
Den liberalen Demokratien des Westen kommen
die Bürger abhanden,
schreibt Mark Lilla in einem Essay in
Transit, den
Eurozine auf Englisch bringt. Er meint damit politisch informierte und engagierte Menschen, die nicht nur sich selbst, sondern auch
das Allgemeinwohl im Blick haben. Der Neoliberalimus kennt den Bürger so wenig wie der Populismus, meint Lilla, aber auch die
linke Identitätspolitik hat keinen Begriff mehr von ihm, seit die Linke in in den siebziger Jahren in Gruppen und Minderheiten zerfiel: "Die Geschichte der in immer kleinere Fraktionen zerfallenden Linken ist im ganzen Westen bekannt. Außergewöhnlich ist jedoch, was in den USA dann geschah. Als Amerika in den Reagan-Jahren konservativer und individualistischer wurde, verschoben sich die
Kraftströme der Identitätskämpfe von der politischen Arena
in die Universitäten, die zu den großen Bühnen von Ersatzpolitik, Identitätsbildung und Selbstvergewisserung wurden. Die vorrangige Frage für die akademische Linke lautete nicht mehr, wie man Menschen mobilisiert, die eine bestimmte Identität teilen, um ihre Rechte in einem politischen Prozess zu verteidigen - was die Aufgabe von Bürgern wäre. Die Frage war nun, wie man seine eigene persönliche Identität findet und geltend macht: weiß oder schwarz, männlich oder weiblich, homo oder hetero. Die Formierung, Kultivierung und
Behauptung des Selbst gelangte in den Reagan-Jahren ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Was als politisches Projekt begann, geriet zum
Psychodrama - mit dem Anspruch auf politische Ernsthaftigkeit. Was das mit der amerikanischen Demokratie zu tun hat? In den Universitäten werden Amerikas liberale Eliten ausgebildet. Dort werden sie sich ihrer Rolle als Bürger bewusst - oder eben nicht."
Im
Chronicle of Higher Education schreibt Lilla noch dezidierte über die den
Identätskult an den Universitäten: "Einst könnten Gespräche in Seminaren so begonnen haben: 'I denke A, und hier ist mein Argument.' Heute verlaufen sie in der Form: 'Ich spreche als X, und ich finde es verletzend, dass Du B behauptest.' Das macht Sinn, wenn Identität alles definiert. Es heißt aber auch, dass es keinen unparteiischen
Raum für Dialog gibt. Weiße Männer haben ihre 'Erkenntnis', schwarze Frauen eine andere. Was bleibt da noch zu sagen? An die Stelle des Arguments ist
das Tabu getreten."
Außerdem bringt
Eurozine Charles Taylors großen Essay "Wieviel gemeinschaft braucht die Demokratie" auf Englisch. Darin
warnte Taylor bereits 1992 vor der
Ökonomisierung der Politik: "In einer funktionierenden Demokratie können nicht alle Ziele nur dem Individuum dienen, gemeinsame Ziele ergeben sich nicht nur aus der Schnittmenge der individuellen. Es muss zumindest
ein gemeinsames Gut im höheren Sinne geben: Das Politische selbst, seine Sphäre und seine Gesetzmäßigkeiten müssen von allen gewertschätzt werden."