Magazinrundschau - Archiv

The Times Literary Supplement

327 Presseschau-Absätze - Seite 18 von 33

Magazinrundschau vom 19.09.2006 - Times Literary Supplement

Als schmerzhaft, aber wirksam empfiehlt Druin Burch ein Buch, das mit der Geschichte der Medizin abrechnet: "In 'Bad Medicine' führt uns David Wootton auf eine spannende Reise durch 2000 Jahre abgründigen ärztlichen Versagens. Das Buch ist ein recht konziser Aufschrei entsetzlicher Wut. Er wirft einen schonungslosen Blick auf die Frage, warum Ärzte falsche Entscheidungen trafen, offensichtliche Entdeckungen ignorierten und sich konsequent weigerten, Therapien anzuwenden, die sich als größte Wohltaten für die Menschheit erweisen sollten. Ein fundiertes Wissen der Anatomie, die Erfindung von Mikroskop und Stethoskop, die Entstehung der großen Hospitäler und die meisten der großen Innovationen des 19. Jahrhunderts in Chemie, Pharmazie, Pathologie und Therapie werde alle fälschlicherweise, wie Wootton verärgert schreibt, als medizinische Erfolge dargestellt. Tatsächlich waren sie bedeutende Fortschritte, die von Ärzten jahrhundertelang aufgehalten wurden."

Weiteres: Robin Buss begrüßt die neue Edition von Albert Camus' Werken in der Bibliotheque de la Pleiade. Eric Korn testet das neue "Chambers Dictionary". Und Eric Griffith ist enttäuscht von der "Troilus-and-Cressida"-Inszenierung der Royal Shakespeare Company.

Magazinrundschau vom 12.09.2006 - Times Literary Supplement

Jerry A. Coyne feiert Frederick Crews' Essaysammlung "Follies of the Wise" als beherztes Plädoyer für Empirismus und legt dessen Lektüre insbesondere der zunehmend von Politik und Religion vereinnahmten amerikanischen Wissenschaftswelt ans Herz: "Das Menschengeschlecht besitzt nur eine abgesicherte Vorangehensweise, die jede gewissenhafte Erkundung der wirklichen Welt auszeichnet, seien es Quarks oder Gedichte. Es ist, schlicht und ergreifend, der Empirismus oder anders ausgedrückt: dass die Gültigkeit von Behauptungen anhand von Beweisen geprüft wird, welche von allen Seiten als solche anerkannt werden. Ideen, die für sich beanspruchen, sich einer solchen Prüfung nicht unterziehen zu müssen, ob nun aufgrund von mystischem Glauben oder von privilegierten 'klinischen Erkenntnissen' oder von Anweisungen der Obrigkeit, dürfen so lange nicht unterstützt werden, bis sie nicht dieselbe skeptische Prüfung, der alle anderen Mitbewerber unterliegen, durchlaufen haben."
Stichwörter: Empirismus

Magazinrundschau vom 05.09.2006 - Times Literary Supplement

Stein Ringen hat zwischen den Klassikern der europäischen Soziologie, die in Claus Offes Studie zum europäischen Blick auf die USA, "Reflections on America. Tocqueville, Weber and Adorno in the United States", zu Wort kommen, ein erstaunliches Einvernehmen entdeckt: "Sie sahen Freiheit - gefährdet, doch dennoch stets pulsierend. Sie sahen Gleichheit - eher zuviel davon als zu wenig. Sie sahen einzigartige Ausprägungen sozialen Lebens, insbesondere die Wirkungskraft der Religion und der ehrenamtlichen Vereinigungen. Sie erkannten in der übertriebenen Gleichheit eine Bedrohung der Freiheit... Für die Klassiker war Gleichheit eine Angelegenheit von Recht und Freiheit; und sie warnten davor, die erhabene Idee der Gleichheit auf das Streben nach Gütern zu reduzieren. Überträgt man diesen Gedanken auf unsere derzeitige Situation, so stellt sich die Frage, ob die Verfechter des europäischen sozialen Modells vor lauter Beschäftigung mit den kleinen Ungleichheiten nicht Gefahr laufen, die großen zu übersehen? Als ein Verfechter des Egalitarismus wird mir sehr unwohl bei dem Gedanken, dass ich diese Frage nicht einfach von der Hand weisen kann."

Weitere Artikel: Philip Wallers Buch über das literarische Leben in Großbritannien von 1870-1918 "Writers, Readers and Reputations, an dem er ganze 25 Jahre geschrieben hat, ist zweifelsohne ein Mammutwerk, so der Eindruck von Dinah Birch, das selbst Spezialisten viel Neues zu bieten hat, doch es krankt an zu großer Detailfreudigkeit. Und Alex Danchev nimmt es Frank Wynne ein wenig übel, dass es seinem "I Was Vermeer." - dem Porträt des genialischen Vermeer-Fälschers Van Meegeren, der jene Bilder malte, die Vermeer hätte malen müssen - ein wenig an Tiefe mangelt.

