Mut zur Flachheit

Die Filmkolumne. Von Thomas Groh, Ekkehard Knörer
20.02.2008. Als erstaunlich kühl kalkulierter Genre-Film aus Hollywood erweist sich James Grays "Helden der Nacht". Und Hartmut Bitomsky ist in seinem Essayfilm dem kleinsten Objekt des Kinos auf der Spur: "Staub".
Bobby Green (Joaquin Phoenix) besitzt alles, was in den späten 80er Jahren als begehrenswert gelten kann: Eine gestylte Frau, pastellfarbene Hemden, Yuppie-Schmuck, Zugriff auf Designerdrogen und er betreibt - zwar nicht in Manhattan, aber doch in Brooklyn - einen Amüsiertempel für die Schickeria der B-Garde, in dem sich auch die Schwergewichte des kriminellen Milieus gerne sehen lassen. Ein sorgloser, leicht halbseidener Lebemann, der Verlockungen eben nachgibt, leicht schmierig, aber nicht wirklich böse.

Sein Geheimnis ist dies: Eigentlich heißt er Robert Grusinsky und ist Halbrusse, der sein Erbe zu verheimlichen sucht; zum Missfallen seines Vaters Albert (in Altershochform: Robert Duvall) und Bruders Joe (Mark Wahlberg), hundertzwanzigprozentige, straffe Polizisten, die den vom Glauben abgefallenen Sohn gerne auf ihrer Seite, am liebsten in den Reihen der Staatsgewalt, wüssten. Im Visier haben sie den aufstrebenden Drogenboss Vadim (Alex Veadov), Stammgast in Bobbys Nachtklub. Vater und Sohn versprechen sich Zugriff auf den Verbrecher, während Bobby eine Kooperation aus Trotz und Eigennutz ablehnt. Was folgt, ist ein Kampf bis aufs Blut zwischen Polizei und Drogenmafia. Zwischen deren Fronten werden Bobbys Existenz und Loyalität zusehends in Frage gestellt.

"Helden der Nacht" erinnert in mancher Hinsicht an Martin Scorseses Oscar-Erfolg "Departed" (Kritik), genauer: an dessen Original, den Hongkonger Copthriller "Infernal Affairs" (Kritik). Zwei Brüder, zwei Fronten, Fragen der Loyalität und Identität. Doch im Gegensatz zu Scorseses psychologischem Overkill, ist "Helden der Nacht" ein blitzblank poliertes Gerippe, das sich im vollen Bewusstsein des kolportagehaften Charakters seiner Räuberpistolengeschichte ganz und gar auf deren Dynamikpotenzial verlässt und dabei gewinnt.

Die Story ist schematisch und folgt klaren Linien. Jede Konfrontation der Parteien, in deren Schlingen Bobby Green zunehmend um Raum zum Atmen fürchten muss, folgt glasklar aufeinander bezogenen Frontstellungen. Keine Figur ist Mensch mit Tiefe, sondern bloß Träger einer Storyfunktion, entsprechend hölzern und grob das Spiel. Solchen Mut zur Flachheit hat man aus Hollywood schon lange nicht mehr gesehen, man kennt sie ohnedies eher aus dem dafür zurecht bejubelten Genrekino aus Hongkong. Auch die Inszenierung folgt über weite Strecken einem planen Funktionalismus: Unambitionierte Schuss-Gegenschussverfahren lösen die Dialoge auf, manch TV-Film, mit Sicherheit aber jede aktuelle US-Qualitätsserie bietet ästhetisch mehr Reiz als die oft überstandardisierte Konzeption weiter Strecken.

