Magazinrundschau - Archiv

The Guardian

443 Presseschau-Absätze - Seite 24 von 45

Magazinrundschau vom 09.12.2014 - Guardian

Nach einer Ergänzung des Communication Act sieht sich die britische Pornoindustrie mit einer ganzen Reihe neuer Zensurauflagen konfrontiert: Zahlreiche Praktiken sind nun untersagt, die, wie dem Kommentar dieser Auflistung zu entnehmen ist, insbesondere auf die Darstellung des Vergnügens der Frau zielen. Für den Guardian hat Zoe Williams, die erst im November eine große Reportage über ethische Pornografie geschrieben hat, bei Sexarbeiterinnen und sexpositiven Feministinnen nachgefragt und ist dabei auf blankes Entsetzen gestoßen: "Die Liste der untersagten sexuellen Aktivitäten ergeben überhaupt keinen Sinn", hat ihr etwa die Domina Itziko Urrutia erklärt, "außer man liest sie als misogyne Vision weiblicher Sexualität, verfasst von Schuljungs, die noch immer Angst vor Mädchen haben. Die chaotische, dämonische weibliche sexuelle Energie muss unter allen Umständen gestoppt werden!" Und eine Bloggerin namens "Girl on the Net" berichtet: "Wirklich sonderbar ist diese eine Sache mit dem Spanking, das verboten ist, sofern es nicht moderat ist und dazu eingewilligt wurde. Naja nun, wer entscheidet denn jetzt, was moderat ist? Als lustvoll perverse Person bin ja wohl ich diejenige, die darüber entscheidet - so wurde mir das jedenfalls mal beigebracht. Eine dritte Partei kann nicht für mich bestimmen, in was ich einwillige."

Auch Suzanne Moore hat in ihrem Kommentar nichts als Unverständnis für diese Gesetzgebung: "Die Art von Pornos, die jeder verdammt, also solche, zu der auch Kinder leichten Zugang haben, wird von Mainstreamkonglomeraten hergestellt. Hier geht es völlig in Ordnung, dass Frauen sich als Schulmädchen verkleiden, den Penis bis zum Anschlag in den Rachen geschoben bekommen und vollejakuliert werden. Was in diesem Land nun aber nicht mehr in Ordnung geht, sind jene Fetischfilme, in denen Frauen sich Stadtjungs schnappen, bestrafen und sie dazu zwingen, dabei feministische Texte zu rezitieren."

Dazu passend: ein aktueller TedX-Vortrag der feministischen Pornofilmemacherin Erika Lust darüber, dass Pornos sich ändern müssen:



Soziale Mobilität hat die britische Klassengesellschaft nie gern gesehen, und nach einem kurzen Aufschwung offenbar seit den achtziger Jahren auch wieder erfolgreich untergraben. Für den Historiker David Kynaston sind dafür ganz klar die Privatschulen verantwortlich, wie er auch dem Bericht von Alan Milburns Kommission zu Social Mobility and Child Poverty entnimmt: "Von hundert Top-Journalisten gingen 54 auf Privatschulen, das sind sieben Mal mehr als in den achtziger Jahren. Anderswo sieht es genauso aus: 71 Prozent der oberen Richter, 62 Prozent der höheren Offiziersränge in der Armee, 55 Prozent der Regierungsbeamten, 53 Prozent der höheren Diplomaten, 50 Prozent des Oberhauses. Als Zeichen einer "zutiefst elitären" und "geschlossene Gesellschaft" bewertete die Kommission diese Zahlen, die alle jene sieben Prozent der Bevölkerung übertrafen, die insgesamt Privatschulen besuchten. Milburns Worten ist schwerlich zu widersprechen: "Der Ausschluss von so vielen Talenten und Hoffnungen macht Großbritanniens führende Institutionen weniger informiert, weniger repräsentativ und schließlich weniger glaubwürdig, als sie sein sollten."

Außerdem zeichnen Ed Vulliamy und Helena Smith en détail jene Dekemvriana-Ereignisse von 1944 in Athen nach, die zu einem Massaker an linken Demonstranten durch die griechische Polizisten und britische Soldaten führten und den Auftakt zum griechischen Bürgerkrieg gaben.

Magazinrundschau vom 25.11.2014 - Guardian

Zunächst durchaus mit Sympathie porträtiert Andrew Anthony die indische Autorin Arundhati Roy, verliert dann allerdings langsam die Geduld. Denn allzu oft bediene sie nur ihre antikapitalistische Anhängerschaft, als dass sie erklären könne, ob das neue Indien mit all seinen Fehlern nun besser oder schlechter sei als das alte: "Es gibt überwältigende Beweise dafür, dass Indien in den vergangenen Dekaden zwar ein viel reicheres Land geworden ist, ein Großteil seiner Bevölkerung aber weiterhin mit Arbeitslosigkeit, Unterernährung und furchtbarer sozialer Not zu kämpfen hat. Nur leider liefert Roy nicht die Empirie. Sie bevorzugt den Schrotflinten-Ansatz und nimmt alles auf einmal unter Beschuss - von der Philanthropie über die Hegemonie der USA bis zu NGOs, die von Coca-Cola finanziert werden."

