Magazinrundschau

Analyse muss jetzt eine Moral haben

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
09.12.2008. In Al Ahram ruft Aijaz Zaka Syed den Muslimen zu: Es ist Zeit, den Terroristen entgegenzutreten. In Atlantic ruft Gao Xiqing den Amerikanern zu: Seid nett zu euren Gläubigern. In Przekroj verkündet Lech Walesa (was wir nie bezweifelt haben): Ich kann nur Erster sein. In Nepszabadsag weiß Laszlo Lengyel: Ungarn ist Letzter. Im Merkur erklärt Dina Khapajewa, wie der russische Kriegsmythos die Erinnerungen an den Gulag verdrängen soll. Im TLS geißelt George Brock den Hang zum Moralisieren im heutigen Journalismus.

Al Ahram Weekly (Ägypten), 03.12.2008

Aijaz Zaka Syed, Meinungsredakteur der Khaleej Times in Dubai, verzweifelt angesichts der Bilder von Mumbai. Er hat die Nase gestrichen voll von Terroristen, die behaupten, sie würden für die Muslime sprechen. "Es ist ja sehr schön zu sagen, der Islam habe nichts mit Extremismus und Terror zu tun. Wir können uns weiter der Illusion hingeben, dass diese Psychopathen uns nicht repräsentieren. Aber die übrige Welt findet das immer schwerer zu akzeptieren, weil sie sieht, wie die Extremisten sich immer mehr Geltung verschaffen und die Bühne beherrschen, während der Mainstream-Islam stumm bleibt. Die große Religion, die universale Brüderschaft, Gleichheit, Frieden und Gerechtigkeit für alle feiert, wurde von einer wahnsinnigen, winzigen Minderheit gekidnappt. Nur Muslime können dieses Problem lösen. Nur Muslime können diese Anarchisten in ihrer Mitte konfrontieren. Nur sie können ihren Glauben aus den Klauen des Extremismus befreien. Dies ist nicht die Zeit, sich zu verstecken. Es ist Zeit aufzustehen und zu widersprechen. Sonst werden die Terroristen für uns sprechen."

Die arabische Welt hat die Türkei lange als Handlanger des Westens betrachtet. Es wäre an der Zeit, diesen Blick zu ändern, meint Mustafa El-Labbad, Direktor des Al-Sharq Centre for Regional and Strategic Studies (mehr hier). "Die türkische Gesellschaft hat einen hohen Preis bezahlt für die kritische Entscheidung, sich nach Westen zu orientieren und säkulare Werte anzunehmen. Doch eine objektive Beurteilung dieser Gesellschaft heute, 85 Jahre nach Gründung der Republik, legt nahe, dass diese Entscheidung größtenteils richtig war. Sicher, die Regierung hat den Säkularismus oft zum Extrem getrieben. Doch muss man zugeben, dass die säkularen Werte trotz der Mängel zu einem parlamentarischen Mehrparteiensystem geführt haben und dass die friedliche Rotation ziviler Autorität den Aufstieg einer Partei zur Macht erlaubt hat, die einen islamischen Hintergrund hat. Für sich spricht auch der enorme wirtschaftliche und politische Fortschritt der Türkei, vor allem, wenn man dies mit dem generellen Niedergang der arabischen Welt vergleicht."

Amin Howeidi, ehemaliger Außenminister und Geheimdienstchef Ägyptens, erzählt, wie er am Tag der Vereidigung von Barack Obama mit Gaddafi zusammensaß und zu ihm sagte: "'Wissen Sie, dass heute der amerikanische Präsident vereidigt wird?' Der libysche Führer sagte, er wisse das. Ich wies darauf hin, dass in unseren Ländern die Macht nur mit dem Tod des amtierenden Führers wechselt, nicht wenn die Verfassung es vorschreibt. Und wenn ein Wechsel der Verfassung widerspricht, ändern wir die Verfassung, damit sie für den neuen Machthaber passt. Gaddafi kicherte und wollte mich nach Libyen einladen, um etwas mehr darüber zu sprechen. Aus irgendeinem Grund kam die Einladung nie."

