Vom Nachttisch geräumt

Die Bücherkolumne. Von Arno Widmann
08.01.2002. Vom Nachttisch geräumt hat Arno Widmann: Ferdinando Scianna, Cees Nooteboom, Ivan Nagel, Joachim Sartorius, Rene Gisler, György Dalos, Klaus Scherer, Adriano Sofri und Durs Grünbein.
In Deutschland kennen nur ein paar Bildredakteure bei Vogue und stern den heute in Mailand lebenden Sizilianer Ferdinando Scianna. Seit der 1943 Geborene 1965 seinen Bildband "Feste religiose in Sicilia" veröffentlichte, ist er einer der wichtigsten europäischen Fotografen. 1968 befand er sich in Prag, und seine Fotos vom Einzug der russischen Panzer in die Hauptstadt des "Sozialismus mit menschlichem Gesicht" waren auf den Titelseiten der größten Zeitungen der Welt. Einer seiner schönsten Bildbände erschien 1997 "Dormire, forse sognare". Jahrzehntelang hatte er immer wieder, wo immer er war, Schlafende fotografiert.

Natürlich arbeitet Ferdinando Scianna auch als Modefotograf. Aber er gehört auch zu den wenigen Schreibern seiner Zunft. Der bei Rizzoli erschienene Band "Obiettivo ambiguo" - selbst ein schön doppeldeutiger Titel - sammelt Sciannas Aufsätze. Entstanden sind sie als Zeitungs- oder Zeitschriftenbeiträge zwischen 1979 und 2000. Fast alle beschäftigen sich mit Fotografie, die meisten mit dem Werk eines bestimmten Fotografen. Henri Cartier-Bresson, Nan Goldin, Duane Michals, Helmut Newton, Boris Mikhailov und vielen anderen.

Scianna sieht den vorgeblich objektiven Fotos die Subjektivität ihrer Fotografen ab. Nan Goldins Fotos sieht er an, wie gefährdet nicht nur die Fotografierten sind, sondern auch wie nahe am Abgrund die Fotografin sich bewegt. "Es ist wahr, - sagt Nan Goldin - ich habe Angst. Wenn ich das Gefühl habe, ich halte es nicht mehr aus, greife ich zur Kamera und das beruhigt mich. Das schafft einen winzigen Abstand zwischen mir und dem Leben, zwischen mir und der Angst."

Sciannas Artikel sind selten länger als fünf Seiten, jeder geht sofort ins Zentrum. Es ist als habe der Autor keine Zeit, als müsse er sofort herausrücken mit dem Allerwichtigsten. Nichts entfaltet sich. Alles steht sofort da. Direkt vor dem Leser. Instant-Fotos. Die Angst Nan Goldins, die Einsamkeit des blinden Eugen Bavcar, der, um mit uns Sehenden korrespondieren zu können, zum Fotografen wurde. Großartig, wie Ferdinando Scianna von der Fotografin Donna Ferrata erzählt, die für eine amerikanische Zeitschrift eine amerikanische Musterfamilie fotografieren sollte, darum einige Zeit in deren Haus lebte und eines Nachts erwachte, weil sie Schreie und Schläge hörte. Sie nahm ihre Kamera und hielt fest, wie der Mann die Frau durch das ganze Haus prügelte. Bis sie im Badezimmer waren und Donna Ferrata in einem der Spiegel sich mit der Kamera sah. Da legte sie sie beiseite und fiel dem Mann in den Arm.

Ferdinando Scianna: "Obiettivo ambiguo", Rizzoli, 334 Seiten, kein Bild!, 23,24 Euro. ISBN 88 17 86621 0.


Hermetismus

Cees Nooteboom ist ein erfolgreicher Schriftsteller. Er ist so erfolgreich, dass mancher Snob zu vergessen geneigt ist, dass Cees Nooteboom vor allem ein guter, ein sehr guter, einer der besten lebenden Schriftsteller ist. Diesen Snobs sollte "So könnte es sein", der neueste von Ard Posthuma hinreißend übersetzte Gedichtband Nootebooms, unter die Nase gerieben werden. Sie müssten erblassen. Wir andern aber bekommen rote Wangen bei der Lektüre. Schönheit erhitzt und man geniert sich ein wenig, ihr zu erliegen, und wenn sie noch dazu so heiter und klug daherkommt, weise und jung zugleich, dann verfällt man ihr und ist - man weiß nicht warum - für einen Moment glücklich. Könnte Ferdinando Scianna doch Nootebooms "Das erste Foto von Gott" lesen!

"So sah ich aus nach jenem ersten Tag.
Ich allein mit meinen Steinen aus Stein,
ich allein mit meinen Lüften aus Luft.

