Magazinrundschau - Archiv

The Times Literary Supplement

327 Presseschau-Absätze - Seite 19 von 33

Magazinrundschau vom 18.04.2006 - Times Literary Supplement

"Gibt es so etwas wie britische Intellektuelle?", fragt Michael Saler nach Lektüre von Stefan Collinis "geistreichem" Buch "Absent Minds", das J. R. Seeley berühmtes Diktum wörtlich genommen hat, wonach die Briten ihr Empire in einem Moment der Geistesabwesenheit errichtet haben. Für Saler genug Grund, dem nachzugehen: "Selbst in den benachbarten Niederlanden erscheint das intellektuelle Klima wärmer, der niederländische Historiker G.J. Renier war etwa so perplex über das ungezügelte Banausentum in England, dass er sich 1931 dazu veranlasst sah, ein Buch zu schreiben, dessen Titel alles sagte: 'Die Engländer: Sind sie menschlich?'. Gilbert Adair drückte es 1993 nicht weniger drastisch aus: 'Was hat es mit dem Land und dem Verstand auf sich?'. 'Britischer Intellektuelle' klingt wie ein Oxymoron und ihre Abwesenheit scheint so charakteristisch für das nationale Leben zu sein wie warmes Bier, lange Schlangen, der öffentliche Verkehr und die stoische Haltung, mit der dies alles hingenommen wird."

Weitere Artikel: Michael Caines will die Aufregung um die Wiedereinführung von Personalausweisen in Großbritannien nicht verstehen: "Wir hatten doch so viel Spaß das letzte Mal - während des Zweiten Weltkriegs und in den Jahren darauf." Alastair Macaulay räumt mit dem Irrtum auf, Harold Pinter hätte nur über Krieg, Krebs und Tod geschrieben: Frauen und Sex haben ihn durchaus auch beschäftigt. Und Katherine Duncan-Jones geht Shakespeares Statusangst nach.

Magazinrundschau vom 11.04.2006 - Times Literary Supplement

Staunend hat Zinovy Zinik Daniel Kalders "Lost Cosmonaut" gelesen, den Bericht einer Reise zu den "freudlosesten und aufgeblasensten Landschaften" der früheren Sowjetunion: "Tatarstan und Kalmückien, Mari El und Udmurtien drängen sich in den unteren Wolgaregionen, irgendwo zwischen dem Asowschen und dem Kaspischen Meer. Die kleinen Republiken entstanden im Zuge der rigoros verfolgten sowjetischen Vielvölkerpolitik. Bevor ihnen jedoch die nominelle Unabhängigkeit gewährt wurde, mussten sie erst einmal Massendeportationen und forcierte Assimilation hinnehmen. Auferlegt wurde ihnen auch eine fiktive, künstlich kreierte oder neu aufpolierte Folklore. Dazu gehörten ein obligatorisches Staatstheater in jeder Hauptstadt, wo Stücke in einer Sprache aufgeführt wurde, die niemand mehr verstand, ein Heimatkundemuseum, in dem sich niemand an die Bedeutung der Exponate erinnerte, und auf den öffentlichen Plätzen die allgegenwärtigen Statuen der Nationaldichter und -helden, die niemand schätzte. Es ist ein ganz anderes Europa, ein Schatten-Europa, das, wenn es nach uns ginge, nicht existierte. Aber es existiert, nur nicht für uns."

"Goethe ist gut für Sie", weiß Paul Bishop und versucht zu ergründen, warum Deutschlands literarischer Institution so wenig Sympathie entgegengebracht wird. "In der englischsprachigen Welt können weder Shakespeare noch Cervantes, weder Racine noch Dante so viel feindselige Leidenschaften hervorrufen wie die Gestalt Goethe. Warum ist das so? In 'Love, Life, Goethe: How to be happy in an imperfect world' legt John Armstrong nahe, dass die Quelle dieses Image-Problems nicht in Goethe, sondern im Gegenteil in uns selbst liegt. Denn oft stecke hinter der Ablehnung Goethes, glaubt Armstrong, die Angst, Goethe selbst könnte wie ein Vorwurf wirken - seine Ernsthaftigkeit, sein Glück und sein Erfolg lassen unser eigenes Leben schäbig und unvollständig erscheinen."

Weiteres: H. J. Jackson stellt klar, dass die unter dem Namen Mary Brunton veröffentlichten Romane nicht Jane Austen zugeschrieben werden können. Außerdem besprochen werden Briefe von Rudyard Kipling, und zwei Studien zu Glanz und Elend der amerikanischen Universitäten.