Außerdem: Nehad Selaiha ist unbeschreiblich froh, dass im Al-Hanagar-Theater endlich wieder Aufführungen stattfinden, nachdem es zwei Jahre geschlossen war - angeblich wegen Renovierungsbedarf, aber wohl eher, weil die ganze Richtung (unabhängige Theatergruppen, junge Künstler, Experimente) nicht passt (Selaiha hat in diesem Jahr zwei mal darüber geschrieben: hier und hier). Rania Khallaf interviewt mit klopfendem Herzen die 69-jährige Theaterikone Samiha Ayoub. Gamal Nkrumah lobt die Dynamik und den kritischen Geist junger afrikanischer Filmemacher beim Cairoer Filmfest.

Outlook India (Indien), 15.12.2008

Der Schriftsteller Kiran Nagarkar war zur Zeit des Attentats auf Mumbai in Berlin. Er konnte die Ereignisse nur im Fernsehen verfolgen und beschreibt seine Reaktionen, die wahrlich kein Kompliment für die westlichen Medien sind: "CNN konzentriert sich ausschließlich auf das Taj, das Oberoi und das Chabad Lubavitch Zentrum, aber erwähnt kaum die sieben oder acht Orte, an denen nur Inder sind. ... Spät nachts und ich sehe immer noch Fernsehen. Nur Taj, Oberoi und das Jüdische Zentrum interessieren CNN, CST und Cama Hospital werden nur am Rande erwähnt. Ich schalte um zu deutschen Sendern - bestimmt berichten sie ausgewogener und genauso viel über Orte, an denen hauptsächlich Inder sind. Ich kann kein Deutsch, aber verstehe genug um zu kapieren, dass auch diese Medienleute nicht glauben, dass die Angriffe auf das Cama Hospital dieselbe Sendezeit verdienen." Sein Artikel endet mit den Worten: "Ein Warnung an die ausländischen Medien, für die die Welt mit dem Westen beginnt und endet: Imperien zerfallen, Supermächte werden Underdogs. Wacht auf, Leute, bald sind China oder eine andere Nation an der Spitze. Seid nicht überrascht, wenn ihr herausfindet, dass ihr für die gar nicht existiert."
(Der Artikel ist auf Deutsch in der SZ erschienen.)

Außerdem: Das ganze Heft ist ausschließlich den Anschlägen in Mumbai gewidmet. In der Titelgeschichte schreibt Pranay Sharma über die Möglichkeit eines Krieges zwischen Indien und Pakistan. Noch ist niemand wirklich dafür, aber die Unzufriedenheit mit der Reaktion Pakistanis und auch mit den Amerikanern, die nicht genug Druck auf Pakistan ausübten, ist groß: Sharma zitiert den ehemaligen Diplomaten M.K. Bhadrakumar: "Wir haben nicht erwartet, dass [Condoleezza] Rice hierher kommt und uns sagt, dass sowohl Indien als auch Pakistan Opfer des Terrorismus sind. Wir haben mehr erwartet." Amir San beschreibt die - erst entsetzten, dann wütenden - Reaktionen in Pakistan. Payal Kapadia beschreibt die Auswirkungen des Anschlags auf die jüdische Gemeinde in Mumbai. Die pakistanische Journalistin Nasim Zehra ärgert sich über die indische Ich-stelle-keine-Fragen-Berichterstattung.

Merkur (Deutschland), 01.12.2008

Die russische Historikerin Dina Khapajewa beschreibt, wie die sowjetische Vergangenheit zu einer "Geschichte ohne Erinnerung" wird. Vor allem die Verklärung des eigenen siegreichen Kampfes im Zweiten Weltkriegs diene der russischen Regierung dabei, einen "nationalistischen Konsens" herzustellen: "Der Kriegsmythos war tatsächlich mit dem Ziel konstruiert worden, die Erinnerung an den Gulag und die Erinnerung an die unsinnigen und nicht zu rechtfertigenden Leiden der Opfer des Sowjetsystems umzubenennen und zu verdrängen. Der 'Schmelzofen' des Kriegsmythos setzte die Opfer und ihre Mörder gleich, um die Gesellschaft gegen einen gemeinsamen Feind, die Deutschen, zu einen. Die heroische Erzählung verbarg die Verbrechen, um eine tragende Grundlage für die 'neue Nation, das Sowjetvolk' zu schaffen. Die wichtigste Funktion des Kriegsmythos (die er bis heute erfolgreich erfüllt) besteht darin, den Russen zu versichern, dass der Gulag nur eine unwichtige Episode in der heroischen Sowjetgeschichte ist."