Das war der Tag, an dem ich noch glücklich war,
die Erde noch öde und leer.
Erst nachher schuf ich die Bäume,
die Tiere, das Heer und diesen Fotografen.

Oft habe ich Sehnsucht nach jenem Tag,
an dem ich ihn machte, als ersten.
Er und ich, zusammen in meiner Schöpfung,
ich in meiner weinroten Jacke zwischen meinen Lüften aus Luft,
er mit seinem Auge wie ein Spiegel
auf meinen Steinen aus Stein,

und sonst nichts."

Nooteboom ist so allein, dass er immer die beste Gesellschaft aufsucht: Xenophanes, Li Ho, Gott höchselbst wie in dem zitierten Gedicht oder Empedokles, Thales, Platon, Picasso. Er nähert sich ihnen nicht. Sie sind da, und er steht mitten unter ihnen. Und wir - die Leser - mit ihm. Wenn wir begreifen, wie fern Dante uns ist, dann ist er uns nah und vertraut. Sosehr, dass wir ihn brauchen, um uns klar zu werden darüber, wo wir stehen. Nooteboom referiert nicht, er erweist auch niemandem Referenz. Er reflektiert, und er verwendet die Tradition als die ihm zur Verfügung stehenden Spiegel, und er weiß, er braucht viele Spiegel, um das Licht bis ganz nach hinten in die Höhle, in der wir leben, zu bringen. Aber er weiß auch, dass ebenso wichtig wie die Menge der Spiegel ihre richtige Positionierung ist.

"Latein

In einem dunklen Wald, gewiß,
und die Mitte seit Jahren vorbei,
brauche ich keine Volkssprache
mehr zu erfinden.

Nichts, was ich zu sagen hatte,
könnte darin noch klingen.
Meine Worte sind wieder Latein geworden,
unlesbar, geschlossen.

Dichter, Skriptor, geheimer Diakon
der kleinsten Gemeinde,
eine störrische Sekte verhüllender Bedeutung,
sich selbst zugewandt:


eine Gnosis maskierter Sätze
in immer unkenntlicher Schrift."


Eine zugleich so traurige und so freundliche Begründung des Hermetismus wird man lange suchen müssen.

Cees Nooteboom: "So könnte es sein", Gedichte, übersetzt von Ard Posthuma, Suhrkamp Verlag, 126 Seiten, 18,80 Euro, ISBN 3-518-41263-9. (Bestellen)


Kollisionen

Ivan Nagel wurde 1931 in Budapest geboren, hat den Holocaust überlebt, studierte in Zürich und Frankfurt/Main. Er ist einer der bedeutendsten Köpfe des deutschsprachigen Theaters dieser Nachkriegszeit. Er kam, ein jüdischer Emigrant, "mit Schweizer Abitur und französischen Fremdenpapieren nach Deutschland" und sollte ausgewiesen werden. Seinem Lehrer Adorno gelang es, das zu verhindern. Wir danken ihm auch dafür. Noch besser als dieser späte Dank wäre gewesen, wir hätten Ivan Nagel besser genutzt. In dem bei Siedler erschienenen Band "Streitschriften" liegt eine Reihe seiner Essays aus den Jahren 1957 bis 2001 vor. Sie sind selbstverständlich wahr, wunderbar clare et distincte, dabei nie verletzend. Nagel wird niemals persönlich und ist es doch immer. Ivan Nagel ist einer der besten Essayisten der Bundesrepublik. Die hat es nur noch nicht verstanden. Sie versteht es seit Jahrzehnten nicht.

Sie? Wir. Sonst hätten wir ihm schon 1969 geschrieben, dass er natürlich Recht hatte in dem Streit mit dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund und mit Kuby und Boehlich. Selbstverständlich hätten wir dem Rowohlt-Verlag danken müssen und dem bundesrepublikanischen Verteidigungsministerium dazu, dass sie "Marschroute meines Lebens" von Jewgenija Semjonowa Ginsburg und Radoslaw Seluckys "Reformmodell CSR - Entwurf einer sozialistischen Marktwirtschaft" per Luftballon in die DDR schickten. Wir - die SDS-Studenten, die 68er - hätten uns damals mit ähnlichen Aktionen anschließen sollen. Stattdessen riefen wir Leser und Autoren zum Boykott des Rowohlt-Verlages auf. Ivan Nagel fragte die gegen den Rowohlt-Verlag statt gegen die SED rebellierenden Studenten: "Wie weit soll man auf die terroristisch repressiven Verhaltensweisen eines Regimes mit genau demselben Sich-Fürchten und Sich-Fügen reagieren, das jenes bewirken will? Und eine letzte Frage: Sollte man die Nichtbeachtung der Zensurbestimmungen der DDR vielleicht auch dann fortsetzen, wenn sie Formen und Folgen hat, die einigen Mitarbeitern des Rowohlt Verlags vor ihrem politischen Gewissen als kompromittierend vorkommen müssen? Kollisionen zweier Werte, zweier noch so sauber durchdachten und empfundenen Pflichten sind nun einmal aus dem Bereich der Moral (auch der politischen Moral) nicht fortzudenken."