Magazinrundschau vom 28.03.2006 - Times Literary Supplement

Nach der Leküre von John Lewis Gaddis' Geschichte "The Cold War" stellt Edward Luttwak kategorisch fest: "Es gibt keinen Grund, nostalgisch auf den Kalten Krieg zurückzublicken. Die blutrünstigen Drohungen grimmiger Prediger, frömmelnder Mörder und gewählter Fanatiker sowie die alltägliche Gewalt des fanatischen Islams sind ein Klacks verglichen mit der Gefahr der nuklearen Auslöschung, die über Jahrzehnte den Kalten Krieg begleitete. Und auch wenn man das Undenkbare bedenkt, auch wenn eine islamische Fundamentalisten in den Besitz einer oder zwei Atomwaffen kommen und sie benutzen sollten, läge doch eine ganze Welt zwischen der Detonation einer Bombe oder zwei durch glühender Fanatiker, die das Versprechen auf glühende Jungfrauen irre geführt hat, und den Waffen mit bis zu 30.000 Megatonnen Sprengkraft, die systematisch auf Ziele gerichtet wurden von disziplinierten Profimilitärs, die pflichtbewusst verifizierte Befehle befolgen."

Besprechungen widmen sich auch Chuck Klostermans Reiseberichten "Killing Yourself to Live", Carl von Linnes Standardwerk "Philosophie Botanica" und Peter Altenbergs Vignetten "Telegrams from the Soul".

Magazinrundschau vom 07.03.2006 - Times Literary Supplement

Ian Thomson hat den Agenten identifiziert, der offenbar das Vorbild für Graham Greenes "Unser Mann in Havanna" war. Allerdings war er als Vize-Konsul seiner Majestät in Tallinn stationiert: Peter Edmund James Leslie. "Nach allen Standards lebte Leslie ein ausgefallenes Leben. Vor dem Ersten Weltkrieg war er Hilfsprediger in der episkopalen Church of the Ascension, einem turmartigen Backstein-Gebäude bei den Victoria Docks im östlichen London. Für das Jahr 1916 listet das Diözesan-Jahrbuch einen Reverend Leslie als anglikanischen Armee-Kaplan, bei Kriegsende konvertierte er allerdings zum Katholizismus und begann als Verkäufer bei der Waffenfirma William Beardmore & Co. Wenn auch nicht wohlhabend, bewegte er sich doch in Patrizierkreisen und erwarb Anteile an einer Diamantenmine in Südafrika." Begegnet waren sich die beiden im Flugzeug von Riga nach Tallinn im Jahr 1934, wie Thomson rekonstruiert: "Die beiden Männer lasen zufällig einen Henry-James-Roman in der gleichen Ausgabe und kamen miteinander ins Gespräch. Sie verbrachten 'viele fröhliche Stunden' zusammen in Tallin, wie Greene selbst schreibt, 'während ich nicht vergeblich nach einem Bordell suchte.'"

Als eines der brillantesten, klügsten und klarsten Bücher über die begrenzte Bedeutung der Gene für unser Verhalten preist Louise Barrett Robert Sapolskys "Monkeyluv". Morris Dickstein stellt Lewis Dabneys Biografie des Schriftstellers Edmund Wilson vor. Tom Shippey lässt sich von Jennifer Westwood und Jacqueline Simpson durch Englands legendäre Landschaften führen.

Magazinrundschau vom 28.02.2006 - Times Literary Supplement

Als meisterhafte Übung in "gesundem Menschenverstand" preist Simon Jenkins den Essay "The Politics of Good Intentions", in dem der Philosoph David Runciman mit Tony Blairs "militärischem Humanismus" abrechnet: Bei diesem "sind alle Mittel entschuldbar, weil die Absichten ehrenwert sind. Die Bombe, die über einem Marktplatz oder einer Hochzeitsgesellschaft abgeworfen wird, ist moralisch, weil sie eigentlich anderswo herunterkommen sollte. Tatsächlich wäre es sogar unmoralisch, eine solche Bombe nicht abzuwerfen. Per Definition sind unsere Bomben gut und die der anderen nicht. Außerdem ist Saddam so viel schlimmer, wie Blair unablässig betont. Absolutes wird zu Relativem, wenn es gerade passt."

Weiteres: In einem sehr gelehrten Text befasst sich Jeremy Adler mit der Kabbala, ihrer einstigen Bedeutung und ihrer heutigen Trivialisierung. Oswyn Murray kann der Neuauflage des Skandalstückes "The Romans in Britain" wenig abgewinnen, legt aber Wert auf die Feststellung, dass er vor 25 Jahren der einzige Kritiker war, der den "Schocker" ernst genommen hatte. Aisling Foster stellt Gifford Lewis Biografie der anglo-irischen Schriftstellerin und Malerin Edith Somerville vor.

