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Im Kino

Von Einstieg bis Aufprall

Die Filmkolumne. Von Lukas Foerster, Ekkehard Knörer
11.05.2011. Den Rennfahrer als Volkshelden lässt Asif Kapadia in seiner Doku "Senna" aus Archivmaterial wiederauferstehen. Mit Untoten anderer Art bekommt es dagegen ein Vampirjäger namens "Priest" im angenehm unironischen B-Movie gleichen Titels zu tun.


"Senna" - kurz und ikonisch: "Senna" - ist ein Volksheldenfilm. Der Autorennfahrer als Liebling der Götter (bis sie ihn töten), wiederauferstanden aus Archivmaterial. Nicht von Göttern jedoch spricht er, Ayrton Senna, sondern von Gott, der ihm in den letzten Runden des Rennens persönlich erscheint. Man kann verstehen, dass sein großer Rivale, Alain "der Professor" Prost, ein nüchterner Mann, davon eher nichts hält. Die Auseinandersetzung zwischen den beiden steht im Zentrum des Films, weil erst der Gegner und tendenziell Schurke den Helden so richtig heldenhaft macht. Erst vertrugen sich Senna und Prost, wie man sich im selben Team zwischen Titelverteidiger und unbestritten hochbegabtem Supertalent eben verträgt: mit Hintergedanken und gemischten Gefühlen. Vermutet man. Und so suggeriert auch der Film, der sich auf Zeitlupen"beweise" und freeze frames der unterstellenden Art bestens versteht. Und dann war Schluss mit Vertragen, es folgten die Schlachten in Blicken, Worten und Karambolagen, die bis heute berühmt sind bei allen, die sich für die Geschichte des Autorennsports interessieren.

Mit heutigen Augen und gewohnt an Maß und Betragen der Wagen staunt man beim Wiedersehen der Bilder über die in nervösester Unruhe über die Rennstrecken zickenden, zackenden, zuckenden Boliden, stets am äußersten Rand und Band der Kontrolle der Fahrer. Senna, der Sohn reicher Eltern, kam, wie am prominentesten Michael Schuhmacher, das nächste große Fahrergenie, aus dem Kinder-Kart-Garten und brachte den dort gepflegten und dort auch nicht lebensgefährlichen aggressiv-rabiaten Rennstil ins Formeleinsfahrerfeld.Wie später Schuhmacher auch bewies er sein Können im die Qualitätsdifferenzen der Autos nivellierenden Regen und jagte Prost im hoffnungslos unterlegenen Toleman durch die Straßen von Monte Carlo und holte ihn wegen des wetterbedingten Rennabbruchs nur ganz knapp nicht ein. Den Abbruch nahm Senna, der auf den Sieg brannte, sehr übel. Es war der Beginn des durchaus begründeten Hasses auf Formel-1-Chef Balestre, der zu Fairness und Recht und Gesetz das für die großen Sportverbände üblich problematische Verhältnis pflegte und seinem Landsmann Prost die eine oder andere Extrawurst briet.



Tamburello war der Name der Kurve, die 2904. die letzte Führungsrunde in Sennas Leben, wir schreiben das Jahr 1994: Von Einstieg bis Aufprall zeichnet Asif Kapadia das Porträt eines Mannes nach, den die Menschen in seiner Heimat wie einen Gott selbst verehrten. Man sieht seine Eltern, man sieht seine Freundin, eine Fernsehmoderatorin, die ihn vor laufender Kamera mit Kussmündern überhäuft. Man sieht ihn zu Lande, zu Wasser und auch in der Luft. Man sieht das Rennen aus seiner Perspektive, man sieht ihn der Ohnmacht sehr nahe nach dem Sieg beim heimischen Interlagos-Grand-Prix, bei dem er nicht nur über die Gegner, sondern auch über ein rundenlang im sechsten Gang feststeckendes Auto triumphierte. Man hört ihn von Gott sprechen, man hört ihn Prost beschimpfen und sieht, wie ihm mitgespielt wird und wie er selbst unlautere Mittel keineswegs scheut. Weil die Filmemacher von der Senna-Familie jede Unterstützung erfuhren, wird mancher problematische Zug nach Möglichkeit ins Heldische umretuschiert. Nur die Humorlosigkeit Sennas, seinen verbissenen Ehrgeiz, die kriegt man nicht ohne weiteres weg.

Paradox ist der Effekt, auf den Regisseur Kapadia zielt: Eine Dramaturgie der Unmittelbarkeit, die sich dem Verzicht auf anderes als das Archivmaterial verdankt. Die konventionelle Musik tut mit gefühlsidentischen Klangstoffen Ihres dazu, Kommentare aus heutiger Perspektive finden sich nur auf der Tonspur. Interessant ist der Vergleich mit der auf DVD greifbaren eine Stunde längeren Fassung des Films: Hier ist das Heldenbild durch Talking-Head-Sequenzen mit diversen Experten, Ex-Formel-1-Moderatoren und vor allem einem nicht unsympathischen Alain Prost deutlich ins Analytischere runtergedimmt. Triumphe jedoch erlebt die rasantere Fassung, die nicht zum Denken einlädt, sondern zum Mitgerissenwerden, Blödrumfühlen, Heldenverehren und Klagen: Das Ende sei dem Betrachter ein innerer Staatstrauertag. (In Brasilien waren es einst und ganz offiziell sogar drei.) Beim Festival in Sundance gewann der Film den Publikumspreis. In der IMDB ist bei einer Gesamtbewertung von 8.9 die Pole Position durchaus noch in Sicht.

