Magazinrundschau - Archiv

openDemocracy

61 Presseschau-Absätze - Seite 6 von 7

Magazinrundschau vom 02.02.2010 - Open Democracy

Die ehemalige georgische Außenministerin Salome Surabischwili klagt über die "welken Blüten der georgischen Rosenrevolution". Sie gibt dem Präsidenten Michail Saakaschwili die Hauptschuld daran, dass Georgien wieder in Armut und Korruption versinkt und verflucht den Tag seiner Wiederwahl vor drei Jahren: "Michail Saakaschwili hat die taktische Skrupellosigkeit seiner Wahlkämpfe zum Prinzip seiner Machtausübung erhoben. Es ist, als wäre er im Amt nicht erwachsen geworden, als wäre er unfähig, dass abweichende Stimmen und Verantwortlichkeit eine Regierung überhaupt nur aufrechterhalten. Das Ergebnis ist ein Land, in dem Geschichte rückwärts zu laufen scheint. Wir sind keine Diktatur, aber die Tendenz ist klar."

Magazinrundschau vom 26.01.2010 - Open Democracy

Johnny Ryan und Stefan Halper sehen den Streit Google vs. China als säkularen Streit zwischen einem Kapitalismus der Nerds mit seinen Freiheitsidealen und einem autoritären Staatskapitalismus a la chinoise. Und es ist keineswegs so, dass Google hier leichthin einen Markt aufgibt, auf dem das Unternehmen erfolglos war, meinen die Autoren: "Wenn Google China aufgibt, wird Baidu mit höchster Wahrscheinlichkeit profitieren und könnte in kommenden Dekaden auch eine Bedrohung jenseits chinesischer Grenzen bedeuten. Der Sprung der Baidu-Aktie um 14 Prozent nach oben am 13. Januar, dem Tag nach der Google-Erklärung, könnte ein früher Keim kommender Trends sein."

Außerdem bringt OpenDemocracy ein angenehm optimistisches Gespräch über die Chancen Russlands, zur Demokratie zu werden. Gesprächspartner sind Boris Dolgin vom Magazin polit.ru und der außenpolitische Experte Dmitry Trenin, der sich eine enge Beziehung Russlands zur EU wünscht: "In ökonomischen, sozialen, humanitären und allen anderen Aspekten. Es sollte in Sicherheitsfragen auch mit den Vereinigten Staaten kooperieren. Es sollte eine reale Partnerschaft entwickeln, eine, die ihres Namens würdig ist, meine ich. Das heißt nicht, dass wir nicht auch mit mit China, Japan oder Korea zusammenarbeiten. Aber eine Zusammenarbeit mit Europa wird der Motor dieses Prozesses sein."
Stichwörter: Korea

Magazinrundschau vom 19.01.2010 - Open Democracy

Zwei Tage, nachdem Victor Martinovichs Roman "Paranoia" ausgeliefert war, verschwand er wieder aus den weißrussischen Buchhandlungen, erzählt Natalia Leshchenko. Und sie ahnt, warum. "Der Roman erörtert auf überzeugende und fesselnde Art etwas, das nur selten in der Literatur über politische Regime thematisiert wird - dass Diktaturen nicht nur von Geheimpolizei und einem unterdrückerischen Staatsapparat gestützt werden, sondern von den Menschen selbst. Er zeigt, wie reale und vorgestellte Ängste sich auf eine Weise mischen, die die individuelle Autonomie untergräbt und die Freiheit erstickt. Er insinuiert, dass ein Regimewechsel nicht in der Wahlkabine beginnt, sondern im Kopf einer Person. Das ist eine seltene Einsicht, die Weißrussen aufgrund ihrer Erfahrung der Welt vermitteln können." (Man findet den Roman im Internet, hier)

Außerdem: Masjaliza Hamzah und Norami Othamn berichten über eine Studie in Malaysien, die belegt, dass Polygamie weder Männern noch Frauen noch Kindern bekommt.

Magazinrundschau vom 17.11.2009 - Open Democracy

Voller Verzweiflung schreibt die Moskauer Lyrikerin Tatiana Shcherbina über die Stalin-Obsession im putinistischen Russland: Russland isoliert sich, schreibt sie: "Der Reichtum des Lebens verdampft vor unseren Augen." Und: "Es gibt keinen Sauerstoff heute, keinen Sinn für die Zukunft, nur eine zerspaltene Gesellschaft, die fühlt, dass sie getäuscht und erniedrigt wurde und hilflos und oberflächlich reagiert. Darum wühlt sie immer neu in der Vergangenheit, in der es ebenfalls an Sauerstoff mangelte... Der menschliche Weg funktioniert nicht, also lass es wieder blutig und grausam sein. Aber wir müssen irgendwie rauskommen aus unserem heutigen Morast. Und dann kommt natürlich die Verschwörungstheorie: Wir sind umzingelt von Feinden, niemand liebt uns. Und wir werden's ihnen zeigen."

