Magazinrundschau - Archiv

The Times Literary Supplement

327 Presseschau-Absätze - Seite 20 von 33

Magazinrundschau vom 01.11.2005 - Times Literary Supplement

Shocking! Die Unterschichten haben Großbritannien erobert und, wie Richard Davenport-Hines feststellen muss, sein einst so aristokratisches Wesen zerstört. Letzte Zweifel darüber beseitigen die "dringenden, wichtigen, nahezu essenziellen" Essays "Our Culture" des britischen Ober-Snobs Theodore Dalrymple (den die englischen Proleten fast ins französische Exil getrieben hätten). Davenport-Hines kann Dalrymples moralischem Befund nur zustimmen: "Die bürgerlichen Tugenden, gute Manieren, Selbstkontrolle und Mäßigung sowie das nationale Misstrauen gegenüber jedem Exzess wurden über Bord geworfen. Gewalt, Hysterie, Gemeinheit und Vulgarität gehören nun zu den vorherrschenden Zügen des englischen Charakters".

Weiteres: Völlig uninteressant findet Peter Holland Peter Ackroyds kurzatmige Shakespeare-Biografie. Unzufrieden ist Timothy Hyman mit dem Band "Art Since 1900", in dem nur Werke vorkommen, die die Kunstgeschichte vorangetrieben haben.

Magazinrundschau vom 18.10.2005 - Times Literary Supplement

"Thalberg ist der erste unter den Pianisten, Liszt ist der einzige", soll die Prinzessin Cristina Belgiojoso-Trivulzio erklärt haben, nachdem sie die beiden in ihrem Salon zu einem Duell hatte antreten lassen. Andere Frauen verloren dagegen über Liszt ihren Verstand: In Wien, Berlin und Paris empfingen sie ihn in Triumphzügen und trugen seine abgebrannten Zigarrenstummel als Broschen. Dass die Lisztomanie kaum der Virtuosität des Pianisten geschuldet war (auch wenn er sehr extravagant mit den Füßen stampfen konnte), hat Leon Platinga in Dana Gooleys Buch "The Virtuoso Liszt" gelernt: "Es war etwas anderes an Liszts Konzerten, an seiner reinen Präsenz, das diesen Wirbel verursachte; er hatte ein Charisma und Drama, das so gut wie jeden Nerv berührte. Jeder Versuch, diesen Effekt zu beschreiben, endete bei Metaphern vom Krieg, bei Andeutungen von etwas Dämonischem oder irritierenden Gedanken über psychosexueller Kräfte."

Besprochen werden außerdem Andrew Parkers Untersuchung "Seven Deadly Colours" über das von Darwin sträflich vernachlässigte Wunder der Tierfarben und A. N. Wilsons Studie über den Niedergang von Imperialismus und elitärer Herrschaft "After the Victorians".

Magazinrundschau vom 06.09.2005 - Times Literary Supplement

Sophie Ratcliffe feiert den neuen Roman von Zadie Smith "On Beauty". Es geht um Schönheit, Klugkeit und Gerechtigkeit und ist dabei von umwerfender Leichtigkeit, schwärmt Ratcliffe: "Smith hat viel über Eitelkeit nachgedacht, und darüber, wie uns unser Aussehen definiert. Als sie einmal in einem Interview nach einem ihrer prägendsten Momente in ihrem Leben gefragt wurde, erinnerte sie sich daran, wie sie 'einen Jungen traf, den sie für außergewöhnlich schön hielt. Ich glaube, dass zum Teil meine Verzückung und das Verlangen nach etwas, was ich nicht haben konnte, mich zum Schreiben brachte. Ja, da spielte auch Rache mit.'"

Peter Williams empfiehlt Joachim Köhlers Wagner-Biografie all denen, die schon immer wissen wollten, "was für ein Schwein Richard Wagner war": "Wenn Sie aber wissen wollen, wie derselbe Richard Wagner einige der hinreißendsten und großartigsten Musikstücke schaffen konnte, wie er in seinen gigantischen Kompositionen Note für Note, Takt für Takt eines der größten Werke der Vorstellungskraft baute, das jemals ein Mensch in Angriff nahm, dann werden Sie hier keine Antwort finden."

Außerdem: Stephen Medcalf gibt zum zwölften Todestag von William Golding seiner unendlichen Bewunderung Ausdruck: "Wenn es ein literarisches Establishment in der englischsprachigen Welt geben sollte, wäre Golding zu groß dafür." John North stellt zwei Bücher zu den babylonischen Ursprüngen der Astrologie vor.