Magazinrundschau vom 01.08.2006 - Times Literary Supplement

"Könnte Australien die Wiege der Kultur sein?" Robin Hanbury-Tenison, Präsident der Indigenen-Organisation Survival International, sieht ernsthafte Anzeichen dafür in den Malereien, die 1891 von Joseph Bradshaw in der unzugänglichen Kimberley-Region entdeckt wurden. Sie sollen von einer hoch entwickelten Kultur stammen, die sie vor 60.000 Jahren angefertigt hat, bevor sie von den Aborigines ausgelöscht wurde. Ein heikles Thema in Australien: "Die Annahme, dass die Schöpfer dieser Bilder nicht Vorfahren der Aborigines sind, die jetzt das Land besitzen, hat bei Letzteren Bestürzung ausgelöst. Sie fürchten, ihre Ansprüche könnten unterlaufen werden. Doch die Tatsache, dass sie nicht die Nachkommen dieser Künstler sind, sollte nicht ihr Eigentum berühren: Niemand bestreitet, dass sie das Land tausende von Jahren vor den Europäern besetzt haben, die es ihnen stahlen, als Westaustralien 1829 annektiert wurde. Einige Aborigines verachten die Malereien auch als 'Mist', verschiedene Generationen haben sie übermalt oder versucht, sie zu entfernen. Dies ist an vielen Stellen offensichtlich. Aber auch das sollte nicht ihre Landrechte betreffen, denn sie waren über zehntausende von Jahren die Hüter dieses Ortes."

Weiteres: Nicholas Shakespeare preist ein Buch über den Tasmanischen Teufel, den Sarcophilus harrisii, der zwar in der Looney-Tunes-Figur Taz ewig leben wird, in natura aber durch eine seltsame Krebserkrankung bedroht ist. Ziemlich enttäuscht ist Stephen Abell von John Updikes neuem Roman "Terrorist": Im Gegensatz zu seinem Helden könne Updike nur schlecht Fäden spinnen. Besprochen werden auch Richard Brinsley Sheridans Conquista-Stück "Pizarro" im Londoner Olivier Theatre und Andrew Millers Porträt seines Großvaters, der es vom jüdischen Einwanderer im East End in die High Society des West Ends schaffte, "The Earl of Petticoat Lane".

Magazinrundschau vom 25.07.2006 - Times Literary Supplement

Erschüttert stellt Rosemary Righter fest, dass der Historiker Paul Kennedy in seinem Buch über die UN, "The Parliament of Man", der Weltorganisation ein positives Zeugnis ausstellt. Sie hält diese Eloge für "gönnerhaften Nonsens". "Fangen wir mit der Generalversammlung der UN an, sein 'Parliament of Man'. Wenn man hier drin sitzt, wird man betäubt von der Hohlheit der Reden und der Absurdität der Block-Politik. Was hier als Debatte gilt, ist ein todlangweiliges, die Geduld strapazierendes Spiel: 'Tun wir so als ob'. Tun wir so, als wären alle 191 Nationen gleich, nicht nur nach dem Recht, sondern auch nach dem Gewicht. Tun wir so, als spiegelten die aus den Hochzeiten des Nord-Süd-Konflikts datierenden Stimmblöcke und die ideologischen Gräben des Kalten Krieges noch immer die politische Realität wieder... In der UN debattieren und entscheiden die G-77 mit einer Stimme und perpetuieren die künstliche Nord-Süd-Teilung, die die interne Politik der UN vergiftet und jede Reform unmöglich macht. Kennedys 'geteilte Kontrolle internationaler Instrumente' ist eine wenig erbauliche Farce."

Mit Shakespeare, Beckett oder Pinter, überlegt Michael Holroyd, kommen wir in der heutigen Weltpolitik nicht weiter. Was wir brauchen, ist ein George Bernard Shaw! "In den frühen Zwanzigerjahren schlug Shaw vor, allen Iren Waffen auszuhändigen, damit sie das Privileg eines Bürgerkriegs ganz ohne englische Hilfe genießen könnten. Solch ein Mann hätte nicht gezögert, Selbstmordattentäter dadurch auszuschalten, dass man den Palästinenser eine Armee gibt, die der israelischen ebenbürtig wäre. Er hätte aber auch die palästinensische Kultur gegeißelt, die unter dem Beifall der Eltern und Großeltern junge Menschen ermutigt, ihr Leben wegzuwerfen. Es wäre viel ehrenwerter, höre ich ihn sagen, wenn sich alte Menschen dafür zur Verfügung stellten - tatsächlich hatte er vorgeschlagen, vor den Jungen erst die Siebzig- und Achtzigjährigen in den Krieg zu schicken. Kurz: Schickten wir einen Shaw in den Nahen Osten, würde er in Opposition zu sich selbst alle Feinde vereinen."