Magazinrundschau vom 21.02.2006 - Times Literary Supplement

Als absolutes Muss für Menschen, die "Ironie, Skrupel und freies Denken" schätzen, empfiehlt Christopher Hitchens die Werke des Historikers Robert Conquest. Im neuesten Buch "The Dragons of Expectation" widmet sich Conquest dem Versagen der Intellektuellen durch die Jahrhunderte, ihrer Verblendung und Ideologiegläubigkeit. Bei aller Freude ist Hitchens dennoch ein wenig erschrocken: "Empfiehlt Conquest wirklich, dass wir auf alle Vorstellungen von der Zukunft verzichten? Das menschliche Verlangen nach einer besseren Welt mag die Ursache von viel Idotie und Verbrechen gewesen sein, aber es scheint doch dem Menschen immanent zu sein und es könnte, wie auch Religion, unausrottbar sein."

Weiteres: Jeremy Treglown will Samuel Becketts legitimen Nachfolger entdeckt haben: den Dramatiker Simon Gray - "schon allein wegen der Witze". Claire Harman stellt Myles Webers Buch "Consuming Silences" vor, das sich mit nichtschreibenden Schriftstellern beschäftigt, mit J.D. Salinger, Tillie Olsen, Henry Roth and Ralph Ellison. R. I. Moore liest neue Bücher zur europäischen Geschichte nach dem Fall Roms.

Magazinrundschau vom 31.01.2006 - Times Literary Supplement

Emphatisch preist Omer Bartov die Tagebücher "A Writer at War" des russischen Schriftsteller Wassilij Grossman, die der Historien-Autor Anthony Beevor offenbar erst kürzlich gefunden hat. Sie waren die Grundlage, so Bartov, für "Leben und Schicksal", Grossmanns großen Roman über seine Zeit bei der Roten Armee, der mit dem nationalsozialistischen ebenso wie mit dem stalinistischen Terror während des Zweiten Weltkriegs abrechnete. "Was die Tagebücher so wertvoll macht, ist ihre offensichtliche Aufrichtigkeit, Grossmanns kritischer und doch empathischer Blick, und die Art, wie sich seine Bewunderung für den sowjetischen Patriotismus mischt mit dem wachsenden Zorn über die Inkompetenz so vieler Kommandeure und die Bereitschaft des Regimes, das Leben seiner Soldaten zu vergeuden."

Was haben Mozart und Sid Vicious gemeinsam, fragt der kanadische Komponist Stephen Brown. Seine Antwort: "Primitivismus. Rock'n'Roll begann als primitivistische Bewegung und erneuerte sich selbst immer wieder mit Mini-Primitivismen, von denen Punk nur ein Beispiel ist. Mozart als Primitivisten anzusehen, fällt vielleicht ein bisschen schwerer, schließlich wird sein Stil eher mit dem Zivilisierten und Rationalen identifiziert, Dinge, die wir eher mit dem Gegenteil des Primitiven assoziieren. Und doch verdankte die klassische Bewegung in der Musik - wie der Neoklassizismus in der Kunst - alles dem Verlangen danach, neu zu beginnen, alles Falsche und Unwesentliche abzustreifen. Ecrasez l'infame."

Tim Gardam annonciert den siebten Teil von Graham Stewarts offizieller Verlagsschrift "The History of the Times". Jeremy Treglown erinnert an Anthony Powells Zeit als Literaturkritiker bei der Times.

Magazinrundschau vom 13.12.2005 - Times Literary Supplement

Ein Denkmal hat Edward Timm dem großen "Counter-Journalisten" Karl Kraus errichtet, jubelt George Steiner. Das Buch "Apocalyptic Satirist" lässt ihn fast hoffen, dass damit auch englischsprachige Leser auf den Geschmack kommen könnten: "Was Kraus so schwierig macht ist, dass für ihn der Teufel im Detail steckte, in den kleinsten Elementen des Lexikons und der Grammatik, Typografie und Zeichensetzung. Die Krankheit der Sprache, Zeichen einer sterbenden Zivilisation in Mitteleuropa, konnte nur auf mikroskopischer Ebene diagnostiziert und bekämpft werden, und zwar von einer unerbittlichen Philologie der Ironie und Rache, mit der Taktik, nicht nur zwischen den Zeilen zu lesen, sondern zwischen den Buchstaben in trügerischen Worten. Das wiederum bedingte Kraus' Vertiefung in den leviathanischen Schund des zeitgenössischen Journalismus, des bürokratischen Jargons, der politischen Rhetorik, der Juristensprache und der hohlen Lawine kommerzieller Anzeigen. Die Millionen wütende Worte, die Kraus schrieb, richteten sich gegen Millionen Indizien von semantischer Verschwendung, von Antimaterie."

