Magazinrundschau - Archiv

Eurozine

301 Presseschau-Absätze - Seite 16 von 31

Magazinrundschau vom 24.10.2017 - Eurozine

Geradezu etwas unheimlich liest sich dieses kluge Interview mit der kroatischen Autorin Slavenka Drakulic, die über ihre Erinnerung an die Kriege im ehemaligen Jugoslawien spricht, nicht nur weil sie die Medien und Intellektuellen für den Konflikt mit verantwortlich macht, sondern auch, weil die Fragen von einem spanischen Online-Magazin, El Confidencial, gestellt werden (englisch in Eurozine). Am Ende wird sie gefragt, ob sie Parallelen zum aktuellen Konflikt in Spanien sieht: "Meine Erfahrung ist, dass das Haupthindernis für Krieg ein psychologisches ist. Man geht nicht einfach raus und bringt seine Feinde, Spanier oder Katalanen, um, das wäre ja verrückt. Man braucht eine Rechtfertigung für den Akt des Tötens. Man muss überzeugt sein, das richtige zu tun, sich selbst gegen einen Feind zu verteidigen, der einem schaden will. Bei Ihnen erwacht der nationalistische Virus, aber für einen realen Konflikt müssten Sie erst eine psychologischer Rechtfertigung finden, Sie müssten Menschen überzeugen, anstecken, um den Konflikt in Gang zu setzen. Die Leute müssen für offensichtliche Ziele töten und sterben wollen - dann ist Krieg möglich. Das braucht zum Glück Zeit. Hoffen wir also, dass es noch Gelegenheiten gibt, einen fatalen Konflikt in Spanien zu vermeiden."

Außerdem in Eurozine: Milena Iakimova und Dimitar Vatsov schreiben über russische Einflussnahme in Bulgarien.

Magazinrundschau vom 17.10.2017 - Eurozine

Ernesto Córdoba Castro untersucht (auf Englisch in Eurozine, original im slowenischen Magazin Razpotja) die linken Quellen und Argumente, mit denn Marie Le Pen geschickt ihre rechten Ansichten zusammenkleistert und verkauft: "Eine der intellektuellen Referenzen, die Le Pen sich angeeignet hat, ist der Poststrukturalismus - den die angelsächsische Welt, immer so verspätet mit ihren Übersetzungen, immer noch als die neueste Mode in der kontinentalen Philosophie hält, obwohl ihre Autoren längst tot sind: die sogenannte Französische Theorie. Wie Le Pen in einer Rede vom 12. Februar 2011 erklärte: 'Ich werde die Präsidentin der Rückkehr zum Realen sein. Eingeschlossen in ihrer Blase, die wie alle spekulativen Blasen platzen muss, hat die Kaste den Kontakt mit dem Realen verloren. Die Welt, die sie uns aufgezwungen hat, die die ihre ist, hat nichts mit unserer zu tun, die real ist. Ihre Welt ist virtuell' - das hätte so ausgezeichnet von Baudrillard, Jacques Lacan oder Iñigo Errejón (dem Chefideologen von Podemos, einem Schüler von Ernesto Laclau und Chantal Mouffe und einer der Intellektuell, der die Bezeichnung 'Kaste' für die politische Klasse in Spanien populär gemacht hat) geliefert werden können."

Außerdem: Jiri Priban bereitet uns darauf vor, was Tschechien und Europa bevorsteht, wenn der Milliardär und Populist Andrej Babis die am 20. Oktober anstehenden Parlamentswahl gewinnt.

Magazinrundschau vom 10.10.2017 - Eurozine

Mehr Kommunikation führt nicht zu besserem Verstehen;  Botschaften sickern heute nicht mehr von oben nach unten, sondern von unten nach oben; politisches Engagement ist ersetzt worden durch oberflächliches Fantum: Die sozialen Medien haben die Demokratie und der Öffentlichkeit nicht gerade verschönert, überlegt Manuel Arias Maldonado in einem Text aus Letras Libres, aber sie sind auch nicht schuld an der Krise: "Gleicht die Öffentlichkeit eher der von uns so idealisierten griechischen Agora oder einem öffentlichen Platz rüder Kakofonie? Für Davide Panagia hat die mit Jürgen Habermas verbundene Hyperrationalität wenig zu tun mit den Realitäten von Demokratien, die per definitionem laut, emotional und konflikthaft sind. Vielleicht hat die Digitalisierung nur die Diskrepanz deutlich gemacht zwischen dem demokratischen Ideal und seiner Realität, die natürlich der Diskrepanz zwischen dem idealen und dem realen Bürger entspricht, aber auch der zwischen einer rationalen Überlegung zum Allgemeinwohl und einer menschlichen Kommunikation, die ungesteuert die Identitäten und Interessen verschiedener sozialen Gruppen vereint. Was für eine Enttäuschung!"