Weitere Artikel: Will Self ärgert sich über die Superreichen, die mit ihrem unversteuerten Fluchtkapital nach dem Kunstmarkt jetzt auch Londons Tate Modern ins Absurde aufblasen werden. Sehr aufschlussreich findet Jamie Bartlett Gabriella Colemans Buch über die Hacker-Truppe Anonymous "Hacker, Hoaxer, Whistleblower, Spy", hätte sich aber etwas mehr Distanz gewünscht.

Magazinrundschau vom 18.11.2014 - Guardian

Manche Passagen in Slavoj Žižeks Buch "Trouble in Paradise" findet Terry Eagleton "atemberaubend scharfsinnig", andere, etwa über den Stalinismus, wieder "empörend verantwortungslos". Das Denken des "Sokrates auf Speed" umreißt Eagleton so: "In seinen Augen teilt sich die Welt auf in liberalen Kapitalismus und Fundamentalismus - mit anderen Worten: in diejenigen, die zu wenig glauben und diejenigen, die zu viel glauben. Doch anstatt sich auf eine Seite zu schlagen, arbeitet er die geheime Komplizenschaft zwischen den beiden Lagern heraus. Der Fundamentalismus ist das hässliche Bekenntnis derer, die sich vom Westen ruiniert und gedemütigt fühlen, der zu oft rücksichtslos über ihre Interessen hinweg gegangen ist. Eine Lektion der ägyptischen Revolte, argumentiert Žižek, lautet, dass die moderaten Liberalen eine gigantische Welle des Fundamentalismus erzeugen werden, wenn sie weiter die radikale Linke ignorieren."

Weiteres: Mark Mazower freut sich, dass Andrew Roberts mit seiner Napoleon-Biografie den "albernen" Versuchen etwas entgegensetzt, den Modernisierer Europas zu einem Vorläufer der modernen Despoten zu stilisieren. Und Daniel Kehlmann beschwert sich bei Philip Oltermann über die Aversion deutscher Lektoren gegenüber witzigen Stellen: "Die meisten glauben, sie haben es mit Druckfehlern zu tun."

Magazinrundschau vom 11.11.2014 - Guardian

Luke Harding lernt von Andrew Wilsons Buch "Ukraine Crisis", dass Putins irrationale Weltsicht wieder einen gefährlichen Ort aus Europa zu machen droht: "Gemäß Putins Mythologie hat der Westen Russland in den neunziger Jahren gedemütigt und ihm ein Territorium streitig gemacht, das rechtmäßig zur UdSSR gehörte. Tatsächlich waren es Russen selbst, die das Demütigen besorgt haben - zuerst die Oligarchen, die die Jelzin-Ära dominierten, und jetzt Putins KGB-Kumpane, die sehr reich geworden sind."

Weiteres: Der Schriftsteller Mohammed Hanif erzählt, wie leicht man in Pakistan wegen Blasphemie verklagt und hingerichtet werden kann. Derzeit wartet etwa die 14-jährige Christin Rimsha Masih auf ihren Prozess: Offenbar hat sie ein altes Schulbuch in den Müll bringen wolle, in dem auch Suren aus dem Koran zitiert werden. Jon Ronson erzählt die unglaubliche, gerade von Tim Burton verfilmte Geschichte der Malerin Margaret Keane, deren Bilder großäugiger Kinder in den 60ern millionenfach verkauft wurden - unter dem Namen ihres Mannes. Richard Tombs huldigt der Langlebigkeit der englischen Identität.

Magazinrundschau vom 04.11.2014 - Guardian

Seit Jahren wird die italienische Autorin Elena Ferrante von einigen wenigen Kritikern verehrt (zum Beispiel von Arno Widmann im Perlentaucher), ohne ein großes Publikum gewinnen zu können. Was vielleicht auch an der Anonymität lag, die sie als Bedingung für ihre kreativen Freiheit strikt bewahrte. Da hat sie wohl die Rechnung ohne die Medien gemacht, vermutet Meghan O"Rourke: "Welch Ironie, dass Ferrante glaubte, die Anonymität würde eher dazu beitragen, dass sich die Leser auf ihre Bücher konzentrieren würden. Das Gegenteil war der Fall. Ihre Identität dürfte jetzt das aufregendste Rätsel des Literaturbetriebs sein - Quell heftiger Spekulation und des Party-Tratsches ("Ich möchte wissen, wie Ferrantes Haus dekoriert ist. Was trägt sie, während sie schreibt?", verlangte es eine amerikanische Kritikerin zu wissen. "Trinkt sie? Raucht sie?") In Italien gibt es das Gerücht, dass ihre Bücher das Produkt des Avantgarde-Autors Demonico Starnone sind. Sie hat jetzt auch ihren eigenen Hashtag: #FerranteFever."