Weiteres: Walter Laqueur stellt zwei Neuerscheinungen vor, die sich von der psychoanalytischen Warte her dem Terrorismus nähern: Peter Conzens "Fanatismus" und Marc Sagemans "Unterstanding Terror Networks". Adele Davidson bietet eine neue Lesart der Gedichte George Herberts an. "Intelligenten Glamour" nennt Peter Porter Laurence Dunmores Lebensverfilmung des Earls of Rochester "The Libertine". Michael Saler stellt Dane Kennedys Richard-Burton-Biografie "The Highly Civilized Man" vor.

Magazinrundschau vom 15.11.2005 - Times Literary Supplement

Die kanadische Pianistin Angela Hewitt hat Richard Burnetts Buch "Company of Pianos" über die Finchcock-Klaviersammlung gelesen und nutzt die Gelegenheit, sehr schön von der Einzigartigkeit eines jeden Flügels zu erzählen. Mit einem New Yorker Steinway, meint sie zum Beispiel, kann man bestenfalls Rachmaninow und Tschaikowsky spielen, für alles andere braucht man einen aus Hamburg! Inzwischen habe das Klavier-Geschäft aber den gleichen Weg genommen wie so viele andere Industrien: "Die Marke steht noch drauf, aber das Instrument ist billiger in China, Korea, Japan oder Osteuropa hergestellt. Die Pearl River Fabrik in China hat mehr als 4.000 Angestellte und stellt jährlich 100.000 Klaviere für weltweit zwanzig verschiedene Firmen her. Wie viele Menschen machen sich klar, wenn sie einen Flügel kaufen, dass er in Deutschland oder in Korea von Samick gebaut sein kann, je nach Modell und Preis; oder dass der von Steinway entworfene und verkaufte Boston-Flügel von Kawai produziert wird? Trotzdem gibt es immer noch kleine Klavierbauer so wie Paolo Fazioli in Italien (der in seiner Fabrik nahe Venedig hundert schöne Flügel im Jahr baut), Steingraeber in Bayreuth und Stuart in Australien, um nur drei zu nennen, die entschlossen sind, ihren Weg weiterzugehen."

Besprochen werden Jane Glovers Buch "Mozart's Women", Edmund Whites Autobiografie "My Lives" sowie etliche Neuerscheinungen zu Samuel Johnsons vor 250 Jahren veröffentlichten "Wörterbuch der englischen Sprache".

Magazinrundschau vom 08.11.2005 - Times Literary Supplement

Mit großem Tamtam wurde Jean-Paul Sartres hundertster Geburtstag in Frankreich gefeiert, doch zu Arthur Koestlers Geburtstag gab es keine Fernsehsendungen, nach ihm wurden keine Straßen benannt. Und nun, bedauert Walter Laqueur, hat er auch noch Pech mit seinen Biografen. Weder Michel Lavals "L'Homme Sans Concessions" noch Christian Buckards "Ein extremes Leben" werden ihm gerecht, findet er. Denn Koestler mag zwar ein schwieriger Charakter gewesen sein, aber letztendlich doch sympathischer als das Paar Sartre/Beauvoir - und politisch natürlich etwas treffsicherer: "Trotz all seiner Kneipenschlägereien und der hässlichen Aggressionen, war er nicht so verlogen in seinen Beziehungen zu Sexualpartnern, er verachtete nicht diejenigen, die er vorgab zu lieben. Und er war auch nicht darauf spezialisiert, verwirrte junge Mädchen anzulocken. Er war ein verstörter Mann, dem weder Antidepressiva noch Psychoanalyse helfen konnten. Aber in ihm war nicht mehr Böses als in jedem anderen Menschen. Er war fähig zu lieben, sogar romantisch zu lieben, was man von Sartre und Beauvoir nicht behaupten kann."

Außerdem besprochen werdem Neuerscheinungen zu Jean-Paul Sartre, Max Egremonts Biografie des Dichters Siegfried Sassoon und Kathryn Hughes Biografie der viktorianischen Haushälterin Mrs. Beeton "The Short Life and Long Times of Mrs. Beeton".