Magazinrundschau vom 26.09.2017 - Eurozine

Eurozine hat einen Artikel von Daniel Gascón aus Letras Libres übernommen, der mit den Katalonen sehr scharf - und auch auf Englisch - ins Gericht geht. Das autokratische, undemokratische Spanien sei eine Schimäre, schreibt er, und die politische Kritik an Madrid, an der Austeritätspolitik oder dem unvorteilhaften Finanzausgleich rechtfertige nicht den Angriff auf Spaniens Verfassung: "Das ganze illegale Unternehmen, das sich nicht auf das abgesetzte Referendum beschränkt, ist ein postmoderner Staatsstreich. Mit einem neuen Label zwischen Kitsch und Cool hat sich eine national-populistische Bewegung formiert und geschickt bestimmte Begriffe gesetzt. Dazu gehören 'das Recht zu entscheiden' als Euphemismus für Selbstbestimmung, die Verwechslung von Abstimmung und Demokratie, das Prestige einer Rebellion gegen das Establishment (dass wie beim Brexit die Anführer dieser Rebellion zu eben diesem Establishment gehören, spielt keine Rolle) und die seltsame Vorstellung, dass eine Demokratie zur Autokratie wird, wenn die eigene Seite nicht gewinnt. Und wie Fernando Vallespin schrieb, erlaubt das Versprechen der Unabhängigkeit jedem, auf die Zukunft zu projizieren, was er mag, und auszublenden, was er nicht mag. So wurde es für die einen zum Protest gegen Austeritätspolitik, auch wenn die Separatisten sie als erste implementiert hatten. Es wird als linke Bewegung angesehen, obwohl es eine Allianz zwischen der Rechten, den Kommunisten und einer Koalition ist, und obwohl es eine Bewegung gegen Umverteilung ist, mit der die Reichen versuchen, sich von den Armen zu befreien."

Magazinrundschau vom 19.09.2017 - Eurozine

Eurozine bringt einen Essay von Douglas Kerr aus der September/Oktober-Ausgabe des Nachrichtenmagazins New Eastern Europe. Kerr porträtiert Joseph Conrad als einen der profiliertesten Chronisten und Kritiker des Imperialismus, noch dazu einen, der nicht in seiner Muttersprache Polnisch schrieb: "Abgesehen von den Pionieren, den Führern, den Kriminellen, den Visionären, wie Lingard in der Malay-Trilogie oder Kurtz in 'Heart of Darkness', war Conrad interessiert am ausführenden Personal der Herrschaft, den Arbeitern, die die Post brachten, die Geschäfte unterhielten, den Transport übernahmen. Als Seefahrer galt ihm eine Schiffscrew als Ideal der Arbeit und Gemeinschaft … Überall auf der Welt sah und bewunderte Conrad Leute, die ihre Arbeit machten, auch wenn er ihr Ideal des Dienens verdächtigte, auf unrealistischen Vorstellungen zu beruhen. Für diese Leute war Arbeit eine Art, nicht über die Motive und Methoden des imperialistischen Unternehmens nachzudenken, dem sie dienten. 'Wenn du dich so mit den Dingen an der Oberfläche beschäftigst', sagt Marlow in 'Heart of Darkness', 'verschwindet die Wirklichkeit aus dem Blick. Die innere Wahrheit bleibt verborgen - zum Glück.' … Conrad ist einer der größten Chronisten der geteilten, ungleichen Welt der Imperien. Doch wie jeder große Schriftsteller, schuf er Fiktion, die nicht umhin konnte, immer auch zu zeigen, was die Menschen eint."

