Im Kino

Wo die Welt vergeht

Die Filmkolumne. Von Lutz Meier
03.09.2024. Viele Stars, wenig Substanz: In der ersten Halbzeit macht das Filmfest in Venedig durchaus Spaß, lässt aber ein wenig den Ernst vermissen. Immerhin: Soviel Neunziger wie in diesem Jahr gab es wohl noch nie im Kino zu sehen.
Szene aus Babygirl

Früh am Morgen kauern vor dem großen Festivalkino auf dem Lido die jungen Menschen, ganz wie in alten Zeiten. Aber auf welche Stars warten sie? George Clooney, Brad Pitt, Angelina Jolie, Cate Blanchett, Nicole Kidman, Adrien Brody? Ja, es mangelt nach Jahren der Promi-Durststrecken nicht an Kino-Celebrities in der ersten Halbzeit des ältesten Filmfests der Welt in diesem Jahr. Aber sind es nicht vorwiegend die Stars der Neunziger, die hierher kommen? Oder sogar die der beinahe-Boomer? Lady Gaga wird erst in der zweiten Halbzeit anreisen (und ist die überhaupt noch was für Zwanzigjährige?). Tim Burton hatte immerhin für seine furiose Fortsetzung der 1988er Horrorkomödie "Beetlejuice" (neben Altstars wie Winona Ryder, Willem Dafoe, Monica Bellucci und Michael Keaton) zur Eröffnung des Festivals die junge Jenna Ortega besetzt, wohl als Zugeständnis an jüngere Zielgruppen. Reicht das schon? Wenn man sich das Fanlager vor dem roten Teppich genauer anschaut, entdeckt man unter den Wartenden durchaus auch mal ein Pärchen, bei dem sich ein Graubart an eine Seidenschal-Partnerin schmiegt. Aber dennoch: Die um die Zwanzig dominieren, tippseln auf ihren Handys herum und blicken alle trotz der frühen Stunde doch sehr frohgemut drein.

Nicht nur das Bild vor dem Festivalpalast, auch die Filme aus diesem Jahr transportieren diese Erkenntnisse. Erstens: Kino zieht immer noch. Und es hat die Jungen offenbar noch nicht ans Gaming verloren, an Instagram oder Tiktok. Vielleicht noch nicht einmal vollends ans Streaming, dieses Mal sind auch die Alten Hollywood-Größen Warner, Universal, Sony/Columbia präsent wie lange nicht mehr. Zweitens aber: Die dominierende Zielgruppe von Studios und Streamingportalen sind in Zeiten der strukturellen Alterung westlicher Gesellschaften eben nicht mehr die Jungen, sondern ganz offenbar die nostalgischen Erwachsenen. Soviel Neunziger jedenfalls wie in diesem Jahr in Venedig gab es wohl noch nie im Kino zu sehen (und zu hören): Neunziger-Chique, Neunziger-Musik, Neunziger-Partyleben, Neunziger-Drogenkonsum, Neunziger-Bahntouren durch Europa mit Postkarten und Münztelefonen, das alles reiht sich in den Filmszenen aneinander. All die Mittvierziger, die solcherlei mitgemacht haben, als sie so jung waren wie die Fans am roten Teppich heute, scheinen somit eine wesentliche Zielgruppe des Arthouse-, aber auch des großen Studiokinos von heute zu sein.