Ekkehard Knörer

***



Eine kleine Hütte irgendwo in der Wüste. Mann, Frau und Mächen sitzen um den Esstisch. Das Leben ist nicht einfach hier draußen ("Nicht schon wieder Auflauf!"). Dann greifen die Vampire an, ein paar weißliche Schatten in der Dunkelheit, viel Getöse, aber alles schnell vorbei. Die Frau stirbt, der Mann überlebt schwer verletzt, das Mädchen wird gefangen genommen. Ein Priester zieht aus, es zu retten; doch vorher muss er sich von der Amtskirche lossagen. Denn die hat ihren eigentlichen Daseinszweck vergessen: die Vampirjagd. "Priest" basiert auf einer koreanischen Comicserie gleichen Namens (eher lose allerdings: im Original tauchen nicht einmal Vampire auf). Eine schöne animierte Sequenz führt zu Filmbeginn in die alternative Wirklichkeit des Films ein: Es geht um einen totalitären Gottesstaat, der heilige Krieger ausgebildet hat, die einst blutrünstige Vampire bekämpften und sie in Reservate verbannten, inzwischen aber selbst mehr und mehr in Ungnade fallen.

Ein "christlicher Blockbuster" wie die "Narnia"-Filme oder auch nur der in visueller Hinsicht durchaus vergleichbare "Book of Eli" ist "Priest" höchstens auf den ersten Blick. Scott Charles Stewart, der vorher lediglich den vermutlich ähnlich gelagerten Fantasystreifen "Legion" inszenierte, hat nicht das geringste Sendungsbedürfnis, für Religion interessiert er sich nur insoweit, wie ihr Zeichenarsenal fürs Actionkino instrumentalisierbar ist. Mit beachtlicher Konsequent verbirgt sich hinter jeder "frommen" Geste eine neue Attacke: Im Kruzifix ist ein Dolch versteckt, die Bibel enthält Wurfsterne, im Gebet sammeln sich die Priester höchstens für den nächsten Angriff. Stewart behandelt das Christentum - und das darf man durchaus sympathisch finden - wie eine abstruse, aber fotogene Mythologie unter vielen.



Optisch orientert man sich an "Blade Runner" und anderen Endzeitfilmen, eigentliches Genrevorbild aber ist der Western, das beginnt schon anfangs in der Hütte und setzt sich fort: Die Protagonisten und seine Gefolgschaft stehen selbst neben dem (in diesem Fall: kirchlichen) Gesetz, das sie verteidigen müssen, die Vampire sind die Entsprechung des indianisch Fremden, zwischendurch taucht sogar ein Quacksalber auf, der wie im klassischen Western ein fragwürdiges Wunderheilmittel an leichtgläubige Farmer zu verkaufen versucht. Paul Bettanys Hauptfigur ist eine Art entfernter Verwandter von Ethan Edwards aus John Fords "The Searcher", freilich gekürzt um alle moralischen Ambivalenzen: Wenn der antisoziale Einzelgänger seinen Rachefeldzug beginnt, macht er sich zwar den Vampiren gleich, aber diese garstigen, durch und durch computeranimierten Biester haben ihr Schicksal halt doch allemal verdient.

Aber man muss ja auch nicht gleich mit John Ford kommen: Ein geradliniger, unironischer B-Film wie "Priest" ist eine willkommene Abwechslung zwischen den überladenen Blockbustern, die in diesen Wochen und vermutlich noch eine ganze Weile die Kinolandschaft dominieren. Paul Bettany gibt einen überraschend überzeugenden Actionhelden, unter seinen Sidekicks gebürt der tödlich-coolen Priesterin Maggie Q eine Erwähnung. Die 3D-Effekte sind zwar, ähnlich wie zuletzt in "Thor" und bald auch in der aktuellen "Pirates of the Caribbean"-Fortsetzung, völlig überflüssig, auch die Kämpfe zwischen den Priestern und den Vampiren fallen etwas zu hektisch aus, aber insgesamt ist der Film stilsicher und ökonomisch inszeniert. Kaum ein Gramm überflüssiges Fett. Auf futuristischen Motorrädern rasen die Protagonisten über gleißende Einöden von einem düsteren Handlungsort zum nächsten, dazwischen sagen sie sogar in der deutschen Synchronfassung tolle Sätze wie: "Es gibt zwei Punkte, Punkt A und Punkt B, wenn Du beide kennst, kannst Du den Vampir töten."

Lukas Foerster

Senna. Großbritannien 2010 - Regie: Asif Kapadia - Darsteller: (Mitwirkende) Alain Prost, Frank Williams, Ron Dennis, Viviane Senna, Milton da Silva, Neide Senna, Jackie Stewart, Sid Watkins, Galvao Bueno, Reginaldo Leme

Priest. USA 2010 - Regie: Scott Stewart - Darsteller: Paul Bettany, Cam Gigandet, Maggie Q, Karl Urban, Lily Collins, Stephen Moyer, Mädchen Amick, Christopher Plummer, Brad Dourif, Alan Dale, Bill Oberst Jr., Julie Mond

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