Oh hätten wir diesen letzten Satz damals schon gehört, wie wir ihn heute hören. Wir hätten nicht jahrelang nach einer moralisch-politischen Weltformel gesucht, nach Prinzipien, an die man sich nur halten braucht, um nichts falsch zu machen. Dass zum Beispiel wer Frieden will, den Krieg vorbereiten, sich auf den Krieg vorbereiten muss, war keine - das dämmert jetzt erst der Partei des Bundesaußenministers - infame Formel für Kriegshetzer, sondern die einfache Wahrheit, die eben nicht einfacher zu haben ist. Am 28. Juni 2001 wurde Ivan Nagel siebzig. Es wird höchste Zeit, dass wir begreifen, dass er nicht nur unsere Bühnen und Mozart versteht, sondern auch uns und das Theater, das wir machen.

Ivan Nagel: "Streitschriften", Siedler Verlag, 222 Seiten,19,95 Euro, ISBN 3-88680-731-2. (Bestellen)


Alexandriner

Eintausend Jahre lang war Alexandria eine der größten und bedeutendsten Städte der Welt. Den Frommen aber war sie ein Ärgernis. So sehr, dass sie sich eine neue, eine rein muslimische Stadt, die Stadt Kairo bauten. Das war im siebten Jahrhundert nach Christus. 1860 blühte Alexandria noch einmal für einhundert Jahre. Der Versuch, Ägypten zu modernisieren im Baumwollboom war der Auslöser, und dann kamen die Händler aus dem ganzen Mittelmeerraum, aus Afrika, Asien und Europa. In Alexandria wurden wieder viele Sprachen gesprochen und in vielen Sprachen gedichtet. Kavafis und Durrell sind nur die bekanntesten. Gamal Abdel Nassers Verstaatlichungspolitik, sein Nationalismus machte der Metropole Alexandria zum zweiten Mal den Garaus.

Joachim Sartorius hat einen bewegenden Doppelnekrolog auf die Stadt geschrieben. In Prosa bildet er die Einleitung zu seiner Anthologie "Alexandria Fata Morgana" und als Gedichtzyklus schließt er sie ab. Man liest begeistert von einer Stadt, in der "viele Bürger mehrere Nationalitäten haben und sie wie Kreditkarten benutzen". Eine von Trauer gemilderte Wut brandet immer wieder auf über die großen Vereinfacher, die wollen, dass man Ägypter ist und nicht Grieche und nicht Engländer. Die heftigen Verfechter des Entweder-Oder, die eingefleischten Feinde des Sowohl-Als-Auch - sie sind es, weil sie das Leben hassen, das lebt und leben lässt. Aber - das vergisst unsere Trauer - es hasst auch das Leben, und seine Vernichtung gehört zu ihm, und man wird ihm nicht gerecht, wenn man es nur liebt. Das alles lernt man aus diesem Buch, und das ist mehr als man von den meisten Büchern sagen kann.

Kein Wunder bei einer Anthologie mit Texten von Kallimachos bis Grünbein und Milosz und Kavafis. Aber einer der schönsten Texte ist ganz und gar kunstlos, steckt voller grammatikalischer und orthographischer Fehler. Es ist der Brief eines kleinen Jungen, der sich bitter bei seinem Vater beschwert, dass er ihn nicht mit nach Alexandria genommen hat. Er verlangt, dass der Vater ihn nachholt, sonst "spreche ich nicht mit Dich und wünsche Dich nicht Gesundheit!". Ein Wutanfall aus dem zweiten oder dem dritten Jahrhundert unserer Zeitrechnung.

"Süß" sagen Mütter dazu, und sie haben Recht. War "alexandrinisch" nicht auch einmal ein Schimpfwort? War damit nicht etwas gemeint wie Bildungsprosa, Professoreneitelkeit? Als es Karl von Moor ekelte "vor diesem tintenklecksenden Saeculum", als er erklärte: "Ein französischer Abbe doziert, Alexander sei ein Hasenfuß gewesen; ein schwindsüchtiger Professor hält sich bei jedem Wort ein Fläschchen Salmiakgeist vor die Nase und liest ein Collegium über die Kraft. Kerls, die in Ohnmacht fallen, wenn sie einen Buben gemacht haben, kritteln über die Taktik des Hannibals", da antwortet sein Miträuber Spiegelberg: "Das ist ja recht alexandrinisch geflennt."

