Magazinrundschau - Archiv

openDemocracy

61 Presseschau-Absätze - Seite 5 von 7

Magazinrundschau vom 30.11.2010 - Open Democracy

Der russische Fernsehjournalist Leonid Parfjonow nutzte eine live übertragene Preisrede, die man nicht einfach unterbrechen oder zensieren konnte, um die Zustände im russischen Staatsfernsehen anzuprangern. OpenDemocracy bringt ein Video und eine Übersetzung der Rede. Hier ein Ausschnitt: "Nach einigen wirklichen und angeblichen Sünden wurde das 'nationale' Fernsehen in den neunziger und nuller Jahren mit zwei Zielen verstaatlicht: um Medien-Oligarchien auszuschalten und um eine Front im Krieg gegen den Terror zu bilden. Mediengeschichten - aber auch alle andere Geschichten im Fernsehen - fallen seitdem in zwei unverrückbare Kateogrien: solche, die gesendet werden können, und solche, die nicht gesendet werden können. Jede Sendung wird als ein Zeichen des Staatswillens und der Haltung und Launen der Regierung gelesen. Institutionell gesehen ist das nicht einmal Information, sondern eher Staats-PR."

Magazinrundschau vom 09.11.2010 - Open Democracy

Amal Nasr, die mit ihrer Familie seit 2000 in Gaza lebt, erzählt von den verschiedenen sozialen Verhaltensvorschriften, die Frauen in Gaza beachten müssen - je nachdem, in welchem Teil sie leben und welcher Schicht sie angehören. "Über die Jahre sind viele aus der palästinensischen Diaspora nach Gaza gezogen. Sie haben soziale Veränderungen mit sich gebracht. Viele dieser Flüchtlinge sind weniger religiös-konservativ als die herkömmliche Gesellschaft in Gaza. Das führt immer häufiger zu einem Zusammenprall der Lebensformen. Es gibt zum Beispiel Diskussionen über den Hijab, weil Frauen, die ihn nicht tragen, anfeindet wurden - vor allem in übervölkerten Orten wie Jabalia und Beit Lahya. Die 32-jährige Amiera Najar sagt: 'Mir werden manchmal ziemliche Beleidigungen an den Kopf geworfen. Leute verurteilen mich und bedrohen mich. Mir wurde geraten, den Hijab an bestimmen Orten zu tragen, um feindliche Reaktionen zu vermeiden.' Solche Verpflichtungen werden nicht aufgezwungen. Aber wenn die Mehrheit den Hijab trägt um nach sozialen Konventionen Bescheidenheit auszudrücken, dann steht die Minderheit schnell unter Druck, sich anzupassen."
Stichwörter: Diaspora, Hijab

Magazinrundschau vom 12.10.2010 - Open Democracy

In Open Democracy werfen der Religionsphilosoph Remi Brague und der konservative Publizist Jerome di Costanzo einen Blick auf die Säkularisierung - allerdings aus dezidiert prokirchlicher Perspektive. Die Säkularisierung, so meinen sie dabei, ist einzig und allein ein Verdienst der Kirche: "Die Trennlinie zwischen Kirche und Staat ist eine Idee des Christentums, die bei den Kirchenvätern als Antwort auf den Machtanspruch Konstantinopels keimte und die sich im Mittelalter weiterentwickelte. Seit dem Investiturstreit war der Heilige Stuhl stets bestrebt, den Staat (das heißt den Kaiser oder die Könige) in ihre rein innerweltlichen, 'säkularen', wenn Sie so wollen, Schranken zurückzuweisen: Friede, Gerechtigkeit, gute Sozialordnung. Der Staat dagegen war nicht 'säkular', er wollte seinen Teil der Sakralität abhaben. Man denke an den Begriff 'Heiliges Römisches Reich'. Die Säkularität ist eine kirchliche Errungenschaft."

Magazinrundschau vom 03.08.2010 - Open Democracy

In einem sehr interessanten Essay gehen die dänischen Autoren Jens-Martin Eriksen (mehr hier) and Frederik Stjernfelt (mehr hier) der Frage nach, warum die Linke in Dänemark und in Europa das zutiefst konservative Modell des Kulturalismus übernahm, der die kulturelle Identität über die individuelle stellt. Dabei schlagen die Autoren den Bogen von den marxistischen Bewegungen über den Antiimperialismus bis zu den Mohammed-Karikaturen und erkennen im Multikulturalismus eine Art "anthropologische Konterrevolution". Eine Erklärung ergibt sich für sie aus der Solidarität mit der Minderheit: "So wird für die Unterdrückten nach einer linken Devise aus den siebziger Jahre politisch Partei ergriffen: 'Das unterdrückte Volk hat immer recht.' Dies wurde sehr wörtlich verstanden, mit Implikationen, die weit darüber hinausgingen, dass ein unterdrücktes Volk das Recht hat, befreit zu werden. Es hatte jetzt in jeder Hinsicht recht, auch in der Verteidigung seinen kulturellen Dogmen. Unabhängig davon, ob diese Dogmen gerecht und wahr sind. Was zählt, ist, dass sie zur Kultur eines unterdrückten Volkes gehören. So wurde die Arbeiterklasse durch die 'unterdrückte Kultur' ersetzt - auch wenn dies bedeutete, dass Emanzipation durch einen Kulturalismus ersetzt wurde, der antiquierte und vormoderne Normen aufrechterhält - also eine absolute Umkehrung all dessen, wofür die Linke in Hinsicht auf Überzeugung und Werte einst stand."

