Magazinrundschau - Archiv

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61 Presseschau-Absätze - Seite 4 von 7

Magazinrundschau vom 12.07.2011 - Open Democracy

Yelena Fedotova stellt den russischen Dichter Dmitrij Prigow (1940-2007) vor, dem gerade eine Ausstellung in Venedig gewidmet ist. Prigow war ein postmoderner Künstler und ein Renaissance-Mann, mit jeder Menge Sprezzatura: "Die Ausstellung heißt 'Dmitrij Prigow: Dmitrij Prigow', was sich erstmal verwirrend anhört, aber die Tatsache einfängt, dass der Künstler Dmitrij Prigow sein ganzes Leben 'Dmitrij Alexandrowitsch Prigow' gewidmet hat. Als Zugeständnis an das westliche Publikum wurde das schwierige Patronym Alexandrowitsch aus dem Titel gelöscht, was irgendwie die Essenz des Charakters, den Prigow erfunden hatte, zerstörte. In der russischen Sprache bedeutet die Verwendung des vollen Namens, dass der Betreffende ein 'Klassiker' ist. Prigow hat sehr bewusst für die Ewigkeit gearbeitet, seine CV dem Bild eines bestimmten Charakters nachgebildet - dem großen russischen Poeten. In einem seiner Artikel, die als Teil seiner Performance angesehen werden kann, forderte er sogar, als Alexander Sergejewitsch Puschkin anerkannt zu werden. Weil für die Russen 'Puschkin unser Alles ist' und 'Dmitrij Alexandrowitsch Prigow' auch hofft, 'unser Alles' zu werden." Fedotova zitiert den Dichter:
"In Japan I would be Catullus
And in Rome I would be Hokusai
And in Russia I am the same guy
Who would have been
Catullus in Japan
And in Rome, Hokusai."

Magazinrundschau vom 03.05.2011 - Open Democracy

Orthodoxe jüdische Feministinnen? Gibt es, schreibt Cassandra Balchin in einem hochinteressanten Artikel. Die Antifeministen sind die Ultraorthodoxen, die in einer komplizierten Gemengelage mit rechten Nationalisten zusammengehen. Und alle möchten sie, dass Frauen sich bescheiden kleiden, zu Hause bleiben und gebären. Dagegen formieren sich orthodoxe Frauen wie zum Beispiel Dr. Debbie Weissman, die zur Gruppe Kolech: Religious Women's Forum gehört und mehr Rechte für Frauen fordert. "Ein wichtiges Thema für Kolech ist die belastete Frage von Kleidung und Bescheidenheit - familiäres Territorium für muslimische Feministinnen und immer häufiger auch christlich-evangelikale Gemeinschaften. Weissman sieht die Ironie, die darin liegt, dass man 'die Religiosität von Mädchen daran misst, wie lang ihre Kleiderärmel sind: ob sie den Ellbogen bedecken oder nicht? Ob dieser Rock das Knie bedeckt oder nicht? In diesem Moment denkt und spricht man so viel über den weiblichen Körper, dass man das Gegenteil dessen erreicht, was man will.'"

Weitere Artikel: Ekaterina Loushnikova besucht den hundertjährigen, äußerst agilen, Internet surfenden und bloggenden Kolyma-Überlebenden Pavel Galitsky. Anna Babinets erzählt, wie Agrarminister Mykola Prisyazhnyuk mittels einer mysteriösen Agentur den Weizenhandel in der Ukraine unter seine Kontrolle bringt. Mikhail Zakharov diagnostiziert einen handfesten Rassismus in Russland. Marie Gilbert findet es reichlich seltsam, dass so viele englischsprachigen Feministinnen den Niqab verteidigen.

Magazinrundschau vom 19.04.2011 - Open Democracy

Syrien ist ein Patchwork aus Konfessionen und ethnischen Minderheiten, schreibt Ali Khan. Was passiert, wenn die herrschende Assad-Familie, die zur Minderheit der Alewiten gehört, weicht? Khan fürchtet eine Situation wie im Libanon: "Iran und die Hisbollah werden den Verlust eines wichtigen regionalen Verbündeten und den Aufstieg einer rein sunnitischen Regierung wittern. Davon abgesehen werden selbst Schiiten, die nicht mit dem Iran verbündet sind, Angst haben, ihren Status zu verlieren. Vor allem die religiösen Schulen um den Sayyida Zainab Schrein in Damaskus fürchten den Moment, in dem die Alewiten die Macht verlieren, schon jetzt. Israel muss sich Sorgen machen, weil es jetzt zumindest über einen Feind verfügt, den es 'kennt' und schwer vorauszusagen ist, ob eine neue Regierung nicht noch antizionistischer ist."