Besprochen werden unter anderem auch Christopher Fraylings Untersuchung antichinesischer Stereotype "The Yellow Peril" und John Williams" literarischer Western "Butcher"s Crossing" (den Bret Easton Ellis etwas konventioneller findet als Williams" Roman "Stoner", aber ebenso ergreifend).

Magazinrundschau vom 28.10.2014 - Guardian

Mitunter verärgert, dann wieder völlig fasziniert liest Julian Barnes Emmanuel Carrères Porträt des russischen Nationalbolschewisten Eduard Limonow, das nie ein eigenes Urteil wage: "Der Konformist liebt den Missetäter, der Bourgeois den Punk und der vorsichtige Mann den Abenteurer, während der Pariser Intellektuelle typischerweise denjenigen liebt, der alles, wofür er selber steht, kompromisslos verachtet (siehe Sartre und "Saint Genet"). Einige dieser Saiten, wenn nicht alle, kommen in "Limonow" zum Klingen. Der Mann, der einen Helden braucht, findet einen. Aber nicht nur im Sinne eines Protagonisten. Carrère ist ein Mann der Reflexion, Limonow ein Mann der Aktion. Carrère ist ein Liberaler voller Selbstzweifel, Limonow ein geradliniger Extremist. Carrère braucht eine Analyse, Limonow kennt sich selbst so gut, dass er jede Intervention von außen verschmähen würde. Vor allem ist Carrère weich, Limonow hart."

Sheila Fitzpatrick liest ebenfalls Stephen Kotkins Stalin-Biografie und staunt, wie Krotkin einerseits die Ideologie betont, andererseits die Persönlichkeit. Was nämlich, wenn Stalin nicht gewesen wäre? ""Ohne Stalin", lautet seine Antwort, "hätte es sehr wahrscheinlich nicht die totale Zwangskollektivierung gegeben, und das sowjetische Regime wäre ein ganz anderes geworden oder zusammengebrochen. Mit anderen Worten, EH Carr liege komplett und für immer falsch mit der Behauptung, "Stalin zeige, dass die Umstände den Mann machen, nicht der Mann die Umstände"."

Außerdem: John Gray beklagt, dass der Westen das Böse in seiner Kriegsrhetorik nur rein propagandistisch beschwört. Er möchte lieber, dass es als reale Kraft ernst genommen wird. John Freeman empört sich über die Ungerechtigkeit, dass sein Bruder in New York in einem Obdachlosenasyl leben muss, während er in Saus und Braus leben kann.

Magazinrundschau vom 14.10.2014 - Guardian

William Boyd feiert die malerische Kraft und Intensität von Egon Schiele, dem die Courtauld Gallery die Ausstellung "The Radikal Nude" widmet. Er versteht Schieles Werk als Attacke auf das bürgerliche Wien, das zwar bereits Freud und Wittgenstein, Mahler und Schönberg hinter sich hatte: "Immer und immer wieder kehrte er zu den posierenden nackten Figuren zurück, männlichen und weiblichen - die ultimative Bewährungsprobe für den Rang eines Künstlers und seine malerische Fähigkeiten, wie der Kritiker Robert Hughes meinte. Und doch gibt es eine nicht zu leugnende fast pornografische Intensität in vielen seiner Zeichnungen, und diese dienten ihm zur sexuelle Anregung, wie er auch viele Porträtstudien seiner selbst anfertigt, während er masturbierte. Er war überhaupt einer der am meisten fotografierten Künstler, der Posen schuf, die selbst heute noch erstaunlich zeitgenössisch wirken." (Bild: Egon Schiele, Kniender Selbstakt, 1910. Leopold Museum, Wien)

Weitere Artikel: Rupert Thomson verteidigt Nobelpreisträger Patrick Modiano gegen den Vorwrf der Nostalgie. David Shariatmadari liest Karen Armstrongs "Fields of Blood" über Religion und Gewalt. Besprochen werden unter anderem auch David Cronenbergs Roman "Consumed" (Verzehrt) und Colm Toíbíns Roman "Nora Webster".

