Magazinrundschau - Archiv

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72 Presseschau-Absätze - Seite 7 von 8

Magazinrundschau vom 14.03.2017 - Tablet

Paul Berman nimmt für die Reflexion der laufenden Ereignisse die Vogelperspektive ein. Von sehr weit oben betrachtet geht für ihn nun die 1968 eingeläutete Phase der "liberalen Revolution" zu Ende - der "Arabische Frühling" war ein letztes Aufflackern dieser Revolte für eine gesellschaftliche Modernisierung -, und mit Brexit und Trump hat die Phase der Konterrevolution begonnen, für deren engstirnigen Identitarismus aber auch der Islamismus steht: "Die liberale Revolution hat fünfzig Jahre lange gedauert, bis die Konterrevolution sie hinwegfegte. Wie lange wird diese dauern? Wir wissen nur, dass wir es nicht wissen. Sechs Monate vor der Präsidentschaftswahl im Jahr 2016 hatte kein einziger ernstzunehmender Experte ihren Ausgang einigermaßen akkurat vorhergesagt. Das heißt nicht, dass politische Experten in den USA dumm sind. Es heißt, dass wir in eine neue Ära eingetreten sind, in der die analytischen Begriffe der Vergangenheit nicht mehr greifen - ein Grund mehr, Angst zu haben."

Magazinrundschau vom 24.01.2017 - Tablet

David Samuels führt ein quicklebendiges Interview mit Bernard Henri Lévy, dessen Buch "The Genius of Judaism" gerade in Amerika erscheint. Lévy spricht über Sartre, Borges, Benny Lévy und nicht ohne Spitzen auch über Alain Finkielkraut: "Ich respektiere ihn. Er ist einer der französischen Autoren heute, für die ich Achtung habe. Er ist ein guter Schreiber und ehrlicher Denker. Aber ich stimme ihm in nichts zu. Er ist ein Denker, und die größte Uneinigkeit liegt im Thema Identität. Ich scheiße auf Identität. Ich scheiße drauf. Identität ist eine philosophische Frage, die mich nicht interessiert... Für mich ist Identität ein Gefängnis, eine Begrenzung unseres Seins, ein Mythos, eine Illusion. Ich kann nichts damit anfangen... Und dann diese Frankreich-Obsession. Klar, was in Frankreich passiert, ist sehr wichtig. Aber es ist auch nicht das Ende der Welt. Ich war immer gegen Provinzialismus. Frankreich langweilt mich sehr schnell."

Magazinrundschau vom 06.12.2016 - Tablet

Faszinierend liest sich Jacob Siegels ausführliches Porträt des jüdischen Autors Paul Gottfried, eines brillanten, aber nie arrivierten Intellektuellen, der zu den Erfindern der Alt-Right-Bewegung gehört und als Mentor des viel jüngeren Alt-Right-Anführers Richard Spencer gilt. Unter anderem lernt man einiges über das jüdische Leben in Amerika - als ungarischer Jude habe Gottfried stets missbilligend auf die russischen Juden herabgeblickt, die bei den Neocons eine Rolle spielten. Interessant ist auch Siegels ideologische Analyse von Gottfrieds Ideen, die auf eine Revision des Begriffs des Faschismus hinausläuft: "In seinem Buch 'Fascism: The Career of a Concept' begründet Gottfried, warum der 'ursprüngliche Faschismus' Spaniens und Italiens einer anderen Art angehörte als der deutsche Nazismus. Hitler, so das Argument, war nicht eigentlich ein Faschist, sondern die rechtsextreme Antwort auf Stalin. Vor ein paar Jahren wäre das als eine interessante, ein bisschen abstrakte Historikerdebatte erschienen. Heute ist klar, dass es auch einem politischen Zweck dient. Es nimmt rechtsextremer Politik das Stigma des 'Faschismus'. Gleichzeitig hilft es eine ganze Gruppe von Begriffen zu retten, die von der Assoziation mit dem Faschismus infiziert sind, wie 'ethnischer Nationalismus' oder 'Race Science' und sie zur Wiederverwendung tauglich macht."