Besprochen werden auch eine Orson-Welles-Biografie von Simon Callow, zwei neue Literaturführer und Neuerscheinungen zur Frage, warum sich einige Menschen von einer schweren Jugend erholen und andere nicht.


Magazinrundschau vom 18.07.2006 - Times Literary Supplement

In seinem Buch "Excellence Without a Soul" fürchtet der frühere Harvard-Dekan Harry Lewis den Niedergang der Elite-Universität, die eher den Vorlieben ihrer zahlenden Kundschaft nachgebe, als diese zu "verantwortungsvollen Staatsbürgern" auszubilden. Die - in Harvard ausgebildete - Philosophin Martha Nussbaum mag dem zwar nicht ganz widersprechen, entdeckt aber einen gravierenden Denkfehler bei Lewis: Er überschätzt Harvard. "Lewis scheint sich nicht bewusst, dass die höhere Bildung in den USA durchaus demokratisch ist. Man kann nicht leugnen, dass ein Harvard-Abschluss enormes Renomee verschafft, doch manche Menschen schaffen es trotzdem, Einfluss auf die amerikanische Gesellschaft zu nehmen, auch wenn sie nur zweitklassige Universitäten besucht haben."

Weiteres: H. R. Woudhuysen feiert mit der ganzen Ausgelassenheit eines Philologen die Wiederentdeckung von Percy Shellys poetischem Essays "On the Existing State of Things", in dem der Dichter die Unterdrückung Irlands anprangert. Besprochen werden außerdem Stephen Millers Buch über die Kunst der "Conversation" und Nik Cohns kurze Geschichte des Raps in New Orleans "Triksta".

Magazinrundschau vom 27.06.2006 - Times Literary Supplement

Einen völlig neuen Blick auf die Neue Welt verdankt Howard Temperley dem neuen Werk "Inhuman Bondage" des Sklaverei-Historikers David Brion Davis: "Die Geschichte, die Davis erzählt, läuft bisherigen Darstellungen komplett zuwider. Diejenigen, die glaubten, dass es bei der Besiedlung der Neuen Welt um eine Horizonterweiterung und das Abschütteln europäischer Fesseln ging, werden überrascht sein zu erfahren, dass vor 1820 afrikanische Sklaven die europäischen Siedler zahlenmäßig um das Fünffache übertrafen. Das heißt nicht, dass einige Europäer ihre neuen Erfahrungen als befreiend empfanden, auch wenn daran erinnert werden muss, dass viele von ihnen selbst als Dienstboten oder überstellte Kriminelle begannen und so kaum in einer Position waren, sich befreit zu fühlen. Dieses Bild unterscheidet sich jedoch erheblich von dem, das diejenigen zeichnen, die Amerika gern als Zuflucht für die Unterdrückten sehen oder als gigantischen Abenteuerspielplatz. Wenn Zahlen zählen, dann war der typische amerikanische Siedler weder ein auftrumpfender Eroberer noch ein bibelfester Puritaner, sondern ein erbarmungswürdiger afrikanischer Sklave, der auf einer Zuckerplantage ackerte."

Weiteres: Nicolas Barker beklagt, dass das britischen Department for Culture, Media and Sport trotz seiner immensen Einnahmen aus der National Lottery nicht das kulturelle Erbe zu bewahren weiß, wie ihm das Schicksal der Macclesfield Library und des Murray Archive zeigt. Hugo Williams trifft den Dichter Nick Rendall, der als Captain der Coldstream Guards gerade von einem Einsatz im Irak zurückgekommen ist. Außerdem besprochen werden John Heilperns Biografie des Dramatikers John Osborne "A Patriot for us" und ein Band mit Elmore Leonards "Complete Western Stories".

Magazinrundschau vom 06.06.2006 - Times Literary Supplement

Exzentrische Brillanz bescheinigt Richard Vinen Simon Winders Buch "The Man Who Saved Britain" über den Agentenkönig James Bond. Ian Flemings Doppelnull hat wenig mit den Filmen zu tun. "Bond selbst ist eine grausame, aber tragische Figur. Er hat Menschen kaltblütig umgebracht und seine Ansichten über Sex könnten aus einem späten Beckett-Monolog stammen: 'Bett, dann mehr Bett, dann weniger Bett, dann Langweile, Tränen.' Bonds Attraktivität in 'Casino Royale' rührt hauptsächlich daher, dass wir so wenig von ihm wissen. Bald jedoch wissen wir zuviel. Seine Tarnung als Verkäufer für Universal Export ist nur allzu überzeugend. Man kann sich das Grauen der Menschen vorstellen, die auf einem Langstreckenflug neben ihm sitzen und die, während ihnen Bond endlos seine Meinung vorträgt, die düstere Vorahnung beschleicht, dass seine Hauptinteressen tatsächlich Autos und Golf sind."