Magazinrundschau vom 07.10.2014 - Guardian

Nach dem Tod des Romans prophezeit Will Self jetzt gleich das Ende der literarischen Kultur, er kann sich allerdings nicht entscheiden, ob er Jeff Bezos oder Sergej Brin die Schuld daran geben soll. Doch das Schicksal wird die Schriftkultur auf jeden Fall mit einem Knall ereilen: "Das traurige Wehklagen der literarischen Welt lautet, dass es uns leid tun wird, wenn sie verschwunden ist - und mit ihr all die Buchläden, Literaturkritiken, Büchereien und Verlage, die ihr Bestreben unterstützen - doch es war ihr eigener Fehler, das Geschäft so unelastisch zu begreifen. Einer gewissen Expertise, will ich damit sagen, wurde ein bestimmter Wert für seine Abnehmer zugesprochen, der zugleich konstant und zu einer festen Rate monetarisierbar war. Das Netz hat diesen unelastischen Irrtum gepackt und so weit gedehnt, bis er zurückschnappte in die myopen Gesichter der Literati."

Außerdem: Emma Brockes porträtiert Gilian Flynn, Autorin des von David Finchers verfilmten Horrorehe-Schockers "Gone Girl".

Magazinrundschau vom 23.09.2014 - Guardian

In einer aufwändig bebilderten Reportage führt uns Alex Duval Smith nach Timbuktu, das in Wüstensand und dem politischem Chaos Malis zu versinken droht: "Bouna sagt, der Menschen- und Drogenhandel würde von "anderen Leuten" betrieben. Aber der 23-Jährige kennt detailliert die Preise, die bezahlt werden müssen. "Es ist der Wilde Westen hier. Die Korruption ist total. Ob es bewaffnete Banditen sind, Bürgermeister, Dorfvorsteher, uniformierte Polizisten, Soldaten oder Zöllner - jeder hält die Hand auf und will Bares. Mali hat keine Autorität über sein eigenes Territorium, es überrascht also nicht, das andere eingefallen sind. Hallé Ousman, der acht Jahre Bürgermeister von Timbuktu war, sagt, er bekomme kaum Hilfe aus der Hauptstadt Bamako. "Wir überleben vor allem dank einiger internationaler Spender und vier unserer Partnerstädte: Hay-on-Wye (UK), Sainters (Frankreich), Tempe (Arizona) und Chemnitz."

Außerdem: Sarfraz Manzoor stellt ein neues Buch über afro-amerikanisches Kino und Plakatkunst vor.

Magazinrundschau vom 16.09.2014 - Guardian

Howard Jacobson wurde mit seinem Roman "Die Finkler-Frage", der den Booker-Preis erhalten hat, auch einem breiteren deutschen Publikum bekannt. Nun ist er mit seinem neuen Roman "J" zum zweiten Mal für den Preis nominiert. Vanessa Thorpe berichtet für den Guardian, dass Jacobson hier den auch in Großbritanien wachsenden Antisemitismus reflektiert: "Das neue Buch handelt von der Vernichtung einer Gruppe "Anderer", sagt Jacobson. "Juden sind die Gruppe, die ich am besten kenne, darum bildet Antisemitismus den Hintergrund, aber der Piunkt ist: Wenn du "die Anderen" loswerden willst, dann hast du eine Absenz, eine Abwesenheit von Ironie, von Streit. Nie sollte ein Argument total siegen." Diese Regel dehnt Jacobson sogar auf Holocaust-Leugner aus. Er erinnert sich an ein flaues Gefühl, als die Theorien des Historikers David Irving vor Gericht zerschmettert wurden. "Er selbst ist mir egal, aber wenn eine Seite die andere total besiegt, kostet das einen schrecklichen Preis.""

Michael Stipe ist restlos fasziniert von Douglas Couplands Op-Art-Bildern, die sich mit 9/11 und den Folgen auseinandersetzen: "Couplands auf den ersten Blick offenbar Op Art Gemälde sind nichts als schwarze Punkte - abstrakt, seltsam vertraut. Aber wenn man sie auf seinem Iphone betrachtet (weil man ein Foto macht und es postet - dies ist schließlich 2014) hat man diesen Ahhhhhhh-Moment. Ein Schauer läuft einem über den Rücken und man kapiert, das sind sie: die Springer. Das ist er: der Buhmann. Doug lässt uns die Wahl diese tief internalisierten Bilder zu sehen oder nicht. Nur weil wir diese Wahl haben, können wir von Tag zu Tag überleben, ohne durchzudrehen. [...] Indem er Erinnerungen erweckt, die nicht durch bewusste Ignoranz oder Überabstraktion gelöscht werden können, erinnert uns Coupland daran, dass wir alle einige nicht abschließbare Türen in unserem Kopf haben und durch diese geöffneten Türen marschieren - fast cartoongleich - jetzt die NSA, Google, Geister, Schattenregierungen, eine verlorene, jämmerliche vierte Gewalt, verschwendete militärische Macht und ein ungezügelter, erschreckender Nationalismus. Und während diese Prozession andauert, scheinen wir mit den Schultern zu zucken und zu sagen: "Was solls, ich bin immer noch hier. Mir geht"s gut. Lasst uns einfach weitermachen.""