Weitere Artikel: Gustav Seibt erklärt seine Liebe zu Amerika. Robert J. Lieber erteilt selbstbewusst allen Theorien vom Niedergang der USA eine Absage (hier der Artikel im amerikanischen Original). Ulrike Ackermann untersucht am Beispiel Georgiens Europas seltsame Sehnsucht nach Neutralität.
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Archiv: Merkur

Times Literary Supplement (UK), 26.11.2008

George Brock hat eine vierbändige Anthologie mit Reportagen seit Herodot gelesen - Robert Fox' "Eyewitness to History" - und macht sich Gedanken über die Zukunft des professionellen Journalismus. Das Internet, schreibt er, bereichert den Journalismus, auch wenn er den Professionellen das Leben schwer macht. Zeitungen werden überleben, wenn sie ihre Arbeit mit etwas mehr Selbstkritik betrachten. "Viele Medienkritiker glauben, dass die Aufhebung der Trennung von Fakten und Kommentar die Ursünde ist und dies erklärt, was schief läuft. Aber Zeitungen und verstärkt Radios haben dem Journalismus eine dritte Funktion hinzugefügt: Seriöser Journalismus enthält Informationen (Neuigkeiten) und Sinnstiftung (Kontext, Erklärung und, entscheidend, Auswahl). Jetzt halten es Reporter - und nicht nur Kolumnisten - außerdem für ihre Aufgabe, uns zu erzählen, was akzeptabel ist und was nicht. Analyse muss jetzt eine Moral haben. Wenn Reporter praktizieren, was Martin Bell so beschrieb: 'ein Journalismus der sich ebenso kümmert wie informiert', dann geht das über Sinnstiftung hinaus. Bell mag sparsam sein mit seinem Kümmern, aber nicht alle seine Nachahmer sind es. Was viele Leser, Zuschauer und Hörer ärgert, ist, dass moralisches Urteilen zur Routine geworden ist. Verachtung ist zur Gewohnheit geworden."
Stichwörter: Medienkritik

Elet es Irodalom (Ungarn), 28.11.2008

Vor einigen Monaten ist beim Berliner Verlag für Polizeiwissenschaft der Band "Intelligence-Service Psychology" erschienen. Einer der Autoren ist der Historiker und Mitarbeiter der Birthler-Behörde Helmut Müller-Enbergs. Andras Gervai fragte ihn in einem Email-Interview, ob die Kenntnisse, die er aus den Stasi-Akten und aus den Gesprächen mit IMs und Stasi-Offizieren gewonnen hat, seine Denkweise verändert hätten: "Im Zuge meiner Arbeit habe ich zwei grundsätzliche Erfahrungen gemacht, auf die ich liebend gerne verzichtet hätte. Früher hatte ich eine genaue Vorstellung davon, was normales und was nicht normales menschliches Verhalten ist. Heute kann ich das nicht mehr so genau beurteilen. Für mich wurde das Unnormale zur Normalität. Dies hatte im Alltag ziemlich bedeutende Konsequenzen: ich konnte mich mit niemandem unterhalten, ohne dabei nach seinen Hintergedanken zu forschen. Meine andere grundsätzliche Erfahrung war, dass ich früher geglaubt hatte, dass jeder Mensch ist, wie er ist, und im Großen und Ganzen auch bis zu seinem Lebensende so bleibt, doch ich musste erkennen, dass mit entsprechenden Methoden fast jeder manipuliert werden kann. Mein Bild vom mündigen Bürger löste sich auf. Wer in dieser Behörde, inmitten dieser Akten arbeitet, verändert sich stetig, ohne es zu merken. Schmerzhaft wird dieser Prozess, wenn man sich dessen bewusst wird."

Przekroj (Polen), 04.12.2008

Lech Walesa steht wieder im Mittelpunkt des Interesses in Polen. Zum einen wurde in einer neuerlichen Publikation des staatlichen IPN seine vermutliche IM-Tätigkeit für den kommunistischen Geheimdiesnt thematisiert, zum anderen wurde er zum EU-Weisen gekürt. Und am Wochenende gab es in Danzig (Gdansk) eine große Feier zum 25. Jahrestag seiner Friedensnobelpreisehrung. Piotr Najsztub erklärte er im Interview, dass ihm Polen zu klein geworden sei: "Hier habe ich das Meinige getan. Wir haben gewonnen, ich habe die Richtung vorgegeben: Westen, Kapitalismus, Demokratie. Ich hatte das Ganze, jetzt könnte ich mich nur noch mit einem Teil davon befassen. Ich müsste eine von hundert Parteien wählen. Mehr noch - Leute mögen das nicht, aber ich kann nur Erster sein. Ich habe halt so einen Charakter."
Archiv: Przekroj
Stichwörter: Danzig, Lech Walesa