Magazinrundschau vom 10.11.2009 - Open Democracy

Neal Ascherson beschreibt sehr schön, wie sehr der Osten 1989 dem Westen voraus war: "Niemand von uns im Westen hatte verstanden, dass das ganze Imperium vom Bug bis zum Rhein kaum mehr als ein altes Wespennest war, das unter einem Dach hing - ausgetrocknet, verlassen von den stechenden Horden, kurz davor, bei einem Windhauch in Staub zu zerfallen. Aber die Leute im Osten haben es begriffen. Sie haben etwas verloren - nicht ihre Angst, sondern ihre Geduld. Auf einmal schien es unerträglich, dieses System, diese kleinen fetten Idioten in ihren blauen Anzügen auch nur für ein weiteres Jahr zu ertragen, für einen weiteren Tag, für eine Stunde. Diese spezielle Form der Ungeduld ist das Kraftwerk einer Revolution... Und es war eine richtige Revolution, allerdings fehlte ein entscheidendes Merkmal. Das Gefühl in einem Volk: 'Wir haben es einmal geschafft, und wenn uns die neue Truppe enttäuscht, werden wir es wieder schaffen!' Es ist dieses stolze, bedrohliche Selbstvertrauen, das die Französische Revolution so besonders machte. Im Europa des 21. Jahrhundert ist davon wenig zu spüren. Nach 1989 haben die Völker ihre Freiheit den Experten übergeben. Werden sie sie zurückverlangen?"

Fred Halliday erinnert daran, dass mit 1989 nicht nur mehr Freiheit in die Welt kam, sondern auch Nationalismus und Bürgerkriege, Kleptokratie und Anarchie. Zudem versammelt Open Democarcy eine Reihe europäischer Stimmen: Ivan Krastev konstatiert etwa, dass die politische Kraft von 1989 im Westen wie im Osten erschöpft ist. Adam Szostkiewicz räumt fröhlich ein: "Nach 1989 war es gar nicht mehr samten, sondern ein ganz schön rauer Ritt."

Magazinrundschau vom 03.11.2009 - Open Democracy

Die antiamerikanische Stimmung im Iran kippt gerade in eine antirussische um, erzählt der iranische Autor R Tousi. "'Die Russen verstrahlen unsere Hirne.' Der Kommentar meines Ladenbesitzers in Teheran reflektiert eine weitverbreitete Ansicht über die staatliche Installation von Störsignalen, mit denen ausländische Medien unterdrückt werden. Diese Unterdrückung wichtiger Kommunikationsverbindungen hat einen große Rolle gespielt in der gewaltsamen Niederschlagung der Demonstrationen nach den iranischen Wahlen am 12. Juni 2009. Die möglichen Gesundheitsrisiken der neu installierten Sender wurden sogar im iranischen Parlament diskutiert. Zohreh Elahian, ein Mitglied des Nationalen Sicherheitskomitees, versicherte einem Reporter, der nach einem möglichen Anstieg von Fehlgeburten fragte, die Zahlen würden überprüft. Die Tatsache, dass die Störsender in Russland hergestellt werden, gibt der Verdächtigung eine nationalistische Tönung und erklärt die markige Bemerkung meines Ladenbesitzers. Unsere gut siebzigjährige Nachbarin geht noch weiter: sie glaubt, dass die 'russischen Wellen' sie bald töten werden. Sie gibt ihnen auch die Schuld daran, dass die Spatzen aus der Hauptstadt verschwinden (obwohl daran wohl eher der Teheraner Smog schuld ist). Es ist schwer zu sagen, wann und wie die Geschichte diese 'russische' Wendung genommen hat." Angefangen hat es gewissermaßen schon 1906 ...

Außerdem: David Hayes erinnert an den iranischen Blogger Hossein "Hoder" Derakhshan, der im Dezember 2008 verhaftet wurde.
Stichwörter: Spatzen

Magazinrundschau vom 06.10.2009 - Open Democracy

Ein Moskauer Restaurant musste seinen Namen ändern. Es lag gegenüber dem Sowjetskaja Hotel und bezeichnete sich darum als "antisowjetisches Schaschlik-Cafe". Dagegen protestierten Veteranen des Großen Vaterländischen Kriegs, so dass die Restaurantbesitzer den Laden am Ende umbenannten. Der Ex-Dissident Alexander Podrabinek, der seitdem im Versteck lebt, erinnert die Veteranen in seinem Blog daran, dass die Sowjetunion ein Land der Gulags war und nicht mehr existiert. Open Democracy übersetzt den Beitrag: "Ihr wart von dem 'antisowjetischen' Namen so verletzt, weil ihr in Wahrheit die Verwalter dieser Lager und Gefängnisse wart, ihr wart die Kommissare der Aufstandsbekämpfung und Scharfrichter auf den Appellplätzen. Ihr, sowjetische Veteranen, wart die Verteidiger des sowjetischen Regimes, und darum behandelte es euch freundlich. Aber ich komme aus der antisowjetischen Vergangenheit unseres Landes, und hier ist, was ich euch sagen will: In der Sowjetunion gab es noch andere Veteranen außer euch, über die ihr nichts hören wollt, die Veteranen des Kampfes gegen die Sowjetunion. Euer Regime. Sie kämpften, wie einige von euch, auch gegen die Nazis, und dann kämpften sie gegen die Sowjets, in den Wäldern Litauens und der westlichen Ukraine, in den Bergen Tschetscheniens und den Wüsten Zentralasiens. Sie organisierten den Aufstand im Lager von Kengir 1954 und den 'blutigen Samstag' in Nowotscherkask 1962, der zusammengeschossen wurde. Sie sind fast alle tot, und fast niemand ehrt ihr Andenken. Keine Plätze und Straßen werden nach ihnen benannt. Die wenigen Überlebenden werden nicht geehrt und erhalten keine Staatsgelder oder Pensionen. Sie leben in Armut und Dunkelheit, nicht ihr, die Bewahrer und Verehrer des Sowjetregimes, sondern sie - die wahren Helden unseres Landes."