Über die Gegenwart zu klagen und die Vergangenheit zu preisen, das war für Schiller "alexandrinisch". Joachim Sartorius' "Alexandria Fata Morgana" ist so gesehen ein ganz herausragendes Werk alexandrinischer Literatur. Schade, dass Sartorius seinen das Buch abschließenden Gedichtzyklus nicht in Alexandrinern geschrieben hat. Deren Form hätte die von Sartorius so beredt beschworene Spannung der Gegensätze, die die Größe Alexandrias und die seines Schicksals auszeichneten, viel kräftiger zum Ausdruck gebracht. Vielleicht aber wollte Sartorius nicht in Konkurrenz zu Andreas Gryphius treten. Der hat im dreißigjährigen Krieg die Lehre aus allen Alexandrien der Geschichte gezogen - in Alexandrinern:

"Du siehst, wohin du siehst nur Eitelkeit auf Erden.
Was dieser heute baut, reißt jener morgen ein;
wo itzund Städte stehn, wird eine Wiesen sein,
auf der ein Schäfers-Kind wird spielen mit den Herden;

was itzund prächtig blüht, soll bald zertreten werden.
Was itzt so pocht und trotzt ist morgen Asch' und Bein,
nichts ist, das ewig sei, kein Erz, kein Marmorstein."

"Alexandria - Fata Morgana", herausgegeben von Joachim Sartorius, Deutsche Verlagsanstalt, 316 Seiten, 30 Abbildungen, 35 Euro, ISBN 3-421-05497-5. (Bestellen)


Spezifische

Wer Sicherheit sucht, greift nach einem Wörterbuch. Wer es kippelig mag, sucht sich eine Schaukel. "Der En/zyk/lop" heißt das Buch. Der Untertitel verspricht "Ein Wörterbuch". Der Leser bekommt eine Schaukel. Er fühlt sich betrogen, und legt sie beiseite. Dann greift er doch wieder nach dem Buch, blättert darin, liest und lacht: "Be/grei/fe, die: Wennichnurwüste, Ahara". So schön geht es weiter über die Bern/sar/di/ne, bei der es sich um ein wechselwarmes Wassertier aus der Familie der Spezifische handelt, übers lebtoben, das vom englischen Labtop kommt, bis zum Bigestirn, "Zwistern" genannt.

Keiner, der nicht als Kind Stunden mit solchen Spielen verbracht hätte, aber bei wem hat diese Lust die Pubertät - das Grab so vieler schöner Charakterzüge - überlebt? Wer hat sie zu einem ganzes Buch mit Querverweisen und Abbildungen systematisieren können? Rene Gisler hat das geschafft. Er wurde 1967 in Schattdorf im Kanton Uri in der Schweiz geboren, studierte an der Hochschule für Gestaltung, Luzern und arbeitet seit 1999 als freischaffender Web- und Screendesigner. Der Enzyklop ist sein erstes Buch. Es ist eine perfekte Parodie. So perfekt ist sie, dass nicht auszumachen ist, was sie parodiert. Sie ist die Parodie an sich, also eine hochseriöse, um nicht zu sagen todernste Angelegenheit und darum umwerfend vergnüglich.

Rene Gisler: "Der En/zyk/lop - Ein Wörterbuch", Edition dia, 162 Seiten, zahlreiche Abbildungen, 17 Euro. ISBN 3-86034-153-7.


Njeschil

"Meer ringsumher - Kummer mitten drin" so beschreiben die Bewohner heute ihre Stadt. Sie heißt Alexandrowsk und liegt auf Sachalin. Der ungarische Autor György Dalos war dort und schreibt in seinem Buch: "Auch der Hafen gibt kein Lebenszeichen von sich. Die Trümmer der Docks, der Werft und der verlassenen Bürogebäude wirken wie ein monumentales Heimatmuseum der sozialistischen Industrialisierung." Dalos' Alexandria ist auch eine Vielvölkerstadt, aber hier entstand nie eine Metropole. Hierher wurden erst die Straftäter des russischen Reiches und dann die der Sowjetunion in die Verbannung geschickt. Wer aus Korea oder Japan hierher kam, der kam nicht in der Hoffnung, hier sein Glück zu machen, sondern allein, um dem heimischen Unglück zu fliehen.