Magazinrundschau vom 27.09.2016 - Tablet

Vor fünfzig Jahren hat es begonnen, aber es ist noch nicht zu Ende, fürchtet Paul Berman. 1966 war das Jahr der maoistischen Kulturrevolution, eines entsetzlichen Massakers, das überall auf der Welt, aber besonders auch in Deutschland, begeisterte Unterstützer fand. 1966 wurde auch Sayyid Qutb gehängt, der mit seinen "Meilensteinen" eine ähnlich blutige Spur der Verzückung legen würde. Und damit eines klar ist: "Die Leute wollten Maoisten sein. Darum breitete sich das aus. Niemand wurde da hineingeredet. Die Leute guckten sich die Slogans und die Plakate und das wunderbare rote Büchlein und die großen Massen an, und machten den Sprung. Es war eine Epidemie politischen Wahnsinns, zuweilen mit Brillanz gesprenkelt, wie es mit dem Wahnsinn geht, meist aber getrieben von einer Pathologie der Gewalt."

Magazinrundschau vom 20.09.2016 - Tablet

Gemeinsam mit seinem 2011 verstorbenen Partner Jerry Leiber hat der Songschreiber und Produzent Mike Stoller die DNA der amerikanischen Populärmusik der zweiten Hälfte wie kaum ein zweiter geprägt - zumindest, was Golden Evergreens von beispielweise von Elvis, James Brown, Ben E. King oder Aretha Franklin betrifft. David Samuels hat mit dem Songschreiber und Produzenten ein von Pop-Anekdoten durchsetztes Gespräch geführt, das in Zeiten, in denen ein ethnifizierter Kultur-Isolationismus ernsthaft als antirassistische Strategie ins Gespräch gebracht wird, auch einigen Aktualitätsbezug aufweist. Denn Stoller erweist sich als großer Freund des kulturellen Transfers zwischen den Milieus: "Von Anfang an war alles, was wir getan haben, davon inspiriert, wie gut wir die schwarze populäre Musik kannten und verstanden und wie sehr wir sie liebten. Der Blues, Boogie Woogie, Rhythm'n'Blues. Und die Leute sagten: 'Ihr seid daran schuld, dass diese Musik zu den Weißen gekommen ist.' Uns machte das sehr stolz. Und bis heute sagen das die Leute. Wenn das etwas ist, was auf unser Konto geht, dann hat es uns sehr stolz gemacht. Denn: Ja, selbstverständlich gibt es eine Vielzahl von Einflüssen auf die amerikanische Musik, aber ich denke, der stärkste stammt von den Schwarzen. ... Es war vor allem der Rhythmus, der uns angesprochen ist. Und da lag Humor drin, sogar in den Blues-Stücken. Wissen Sie, der Humor im Blues ist, wie Jerry stets zu sagen pflegte, dem jiddischen Humor sehr ähnlich. Nach dem Motto, wenigstens habe ich all dies Unglück zu ertragen, ansonsten hätte ich ja gar kein Glück."

Magazinrundschau vom 26.04.2016 - Tablet

Robert Rockaway, Autor des Buchs "But He Was Good to His Mother - The Lives and Crimes of Jewish Gangsters" erzählt eine unglaubliche Geschichte. Eines Tages gegen Ende der Achtziger erzählte ihm ein ehemaliger New Yorker Gangster in Israel, wie ein nicht krimineller Jude ihn angesprochen habe, um ein paar Killer auf Hitler anzusetzen. Gescheitert sei der Plan am FBI: "Ich starrte den Mann mir gegenüber an. Ich zweifelte. Ein Plan, Hitler umzubringen im Jahr 1933? Mit jüdischen Gangstern? War das ernst gemeint? Die Story schien weit hergeholt, ein 'bube meyseh' (Ammenmärchen). Ich war skeptisch. Aber ich notierte, was er mir zu sagen hatte. Er sagte, dass der oder die Killer unbedingt Jiddisch beherrschen sollten, so dass sie in Deutschland keine Sprachprobleme hätten. Sie sollten 2.500 Dollar plus Spesen bekommen. Der 'nicht kriminelle Jude' habe ihm versichert, dass 'Leute in Deutschland uns helfen werden'." Und wie Rockaway in seiner Recherche in FBI-Archiven herausfindet, war diese Geschichte nicht aus der Luft gegriffen.