El Pais Semanal (Spanien), 07.12.2008

Kenneth Roth, Präsident von Human Rights Watch, kritisiert im Interview mit Gabriela Canas die USA und Deutschland. "Zugegeben, die USA waren nie eindeutige Verteidiger der Menschenrechte, und trotzdem haben sie dazu beigetragen, diese voranzubringen. Die Bush-Ära war jedoch eine Katastrophe - seitdem hat dieses Land ein Glaubwürdigkeitsproblem. Wie soll man die Folter kritisieren, wenn man selbst foltert? Wie das Verschwindenlassen von Menschen, wenn man es selbst praktiziert?" Auch zu Deutschland findet Roth klare Worte: "Deutschland ist der Hauptverantwortliche für die ungerechtfertigte Aufhebung der EU-Sanktionen gegen Usbekistan nach dem Massaker von Andischan (s. a. hier). Die deutsche Außenpolitik gegenüber den Ländern der ehemaligen Sowjetunion wird bestimmt durch die Absicht, sich den Zugang zu Gas und Erdöl zu sichern. Die Menschenrechte werden dafür zurückgestellt, das ist wirklich sehr enttäuschend."
Stichwörter: Folter, Gas, Human Rights Watch

New Yorker (USA), 15.12.2008

Unter der Überschrift "Risikofaktoren" analysiert George Packer die Lehren, die aus den Anschlägen von Mumbai zu ziehen seien: Ein Vermächtnis der Bush-Regierung besteht darin, dass Amerika nicht länger einfach irgendwo einrauschen und eine Lösung der Krise erzwingen kann. Die Antworten hat Pakistan größtenteils selbst in der Hand - und das ist am beängstigenden überhaupt." Denn welches Pakistan soll die Extremisten bekämpfen? "Die schwache Zivilregierung von Präsident Asif Zardari? Die heuchlerischen Sicherheitskräfte? Die Stammesführer entlang der afghanischen Grenze? Die riesige, überwiegend arme, tumultgestimmte Bevölkerung? Kernproblem ist doch, dass Pakistan in Wirklichkeit längst kein Land mehr ist, wenn es denn je eines wahr."

Weiteres: James Wood bespricht eine Sammlung der frühen Erzählungen von Richard Yates: "Revolutionary Road, The Easter Parade, Eleven Kinds of Loneliness" (Everyman?s Library). Antony Lane sah im Kino das Action-Drama "The Wrestler" von Darren Aronofsky mit Mickey Rourke als ehemaligem Wrestling-Star Randy Robinson, "The Reader", die Verfilmung von Bernhard Schlinks Roman "Der Vorleser" durch Stephen Daldry, und das Priesterdrama "Doubt" von John Patrick Shanley.

Zu lesen ist außerdem die Erzählung "The Woman of the House" von William Trevor und Lyrik von Michael Dickmann und Jonathan Aaron.
Archiv: New Yorker

Point (Frankreich), 04.12.2008

Für Bernard-Henri Levy steht fest, dass die Attentäter von Bombay aus Gruppen stammen, die Beziehungen zum pakistanischen Geheimdienst haben. So schreibt er in seinen "Bloc-notes": "Lashkar-e-Toiba steht seit ihrer Gründung der ISI ("Inter Services Intelligence") nahe, jenem Geheimdienst, der in Pakistan einen Staat im Staate darstellt und dessen Machenschaften sich der politischen Kontrolle entziehen: Diese Verbindung ist natürlich verdeckt; man kann, wie nach dem 11. September, Lashkar sogar verbieten. Die Gruppe hat sich dann unter anderem Namen neu gebildet hat und nennt sich heute Jama'at-ud-Dawa ; doch von der Entführung Daniel Pearls und dem Anschlag im Juli 2005 auf den Hindutempel von Ayodhya in Uttar Pradesh bis zu kleineren Operationen in Pakistan häufen sich die Beweise sowohl der Finanzierung als auch der technischen Ausstattung der Gruppe durch die Fraktion der islamistischen Sympathisanten in der ISI."
Archiv: Point
Stichwörter: Bernard-Henri Levy

