Durs Grünbein

Das erste Jahr

Berliner Aufzeichnungen
Cover: Das erste Jahr
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2001
ISBN 9783518412770
Gebunden, 280 Seiten, 20,35 EUR

Klappentext

Einer der Vorsätze Durs Grünbeins für das erste Jahr im neuen Jahrtausend war, diesen historischen Moment des Beginns gespiegelt durch den subjektiven Blick des Dichters festzuhalten. Das Resultat: Arbeitsbuchnotizen vom 1. Januar bis zum 31. Dezember 2000. Sehr Privates wie die Geburt der Tochter, Erinnerungen an die eigene Kindheit in Dresden, werden ebenso Thema wie die Arbeit am Gedicht, das Nachdenken über Poetologisches und die Reflexion neuester Erkenntnisse der Hirnforschung und der Genetik. Gleichzeitig setzt er sich bewußt in Beziehung zu seiner unmittelbaren Gegenwart, beobachtet die Veränderungen in Berlin und im größer gewordenen Deutschland, notiert, was er auf Reisen sieht, erlebt, durchdenkt. Diese unmittelbaren Eindrücke sind immer gespiegelt und gemessen an Geschichtlichem...

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 11.07.2002

In einer sehr langen Rezension bespricht Katharina Döbler die zwei jüngsten Werke von Durs Grünbein: "Erklärte Nacht" (Suhrkamp 2002) und "Das erste Jahr" (Suhrkamp 2001). Für die Rezensentin ist er der "derzeit tauglichste Anwärter auf das Amt des Nationaldichters", weil er der "talentierte und glückliche Erbe einer langen Tradition" ist, der als bildungsbürgerlich "repräsentativ" erscheint und dies, obwohl er es reflektiert, nicht durch allzu starke Skepsis trübt. Über das Hauptstadttagebuch "Das erste Jahr" mit seinen teilweise "höchst privaten Mitteilungen" hält sich Döbler ein wenig bedeckt. Der rührige Kitsch des jungen Vaterdaseins steht da neben bildungsbürgerlichen Zitaten, und die Rezensentin weiß sich nur noch mit Lichtenberg zu helfen: "Er las immer Agamemnon statt 'angenommen', so sehr hatte er seinen Homer gelesen." Grünbein rettet sich laut Rezensentin durch seine Fähigkeit zur Reflexion, doch man möchte fast meinen, dass sie ihm da sehr entgegenkommt.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 20.12.2001

Rezensentin Andrea Köhler hat dieses Tagebuch nicht durchgehend gemocht. Doch der Ton, in dem sie ihr Urteil verfasst hat, klingt nach Respekt. Manchmal sogar nach intellektuellen Genuss. Im Mischungsverhältnis dieser "metaphernstarken Gedankenprosa" "zwischen persönlicher Erfahrung und poetologischem Mehrwert, Introspektion und Vogelperspektive" sieht sie "eine Probe aufs Tagebuch-Genre, auf die spezifische Komposition aus Intimität und Ästhetik". Bei einem "Tagebuchgeschäft" aber, das den "Maßstab der Ewigkeit" noch ans intimste Detail legt, sieht Köhler natürlich auch Gefahren lauern: die des "entweder hochtrabenden oder aber raunend gedämpften Sprechens" nämlich. Und wir ahnen es schon, auch Durs Grünbein ist dieser Gefahr nicht entgangen. Außerdem hat, lesen wir, der 11. September der "auftrumpfenden" Milleniums-Datierung "ihren Thrill" genommen. Doch auch und gerade vor dem Hintergrund einer gründlich veränderten Gegenwart ist dies Journal für die Rezensentin "das Brevier einer intelligiblen Zeitzeugenschaft". Angesiedelt auf den Grat zwischen Valérys Cahiers und Max Frischs Tagebuch, zwischen Anekdote und Aphorismus, verschränkt sich in diesen Aufzeichnungen für sie "das kunterbunte Treiben der Gattung" - mit dem "Krebsgang der Melancholie".

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 20.10.2001

Fair und darum umso vernichtender präsentiert sich diese Besprechung. Dass das Buch als "ziemlicher Gemischtwarenladen" zwischen Tagebuch und Minima Moralia daherkommt, voller "Nippes", wie Burkhard Müller feststellt, dass Bildung wie immer bei diesem Autor in rauen Mengen vorkommt und dass Grünbein seine Tochter für unvergleichlich hält und in den mit ihr befassten Einträgen "entsprechend herumstottert" - alles nicht so schlimm. Nur: Wenn aus der Bildung einfach "nichts von Bedeutung" folgt, wenn der gute alte Kulturkonservativismus bemüht wird und die Blasiertheit triumphiert - in so einem Fall kann auch der gutmütigste Rezensent den Leser nicht überzeugen.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 10.10.2001

Endlich mal wieder ein Verriss. Ein schmerzvoller sogar, nach langer Einführung, was dieser Mann alles geschrieben, gesagt, in den Schoß gelegt bekommen hat. Aber dann rutscht es Marius Meller doch heraus: "Erhabenheitskitsch" schreibt er über das vorliegende Tagebuch 'Das erste Jahr', das im übrigen das Jahr 2000 und Grünbeins angehende Vaterschaft begleitet. Erhabenheit, schreibt Meller, sei ästhetisch gesehen die einfachste Kategorie, aber geschmacklich die prekärste, delikateste. Wie der Erhabenheitskitsch bei Grünbein gearbeitet ist, beschreibt der Rezensent folgendermaßen: eine banale Betrachtung, sagen wir, Ultraschall der werdenden Tochter, und das ganze dann mit "1000 Jahre Stammesgeschichte" ins Bedeutungsvolle gehoben. Leider heben sich daraufhin noch mindestens zwei moralische Zeigefinger, so der bestürzte Meller, der sich als Fan - eigentlich - outet. Doch über 328 Seiten, begleitet von den "Sphären"-Gesängen eines Sloterdijk u.a., sei das wirklich nicht zu ertragen.