Dazu passend gibt es: ältere, mächtige, reiche, zynische Frauen als Hauptfiguren, wofür exemplarisch die von Nicole Kidman gespielte Romy in "Babygirl" stehen kann, den die Niederländerin Halina Reijn für das US-Independentstudio A24 gedreht hat. Romy ist eine unglaublich toughe Gründerin eines Robotik-Startups in New York. Ist Romy nun als Identifikationsfigur für die genannte Zielgruppe konzipiert? Ja, sie hat Macht und zelebriert dieselbe. Ihre Firma beherrscht natürlich all das nur vorgeblich menschenfreundliche Buzzword-Gesäusel des digitalen Kapitalismus. In Wahrheit geht es knallhart zu, was man daran sehen kann, wie Romy ihre aufstiegshungrige Assistentin am langen Arm vielleicht nicht ver-, aber hungern lässt, wie sich die Chefin (firmen-)öffentlich inszeniert, wie sie den Kontrahenten aus dem Board abfertigt und Praktikanten mit Ignoranz straft - oder zu strafen versucht, aber dazu gleich. Erst einmal muss noch erwähnt werden, dass Romy eine Bilderbuchehe mit Ehemann Jacob führt (Antonio Banderas), der im Theater Ibsen inszeniert, die jüngere der zwei gemeinsamen Töchter heißt Nora. Das Thema des Films ist nun aber, dass Machtfrau Romy mit ihrem Sexleben nicht zufrieden ist, so weit, so banal, so "Fifty Shades of Grey", so "Salz auf unserer Haut", das hatten wir ja schon öfter. Aber hier ist es doch eine andere Variation. Erstens steht Romy offenbar auf viel Jüngere (jedenfalls legt das eine Selbstbefriedigungsszene unter Verwendung eines Pornos ganz zu Beginn nahe). Und zweitens strebt sie eindeutig danach, ihren Machtfetisch auch sexuell auszuleben, wofür der Ehemann viel zu freundlich ist, was ihm im Film nicht immer positiv ausgelegt wird.

Und damit zurück zu dem Praktikanten, dessen erster Auftritt im Film darin besteht, dass er einen aggressiven Hund bändigt und dessen zweiter Auftritt darin besteht, dass er Romy bei einer kurzen devoten Praktikantenvorstellung in ihrem Büro mit der Frage provoziert, ob die ganze Robotik wirklich so nachhaltig sei wie behauptet, oder ob sie das nur aus Greenwashing-Gründen erzähle. Durchschaut er das Machtspiel? Beherrscht er es?

Das wird dann fast zwei Stunden lang die spannende Frage: wer hier wen beherrscht. Und wer diese Romy eigentlich ist, die erst noch ihr sorgsam konstruiertes Schaufensterleben gegen die Affäre um Beherrschung und Kontrollverlust zu verteidigen sucht - und sich dann nimmt, was sie - nun ja - braucht? Ist diese Romy darin eine feministische Ikone? Dazu ist sie zu respekt- und gnadenlos zu ihren Mitmenschen, zu besessen von ihrem vermeintlichen Status, und trotz ihres Hungers nach Erfüllung auch zu emotionsfrei. Vielleicht ist das der Clou von "Babygirl": dass der Film eine Figur zur Identifikation anbietet, bei der all die irgendwann erschaudern müssten, die dieses Identifikationsangebot gerne annehmen. Man muss sich nur mal eine Minute lang die gleiche Geschichte unter umgedrehten Geschlechtervorzeichen vorstellen. Aus guten Gründen wäre sie heute ganz und gar unmöglich zu erzählen.

Vielleicht ist genau das auch die Frage, die der Film durchexerziert, man könnte es die Margaret-Thatcher-Frage nennen: Muss eine Frau an der Spitze anders sein als ein Mann? Der Film mag sich nicht in allem erschließen, aber genügend verstörendes Potenzial hat er schon. In einer Konfrontation mit ihrer Untergebenen gesteht Romy in einem schwachen Moment, sie sei in einer Kommune aufgezogen worden. "Das wundert mich", antwortet die, wie gesagt aufstiegshungrige, Mitarbeiterin. "Ich dachte, du seist von Soldaten aufgezogen worden. Oder von Robotern."

Szene aus "Leurs Enfants après Eux"

Eine auf den ersten Blick ähnliche Figur wie Romy bietet der mexikanische Regisseur Alfonso Cuarón auf, der hier in Venedig vor sechs Jahren Geschichte geschrieben hat, als er den ersten Goldenen Löwen für eine Streaming-Produktion bekam (für "Roma"). Jetzt hat er für Apple TV die Thriller-Serie "Disclaimer" gedreht, eine Literaturverfilmung, die in London spielt. Hier dreht sich alles um Catherine Ravenscroft, Machtfrau, Mutter mit Laffi-Ehemann (Sacha Baron Cohen) - und scheinbar mindestens so skrupellos wie Romy, nur dass es nicht (nur) um Sex und Macht geht, sondern um die Herrschaft über eine (die eigene) Geschichte. Und darum, dass nach vier Folgen nichts mehr so ist, wie es scheint. Durchaus unterhaltsam, aber für eine Festivaltrophäe vielleicht etwas zu glatt und zu sehr nach allen Regeln der Drehbuchlehre gebaut.