Magazinrundschau vom 18.08.2015 - Tablet

Walter Laqueur, Autor des Buchs "The Terrible Secret" (1981), beschäftigt sich mit neuen Aspekten zur Frage, was der Westen wann über den Holocaust wusste und wie er es verarbeitete. Im Grunde war von 1942 an alles bekannt - es verbreitete sich nur nicht. Nebenbei macht Laqueur klar, dass etwa auch die Forscher der Frankfurter Schule mit den Informationen nichts anzufangen wussten: "Franz Neumann schrieb in dieser Zeit "Behemoth", die "definitive Analyse des Dritten Reichs" nach den Worten C. Wright Mills", der das Buch rezensierte. Es handelte von Profitmotiven und der ökonomischen Struktur des Systems, den Beziehungen zwischen Industrie- und Finanzkapital und anderen wichtigen Fragen. Aber es war kaum in der Lage, Licht auf das Schicksal der jüdischen oder anderer Opfer des Regimes zu werfen, denn es gab keine offensichtliche Verbindung zwischen Profitmotiven, der ökonomischen Struktur des Regimes und Auschwitz. Nach Neumann waren Rassismus und Antisemitismus nur Ersatzobjekte für den Klassenkampf. Die Juden waren als Sündenböcke für alles "Böse" in Deutschland extrem wertvoll, und schon darum würden die Nazis nicht zu einer Politik der totale Auslöschung greifen."

Magazinrundschau vom 02.06.2015 - Tablet

Paul Berman versucht zu klären, worin eigentlich die Motivation der Charlie-Hebdo-Kritiker im amerikanischen PEN-Club lag, das Blatt ein paar Monate nach dem Massaker als "rassistisch" und quasi rechtsradikal zu kritisieren? Lag"s daran, dass die überfeinerten New Yorker allenfalls die lauen Cartoons des New Yorker verkraften? Nein, der Grund liegt tiefer: "Ich glaube, dass Panik eingesetzt hat. Sie ist natürlich von den Islamisten ausgelöst worden, schon vor zehn Jahren mit der Kampagne gegen die Mohammed-Karikaturen aus Jyllands-Posten (und auch gegen Charlie Hebdo, der die Karikaturen loyalerweise nachdruckte). Und diese Panik wurde von den wichtigsten englischsprachigen Medien unabsichtlich verstärkt und verbreitet, als sie 2005 die kaum durchdachte Entscheidung trafen, die dänischen Karikaturen nicht nachzudrucken oder im Fernsehen zu zeigen. Diese Entscheidung war der Präzedenfall für den Verzicht auf den Nachdruck der Charlie-Karikauren. Und der PEN-Streit zeigt nun die Konsequenzen."

Magazinrundschau vom 21.04.2015 - Tablet

Viele jüdische Autoren haben zur Erforschung des Völkermords an den Armeniern beigetragen, schreibt Peter Balakian im jüdischen Tablet Mag, aber Israel hat sich aus politischen Gründen bis heute geweigert, den Völkermord beim Namen zu nennen. "Könnte der hundertste Jahrestag des armenischen Genozids - der aus Ironie der Geschichte mit dem Niedergang der türkisch-israelischen Beziehungen zusammenfällt - Gelegenheit sein, die moralischen Konzessionen zu überdenken, die Israel in dieser Frage macht? Angesichts der unermüdlichen türkischen Kampagne zur Leugnung des Genozids und zur Durchsetzung seines Geschichtsbilds in den demokratischen Gesellschaften auf der ganzen Welt hätte eine israelische Anerkennung der Tatsachen einen wichtige ethische Bedeutung."

Magazinrundschau vom 07.04.2015 - Tablet

David Samuels führt ein sehr langes Gespräch mit Matthew Weiner, dem Erfinder der "Mad Men", über jüdisches Leben in New York und Los Angeles, wo Weiner herkommt. Er spricht über die jüdischen Figuren in seiner Serie und über die Situation der Juden in den USA: "Wo ich gelebt hat, war nicht immer bekannt, dass ich Jude war - und ich glaube, ich kann sagen, dass ein großer Teil der Bevölkerung uns immer noch als Outsider sieht. Das ist eine Tatsache, die wir nicht akzeptieren wollen. Aus irgendeinem Grund werden wir nicht als Teil des multikulturellen Spektrums gesehen, obwohl wir eine eigene Kultur haben und eine Minderheit sind... Ob du es zugibst oder nicht, es gab immer wieder Zeiten, in denen die Juden anfingen sich in einer Gesellschaft einzurichten, und dann wachten sie eines Tages auf und stellten fest, dass der Deal jederzeit gekündigt werden kann, selbst wenn sie christlich geheiratet hatten oder konvertiert waren. Was für ein Schock für eine ganze Generation deutscher Juden, die im 19. Jahrhundert Protestanten wurden, um eines Tages festzustellen, dass ihre Kinder immer noch jüdisch waren."