Elena Strelnikowa erklärt die schwer geprüfte und anhaltende Liebe der Russen zu ihren Datschen: "Auf der Datscha ist die Luft frisch, die Vögel singen fröhlich, der Wein ist gekühlt." Und Flüge an die Strände Südeuropas sind eh zu teuer.

Magazinrundschau vom 20.07.2010 - Open Democracy

Die russische Dichterin Tatjana Schtscherbina zeigt sich entsetzt vom Urteil gegen die beiden Moskauer Ausstellungsmacher Andrej Jerofejew und Juri Samodurow. "Wie eh und je ist niemand in der Lage zu erkennen, was dieser Prozess für das Land bedeutet. Niemand sieht die historische Vorgänger. Alles hängt mit allem zusammen, und dieses unbedeutend erscheinende Böse bedroht oder zerstört das große Potenzial künftiger internationaler Entwicklung. Wir sind so damit beschäftigt, 'wir selbst zu sein', dass wir unfähig geworden sind, zu erkennen, wie sich die sowjetische Witwe selbst aus dem Weltkontext schreibt. Ganz wie in den alten Tagen, als man zu sagen pflegte: 'Ich habe zwar Pasternak nicht gelesen, aber ich weiß ganz genau, was das für einer ist', als Brodsky wegen Parasitentums vor Gericht gestellt wurde und eine Ausstellung von Bulldozern plattgemacht wurde."

Sara Silvestri beklagt, dass die in immer mehr Ländern Europas geplanten Burkaverbote nicht die unterschiedlichen Gründe berücksichtigen, aus denen muslimische Frauen sich verschleiern: "Eine junge Niqab-Trägerin sagte zu mir, dass sie Bedürfnis verspüre, einen Gesichtsschleier und lange schwarze Gewänder zu tragen, weil sonst andere Leute (d.h. Nicht-Muslime) kein Interesse daran hätten, ihre Meinung zu hören." Andy Williams beschreibt, wie die Trinity Mirror Company die beiden walisischen Tageszeitungen Daily Post und The Western Mail trotz bereits dezimierter Auflage und Redaktion immer weiter auspresst.

Magazinrundschau vom 06.07.2010 - Open Democracy

Olga Sherwood besingt einen Helden, den russische Rockmusiker Juri Schewtschuk. Bei einer Charity-Veranstaltung für krebskranke Kinder in Petersburg, bei der Künstler und Intellektuelle mit Wladimir Putin posieren sollten, wischte er alle Kreml-Etikette beiseite und fragte nach: "Schewtschuk begann mit absoluter Selbstbeherrschung die Fragen zu stellen, die in Russland schon lange nicht mehr gefragt werden. Er forderte Wladimir Putin zur Meinungsfreiheit heraus, zur Informationsfreiheit und der Presse; er fragte nach Russlands Zivilgesellschaft, und der Gleichheit vor dem Gesetz. Warum gehen Bergarbeiter in die Schächte wie in ihren sicheren Tod? Warum wurde die Polizei in ein Bestrafungsorgan umgewandelt? Warum werden friedliche Protestkundgebungen so hemmungslos aufgelöst? Beinhalten die aktuellen Pläne der Regierung eine ernsthafte und ehrliche Demokratisierung des Landes?" Die Abschrift dieses Treffens verbreitete sich rasend schnell im Internet, schreibt Sherwood, auch weil sie auf der Webseite des Ministerpräsidenten veröffentlicht wurde: "Ich konnte beim Lesen nur weinen. Abgesehen von der Organisatorin Tschulpan Chamatowa sah nur Schewtschuk in dieser Diskussion würdig aus."

