper eigenen Rechts."

Die Schweizer No Billag-Initiative ist gescheitert, hierzulande machen es sich die Intendanten der öffentlich-rechtlichen Anstalten in ihrem Status quo wieder gemütlich. Noch vor der Abstimmung hat Markus Heidmeier von der Beratungsagentur "Kooperative Berlin" bei Zeit online diesen Status quo allerdings angeprangert und fordert zum Beispiel eine Art öffentlich-rechtliches Facebook: "Längst könnten heutige Reichweiten genutzt werden, um eine öffentlich-rechtliche Community aufzubauen. Die so organisierte digitale Reichweite müsste perspektivisch natürlich auch Dritten zur Verfügung stehen, wie zum Beispiel dem Goethe-Institut oder der Bundeszentrale für politische Bildung oder sogar einem Zeitungsverlag. Auch das wäre Public Value: nicht nur smarte und adäquate Angebote, sondern auch Plattformen und Reichweiten für die Inhalteanbieter der offenen Gesellschaft." Und Heidmeier fordert: Der "Erneuerungsprozess darf weder dem öffentlich-rechtlichen System noch der Politik überlassen bleiben".

Konsequenzen in Deutschland nach der Abstimmung in der Schweiz fordert auch Claudia Tieschky in der SZ: "Der Rundfunk in Deutschland braucht einen neuen Gesellschaftsvertrag. Die Schweiz hat ihren bereits."