Vom Juli bis Oktober 1890 lebte Anton Tschechow auf Sachalin. Das Haus, das er in Alexandrowsk bewohnte, ist heute ein an ihn erinnerndes Museum, und die Straße, in der es steht, ist die Tschechowstraße. Das Buch, das er nach seiner Rückkehr schrieb - "Die Insel Sachalin" - beschwört nicht wie Durrells Alexandria-Quartett, exotischen Zauber, verführerische Fremde, sondern ist der Versuch einer realistischen Darstellung von Russlands äußerstem Osten, vor allem auch des zaristischen Sträflingswesens. Auf Tschechows Spuren besuchte György Dalos im Sommer 2000 die Insel und sprach mit den heutigen Bewohnern. Sein Bericht macht klar, wie aussichtslos die Lage ist. Niemand interessiert sich für Sachalin. Natürlich - ist man versucht zu sagen - nicht in Moskau, aber auch nicht die Bewohner Sachalins. Sie wandern aus. Sie sehen keine Chance in ihrer Heimat und suchen sie anderswo. Dalos konstatiert: Auf den neueren Landkarten steht immer häufiger unter dem Namen einer Siedlung, der Vermerk "njeschil". Das kommt von "njeschiloj" und das bedeutet unbewohnt.

György Dalos sieht darin aber keine Besonderheit Sachalins, sondern Sachalin scheint ihm ein Vergrößerungsglas, das die anderswo in Russland sich zaghafter zeigenden Tendenzen sichtbar macht. Sein Buch ist als warnende Flammenschrift gedacht. Wenn wir nicht Acht geben, werden die Landkarten des 21. Jahrhunderts denen des 17. gleichen und in immer mehr Regionen wird ein "hic sunt leones" vor Wildnissen warnen. Der Prozess der Zivilisation ist - anders als Norbert Elias gegen den Nationalsozialismus anglaubender Optimismus es sah - sehr wohl umkehrbar. Es scheint immer größerer Anstrengungen zu bedürfen, sie aufrechtzuerhalten als sie umzustürzen.

Als Tschechow nach Sachalin aufbrach, da wurde er gefragt, warum er seine sichere Position im literarischen Leben aufgab, um in die allein von Strafgefangenen bewohnte Wildnis zu gehen. Seine Antwort war klar: er habe eine Unzahl von Skizzen, Feuilletons, Vaudevilles geschrieben, es ginge ihm leicht von der Hand, er habe auch den Preis der Akademie erhalten, aber er vermisse die Schwere, die nur als Produkt ernsthafter Arbeit zu erhalten sei. "Ich möchte mich leidenschaftlich gern irgendwo für fünf Jahre verkriechen und mich mit mühevoller, ernsthafter Arbeit befassen. Ich muss lernen, muss alles ganz von vorn lernen, denn als Literat bin ich ein enormer Ignorant; ich muss gewissenhaft schreiben, mit Gefühl, mit Sinn und Verstand, ich darf nicht fünf Bogen in einem Monat schreiben, sondern einen Bogen in fünf Monaten."

Tschechow war nicht einmal fünf Monate in Sachalin, aber er schrieb etwas, bei dem, dass es geschrieben wurde, wichtiger war als wie es geschrieben wurde. Er schrieb etwas, das nicht auf Lacher, nicht auf den Applaus zielte, sondern das ihm und seinen Lesern ein Stück Welt erklärte, über das man lieber schwieg. Tschechows früher Erfolg hatte ihm und seiner Familie das Leben gerettet. Mit seiner Reise nach Sachalin rettete der Schriftsteller sich vor dem Erfolg.

György Dalos: "Die Reise nach Sachalin - Auf den Spuren von Anton Tschechow", Europäische Verlagsanstalt, deutsche Bearbeitung von Elsbeth Zylla, 286 Seiten, 31 Fotos, eine Karte, 19,50 Euro. ISBN 3-434-50503-2. (Bestellen)


Kamikaze

Als wir sahen, wie die beiden Flugzeuge ins World Trade Center flogen, als wir von den anderen Selbstmordkommandos hörten, da stellten sich viele die Frage: wie kommen Menschen dazu, sich so umzubringen. Nicht nur an Kneipentischen, sondern auch in ernst zu nehmenden Zeitungen und Zeitschriften erschienen Artikel, die uns klar zu machen versuchten, dass diese Selbstmordattentäter die zentrale Differenz zwischen Europa und Asien markierten. Europäische Terroristen wären zwar bereit, ihren Tod in Kauf zu nehmen, aber keine ihrer Aktionen sei so angelegt, dass ein Überleben ausgeschlossen sei.

Wer da an die Schlacht von Sempach (1386) erinnerte, als der Legende nach Arnold von Winkelried sich den österreichischen Lanzen entgegenwarf und alle, die er ergreifen konnte, in seinen Leib lenkte, sodass eine Lücke im gegnerischen Sturm entstand, die die eidgenössischen Ritter zum eigenen Angriff nutzen konnte, der stand als Idiot da, der irgendwelche alten Geschichten erzählte. Aber noch im Juli 2001, hat der Außenminister der Schweiz, der christdemokratische Befürworter eines Beitritts der Schweiz zur EU, Joseph Deiss, Winkelrieds Aktion als ein Symbol für Mut, Opferbereitschaft, für Freiheit und Unabhängigkeit gepriesen.