Magazinrundschau vom 19.07.2005 - Times Literary Supplement

Wie ein Komet auf die Erde oder wie Wittgenstein in die Philosophie wird Richard Taruskins sechsbändige "History of Western Music" in die Musikgeschichte einschlagen, prophezeit der britische Autor und Philosoph Roger Scruton: "Altes Leben wird ausgelöscht, neues befördert und die Landschaft für immer verändert." Denn: "Dies ist nicht nur ein Werk akademischer Musikwissenschaft. Es ist auch, und zuallerst, ein Werk der Kulturkritik, das westliche Musik in ihren vollen historischen und literarischen Kontext setzt... Stellen Sie sich Heinrich Wölfflins kunstgeschichtliche Vorstellungskraft vor, Donald Toveys analytisches Genie und Hugo Riemanns Verständnis von harmonischen Funktionen, und dies alles mit der kritischen Intelligenz eines T.S. Eliot angewandt. Und stellen Sie sich diese Kombination auf den aktuellen Stand gebracht vor, mit einem kritischen Blick auf modische Mantras (von Meta-Narrativ bis zur Hermeneutik des Verdachts). Dann haben Sie Taruskin."

Benjamin Markovits quittiert die Geschichte des wegen eines unsauberen Berichts gefeuerten New-York-Times-Reporters Michael Finkel, der später herausfand, dass sich ein gesuchter Mörder unter seinem Namen in Mexiko versteckte, mit dem Witz: "Wenn ein Mann erst einmal anfängt zu morden, dann dauert es nicht lange, bis er auch Raub nicht so schlimm findet. Und vom Raub ist es nicht weit zum Trinken und dem Brechen des Sabbaths. Und dann fehlt nicht mehr viel zur Unhöflichkeit und Unpünktlichkeit."

Weitere Artikel: Eine tolle Geschichte erzählt Lorna Gibb mit ihrer Biografie der Lady Hester Stanhope, berichtet Annette Kobak: Die sehr geistreiche, etwas wahnsinnige Dame, ritt 1806 in den Libanon, wo sie sich in einem verlassenen Bergkloster niederließ und dort bis zu ihrem Tod 1839 als "Königin der Wüste" über ihr kleines Reich herrschte. Jonathan Keates meditiert über veraltete Reiseführer und die Ungeduld des Weltenlaufs. Außerdem präsentiert das TLS englische Übertragungen des jüngst entdeckten Sappho-Gedichts.

Magazinrundschau vom 28.06.2005 - Times Literary Supplement

Der norwegische Oxford-Soziologe Stein Ringen empfiehlt in einem sehr lesenswerten Text über die Armut und ihre Bekämpfung - besonders in Afrika - zwei Bücher zum Thema: "The End of Poverty" von Jeffrey Sachs und Gareth Stedman Jones' Ideengeschichte "An End to Poverty?", die die Diskussion um die Bekämpfung der Armut seit Paine und Condorcet nachzeichnet. "Paine und Condorcet stimmten in Sachen Armut überein, aber nicht in der Frage der Umverteilung. Paine wollte die Reichen besteuern und das Geld den Armen geben. Condorcet setzte auf Erziehung. Ihm war wichtig, die Machtlosen in die Lage zu versetzten, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen." Sachs folgt Condorcet. "Natürlich müssen die Reichen den Armen helfen, aber eher durch Investitionen als durch Spenden. Der Wunsch nach Verbesserung ist universal. Menschen werden immer dafür arbeiten, ihren Lebensstandard und den ihrer Kinder zu verbessern. - wenn sie es denn können. Das Problem der Armut ist gelöst, wenn jeder 'die Chance hat, die Leiter nach oben zu steigen'."

Freudig erregt zeigt sich Martin West über die Rekonstruktion eines Sappho-Gedichts, mit dem sich die Zahl der vollständig erhaltenen Gedichte auf ganze vier erhöht. Die Fragmente waren 2004 von Martin Gronewald und Robert Daniel in der Universität Köln entdeckt worden. "Dieser Text, entdeckt in der Kartonnage einer ägyptischen Mumie, ist das früheste bisher bekantte Manuskript ihres Werks. Er wurde im dritten Jahrhundert vor Christus kopiert, nicht viel mehr als dreihundert Jahre, nachdem sie ihn geschrieben hatte." Leider haben wir keine deutsche Übersetzung gefunden. West präsentiert seine Englische. Es geht ums Altern! "... This state I oft bemoan; but what's to do?' / Not to grow old, being human, there's no way."