Gazeta Wyborcza (Polen), 06.12.2008

Auch die Gazeta Wyborcza berichtet ausführlich über die Feierlichkeiten zum 25. Jahrestag der Verleihung des Friedensnobelpreises an Lech Walesa (hier gibt es die Fotos). Fast tausend Gäste waren eingeladen, darunter Nicolas Sarkozy und Jose Manuel Barroso, aber auch der Dalai Lama, was die chinesische Regierung wenig freute. "Gdansk wurde für einen Augenblick zur Hauptstadt Europas", schreibt dazu Jaroslaw Kurski. "Manchmal zweifle ich daran, ob wir unsere Geschichte verdienen. Sie ist sicherlich schöner als wir selbst. Das ist die positive Nachricht aus Gdansk. Bald kommt der 20. Jahrestag der Souveränität, eine Zeit, in der wir auf unsere Taten stolz sein können. Zeigen wir der Welt, dass hier in der Danziger Werft und am Runden Tisch das Ende des Kommunismus in Europa eingeläutet wurde. Der Fall der Berliner Mauer war nur dessen Konsequenz. Zeigen wir, dass die Zeit nicht vergeudet wurde, dass Polen weiterhin Anführer der Freiheit ist!"

Außerdem: Rafal Kalukin versucht dem Mythos Walesa mit Ironie beizukommen. "Jeder, der einige Jahre in Polen gelebt hat, musste sich mit dem Mythos Walesa auseinandersetzen und sich einen eigenen Walesa basteln. Seine komplexe Biografie hilft dabei, diese Bilder nach Gusto zusammenzustellen. Es gibt so viele Walesas, wie es Polen gibt. Der echte ist dabei weniger wichtig. Besser noch, er verschwindet ganz, um nicht zu stören." Interessant liest sich auch das Interview mit Frankreichs Außenminister Bernard Kouchner, der zugibt, anfangs nicht geglaubt zu haben, dass ein Katholik eine Revolution machen könnte.

Spectator (UK), 06.12.2008

Aidan Hartley zieht den Hut vor der Professionalität der somalischen Piraten, von denen er einige persönlich kennengelernt hat. Die Hintermänner der Piraten, erzählt er, sind eng verbunden mit Somalias vom Westen unterstützten Präsidenten Abdullahi Yusuf. "Yusuf und sein enger Kreis stammen aus Puntland, einer halbautonomen Region in Somalias Nordosten. Schätzungen gehen davon aus, dass letztlich sechs Minister der mit Yusuf verbündeten Regierung Puntlands in die Piraterie verstrickt sind - zusammen mit zwei ehemaligen Polizeichefs und verschiedenen Bürgermeistern. Puntlands Polizeikräfte wurden von den Vereinten Nationen trainiert, mit britischer Unterstützung. Aber in einigen Hafenstädten zahlen jetzt die Piraten die Gehälter. Puntland ist der erste genuine Piratenstaat der Welt. Somalische Piraterie ist extrem effizient geworden. Die Auszahlung von Lösegeldern wird über Anwälte in verschiedenen afrikanischen Hauptstädten organisiert. Ex-SAS-Offiziere wurden angestellt, um den Piraten Lösegelder in Cash auf hoher See zu übergeben. Nach meinen Informationen benehmen sich die Piraten wie perfekte Gentlemen, wenn das Geld übergeben ist, und sie geben die Schiffe immer gutgelaunt zurück."
Archiv: Spectator
Stichwörter: Geld, Vereinte Nationen, Aida

Nouvel Observateur (Frankreich), 04.12.2008

In einem unterhaltsamen Interview stellt der Historiker Michel Pastoureau seine Kulturgeschichte der Farbe Schwarz vor ("Noir. Histoire d'une couleur", Seuil). Es geht unter anderem gutes und schlechtes Schwarz und seine unterschiedlichen sozialen Bedeutungen bis hin zur heute dominierenden Symbolik luxuriöser Eleganz. Eine Karrieregeschichte also, zumindest in der Mode, auf einem anderen Gebiet verläuft die Entwicklung dagegen andersherum: "Jahrhunderte lang waren in Europa die Hausschweine überwiegend schwarz. In Folge der Entdeckerreisen wurden sie mit asiatischen Schweinen gekreuzt und zunehmend heller, bis sie so rosa waren, wie wir sie heute kennen - mit einigen Ausnahmen, etwa in Korsika oder der Gascogne. Vor ein paar Jahren habe ich Jean-Jacques Annaud bei den Dreharbeiten zu 'Der Name der Rose' beraten. Er wollte mit rosa Schweinen drehen. Da die Handlung aber im Mittelalter spielt, wies ich ihn darauf hin, dass dies unmöglich sei. Deshalb mussten sie gegen Tiere mit dunklerer Haut und Behaarung ausgetauscht werden."