Magazinrundschau vom 29.06.2010 - Open Democracy

In einer schwindelerregenden Kaskade von Fragen erklärt die Wissenschaftshistorikerin Lisbet Rausing ihre Sorgen über die Zukunft der Bibliothek in einem Zeitalter, in dem 80 Prozent der amerikanischen College-Studenten Google konsultieren, bevor sie sich ihrem Universitätskatalog zuwenden: "Wie die Open-Web-Bewegung behauptet, haben sich eine alte Tradition und eine neue Technologie zusammengetan, um ein beispielloses öffentliches Gut zu schaffen. 'Neue Technologie' bedeutet, dass sie die Kosten für elektronische Kopien gegen Null senkt, und dass sie eine glorios chaotische Mittlerrolle einnimmt. Denken Sie nur an Kindle / Amazon, Google Books, die Espresso Maschine oder die Ebooks von Mills & Boon. Aber die Rolle, die die 'alte Tradition' in diesem Arrangement spielt, wird viel weniger diskutiert. Wissenschaftler publizieren ohne Honorar, um des Wissens willen. Ihre Belohnung ist die Aufmerksamkeit ihrer Kollegen und soziale Nützlichkeit. In der Praxis ist die Aufmerksamkeit der Kollegen am wichtigsten. Die meisten Wissenschaftler interessieren sich kaum für ein breiteres Publikum. Das spielt eine Rolle. Denn Wissenschaftler verwalten Archive und Bibliotheken und sie tun das in ihrem Sinne. Diese Institutionen sind hervorragend im Sammeln, aber die Wahrheit ist, dass ihre Wächter den Zugang vor allem ihren, nun ja, Kollegen garantieren."

Außerdem: Cas Mudde erklärt den Allochthonen das Geert-Wilders-Phänomen. "Der einzige Punkt, an dem Geert Wilders sich wirklich von den anderen Parteien abhebt, ist seine Islamophobie. Wie auch immer, es ist nicht so sehr die Meinung an sich, die viele Niederländer teilen (vor allem bei den Rechten), sondern ihre Intensität. Wilders, der seit Jahren 24 Stunden am Tag bewacht wird, hat einen Tunnelblick entwickelt, in dem alles mit dem Islam verknüpft ist und Dschihadisten alles tun können, was sie wollen."

Magazinrundschau vom 08.06.2010 - Open Democracy

Es ist bekannt, dass der Völkermord an den Armeniern als ein Vorbild für den Judenmord der Nazis gilt. Aber auch für den Völkermord an den Armeniern scheint es ein Vorbild gegeben zu haben: die Vertreibung der Tscherkessen durch die Russen nach den Kaukasuskriegen um 1860. 500.000 bis eine Million Tscherkessen sollen damals über das Schwarze Meer in die Türkei getrieben worden sein, die Hälfte kam ums Leben. In der ehemaligen Hauptstadt der Tscherkssen, Sotschi, wollen die Russen die nächste Winterolympiade abhalten. Nun hoffen Exil-Tscherkessen, dass das von den Russen gerade gerupfte Georgien die Vertreibung der Tscherkessen als Völkermord anerkennt, schreibt Sufian Zhemukhov: "Das könnte Russland in Verlegenheit bringen: Es würde seine Spiele in eine Land abhalten, in dem ein von einem UN-Mitglied anerkannter Genozid stattgefunden hat. Es könnte ein Stachel in Russlands Fleisch werden so wie der armenische Genozid für die Türken." In Open Democracy wurde kürzlich auch ein Buch über die tscherkessische Katastrophe besprochen, Oliver Bulloughs "Let Our Fame Be Great" (mehr hier, hier und hier und hier in der Circassian World).

Außerdem schreibt Oleg Alexandrovich Yuriev über den hundertsten Todestag Tolstois und die schreckliche Tortur von Schriftstellerjubiläen im kommunistischen Zeitalter.

Magazinrundschau vom 04.05.2010 - Open Democracy

Es gibt auch kleine Kriege, die die Welt verändern, schreibt der bulgarische Politikwissenschaftler Ivan Krastev im Anschluss an Ronald Asmus' Buch "A Little War that Shook the World" (Auszug). "Der russisch-georgische Krieg von 2008 war so ein kleiner Krieg. Er dauerte gerade fünf Tage, aber er erschütterte den Glauben der Europäer, dass Krieg auf dem alten Kontinent eine Sache der Vergangenheit sei. Er hat nicht nur Staatsgrenzen im Kaukasus neu gezeichnet, sondern die Voraussetzungen der gesamten europäischen Sicherheitsdebatte verändert."
Stichwörter: Krastev, Ivan, Kaukasus

Magazinrundschau vom 20.04.2010 - Open Democracy

"Das Leben mit Viktor Orban wird stürmisch werden", meint Anton Pelinka nach dem Wahlsieg von Orbans nationalkonservativer Partei Fidesz und dem bestürzenden Wahlerfolg (16,7 Prozent) der rechtsextremen Jobbik in Ungarn. Orban selbst mag kein Rechter sein, "aber er und seine Regierung stehen vor einer großen Herausforderung. Ein wichtiger Grund für den tiefen Fall der Linken ist die Weltwirtschaftskrise, die Ungarn härter getroffen hat als fast alle anderen postkommunistischen Länder in Mittelosteuropa. Da globale Bedingungen die Konturen dieser Krise formen, wird Ungarns neuer Premierminister in der nahen Zukunft keinen nennenswerten Aufschwung produzieren können. Die Arbeitslosigkeit wird hoch bleiben, und Fidesz wird weiterführen müssen, was schon ihr sozialistischer Vorgänger getan hat - eine Politik der Bescheidenheit. Viele Fidesz-Wähler werden enttäuscht sein. Das bringt Jobbik ins Bild."