Damit sind wir beim Kernsaspekt des diesjährigen Festivals, jedenfalls in der ersten Hälfte. Es bietet zweifellos gute Unterhaltung, woran nichts falsch ist. Der Eröffnungsfilm "Beetlejuice, Beetlejuice" ist ein großer Spaß, optisch opulent. Ein Film, der von von scheinbar völlig leichthändig entworfenen Bildern lebt und virtuos zwischen Totenreich und Lebendwelt hin und her springt, immer die richtige Pointe zur richtigen Zeit rauswirft. Wenn man also feststellen will, dass trotz Corona, trotz CGI und KI und Games und Streamingeinerlei die Kraft des Kinos ungebrochen ist, dann ist dieser Film ein Beweis dafür. Gute Unterhaltung bietet auch der andere starbesetzte Film, "Wolfs" (der falsche Plural steht da mit voller Absicht) von John Watts. Der Film beschränkt sich ganz darauf, Brad Pitt und George Clooney aufeinander los zu lassen, und seine schmissige Story um zwei Tatortreiniger der gründlicheren Art mit naheliegenden Pointen und Drehbuchkniffen voran zu treiben.

Die Generalstaatsanwältin von New York findet sich mit einem offenbar versehentlich zu Tode gekommenen Callboy in einer teuren Hotelsuite wieder. Durch einen unglücklichen Zufall bieten sich gleich zwei tüchtige Dienstleister an, die peinliche Sache schnell zu vertuschen - Pitt und Clooney. Hier könnten nun eifrige Verschwörungstheoretiker einhaken und rufen: Seht her, die Methoden der Elite. Aber mit solchen Ausflügen in Richtung Wirklichkeit hält sich der Film nicht auf. Er ist zweifellos ganz lustig, aber gleichzeitig überlegt man stellenweise doch, wofür genau Pitt und Clooney einst so berühmt geworden sind. Clooney absolviert die Rolle großteils mit nicht mehr Werkzeug, als er in seiner bekannten Kaffeewerbung aufbietet. Richtigen Fans mag das reichen und man hat sich damit abgefunden, dass kein Festival an solchen Filmen vorbei kann. Aber es bringt die Veranstaltung jetzt auch nicht gerade großartig weiter.
Ebensowenig wie Pablo Larraìns drittes Biopic (nach Lady Di "Spencer" und "Jackie" Kennedy). "Maria" mit Angelina Jolie als Maria Callas sieht über weite Strecken aus wie die Verfilmung einiger IIllustrierten aus den 1970ern - genau so weidet sich der Film an Verfall und Untergang der Operndiva in immerhin prachtvollen Settings.

Da ist man fast froh über den anderen US-Thriller "The Order" von Justin Kurzel mit Jude Law in der Hauptrolle, der in großen Teilen der Welt von Amazons Streamingdienst gezeigt wird. Das ist zwar hauptsächlich auch ein gut konstruierter Thriller, aber mit einem ernsten politischen Hintergrund: Er zeigt die (wahre) Geschichte einer White-Supremacy-Terrorgruppe in den USA, dieses Mal nicht in den 1990ern, sondern in den 1980er Jahren. Damit lebt er von den Parallelen, die man als Zuschauer automatisch zieht zu den Freunden des Vizepräsidentschaftskandidaten J.D. Vance und den Leuten, die zu Beginn des Jahres 2021 für Donald Trump den Fastputsch am US-Kongress organisierten. In der Gruppe der damaligen Zeit lässt die Geschichte die üblichen taktischen Debatten aufleben, ob Gewalt jetzt wirklich sinnvoll sei, oder man einfach ein wenig Zeit ins Land gehen lassen sollte: "In zehn Jahren sitzen unsere Leute im Kongress, in den Unternehmen, an den Schaltstellen der Macht", sagt ein Anführer (der gewaltmäßig eher auf der Bremse steht) in dem Film im Jahr 1982. Und man rechnet unwillkürlich nach, wann es tatsächlich damit anfing. Bei alldem muss man einräumen, dass in "The Order" trotzdem genregemäß mehr geballert als politisch aufgeklärt wird, vielleicht ist das etwas zu viel Schieflage. Aber viele andere Politthriller scheitern daran, dass sie zur anderen Seite schiefliegen, also ist man schon wieder dankbar.