Zu lesen ist außerdem ein Interview mit Robert Badinter, der zehn Jahre nach der feierlichen Begehung des 50. Jahrestags der UN-Menschenrechtscharta eine ernüchternde Bilanz zieht: "Was für ein Rückschritt seither!" Ebenfalls in einem Gespräch lotet der Historiker Pascal Blanchard, der sich in seinen Büchern mit dem Verhältnis von Körper und Hautfarbe sowie der französischen Kolonialpolitik beschäftigte, nach der Wahl von Barack Obama die Chancen für eine "postrassischen Gesellschaft" aus.

Economist (UK), 08.12.2008

Das Interessantes am Economist dieser Woche ist eine Technologie-Beilage. In der ist zum Beispiel zu erfahren, warum Kinobilder in nicht zu ferner Zukunft möglicherweise per Laser auf die Leinwand geworfen werden: "Die Idee, Laser als Lichtquellen für Projektoren zu verwenden, reicht in die sechziger Jahre zurück. Es gab allerdings zwei große Probleme. Zum einen waren Laser damals unhandliche, teure Geräte, deren einzige Rolle im Kino daran bestand, dass man mit ihnen drohen konnte, James Bond in zwei Hälften zu zerteilen. Das Problem ist überwunden, seit kompakte und günstige Halbleiter-Laser kommerziell verfügbar sind. Das zweite Problem allerdings besteht darin, dass Laserlicht eine Tendenz zum 'Sprenkeln' hat - soll heißen: wenn es auf eine rauhe Oberfläche trifft, entsteht ein unkontrollierbares Glitzer- und Glimmer-Muster. Das Sprenkeln, eine Folge der geringen Bandbreite des Laserlichts, vermindert die Schärfe des Bildes. Aber auch dieses Problem ist nun überwunden."

Außerdem erfahren wir, was dafür und dagegen spricht, dass das Internet demnächst in der "Exaflut" zu vieler Daten ertrinkt, die vor allem wegen neuer Videodienste anschwillt. (Der Artikel gibt in der Tendenz eher Entwarnung.) Und dann noch: Die große Liste der wichtigsten Bücher des Jahres 2008.
Archiv: Economist
Stichwörter: James Bond, James Bond

Dissent (USA), 08.12.2008

Eine wütende Anklage erhebt der russische Dichter - (hier sein Blog) - Kirill Medwedew gegen die russische Intelligenzija, die sich seinen Worten in zwei Lager gespalten hat: "Die eine Hälfte dient direkt den herrschenden Strukturen des Kapitals - Banken, Verlagen, Unternehmen -, während die andere beschlossen hat, dass es trotz aller Beschwernisse - der Unmöglichkeit, in seinem Beruf zu arbeiten, der kulturellen Degradierung, der Vulgarität und der Kleingeistigkeit der neuen Herren - falsch wäre zu murren, seine Unzufriedenheit auszudrücken, Forderungen zu stellen. Es wäre nutzlos und unattraktiv, nicht mit der Zeit zu gehen." In der neuen Zeit, meint Medvedev, zählen nur Gefühle, keine Politik: "Die neue Aufrichtigkeit, oder genauer: die neue Empfindsamkeit, hat mit den schlimmsten Auswüchsen des Postmodernismus aufgeräumt: seinem unverständlichen, elitären Jargon und seiner Opposition zu großen Narrativen und globalen Konzepten. Aber sie hat auch seine unleugbar positiven Qualitäten beiseite gewischt: seine unbezähmbar kritische Perspektive und seine intellektuelle Raffinesse."
Archiv: Dissent