Das ist aber nicht mangelndem Können geschuldet, es ist vielmehr kühles Kalkül. Ein Ruhepol zu den überraschend furiosen Szenen dieses merkwürdigen, aber großartigen Films. "Helden der Nacht" lässt sich völlig auf Bobby Green ein, einen Held, der keiner ist, zum grimmigen Heroismus dann aber doch gezwungen wird. Schnitt, Kamera und Tonspur - an der Grenze zur Hörbarkeit vibrierender Ambient - lassen das Geschehn in klaustrophobe Zustände geraten, etwa wenn Bobby Green, als verdeckter, verdrahteter Ermittler, dem das Herz sichtlich bis zum Halse schlägt, vom Bösewicht in die Schemenwelt einer Brooklyner Drogenküche eingeführt wird. Eine Verfolgungsjagd mit dem Auto durch New York verzichtet völlig auf wuchtige Spektakel und bietet dafür eine Auflösung ins hypnotisch Abstrakte - eine faszinierende Sequenz. "Helden der Nacht" ist voll von solchen sogartigen Momenten, deliranten Bruchstellen, die gegen jeden Strich gebürstet sind, mit dem man in Hollywood Genre angeht: Entschleunigung statt Eskalation, minimalistische Konzentration auf den Moment statt gehetzte Prasselei, Anspannung bis ins Unerträgliche statt hektischer Entladungen in alle Richtungen.

Thomas Groh

***

"Es bleibt immer ein Rest und ein Rest vom Rest!" Sagt Raymond Queneau. Man kann die Dinge der Welt kleinkriegen und immer kleiner, doch am Ende sind sie nicht nichts, sondern immer noch: Staub. Staub, als das, was bleibt, auch wenn die Dinge verschwinden, ist der Gegenstand von Hartmut Bitomskys jüngstem Film. Staub als etwas, das einen ziemlich buchstäblich in den Wahnsinn treiben kann - wie die Frau, die in ihrer Wohnung als Sisyphos des Hausfrauendaseins putzt und putzt und putzt und auch den Fernseher regelmäßig aufschraubt, weil darin der Staub sich fängt.

Wir sehen: Putzfrauen in Büros. Wir sehen: Die Staubsaugerindustrie, die auf verlorenem Posten nimmermehr aufgibt. Wir sehen: den Sand der Sahara, der als Staub zu uns gelangt. Wir sehen: Sandstürme im Stummfilm, den Staub, der als Farbe auf die Welt aufgetragen wird. Wir sehen: Staub-Experten der Wissenschaft und, ja, auch das, Staub-Künstlerinnen. Wir sehen, am Ende: den staubfreien Reinraum. Stundenlang, erzählt Bitomsky im Interview, musste die Kamera gereinigt werden, bevor sie hineindurfte in den Raum, der dem Staub widersteht.

Zum Staub, den wir sehen, hören wir die tiefe, sonore Stimme von Hartmut Bitomsky. Diese Stimme, denkt man, lässt sich nicht zerstäuben. Vielmehr hat sie, mit philosophischen Einsichten gewappnet, den Staub im Griff. "Staub", sagt Bitomsky, " ist das kleinste Objekt, von dem ein Film handeln kann." Und auch der Film selbst ist "Staub, der in der Dunkelheit des Kinos aufscheint".

Zur Stimme, die wir hören, bewegt sich majestätisch die Steadycam. Auch der Blick dieses Films, will es scheinen, lässt sich nicht zerstäuben, er setzt sich zu den Experten, die sprechen, souverän ins Verhältnis. Deshalb durchzieht dieses Werk des vielleicht allzu klugen Essayfilmers Bitomsky mehr als nur eine Inkongruenz. Vom hundertsten des Staubs kommt er ins tausendste und doch will der Film "Staub" aus dem Off (die Stimme des Filmers) und im On (die durch nichts aus der Fassung zu bringende Steadycam) die Kontrolle niemals verlieren. Der Film ist von völlig anderer Konsistenz als sein Gegenstand. Er reiht Staub-Phänomen an Staub-Phänomen, der Logik des Staubs jedoch kommt er in seiner Form nie auf die Spur.

Ekkehard Knörer

Helden der Nacht - We Own the Night. USA 2007 - Originaltitel: We Own the Night - Regie: James Gray - Darsteller: Joaquin Phoenix, Mark Wahlberg, Eva Mendes, Robert Duvall, Vadim Nezhinski, Danny Hoch, Oleg Taktarov, Moni Moshonov, Antoni Corone

Staub. Deutschland / Schweiz 2007 - Regie: Hartmut Bitomsky - Darsteller: (Mitwirkende) Cornelia Hoepfner, Marga Beck, Ayni Iloar, Srecko Kekec, Martin Schacht, Michaela Preuss