Außerdem in Opendemocracy.org: Sarah Hurst schreibt über die immer engere Verflechtung zwischen Institutionen und Ureinwohnern in Alaska und Ostsibirien.

Magazinrundschau vom 12.04.2011 - Open Democracy

Nicht der naive Gorbatschow, sondern der mit allen KGB-Wassern gewaschene Juri Andropov hat mit dem sowjetischen Totalitarismus aufgeräumt, behauptete kürzlich der Filmregisseur Andrej Kontschalowski. Ach ja? Tatsächlich wurde Andropov von Putin seit 2000 als positiver Held aufgebaut, um die immer größere Rolle des KGB in der postsowjetischen Gesellschaft zu rechtfertigen, antwortet die Journalistin Irina Borogan, der das alles sehr bekannt vorkommt: "Es ist bezeichnend, dass Andropovs neues Image mit den selben Methoden geschaffen wurde, die in den Achtzigern den Kult um Dscherschinski zu neuem Leben erweckten, und mit den selben Absichten: Um die Einmischung des Geheimdienstes in die Wirtschaft zu rechtfertigen. In der sowjetischen Propaganda wurde der Chef der Tscheka, berüchtigt für die Entfesselung des Massenterrors, als bescheidener Mann präsentiert, der auf einem Eisenbett schlief und nur aß, um nicht zu verhungern. Er wurde als Mann präsentiert, der die Eisenbahnlinien und die Wirtschaft wieder aufbaute. Jede Diskussion über Dscherschinskis Hauptbeschäftigung - die Verfolgung von Klassenfeinden - wurde ersetzt durch eine Beschreibung seiner persönlichen Eigenschaften. Nur ausgewählte positive Details aus seinem Berufsleben wurden der Öffentlichkeit präsentiert. Das selbe Muster wurde benutzt, um in den 2000ern einen Kult um Andropov zu erschaffen."

Es ist richtig, Kontschalovski zu widersprechen. Es ist sinnlos, sich über ihn zu ärgern. Leihen Sie sich "Runaway Train" aus der Videothek Ihres Vertrauens aus, knirsch.


Magazinrundschau vom 22.03.2011 - Open Democracy

Die iranische Friedensnobelpreisträgerin und Rechtsanwältin Shirin Ebadi ermuntert im Interview die Frauen in Tunesien und noch mehr in Ägypten - wo sie stärker unterdrückt werden - sich für ihre Rechte einzusetzen. Sie dürften es nicht zulassen, dass man sie zwingt, zwischen ihren Rechten und dem Islam zu wählen. Der Iran habe gezeigt, wo das hinführt. Und eines Tages würden auch Männer mit ihnen demonstrieren, wie im Iran. "Ich hatte einige männliche Mandanten, die zu Frauendemonstrationen gingen und deshalb verhaftet und ins Gefängnis gesperrt wurden. Der Kampf für Frauenrechte und für Demokratie verläuft parallel. Es sind zwei Seiten einer Medaille. Und Frauen, die für Gleichheit kämpfen, sind Teil des Gewebes der Demokratie. Iranische Männer haben das verstanden. Sie wissen, dass der Sieg der Frauenrechte der Beginn der Demokratie ist."

