Im Kino

Öl, Schweiß und Tränen

Die Filmkolumne. Von Thomas Groh, Ekkehard Knörer
13.02.2008. Eine gewaltige Ur-Dissonanz durchzieht die Bilder und Klänge von P.T. Andersons Öl-Epos "There Will Be Blood". Eher brav buchstabiert dagegen der spanische Regisseur Juan Antonio Bayona das ABC des Horrorfilms in seinem Debüt "Das Waisenhaus".
Blut, ja, Blut wird es geben. Am Ende wird einer in seinem Blut liegen wie eine gekeulte Sau; davor aber, zweieinhalb Stunden lang: ein Epos aus Blut, Schweiß und Tränen, ein Elementarkampf um Blut und Öl, um die Seele des Menschen und den Mammon der Welt in Feuer und Schlamm, in Dunkel und Licht. Und inmitten der Urgewalten, als Urgewalt sui generis: Daniel Day-Lewis.

Ein Mann steigt hinab in die Erde, damit beginnt der Film, der lange stumm bleibt. Daniel Plainview, der Mann, der hinabstieg, findet Öl und fortan gilt sein Denken und Trachten nur noch der Vermehrung des Eigentums an Grund und Boden und eben, zuerst und zuletzt: Öl. P.T. Anderson zeichnet diesen Mann, der sich selbst nachdrücklich als Ölmann bezeichnet, als Verkörperung: des Öls, in das er getaucht ist, der Gier nach mehr Öl, die sein Handeln bestimmt. Und damit wird auch das Öl zum Symbol: eines kapitalistischen Strebens, das niemals Erfüllung finden, nur immer nach Steigerung verlangen kann. Eines Strebens, das aus Mitmenschen Konkurrenten macht, alle Bande sprengt, die die Gier binden und in die Grenzen von Recht und Gesetz zwingen könnten.

Früh schon stößt Plainview auf ein Gegenprinzip; es ist aber nicht das Recht, es ist nicht die Kraft und Gewalt von Ethik oder Institutionen, ganz im Gegenteil. Als Rivale im Kampf um den Menschen, als einen, der an die Seelen der Menschen will, um sich an seinen Triumphen aber ganz ähnlich wie Plainview am Öl zu berauschen, zeichnet der Film, der auf Sinclair Lewis' Roman "Öl!" gründet, den Propheten Eli (Paul Dano). Der gründet eine Kirche der Dritten Offenbarung, gewinnt dem Ölmann Plainview mit List und Geschick das Geld ab, das Eigentum seiner Kirche zu mehren und treibt, dem ungläubigen Daniel ein steter Dorn im Auge, seiner Gemeinde, wo es nötig ist, den Teufel aus.

"There Will Be Blood" nimmt, wie noch jedes Epos, das nach der Darstellung von Urgründen sucht, zuallererst eine grandiose, auch gewaltsame Reduktion vor. Alles Soziale, Ökonomische, aber auch die Natur und die Beweggründe des Menschen werden in dualer Ur- und Reinform vorgestellt, die Welt wird in zwei polare Kräfte aufgeteilt. Diese Kräfte sind, als Personifizierungen das, aus dem der Film alles, was dann kapitalistische Gesellschaft wird, erklärt. Daniel vs. Eli. Die Ausbeutung der Erde und der Arbeitskraft des Menschen vs. den Kampf um die Seele. Als Dingsymbole: Das Öl und das Blut. Es gibt allerdings, mit Stummheit und Taubheit geschlagen, Plainviews Sohn, der am Ende die Bande des Blutes wird kappen können - ob sich nicht dennoch die Gier und der Fanatismus, in zivilisierterer Form, nur fortzeugen, lässt der Film ausdrücklich offen.

Aus seiner grandiosen Reduktion entfaltet der Film ein Szenario, das seine Komplexität aus Konfrontationsformen gewinnt. Es stehen sich nicht nur der Wille des Ausbeuters und der des Propheten als Wille zur Demütigung, ja zur Vernichtung des anderen ohne Gnade gegenüber, bis zum finalen Showdown. Freilich setzt Anderson dem Willen des Menschen auch, und vom ersten Bild an, die materiale Gewalt der Erde entgegen. Der Erde, die Menschen begräbt, die Gas und Öl und Feuer spuckt. Kräfte, die Plainview als seiner würdigen Gegner begreift, den er mit knapper Not ein ums andere Mal niederringt.

"There Will Be Blood" ist durchdrungen vom Willen zur Vereinfachung, aber der Film hat kaum metaphysische oder auch tiefenpsychologische Mucken. Anderson zeigt Szene für Szene nur Konfrontationen. Zwischen dem Willen des Menschen sowie seiner Hände Kraft und der Gewalt der Natur. Oder das trickreiche Ringen um Land und Geld und das fanatische Ringen um die Seele. Die Darsteller - Daniel Day-Lewis, der für solche Rollen geschaffen ist, aber auch Paul Dano als schmieriger Seelenfänger - spielen das mit angemessener Wucht. Hier wird nichts mit Feinheit entfaltet, alles ist Kraft, Wut und in Momenten der Schwäche auch Jammer.

Die Bilder, die P.T. Anderson für diese Szenarien findet, sind oft wie aufwandslos groß. Dabei bleibt "There Will Be Blood" weitgehend frei von überwältigungsästhetischen Ambitionen. Ohne seinen Soundtrack, komponiert von Radiohead-Mitglied Johnny Greenwood, wäre er freilich nicht halb so gut. Dank der insistent unheimlichen Streicher auf der Tonspur steckt von Anfang an auch eine Art Ur-Dissonanz in diesem Film. Die hier entworfene Welt ist niemals heil. Und im Moment, da sie in Brand gerät, schüttelt ein Klopfen und Rattern wie von Gebein auf Gebein den Zuschauer gründlich durch. Auch wer das Weltbild, das der Film entwirft, nicht teilt, wird sich "There Will Be Blood" in Szenen wie diesen schwer nur entziehen können.