Viele Stars, viel gute Unterhaltung, aber ein gewisser Mangel an Weltbezug oder künstlerischen Neuerungen: So lässt sich diese erste Hälfte des Hauptprogramms in Venedig zusammenfassen. Natürlich gibt es Ausnahmen. Eine der eher hoffnungsvollen 1990er-Filme ist "Leurs Enfants après Eux" von Zoran und Ludovic Boukherma. Der genaue Rückblick auf eine Unterschichtjugend in der vom Niedergang geprägten Stahlregion Ostfrankreichs scheut jeden Effekt und ist einerseits wahrhaftig schonungslos, andererseits gar nicht mal so deprimierend, sondern durchaus auch unterhaltend. Diesem Film gelingt es, eine Stimmung zurückzuholen und die Jugend zu feiern, ganz ohne Nostalgie. Jeder ihrer Hauptfiguren kommt die Geschichte nahe, obwohl sie nicht mit Gewalt, Trostlosigkeit und (elterlicher) Vernachlässigkeit spart.

Solch ein Blick auf eine Vergangenheit des Alltags gibt es selten im Kino und er zeigt doch, was Kino vermag - Dinge und Zeiten lebendig werden zu lassen, selbst solche, mit denen sich die meisten Zuschauerinnen und Zuschauer nur indirekt verbinden können. In Frankreich wird der Film womöglich über die Nostalgieschiene ein Zuschauererfolg werden. Es ist ihm jedenfalls zu wünschen, hat er doch mehr zu erzählen, aber viel weniger Eindeutigkeit zu bieten als die (auch in Deutschland populären) Proletariats-Studien Didier Éribons.

Und schließlich kann man nicht Venedig verlassen, ohne über "Riefenstahl" zu sprechen, den Dokumentarfilm von Andres Veiel (Regie) und Sandra Maischberger. Auch hier wird etwas lebendig, aber was eigentlich? Schon weil die Protagonistin Leni Riefenstahl ihren zweifelhaften Ruf auch glanzvollen Auftritten bei frühen Ausgaben des Filmfests hier auf dem Lido verdankt, gehört das Doku-Portrait hierher. Es ist erstaunlich, welche Dinge Veiel aus dem üppigen Archiv der Nazi-Filmerin zusammenträgt, die jahrzehntelang gut damit durchgekommen ist, jede Verantwortung für ihr Tun von sich zu weisen. Leider werden nicht alle Fragen hinreichend behandelt, unter anderem zwei große Episoden aus ihrer Biografie: Wie viel wusste Riefenstahl vom KZ-Schicksal der Roma und Sinti, die sie in ihrem letzten Drittes-Reich-Film "Tiefland" einsetzte? Und: als sie einen Propagandafilm vom Überfall der Wehrmacht auf Polen drehen sollte, wie viel Anteil hatte sie an einem Massaker an jüdischen Einwohnern eines ihrer Drehorte? Der Film zeigt Riefenstahls "Persilschein" aus der Entnazifizierung. Und er zeigt, wie sie unbekümmert in der Nachkriegszeit auf Afrika-Expedition ging, gesponsert von VW, Henkel, Kaba. Er wirft ein Licht auf die mediale Präsenz der Filmemacherin im - deutschen, aber auch amerikanischen und britischen - Nachkriegsfernsehen. Riefenstahl hat zahllose ihrer Telefonate mitgeschnitten. Unter anderem hört man, wie sie sich mit dem früheren Nazi-Architekten und Reichsminister Albert Speer über TV-Honorare austauscht - 500 Mark biete ihm die BBC, sagt dieser - sie mache nichts unter ein paar Tausend, erwidert Riefenstahl. Das kanadische Fernsehen habe ihr unlängst gar 10.000 Mark geboten. Da lacht der Saal auf, aber manchen schaudert es. Da ist die Welt plötzlich doch in Venedig gegenwärtig.