Der Fernsehjournalist Andrei Loshak beschreibt an einem ganz banalen Fall das russische Justizsystem - in diesem Fall das Moskauer unter dem Vorsitz von Olga Yegorova - als Alptraum. Es geht um einen Streit in einem Taxi, der mit eingeschlagenen Scheiben und einer blutigen Nase endete. Die Kontrahenten hatten sich nach einer Nacht im Gefängnis beruhigt und nicht viel vorzuwerfen. Die Justiz sah das anders. "Anwälte sagen, in Russland verhaftet zu werden, sei mehr oder weniger dasselbe wie verurteilt zu werden. Das läuft so: Das Gericht akzeptiert 90 Prozent der Anträge auf Haftstrafen. Das heißt, eine Ablehnung gilt als ernsthafter Vorfall, der zu professionellen Kompetenz-Untersuchungen und Ermahnungen führt. Ein Urteil, das nach einer Verhaftung "Nicht schuldig" lautet, ist ein noch ernsterer Vorfall, denn es legt nahe, dass das Gericht einen Fehler gemacht und einen Unschuldigen ungerechterweise der Freiheit beraubt hat. Das ist ein Skandal. Der Unschuldige wird Entschädigung fordern. Wer braucht das? Darum ist das russische Rechtssystem Dantes Inferno."

Außerdem: In der Türkei ist die Zahl der Anschläge auf Frauen in den letzten sieben Jahren um 1400 Prozent gestiegen, berichtet Sertac Sehlikoglu. Der brutale Krieg in Tschetschenien hat dazu geführt, dass im Kaukasus islamische Fundamentalisten erst so richtig Oberwasser bekommen, schreibt Andrei Piontkovsky. Elena Strelnikova beschreibt die Geschichtsvergessenheit der Russen (ihr Artikel ist mit einem erstaunlichen Bild von Lenin im blaukarierten Schlafanzug mit Puschen bebildert!)

Magazinrundschau vom 18.01.2011 - Open Democracy

Unter all den vielen Botschaften, die der Sturz des tunesischen Regimes in die Welt aussendet, ist auch eine für den Westen dabei, glaubt Mohammed Hussainy, Direktor des Identity Centers in Amman: "Obwohl sie sich unter dem Vorwand, dem irakischen Volk gegen die Diktatur Saddam Husseins zu helfen, an der Besatzung des Irak beteiligt haben, hielten sich die USA und viele europäische Länder zurück, Demokratie voranzutreiben und behielten eine nebulöse Haltung gegenüber dem, was in Tunesien stattfand. Sie haben es nicht geschafft, ihre Unterstützung für Ben Alis Regime zu rechtfertigen - was nur ein Beispiel dafür ist, dass diese Demokratien nichtdemokratische Regime unterstützen, um ihre eigenen Interessen zu wahren."
Stichwörter: Irak, Tunesien, Hussein, Saddam

Magazinrundschau vom 04.01.2011 - Open Democracy

Auch Tony Curzon Price trauert um Denis Dutton, den Philosophen und Gründer von Arts & Letters Daily, dem er umfangreiche Kenntnisse zu "Darwinismus, Klimawandel-Skepsis, der amerikanischen Rechte und der Welt des Geistes" verdankt. Er nennt ihn ein Supermacht-Individuum: "Dutton beeinflusste die Lesegewohnheiten von Tausenden von Menschen. Und ich bin sicher, dass Online-Redakteure in der ganzen Welt auf den 'Arts-and-Letters-Sprung' ihrer Klickzahlen warteten und, während sie an einem Stück arbeiteten, sich fragten: 'Wird dies Denis gefallen?'"

Noch einmal online gestellt wurde Denis Duttons Text über den Flugzeugabsturz von Polens Präsident Lech Kaczynski.

Magazinrundschau vom 21.12.2010 - Open Democracy

Clementine Cecil fürchtet um eine Ikone des Konstruktivismus, das 1930 von Moisei Ginzburg gebaute Narkomfin-Haus in Moskau. Zur Hälfte gehört es dem Baukonzern Kopernik, der die heruntergekommenen Wohnungen an Künstler vermietet: "Auch wenn Narkomfin zu den Architekturdenkmälern gehört, wurde es nie restauriert. Seine Verwahrlosung wird bedrohlich: Wenn es zu mehr als 70 Prozent für baufällig erachtet wird, besteht die Gefahr, dass es abgerissen und neu aufgebaut wird anstatt restauriert. Die Stadtregierung, der die zweite Hälft gehört, zeigt sich unkooperativ und hat Kopernik keine Erlaubnis zur Sanierung gegeben, als sie 2006 ihren Anteil erwarben. Im neuen Generalplan für Moskau, wird Narkomfin als Entwicklungsgebiet bezeichnet, was seine Angreifbarkeit noch unterstreicht. Es belegt Grundbesitz im Zentrum von Moskau, zwischen der amerikanischen Botschaft und einem neuen prächtigen Einkaufszentrum."