Magazinrundschau vom 05.09.2017 - Eurozine

Unter dem großartigen Titel "A Pre-history of Post-truth, East and West" stellt die Ideenhistorikerin Marci Shore die Frage, die sich alle Intellektuellen stellen: Ist Jacques Derrida schuld an Wladimir Putin und Donald Trump? Ist aus der Untergrabung behaupteter Wahrheiten - etwa dass es einen Gott gibt oder andere "große Erzählungen" - zu schließen, dass es keine Wahrheit gibt und gibt dies Regimen wie dem Putinismus die Lizenz zu "alternativen Fakten"? Shore plädiert für einen Rückbezug auf die großen Texte der osteuropäischen Dissidenz, etwa Vaclav Havels "Versuch, in der Wahrheit zu leben". Dort gibt es die Erzählung vom Gemüsehändler, der jeden Morgen ein Schild mit sozialistischen Parolen in sein Schaufenster hängt, obwohl niemand mehr dran glaubt, auch die Herren nicht, die es von ihm verlangen. Die Lüge, in der er lebt, ist, dass er glaubt, an diesem Lügengebäude des Sozialismus nichts verändern zu können, schreibt Shore. Und wichtiger: "Das er in einer Lüge lebt, dass alle in der Lüge leben, kann die Wahrheit nicht vertreiben - so insistiert Havel -, sondern demoralisiert nur die Person, die ein unechtes Leben lebt. Havels Behauptung widersteht der postmodernen Wende: keine Propaganda, kein blindes Ritual, kein 'böser Glaube' kann die ontologisch reale Unterscheidung zwischen Lüge und Wahrheit aufheben."

Magazinrundschau vom 22.08.2017 - Eurozine

Den liberalen Demokratien des Westen kommen die Bürger abhanden, schreibt Mark Lilla in einem Essay in Transit, den Eurozine auf Englisch bringt. Er meint damit politisch informierte und engagierte Menschen, die nicht nur sich selbst, sondern auch das Allgemeinwohl im Blick haben. Der Neoliberalimus kennt den Bürger so wenig wie der Populismus, meint Lilla, aber auch die linke Identitätspolitik hat keinen Begriff mehr von ihm, seit die Linke in in den siebziger Jahren in Gruppen und Minderheiten zerfiel: "Die Geschichte der in immer kleinere Fraktionen zerfallenden Linken ist im ganzen Westen bekannt. Außergewöhnlich ist jedoch, was in den USA dann geschah. Als Amerika in den Reagan-Jahren konservativer und individualistischer wurde, verschoben sich die Kraftströme der Identitätskämpfe von der politischen Arena in die Universitäten, die zu den großen Bühnen von Ersatzpolitik, Identitätsbildung und Selbstvergewisserung wurden. Die vorrangige Frage für die akademische Linke lautete nicht mehr, wie man Menschen mobilisiert, die eine bestimmte Identität teilen, um ihre Rechte in einem politischen Prozess zu verteidigen - was die Aufgabe von Bürgern wäre. Die Frage war nun, wie man seine eigene persönliche Identität findet und geltend macht: weiß oder schwarz, männlich oder weiblich, homo oder hetero. Die Formierung, Kultivierung und Behauptung des Selbst gelangte in den Reagan-Jahren ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Was als politisches Projekt begann, geriet zum Psychodrama - mit dem Anspruch auf politische Ernsthaftigkeit. Was das mit der amerikanischen Demokratie zu tun hat? In den Universitäten werden Amerikas liberale Eliten ausgebildet. Dort werden sie sich ihrer Rolle als Bürger bewusst - oder eben nicht."

Im Chronicle of Higher Education schreibt Lilla noch dezidierte über die den Identätskult an den Universitäten: "Einst könnten Gespräche in Seminaren so begonnen haben: 'I denke A, und hier ist mein Argument.' Heute verlaufen sie in der Form: 'Ich spreche als X, und ich finde es verletzend, dass Du B behauptest.' Das macht Sinn, wenn Identität alles definiert. Es heißt aber auch, dass es keinen unparteiischen Raum für Dialog gibt. Weiße Männer haben ihre 'Erkenntnis', schwarze Frauen eine andere. Was bleibt da noch zu sagen? An die Stelle des Arguments ist das Tabu getreten." 

Außerdem bringt Eurozine Charles Taylors großen Essay "Wieviel gemeinschaft braucht die Demokratie" auf Englisch. Darin warnte Taylor bereits 1992 vor der Ökonomisierung der Politik: "In einer funktionierenden Demokratie können nicht alle Ziele nur dem Individuum dienen, gemeinsame Ziele ergeben sich nicht nur aus der Schnittmenge der individuellen. Es muss zumindest ein gemeinsames Gut im höheren Sinne geben: Das Politische selbst, seine Sphäre und seine Gesetzmäßigkeiten müssen von allen gewertschätzt werden."