Es erschienen viele Artikel, in denen unter anderem das islamische Verhältnis zum Tod und die Tradition der Assassinen für die Attentate mit verantwortlich gemacht wurden. Die Debatte verebbte als sich herausstellte, dass viele der Selbstmordattentäter gar nicht wussten, dass sie welche waren. Sie waren bereit gewesen ihr Leben zu opfern, aber sie hatten nicht gewusst, dass sie auf jeden Fall sterben würden. Klaus Scherer ist ARD-Korrespondent in Tokio. Er hat überlebende japanische Kamikazeflieger des II. Weltkrieges gefragt. Es stellt sich heraus, dass die Gedanken über das spezifisch japanische Verhältnis zum Tod, die religiöse Rolle des Tenno, zwar einige Erkenntnisse über die japanische Kultur erbracht haben, dass sie aber die Kamikaze-Flüge nicht erklären können.
Das Entscheidende bei ihnen ist nämlich: die Flieger hatten sich nicht freiwillig gemeldet. Sie wurden eingeteilt, und wer sich wehrte, wurde gezwungen. Die Menschen sind unterschiedlich, aber sie unterscheiden sich nicht nach Kulturen oder Rassen. Es gibt sicher Einzelne, die gerne den Winkelried spielen, aber die gibt es überall. Sie können so werden, ob sie als Buddhisten, Christen, Muslime, Juden, als Baumverehrer oder Löwenanbeter aufgewachsen sind. Und sie sind es sicher nicht lebenslänglich.

Wie alt Winkelried war, wissen wir nicht. Die Kamikazeflieger waren jung. Der heute achtzigjährige Kenichiro Onuki war dreiundzwanzig Jahre alt als er in seinem kleinen Flugzeug als lebende Bombe nach Okinawa, der von den USA bereits besetzten japanischen Insel, flog. Er beschreibt sehr genau, was in ihm vorging. Er schildert, wie er sich zuerst auflehnte gegen den Befehl, wie er dann einsah, dass er nichts dagegen machen konnte, wie er sich abfand und wie in der Maschine, nur noch 20 Minuten von Okinawa entfernt, plötzlich Todesangst ihn ergriff. Er weinte. Ihn retteten feindliche Flieger. Sie griffen ihn an. Er wollte aber nicht abgeschossen werden. Es gelang ihm - schwer getroffen - ihnen zu entkommen. Die Amerikaner glaubten, er würde abstürzen und wandten sich neuen Zielen zu. Ihm aber gelang die Landung. So überlebte er seinen Kamikaze-Einsatz. Heute liegt ihm daran, eines klarzumachen: "Im Ausland denkt man wahrscheinlich, dass die Japaner spinnen, sich zu so etwas wie den Kamikaze-Einsätze freiwillig gemeldet zu haben. Oder? Aber so stimmt das nicht. Das möchte ich dem deutschen Publikum deutlich machen. Wir mussten uns freiwillig melden."

Klaus Scherer: "Kamikaze - Todesbefehl für Japans Jugend". Überlebende berichten, iudicium Verlag, 172 Seiten, 51 Fotos, 14,32 Euro, ISBN 3-89129-728-9. (Bestellen)


Zeigefinger

Adriano Sofri sitzt im Gefängnis. Er wurde in einem heftig umstrittenen Prozess schuldig gesprochen, 1972 die Ermordung des Mailänder Polizeikommissars Calabresi angeordnet zu haben. Vom Gefängnis aus schreibt er Artikel für Italiens wichtigste Zeitschriften und Zeitungen. Der 1942 in Triest geborene Adriano Sofri ist heute einer der interessantesten Autoren des Landes. Er schreibt keine Romane, keine Gedichte. Seine Empfindsamkeit fürchtet die Fiktion. Er möchte ihr nicht erliegen. Nicht wieder erliegen. Seine linksradikale Phase, als er Ende der 60er Jahre "Lotta continua" gründete und glaubte die Revolution zu befördern, ist ihm eine Warnung. Er weiß um seine Anfälligkeiten und er weiß, dass er sie nicht verschweigen darf, dass er vielmehr von ihnen sprechen muss, um seinen Leserinnen und Lesern - vor allem aber sich selber - von Nutzen zu sein.
So macht er nichts anderes als aufzuschreiben, was ihm auffällt, was er für ein gutes Zeichen, was er für eine Gefahr hält. Er ist ein Mahner geworden, einer, der seinen Zeigefinger nutzt. Nicht um mit ihm strafend zu drohen, sondern um auf das hinzuweisen, von dem er fürchtet, dass es der Aufmerksamkeit seiner Mitmenschen zu ihrem Schaden bisher entgangen ist.