Nepszabadsag (Ungarn), 06.12.2008

Die Tragödie Ungarns ist es, dass sich die verschiedenen Krisen summieren, findet der Politologe Laszlo Lengyel: Auf die strukturelle Krise des Landes und die Legitimationskrise der politischen Elite folgt nun auch die Finanzkrise, die sich durch die Entscheidung des EU-Gipfels vom 12. Oktober noch verstärkt: "Wir Ungarn werden von der Welt und von unserer eigenen Dummheit gestraft. Die Welt straft uns teilweise für fehlende Reformen, schlechte wirtschaftspolitische Leistungen und die sich daraus ergebende Unglaubwürdigkeit. Es stimmt zwar, dass das Urteil der Welt über uns in hohem Maße auf einer virtuellen ungarischen Welt und nicht auf der komplizierten ungarischen Realität basiert. Nie war das Ungarn-Bild in der internationalen Presse so schlecht wie jetzt. In den Augen der Welt erscheint das einst friedliche, strebsame, in Sachen Reformen eine Vorreiterrolle spielende Ungarn, das in der Revolution heldenhafte und im Alltag gastfreundschaftliche und fleißige ungarische Volk sowie seine begabte Elite nun als eine rückständige, der Reformen müde gewordene, unzuverlässige, unverträgliche, nationalistische Welt des ungarischen Populismus. Natürlich liegt es im Interesse der anderen, ihren Rückzieher mit unserem schlechten Erscheinungsbild zu begründen. Andererseits: warum sollten sie ausgerechnet den schlechten Schüler retten?"
Archiv: Nepszabadsag
Stichwörter: Populismus

The Atlantic (USA), 01.12.2008

Wenn Barack Obama sein Amt antritt, werden die USA gut 2 Billionen Dollar (2.000.000.000.000 $) Schulden bei China haben. Gao Xiqing ist Chef der staatlichen China Investment Corporation (CIC), einem der größten Staatsfonds der Welt. Er verfügt über 200 Milliarden Dollar, 80 davon soll Gao Xiqing in ausländische Unternehmen investieren. Im Interview mit James Fallows lobt er den Pragmatismus der Amerikaner, der sie aus der Krise führen kann. Vorausgesetzt, einiges ändert sich. Dazu gehört vor allem das Gefühl der Überlegenheit, das nie angebracht ist, wie Xiqing aus der Kulturrevolution gelernt hat. "Die schlichte Wahrheit heute ist, dass Ihre Wirtschaft auf der Weltwirtschaft aufbaut. Sie baut auf der Unterstützung, der kostenlosen Unterstützung vieler Länder auf. Warum kommen Sie also nicht rüber und - ich will nicht sagen machen einen Kowtow [lacht], aber sind wenigstens nett zu den Ländern, die Ihnen Geld leihen. Sprechen Sie mit den Chinesen! Sprechen Sie mit den Leuten im Nahen Osten! Und ziehen Sie Ihre Truppen zurück ... so dass Sie Geld sparen können, statt täglich 2 Milliarden Dollar für sie auszugeben. Sagen Sie Ihren Leuten, dass sie sparen müssen, und überlegen Sie sich eine langzeitliche nachhaltige Finanzpolitik."

Im Aufmacher schreibt Henry Blodget aus einer ungewöhnlichen Perspektive über Finanzblasen: Als berühmter Aktienanalyst bei Merrill Lynch hat er während der Internetblase seine Klienten gegen die Wand gefahren und wurde vom damaligen New Yorker Generalstaatsanwalt Eliot Spitzer wegen Betrugs angeklagt. Die jetzige Immobilienblase hat Blodget als Journalist und Hausbesitzer erlebt und festgestellt, dass man auch zu früh aussteigen kann: Sein Haus, das er 2003 verkaufte, verdoppelte seinen Wert noch einmal, bevor die Blase platzte. "Wenn man genug Blasen erlebt hat, lernt man am Ende immerhin etwas wertvolles. Ich habe zum Beispiel gelernt, dass es zwar schmerzt, zu früh auszusteigen, aber es schmerzt weniger als zu spät auszusteigen. Wichtiger noch, ich habe gelernt, dass fast all unsere gewöhnlichen Weisheiten über Finanzblasen falsch sind." Und das erklärt er dann ausführlich.

Außerdem: Benjamin Schwarz singt eine Hymne auf das "epochale" neue Buch des Oxforder Archäologen Barry Cunliffe, "Europe Between the Oceans".
Archiv: The Atlantic