Magazinrundschau vom 08.08.2017 - Eurozine

Etwas traurig lesen sich Slavenka Drakulics Meditationen über den Mauerfall und was danach kam (geschrieben für eine Jubiläumsnummer von Transit, auf Deutsch noch gar nicht erschienen, auf Englisch bei Eurozine). Als Osteuropäer "in der Peripherie zu leben und aus einer anderen Zeit zu kommen, macht einen einfach zu einem Europäer zweiter Klasse. So wie die Weichspüler oder die Dosennahrung im Supermarkt. Oder die Fischstäbchen. Sie sehen genau so aus und heißen auch genau so, aber für die Österreicher enthalten sie 65 Prozent Fischfleisch, für die Slowaken nur 58 Prozent. Man nennt es Anpassung an den Markt. Internationale Marken, die nun auch in unseren Ländern verfügbar sind, benutzen entweder andere Zutaten oder weniger von den selben Zutaten: Die Produkte haben geringere Qualität. Slowakische Forscher haben vor kurzem herausgefunden, dass das im Vergleich mit Österreich für etwa die Hälfte der Produkte gilt. Es fühlt sich wie eine Ohrfeige an, aber es ist auch eine gute Metapher."

Hannah Arendt war für die EU - und das trotz ihrer Überempfindlichkeit für utopische Diskurse, schreibt Peter Verovšek für Razpotja (englisch in Eurozine): "Schon die Montanunion stellte die für den modernen Krieg notwendigen Ressourcen unter die Aufsicht geteilter Institutionen außerhalb der politischen Architektur der Mitgliedsstaaten. Für Arendt war dies eine Überwindung der 'gefährlichen Verstecke' des Nationalismus. Wie sie schon 1945 schloss, 'ist ein guter Friede nicht denkbar, wenn die Staaten nicht Teile ihrer ökonomischen und politischen Souveränität einer höheren europäischen Autorität unterstellen'."

Magazinrundschau vom 01.08.2017 - Eurozine

Der Kulturkampf in Russland nimmt immer schärfere Züge an, berichtet Boris Falikow, die Trennung von Kirche und Staat gilt immer weniger. Falikow sollte als Gutachter in einem Prozess gegen eine Tannhäuser-Inszenierung aufklären, gegen die der Metropolit von Nowosibirsk geklagt hatte, natürlich wegen Verletzung religiöser Gefühle: "Alle Anklagen basierten auf Hörensagen, überraschten mich aber nicht. Es war nicht der erste Fall von Kulturkampf im heutigen Russland und es wird nicht der letzte sein. All diese Fälle folgen mehr oder weniger dem gleichen Muster. Konservative Gläubige wollen religiöse Symbole monopolisieren und beharren darauf, dass ihr Gebrauch durch moderne Künstler nichts anderes als Profanierung sei. Trotzdem überraschte mich die Frage, die mir der Staatsanwalt stellte, als ich in den Zeugenstand trat. Er fragte, ob ich an Gott glaube. Der Anwalt der Verteidigung erhob Einspruch gegen eine solch persönliche Frage. Aber das konnte den Ankläger nicht aufhalten, er versprach mir alle Höllenfeuer, wenn ich es wagen sollte, solch eine frevelhafte Opernaufführung zu verteidigen."

Magazinrundschau vom 20.06.2017 - Eurozine

Journalisten feiern hierzulande sehr gern ihre Bedeutung für die Demokratie. Verleger begründen mit diesem Argument noch den absurdesten Lobbyquatsch. Ein Blick in andere Länder zeigt, wie leicht Journalisten gefügig gemacht werden können, wenn  die Verhältnisse nicht mehr so demokratisch sind. Ilja Jablokow erzählt in Eurozine (original in Razpotja), wie aus Journalisten in Russland nach und nach Soldaten für die Sache der Regierung wurden. In den Neunzigern spielte Journalismus noch eine Rolle - danach ging's bergab: "Ein Blick auf Journalismus in Russland in dieser Zeit offenbart einen deprimierenden Mangel an Solidarität. Gewalt gegen  Journalisten löste nur sehr selten Protest aus. Der Mord an Anna Politkowskaja im Jahr 2006 ist ein berüchtigtes Beispiel dafür, wie die journalistische Community auf die Drohung des eigenen Standes und eines seiner Mitglieder reagierte. Sie tat buchstäblich gar nichts."