Außerdem: Tom Holland empfiehlt Filmemachern, Xenophon zu lesen. Robert Elsie widmet dem albanischen Schriftsteller Ismail Kadare ein ausführliches Porträt, das online leider nur in Auszügen zu lesen ist.

Magazinrundschau vom 21.06.2005 - Times Literary Supplement

Die Erforschung des Glücks ist ein prosperierendes Feld der Sozialwissenschaften. Mit gehöriger Skepsis begutachtet die Psychologin Carol Tavris einige populärwissenschaftliche Neuerscheinungen zum Thema. Dauerhaftes Glück ist nicht machbar, meint sie, überhaupt kann man Hochgefühle kaum selbst herbeiführen. "Alles deutet darauf hin, dass jeder von uns so etwas wie einen Glücksthermostat in sich hat, der uns dahinblubbern lässt auf dem Pegel, auf dem wir eingestellt sind. Der Pegel fällt unter extremen Umständen (Krieg, Gewalt, Verlust, dauerhafte Armut) und steigt in Zeiten des Feierns, bleibt aber ansonsten recht beständig auf mittlerer Stufe."

Außerdem erinnert John McGahern an den irischen Unabhängigkeitskämpfer Ernie O Malley und seinen Klassiker "On Another Man?s Wound". Besprochen wird die Ausstellung "The creation of celebrity" mit Bildern des frühen Starporträtisten Joshua Reynolds in der Tate Britain. Und Richard Horton kann Raymond Tallis' Plädoyer für bedingungsloses Vertrauen in die Ärzteschaft nur sehr bedingt zustimmen.

Magazinrundschau vom 07.06.2005 - Times Literary Supplement

Robert Jackson rezensiert drei aktuelle französische Publikationen zum Thema europäische Verfassung: Jacques Genereux' "Manuel critique du parfait Europeen", Elizabeth Guigous "Je vous parle d'Europe" und "L'homme Europeen" von Dominique de Villepin und Jorge Semprun. Sie erinnern den Rezensenten vordergründig daran, dass "Frankreich ein Land ist, in dem Eleganz und Gelehrsamkeit, leicht abgenutzt, immer noch einen Platz in der demokratischen Arena behaupten. Weniger offensichtlich ist, dass sie ein Land enthüllen, in dem die intellektuellen Eliten wissen, was gut für sie selbst und alle anderen ist, und ihren Führungsanspruch keinen Moment in Zweifel ziehen." Obwohl die Autoren unterschiedlichen politischen Lagern entstammen und in ihren Abstimmungsempfehlungen divergieren, konstatiert Jackson eine erstaunliche Homogenität in ihrer Grundeinstellung: "Alle stimmen darin überein, dass Europas Problem vorrangig ein institutionelles ist, dass das europäische Projekt das unverzichtbare politische Vorhaben des einundzwanzigsten Jahrhunderts darstellt - und dass Frankreich die dominierende Stimme bei der Ausarbeitung dieses Projektes zusteht."

Magazinrundschau vom 31.05.2005 - Times Literary Supplement

Clive James rezensiert den Rezensenten John Bayley, genauer gesagt dessen Band "The Power of Delight", in dem Bayleys Rezensionen von 1962 bis 2002 versammelt sind. "Bayley schwelgt in allem, was gut geschrieben ist, und schreibt dabei selbst so gut, dass er der Liste hinzugefügt werden muss. Wenn er eine Schriftstellerbiografie rezensiert, liest er (nochmals) die anderen Bücher des Biografen, jedes Buch des Biografierten und bringt sämtliche anderen relevanten Autoren ins Spiel, die ihm einfallen. Wenn er über einen Roman spricht, hat er nicht nur sämtliche weiteren Romane desselben Romanciers gelesen, sondern ebenfalls all diejenigen Romane anderer Autoren, die auch nur entfernte Ähnlichkeit mit jenem aufweisen ... Er sieht kein Ende von Verbindungen. Und das Beste daran: sie sind nicht theoretisch."