Magazinrundschau vom 11.08.2009 - Open Democracy

Lira Walejewa erzählt vom Leben in Nischni Nowgorod in Krisenzeiten. Die Gorki Automobil Werke laufen oft nur auf Kurzarbeit, Mütter warnen ihre Kinder vor Männern, die hungrige Kinder zu ernähren haben und zu allem fähig sind. Trotzdem scheint sich das Leben zu entspannen: "Wir sind nicht mehr nur mit zweitrangigen Finanzfragen beschäftigt - ich glaube, die Menschen denken jetzt weniger furchtsam über ihre Zukunft nach als früher. Einige wechseln ihre Jobs, andere fangen an, in ihrer Wohnung zu heimwerkern oder legen sich ein Haustier zu. Und die Leute kaufen immer noch auf Kredit. Letztes Jahr gab es mehr schwangere Frauen bei der Arbeit als jemals zuvor. Und die Freunde scheinen einer nach dem anderen zu heiraten."

James R. Mensch denkt über den Zusammenhang von öffentlicher Blindheit, gesellschaftlichem Ausschluss und Gewalt nach. Als Beispiel erinnert er an den Tod von acht Journalisten in einem Quechua-Dorf in Peru: Das Militär hatte gerade die Terroristen des Leuchtenden Pfads vertreiben und die Botschaft ausgegeben, alle Fremden, die zu Fuß kämen, zu töten: "Drei Tage später, am 26. Januar 1983 betraten die Reporter das Dorf. Nach fruchtlosen Versuchen zu erklären, wer und was sie sind, und verzweifelten Bitten, zur Polizei gebracht zu werden, wurden sie totgeschlagen. Laut Bericht, war 'das Töten grausam', mangels Waffen benutzten die Indigenen ihre Farmwerkzeuge. Es dauerte jedoch nicht länger als dreißig Minuten."

Magazinrundschau vom 26.08.2008 - Open Democracy

Langfristig wird der Georgien-Krieg fatale Folgen für Russland haben, meint der bulgarische Politologe und Direktor des Centre for Liberal Strategies in Sofia, Ivan Krastev: "Russland hat keinerlei Zugriff auf die georgische Gesellschaft, es gibt keine legitime politische Kraft in Georgien, die die prowestliche Orientierung des Landes in Frage stellt. Russland kann georgisches Territorium besetzen, aber nur um den Preis internationaler Isolation und einer gefährlichen Verschlechterung der Beziehungen zum Westen. Russlands Unfähigkeit, Saakaschwili abzusetzen und eine prorussische Regieurung einzusetzen, bedeutet auch, dass es keine Kontrolle über die Baku-Tbilisi-Ceyhan (BTC) Pipeline gewinnen kann. Darum hat der russische Sieg keine praktische Auswirkung auf Moskaus Ehrgeiz, ein Monopol über Energieleitungen im ex-sowjetischen Raum zu gewinnen."

Magazinrundschau vom 05.02.2008 - Open Democracy

Neal Ascherson erinnert an die ersten Studentenproteste von 1968 - in Warschau. "Wie in vielen großen europäischen Geschichten, war der zündende Funke eine Theateraufführung. Am 30. Januar 1968 sollte das Teatr Narodowy zum letzten Mal das klassische Versdrama 'Totenfeier' des Nationaldichters Adam Mickiewicz aufführen. Dem Direktor, Kazimierz Dejmek, wurde jedoch von den Kulturkadern der Kommunistischen Partei gesagt, dass die Inszenierung abgesetzt werden müsse, egal wie groß die Nachfrage sei. Hinter diesen Bossen stand ziemlich sicher der sowjetische Botschafter... Geschrieben 1830 war das Stück bei Generationen von Polen als eine sehr akkurate Bilanz ihrer Leiden und Demütigungen unter Krieg, fremden Besatzern und eigenen Tyrrannen sehr beliebt. Es ist eine verheerende Abrechnung mit den Russen, dem Polizeistaat und der Zensur. Wie Dejmek glauben konnte, damit durchzukommen, bleibt ein Rätsel. Aber er tat es. Das polnische Publikum jubelte frenetisch bei den antirussischen Zeilen, bis die Autoritären - und der Botschafter- aufwachten." Hunderte von Studenten wurden verhaftet, viele von der Uni geworfen, darunter Adam Michnik, Jacek Kuron, Leszek Kolakowski und Zygmunt Bauman.