Magazinrundschau vom 23.05.2006 - Times Literary Supplement

Der große Russland-Historiker Robert Conquest empfiehlt Geoffrey Hoskings Buch "Rulers and Victims": "Gibt es eine Chance für Russlands nie ganz ausgelöschte, überlebende und sich immer wieder neu belebende Aufklärung? Fünf Generationen haben in unglaublichen Ausmaß schieres Pech gehabt, angefangen mit der Ermordung von Zar Alexander II., die es den Reaktionären ermöglichte, die zivilen Reformen von Loris Melnikow zu stoppen: der erste von so vielen Fehlschlägen. Geoffrey Hosking ist nicht gerade optimistisch, doch er macht uns etwas Hoffnung auf eine bessere Zukunft, in der die Russen vielleicht doch noch eine Gemeinschaft werden könnten. Immerhin, schließt er, 'müssen sie nun einen Nationalstaat bilden, den niemand gewollt hat. Sie haben keine andere Wahl.' Das ist doch ein Anfang."

Weiteres: Hellauf begeistert ist Jonathan Cecil von Lee Servers Biografie "Ava-Gardner", die ganz ohne die gegenüber Hollywood-Stars übliche "Kriecherei" auskomme. Yvonne Roberts stellt neue Publikationen vor, die uns mit der tröstlichen Botschaft beglücken, dass Liebe das ganze Leben über möglich ist, selbst in einer Ehe. Christopher de Bellaigue diskutiert Robert Irwins Buch "For Lust of Knowing", das sich mit Edward Saids Orientalismus-Vorwürfen auseinandersetzt.

Und noch ein Hinweis auf die Sunday Times der vorigen Woche, in der Ian Buruma den unerschütterlichen Hang von Intellektuellen zu Diktatoren geißelte: "Stalin wurde von Sidney und Beatrice Webb applaudiert. Mao wurde von einem nicht abreißenden Strom westlicher Bewunderer besucht (von denen einige Namen in China noch immer Ekel hervorrufen). Castro konnte sich jahrelang in den Schmeicheleien von Literaten wie Jose Saramago und Gabriel Garcia Marquez aalen. Sogar Pol Pot stieß bei einigen Journalisten und Akademikern auf Wohlgefallen. Letztes Jahr unterschrieben eine Reihe von Journalisten, Autoren und Prominenten, darunter Harold Pinter, Nadine Gordimer, Harry Belafonte und Tariq Ali, einen Offenen Brief, der behauptete, auf Kuba habe es 'seit 1959 keinen einzigen Fall von Verschwinden, Folter oder außergerichtlichen Exekutionen gegeben'... Nichts davon ist neu, und wäre nicht wert, ausgegraben zu werden, wenn es sich nicht gerade wiederholen würde: Hugo Chavez, der gewählte starke Mann Venezuelas, ist das neueste Objekt der Anhimmelei durch westliche 'Progressive', die von ihren Ausflügen nach Venezuela mit leuchtenden Augen zurückkehren."

Magazinrundschau vom 09.05.2006 - Times Literary Supplement

Voller Bewunderung schreibt Benjamin Markovits über Philip Roth' neues Buch "Everyman", das - eher eine Novelle denn ein Roman - das Leben eines Mannes als dessen Krankengeschichte erzählt und als Geschichte gescheiterter Ehen. "'Everyman' zeigt, wie sehr die Macht des Trosts im Leben zählt. Die Fähigkeit, einander zu trösten (nicht zu erregen, zu interessieren oder zu amüsieren) ist, wovon wir letztendlich abhängen."

Weitere Artikel: Einige aufschlussreiche Episoden verdankt Joyce Carol Oates der Journalistin Norah Vincent, die sich ein Jahr lang als Mann verkleidet hat und ihre Erfahrungen in "Self-made Man" niedergeschrieben hat. Angesichts von Javier Marias' Schriftsteller-Kurzporträts "Written Lives" blickt Peter Parker wehmütig auf die englische Tradition der Biografie zurück. Philip French stellt zwei Bücher über den Film Noir vor, Sheri Chinen Biesens "Blackout" und Edward Dimendbergs "Film Noir and the Spaces of Modernity", die sich bei aller unterschiedlichen Akzentuierung in einem Punkt einig sind: dass Boris Ingsters "Stranger on the Third Floor" der erste authentische Film Noir war.