Im Kino

Handlung ist ein Virus

Die Filmkolumne. Von Ekkehard Knörer
09.01.2008. Still, leer, tot ist New York nach der Apokalypse in Francis Lawrences Film "I am Legend" - und solange es so bleibt, ist der Film sogar richtig gut. Gordian Maugg vermischt in seinem Historienfilm "Zeppelin!" die Zeitebenen ebenso wie Dokumentaraufnahmen und eigenes Bildmaterial.
"I am Legend", nicht die erste Verfilmung von Richard Mathesons Science-Fiction-Klassiker aus dem Jahr 1954, eröffnet mit einem Fernsehinterview. Eine Wissenschaftlerin berichtet stolz, dass sie ein Virus umprogrammiert und mit diesem neuen Virus den Krebs besiegt hat. Schnitt. Durch die am Times Square gelegene Savanne Manhattans streicht, das Gewehr im Anschlag, der, wie es den Anschein hat, letzte Mensch. Zwischen den Autos, die gottverlassen auf den Straßen stehen, flieht springend Wild, an seiner Seite hat der letzte Mensch die Schäferhündin Samantha. Sonst steht alles still. Zwar sprengt Grün den Teer der Straßen, zwar wuchern Busch und Strauch in Häuserschluchten, aber die Wolkenkratzer selbst sind kaum verfallen. Die Apokalypse ist jüngeren Datums.

Lange bleiben wir mit dem letzten Menschen, den Will Smith spielt, allein. In Rückblenden setzt sich ein Bild des Geschehenen zusammen. Weihnachten, Ausnahmezustand, Panik. Manhattan wird evakuiert, Robert Neville, ein Held der Nation, bleibt zurück, das Virus zu bekämpfen. Der Erfolg hielt sich offensichtlich in Grenzen: Jetzt streift Neville durch die Savanne am Times Square. Übers Radio sendet er eine Botschaft an den Rest der Welt. Einmal am Tag fährt er mit dem Auto zum East River und hofft auf das Auftauchen von Überlebenden. Es dauert eine Weile, bis wir begreifen: Er ist gar nicht der letzte Mensch. Das Virus hat nicht alle getötet, manche der Infizierten sind zu Zombies mutiert, die wie Vampire im Tageslicht zischend verbrennen.

Der, wie es den Anschein hat, letzte menschliche Mensch hat sich in seiner Zweisamkeit mit Schäferhündin Sam eingerichtet, so gut es geht. Sie leben weiterhin in dem schönen roten Backsteinhaus am Washington Square. Der Fernseher läuft und das Plappern aufgezeichneter Stimmen gibt Gesellschaft. In der Videothek hat der letzte Mensch Schaufensterpuppen platziert, mit denen er spricht, wenn er sich Filme ausleiht. Vor dem Porno-Regal steht eine Puppe, die dem letzten Menschen gefällt. Er wagt lange nicht, sie anzusprechen. Er leiht keine Pornos aus. In der ersten Hälfte des Films wird nichts überstürzt. Erst nach einer Weile kommt man aus dem Staunen heraus, denn das stillgestellte Manhattan ist genau das, wofür überzeugende Digitaleffekte gemacht sind. Das zu sehen, in diesen seltsam friedlichen Bildern mit der Lage der Dinge nach und nach bekannt gemacht zu werden, ist toll.

Der Film nimmt sich Zeit. Es ist schön, dass wir uns mit dem Genießen der stillstehenden Zeit nicht beeilen müssen. Dann aber taucht aus dem Dunkeln etwas auf - sieht aus wie ein Zombie, ist in Wahrheit aber ein Plot - und von einem Moment zum anderen ist "I am Legend" restlos perdu. Wir, die wir eben noch die Stille, die Leere, die Postapokalypse genossen, bekommen es nun mit Gott und Shrek und Digitalzombies zu tun. Handlung ist ein Virus und dem Film fallen die Haare aus. Er faucht nur noch und wird tollwütig. Verlassen Sie das Kino in dem Moment, in dem der letzte Mensch der Hündin Sam ins Dunkle folgt. Bis dahin ist "I am Legend" sein Eintrittsgeld wert.

***

Ein Film mit Ausrufezeichen. Zeppelin! Ein Historienfilm. Eine Kriminalgeschichte. Eine Erzählung auf drei Zeitebenen. Eine Bildsortenmixtur. Schwarz-weiß (echt und mit falschen Kratzern nachgestellt), Normal-8, Farbe. Ein Liebesdreieck, ein bisschen wie Jules und Jim. Aber immer ein Ausrufezeichen zuviel.

Die Geschichte einer Familie kettet der Film, der einer Vorlage von Alexander Häusser folgt, an den Zeppelin. Der Enkel sucht einen Zeitzeugen (Alexander May) auf, fängt ihn ein mit einer alten Fotografie. Der alte Mann, der sich erinnert, liebte einst die Frau (Agnieszka Piwowarska), die stattdessen Robert Silcher (Olaf Rauschenbach), den Großvater, nahm. Der aber ist dem Zeppelin verfallen, so kommt auch der heute alte Mann noch vor des Großvaters Feuertod in Lakehurst zum Zug. Exquisit sind die schwarz-weißen Bilder, mit denen Maugg und seine Kamerafrau Christine A. Maier die Vergangenheit evozieren. Enervierend ist der orgelnde, paukende, grummelnde Soundteppich, den die Komposition von Ferdinand Försch darunter legt. Die Liebesgeschichte ist und bleibt banal. Der eine ist dem Luftschiff verfallen, der andere der Frau, aber beides überträgt sich nicht. Und das Private wird nicht politisch, auch wenn Nazis irgendwann durch das Bild marschieren und am Luftschiff riesig das Hakenkreuz prangt.

Im Jahr 1937 fliegt der Hindenburg (so heißt es im Film immer: der, nicht die) über den Atlantik und explodiert bei der Ankunft in Lakehurst. 34 Tote, es gibt Original-Aufnahmen, die verwendet Gordian Maugg in seinem Film. Auch von der Zeppelinproduktionsstätte in Friedrichshafen zeigt "Zeppelin!" alte Bilder und immer mischt er nachgestellte darunter. Dazwischen geschoben wird, als dritte Zeitebene, die Erinnerung des Enkels an den Vater in den siebziger Jahren. Eine eher komplizierte als komplexe Konstruktion. Worauf Gordian Maugg, der schon mit seinem viel beachteten Film "Der Olympische Sommer" (1993) ähnliches unternahm, hinauswill, ist - und wird - nicht klar: den Eindruck des täuschend Echten oder, im Gegenteil, den Verweis aufs Künstliche des Nachstellens in der Fiktion? Dadurch, dass er nun mal nicht beides zugleich wollen kann, aber mal das eine, mal das andere als seinen Effekt produziert, zerreißt es den Film. Die Reflexion, die angetäuscht bleibt, kommt der Naivität, mit der hier eine Liebesgeschichte erzählt wird, immerzu in die Quere.

I Am Legend. Regie: Francis Lawrence. Mit Will Smith, Alice Braga, Dash Mihok, Salli Richardson, Charlie Tahan. USA 2007, 100 Minuten.

Zeppelin! Regie: Gordian Maugg. Mit Olaf Rauschenbach, Agnieszka Piwowarska, Alexander May, Christoph Bach.
Deutschland 2005, 106 Minuten