Ekkehard Knörer

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Geschichtsträchtige Gemäuer begegnen einem in der gothic fiction an jeder Ecke und oft genug - bei Walpole ("Castle of Otranto") etwa, bei Poes "House of Usher" oder in Lucio Fulcis "Haus an der Friedhofsmauer" - im Titel selbst. Mit den Familien, die sie bewohnen, sind sie gewöhnlich in eins gesetzt, um so als Sinnbild für die unter der Oberfläche - oder im Keller, unter Bodendielen und in Nischenräumen - rumorenden Traumata zu dienen. Kein Wunder also, dass "Das Waisenhaus", das Debüt des Spaniers Juan Antonio Bayona, so heißt, wie es heißt. Produziert wurde es, und dies dürfte für das internationale Interesse an diesem Film ausschlaggebend sein, von Guillermo Del Toro, seit "Hellboy" und "Pans Labyrinth" als Meister filmischer Phantastik weithin anerkannt. In gewisser Weise reicht der damit den Gefallen weiter, den Pedro Almodovar ihm einst als Produzent von "Devil's Backbone" erwies.

Schon der Vorspann - ältliche Tapeten werden von Kinderhand abgerissen - stellt klar, dass hinter bürgerlich tapezierter Fassade schreckliche Geheimnisse lauern. Die dazu passende Familie besteht aus Laura (Belen Rueda), Carlos (Fernandon Cayo) und Sohn Simon (Roger Princep). Im titelgebenden Domizil verbrachte die Mutter ihre Waisenkindheit, als frisch bezogenes Haus soll's der jungen Familie fortan als Zuhause dienen.

Versteht sich, dass diese Kindheit manch Schatten aufwies; auch, dass der Sohn alsbald wie einst in "Shining" mit imaginären Freunden in Verbindung steht; und dass Laura bald vor Sorge umgeht, um sich und Nachwuchs gleichermaßen. Es knarrt und knorrt an allen Enden, ein wie von Geisterhauch bewegtes Karussell im Garten dient als regelmäßig wiederkehrendes, unheilschwangeres Insert. Ein filmisches Off also drängt - wie das im Horrorkino seit jeher zum guten Ton gehört - stetig dräuend in die Aufmerksamkeit des On, mal schockartig, mal subtil.

Bei einer Feier im Garten schließlich kippt die angespannte Situation völlig, als nicht nur der Sohn spurlos verschwindet, sondern auch ein grotesk maskiertes Kind Laura nach dem Leben trachtet. Dem Gefüge der Realität ist ab hier nicht mehr zu trauen, wie auch dem Haus, der Familie und dem Film selber nicht: Auf ihrer Suche nach den Geistern, die an ihr zerren, und zur Rettung ihres Sohnen begibt sich Laura buchstäblich in Zwischenräume des Hauses und eben der eigenen Biografie, die, erfährt man bald, vom Film recht subjektiv vermittelt wurde. Zwischen allem, was der Film an Erzählbarem munter verklebt, befindet sich noch genügend Material für eine Trauma-Archäologie, die sich zumindest Kennern des Genres allenfalls eine Spur zu deutlich ankündigt. Oder kurz: Viel Geisterbahn überall.

Neuland betritt Bayona mit "Das Waisenhaus" kaum. In Spanien nicht, wo der phantastische Film sich durch zahlreiche Beiträge, wenngleich höchst unterschiedlicher Qualität, bester Gesundheit erfreut, und schon gar nicht im Bereich der gothic fiction: Zugute halten kann man dem einstigen Videoclip-Regisseur, dass er die Formsprache seines einstigen Metiers nicht in den gothic horror trägt: "Das Waisenhaus" ist weitgehend mit ruhiger Hand inszeniert, sorgfältig kadriert und durchaus um Atmosphäre bemüht.

Kaum verhehlen aber lässt sich, dass der Film wie nach Lehrbuch aufgesagt wirkt. Brav werden die traditionellen Elemente verstreut und eingesetzt, wird eines dann passgenau aus dem Hut gezaubert, so vor allem deshalb, weil es hier auch hingehört. Man könnte dies, zumal unter dem Vorzeichen der derzeit dominanten, "torture porn" genannten Strömung im Horrorfilm, als Rückbesinnung auf alte Werte deuten; genauso gut kann man sich beim Durchbuchstabieren sattsam bekannter Genreelemente aber auch einfach nur langweilen. Mit "solide" ist Bayonas Arbeit zwar gut beschrieben, doch steht seine offen zutage tretende Sorge, als Debütant auch ja alles richtig zu machen, der Portion Irrwitz, die gutes Horrorkino auszeichnet, strikt im Wege.

Thomas Groh

There Will Be Blood. USA 2007 - Regie: Paul Thomas Anderson - Darsteller: Daniel Day-Lewis, Paul Dano, Kevin J. O?Connor, Ciaran Hinds, Dillon Freasier, Mary Elizabeth Barrett, Christine Olejniczak, Barry Del Sherman - Prädikat: besonders wertvoll - FSK: ab 12 - Länge: 158 min.

Das Waisenhaus. Mexiko / Spanien 2007 - Originaltitel: El Orfanato - Regie: Juan Antonio Bayona - Darsteller: Belen Rueda, Fernando Cayo, Roger Princep, Geraldine Chaplin, Mabel Rivera, Montserrat Carulla, Andres Gertrudix