Reviel Netz' Stacheldraht-Buch ("Barbed Wire. An ecology of modernity") kriegt dagegen ordentlich sein Fett weg. Edward N. Luttwak, der eine mit Stacheldraht umzäunte Rinderfarm im bolivianischen Urwald betreibt, ätzt: "Laut Netz geht es Rinderzüchtern nicht um Fleisch- und Fellproduktion in eher unfruchtbaren Gegenden, sondern vielmehr um Machtausübung: 'Was bedeutet Kontrolle über Tiere? Sie hat zwei Seiten, einen Vorteil für den Menschen und eine Deprivation der Tiere.' Um die Wahrheit zu sagen - ich habe noch nie über diese schwer wiegende Frage nachgedacht, geschweige denn, dass mir in den Sinn gekommen wäre, wie tiefsinnig die Antwort ausfallen könnte."

Weiteres: Arthur M. Schlesinger Jr. verteidigt Franklin Delano Roosevelts Strategien sowie das von ihm erzielte Ergebnis während der Jalta-Konferenz im Februar 1945 gegen die weit verbreiteten Auffassung, Roosevelt sei Stalin zu naiv gegenübergetreten. Ridley Scotts "Königreich der Himmel" ist "visuell inspirierend und daher wert, angeschaut zu werden, aber der von Pferdewiehern und Kamelgrunzen gerahmte Schlachtenlärm lohnt das Hinhören nicht", urteilt Robert Irwin. Ein "außergwöhnliches Werk" sichtet D. J. Taylor mit der von Pierre Coustillas vorgelegten "Definitive Bibliography" zu George Gissing.

Magazinrundschau vom 17.05.2005 - Times Literary Supplement

William Boyd (mehr hier), der gerade ein Filmdrehbuch über Churchill und Roosevelt schreibt, hört sich eine offensichtlich etwas hagiographisch geratene Radioserie der BBC über Winston Chruchill an, liest einige neuere Bücher und bekommt sehr britische Bauchschmerzen: Wie "special" war denn die "special relationship", die Churchill mit den USA schmiedete, um einen Alliierten im Krieg gegen Hitler zu gewinnen? "Mit seinen romantischen Auffassungen über die Union der englisch sprechenden Völker und der geschönten Interpretation seiner Freundschaft mit Roosvelt hat Churchill den nachfolgenden britischen Regierungen keinen Gefallen getan, denn bei einem näheren Blick auf die Beziehungen zwischen Roosevelt und Churchill stellt sich heraus, dass die besonderen Beziehungen nicht so besonders waren." Und dann stellt Boyd noch einige traurige "Was wäre wenn"-Fragen: "Was wäre wenn die Japaner nicht Pearl Harbor angegriffen hätten, wenn Hitler den USA nicht eine Woche danach den Krieg erklärt hätte? Wann wären die Amerikaner dann in den Krieg eingetreten?"
Stichwörter: Churchill, Winston

Magazinrundschau vom 03.05.2005 - Times Literary Supplement

Terry Eagleton hat den Sammelband "The Literary Wittgenstein", gelesen, und fragt sich, warum ausgerechnet der Philosoph Ludwig Wittgenstein eine große Inspiration für so viele Künstler war. Die Antwort: "Sehr viele Dichter und Maler hüten sich vor den anämischen Abstraktionen der Philosophie. Doch genau dies tut auch Wittgenstein; und das ist vielleicht auch ein Grund, warum Schriftsteller und Komponisten die Gastfreundlichkeit an Wittgensteins Werk so schätzen." Die Gastfreundlichkeit beziehungsweise das "nach Hause kommen" spielt bei Wittgenstein eine große Rolle, wie der Essay von David Schalkwyk klarmache. "Während die russischen Formalisten dachten, der Zweck der Kunst sei eine Entfremdung vom Vertrauten, war es für Wittgenstein umgekehrt. Das Gefühl der Entfremdung - des Schwindel, der Betörung, des Deplatziertseins ist genau das, was die Therapie, die wir Philosphie nennen, zu überwinden versucht. Für Wittgenstein entdeckt die Philosophie das, was immer da war, und ... was wir immer gekannt haben, ohne zu wissen, dass wir es kannten." Für Eagleton ist es "also nur oberflächlich überraschend, dass ein Schriftsteller, der scheinbar so transparent und hartnäckig unerhaben ist wie Wittgenstein, so verlockend ist für Künstler, die geistige Geheimnisse, das Rätselhafte und versteckte Tiefe schätzen."