Wer sein neuestes ins Deutsche übersetzte Buch "Die Gefängnisse der anderen" liest, der ist überrascht von der ruhigen Sanftheit seiner Stimme. Er räsoniert nicht. Er erzählt seine Räsonnements und die der anderen. Adriano Sofri ist ein Erzähler des Arguments. Wir werden den von ihm beschriebenen Mitgefangenen F. nicht vergessen, der "vormals Kämpfer einer bewaffneten Gruppe war und Überlebender eines der schauerlichsten Feuergefechte der bleiernen Zeit" ist, der heute im Gefängnishof sich eine schattige Stelle sucht, um seinen zarten Teint nicht der Sonne auszusetzen "und sich, den griechischen Text daneben zum Vergleich, in die Lektüre des Phaidon vertieft, als wäre er ein Gymnasiast, der die verlorene Zeit aufzuholen sucht."

Adriano Sofri: "Die Gefängnisse der anderen", sehr gut übersetzt, mit hervorragenden Anmerkungen und einem exzellenten Nachwort versehen von Volker Breidecker, Edition Epoca, 206 Seiten, 19,95 Euro, ISBN 3-905513-25-0. (Bestellen)


Hohes Lied

Es gibt Menschen, die können sich Wissen nur als Produkt des Zwanges vorstellen. Wer etwas weiß, dem wurde es eingetrichtert, wer gar noch weiß, wie es zu diesem Wissen kam, der ist der Gelehrsamkeit verfallen und mehr ein Wiedergänger als einer der Lebenden. Auch unter Lesern gibt es solche Menschen. Sie wollen nichts erfahren aus den Büchern, sie wollen erheitert, sie wollen getröstet werden. Ihr größter Trost ist, wenn der Autor ein klein wenig dümmer ist als sie selbst.

Ich habe nichts gegen erheiternde und auch nichts gegen tröstende Bücher, aber es gibt Autoren, die wollen wissen. Sie stöbern in entlegensten Ecken, sie durchforsten die Natur, die Geschichte, die Windungen unseres Gehirns. Sie machen es wirklich. Sie blicken in Mikroskope, sie studieren Aischylos und römische Münzen, sie kennen den Fermatschen Satz und die Lebensgewohnheiten der Glyptodonten. Es bereitet ihnen keine Mühe, einem am Kneipentisch zu erklären, für welche Leistungen die Physik- und Chemienobelpreise des Jahres 2001 verliehen wurden. Sie schreiben darüber wenig und selten, aber manchmal finden sich in ihren Gedichten Anspielungen darauf, die man leicht überliest, geht man ihnen aber nach, dann erheitern sie einen oder jagen einem einen neuen Schauder über den Rücken. "Sie" schreibe ich. Es sind nicht viele. Einer davon ist Durs Grünbein.

Als 1979 Niklas Luhmann die folgenden Sätze schrieb, war Grünbein keine 17 Jahre alt: "Ich denke manchmal, es fehlt uns nicht an gelehrter Prosa, sondern an gelehrter Poesie. Wissenschaftliche Theorien haben einen eigenen Weltstimmungsgehalt, den sie selbst (bei allem Einbau von Selbstreferentialität) nicht formulieren, vielleicht nicht einmal wahrnehmen können. Die so unzulänglichen Versuche einer politischen Interpretation der 'eigentlichen' Aussage von Theorien zeigen diesen Bedarf nach einer Zweitfassung an, ohne ihn angemessen befriedigen zu können. Vielleicht sollte es stattdessen für anspruchsvolle Theorieleistungen eine Art Parallelpoesie geben, die alles noch einmal anders sagt und damit die Wissenschaftssprache in die Grenzen ihres Funktionssystems zurückweist." Grünbein ist Grünbein und Luhmann ist sein Prophet.

Aber sicher ist Luhmanns professorale Rollenverteilung falsch. Die Poesie ist keine ergänzende Maßnahme. Möglicherweise ist seine Wissenschaft selbst die Parallelpoesie einer noch im Entstehen befindlichen Wissenschaft, an der der Autopoet Durs Grünbein arbeitet. Fast ganz allein. Vielleicht arbeitet er ja an der Wiedergeburt des Lehrgedichts. Eine alexandrinische Marotte? Schöneres als Lukrez' "De rerum natura" wurde selten geschrieben. Grünbeins neuestes Buch "Das erste Jahr - Berliner Aufzeichnungen" bietet einen Blick in die Werkstatt. Wir sehen ihm zu, wie er sich Gedanken macht, wie er auf Nachrichten und Ansichten reagiert, wie auf die Geburt seiner Tochter. Wir sehen, wie er Ereignissen Bedeutung verleiht, wie er sie hochputzt. Wir sehen nicht, wie er Gedichte macht. Wir sehen nicht, wie die Lieferungen der Außenwelt umgeschmolzen werden in dem Hochofen seiner Sprache, wie sie diesen Hochofen selbst ändern.