Der Politikwissenschaftler Kirill Rogov analysiert die Sackgasse, in der sich Russland befindet, anhand zweier weit verbreiteter Überzeugungen: "Die erste ist die in der Gesellschaft weithin geteilte Auffassung, Staat und Wirtschaft seien auf allen Ebenen korrupt und gleichzeitig extrem unzulänglich. Die zweite Überzeugung ist ebenso weit verbreitet: Danach steht aus verschiedenen Gründen jede Änderung der bestehenden Ordnung außer Frage."

Magazinrundschau vom 14.12.2010 - Open Democracy

Ingo Petz führt ein sehr instruktives Gespräch mit dem weißrussischen Schriftsteller Uladzimier Arlou, der über die immer stärkere Russifizierung seines Landes und das schwierige Nationbuilding in einer Diktatur spricht. Dazu gehören auch die Schikanen, denen er als Autor ausgesetzt ist. Am 19. Dezember sind wieder Wahlen. Der Autokrat Alexander Lukaschenko wird wieder gewinnen, und eventuell gibt es wieder Proteste wie im Jahr 2006. "Aber vergessen Sie nicht, dass die Leute wirklich Angst haben. Angst, dass sie ihren Job verlieren, wenn sie an den Protesten teilnehmen - immerhin werden Löhne und Renten regelmäßig bezahlt, auch wenn sie weit unter dem europäischen Schnitt liegen. Angst, dass sie aus der Uni rausgeschmissen werden, denn genau das ist Hunderten der Portesierenden im Jahr 29096 geschehen. Angst, hinter Gittern zu enden..."

Der Journalist Oleg Kashin wurde vor einigen Wochen schwer zusammengeschlagen. Gerade wurde er operiert, um sein Gesicht wiederherzustellen. Auch die Finger sind ihm gebrochen worden. Er schreibt auch auf dem Krankenhausbett weiter. In Open Democracy wundert er sich, das eine Demonstration nationalistischer Fußballfans im Lande einer kommenden Fußball-WM von den russischen Behörden sehr sanft behandelt wurde. Zwei Künstlern erging es ganz anders: "Leonod Nikolajew und Oleg Worotnikow von der Gruppe 'Voina' [mehr in der FAS und bei rebelart] wurden wegen Hooliganismus aus Hass auf eine andere Bevölkerungsgruppe festgenommen, worauf sieben Jahre Gefängnis stehen. Als sie in die Untersuchungshaft in Sankt Petersburg gefahren wurden, hat man ihnen Säcke über die Köpfe gestülpt."

Magazinrundschau vom 07.12.2010 - Open Democracy

Die Geschichte ging im letzten Jahr kaum durch die deutsche Presse. Der Historiker Michail Suprun und Alexander Dudarew, Leiter des Informationszentrums der Innenbehörde, erforschten die Schicksale Russlanddeutscher und -polen im Gulag und wurden daraufhin angeklagt, die Persönlichkeitsrechte der Opfer verletzt zu haben, weil sie deren Namen veröffentlichen wollten. In Anwendung kam hier der sonst nie gebrauchte Paragraf 137 des russischen Strafgesetzbuchs. Catriona Bass greift diesen Fall auf, der nach wie nicht abgeschlossen ist. "Memorial-Forscher sagen, dass ihnen der Zugang zu Quellen der Repression wieder zusehends erschwert wird. Auch in Magadan, im fernen Osten Russlands, wo viele Gulags waren, ist der Paragraf 137 erstmals Grund für die Verweigerung von Akteneinsicht genannt worden."

Außerdem in OpenDemocracy: Grigorii Golosov erzählt eine grausame Kriminalgeschichte aus der Region Krasnodar im Süden Russlands, das heute von großen Landbesitzern dominiert wird - demnächst finden dort die olympischen Spiele von Sotschi statt. Und Bill Thompson antwortet auf einen Artikel des Guardian-Chefredakteurs Alan Rusbridger über die Zukunft des Journalismus