Wir bekommen aber eine Ahnung davon, wenn wir ihn aufmerksam lesen. Nehmen wir den Eintrag vom 8. August 2000. "Eines der Worte, das dieser Tage Konjunktur hat, ein wahres Wortungeheuer, lautet Humangenom. Mit ihm hat das wissenschaftliche Denken der Ethik endgültig den Garaus gemacht... Hier ist der Singular eines Substantivs, das die Gesamtheit allen menschlichen Erbguts auf den kleinsten gemeinsamen Nenner bringt, dort ein Adjektiv, in dem die Gattung zum traurigen Merkmal schrumpft. Unbetrauert ist so die Frage nach dem Wesen des Menschen gestorben. Von nun an wird ein jeder von uns nichts als das Resultat des Zusammenspiels von etwa achtzigtausend einzelnen Genen sein... Das ist das Ende vom Hohenlied. Mit dieser simplen Reduktion aufs Numerische reiht sich der Mensch, dieser schwierige Begriffsbaumeister, Züchter raffiniertester, kristallgleicher Gedankensysteme aus philosophischen Qualitätshierarchien, endgültig in jenen brodelnden Kosmos ein, der aus nichts als Quanten, Atomen und Molekülen besteht."

Der Dichter ist wütend. Er wettert gegen Zahlen und Figuren. Er möchte die Qualitäten gerettet sehen gegen die Herrschaft des Quantitativen. Aber wie oft ist nicht schon der Ethik endgültig der Garaus gemacht worden? Glaubt er wirklich, diesmal nun sei endgültig endgültig? Die Frage nach dem Wesen des Menschen ist sicher nicht gestorben. Sie steht heute frischer da als sie es jemals seit Hippokrates tat. Aber das sind Meinungen. Interessanter ist, wie er sie ausdrückt. Er wettert gegen das Numerische, und was führt er dagegen an? Den Baumeister und Züchter! Die kristallgleichen Gedankensysteme! Numerischer geht's nimmer. Quanten, Atome und Moleküle dagegen "brodeln".

Er hat Recht. Der Pantheismus der Moderne besingt nicht mehr die Engelshierarchien, er bewegt sich nicht mehr auf der unendlichen Showtreppe, die Mikrokosmos und Makrokosmos verband. Das Hohelied ist nicht am Ende. Es wird die unendliche Kette der Wesen, die schon seit Jahrtausenden besungen wird, jetzt, da wir genauer wissen, wie sie beschaffen ist, gewitzter schildern. Niemand wird das in Deutschland besser tun als Durs Grünbein. Und man muss nur seinen Eintrag vom 8. August 2000 weiterlesen und sehen, wie er in seiner Verachtung sich immer weiter steigert bis es ganz am Ende kommt, das große Wort, das schöne, vieldeutige, heilige und wunderbar ironische vom "Kindergeburtstag". Er glaubt, er werfe den Genetikern und der ihr applaudierenden Öffentlichkeit kindliche Brutalität, mit der sie alles Überkommene zerschlage, vor.

Aber "Kindergeburtstag" ist zunächst einmal der Geburtstag des Kindes. Das wichtigste Fest nicht nur der Christenheit. Und da es den Genetikern oder doch wenigstens einigen davon, ganz bestimmt aber ihm, um eine neue Art Zeugung geht, passt das Wort noch einmal. Das ist ihm passiert. Er hat nicht gewusst, was er schrieb. So klug er ist, das hat er nicht gewusst. Dichter können - entgegen einem von Lehrern gerne geschürten Vorurteil - nicht zu klug sein. Je mehr sie wissen, desto mehr mischt sich ein in ihr Schreiben, desto vielstimmiger kann es werden. Je genauer einer weiß, was er sagen will, desto präziser schreibt sein Unbewusstes das, was er verschweigt. Das ist die wahre Parallelpoesie. Hier schrieb sie. Und Grünbein ließ sie. Das ist seine Gabe.

Durs Grünbein: "Das erste Jahr - Berliner Aufzeichnungen", Suhrkamp, 328 Seiten, 20,80 Euro. ISBN 3-518-41277-9. (Bestellen)