Im Kino
In den Extrem-Spagat
Die Filmkolumne. Von Michael Kienzl
04.09.2024. Awkwafina brilliert in Paul Feigs Streamingkomödie "Ein Jackpot zum Sterben" als potentielles Mordopfer auf Millionenjagd. Leider kann das Action und Humor nicht allzu geschickt miteinander verknüpfende Drehbuch nicht ganz mit der Hauptdarsterllerin mithalten.
Während einer Busfahrt durch L.A. wird Katies (Awkwafina) Gerechtigkeitssinn getriggert. Als sich ein Vater am Telefon darüber auslässt, dass seine neben ihm sitzende Tochter bei einem Casting versagt hat, gibt sich Katie fälschlicherweise als Polizistin aus, um ihn in seine Schranken zu weisen. Die Komödie "Ein Jackpot zum Sterben" verbindet gleich beim ersten Auftritt der Protagonistin die tragische Seite des Scheiterns mit der komischen. Katie war einst selbst "die Kleine aus der Spaghetti-Werbung", die von ihrem Vater mitleidslos zum Erfolg getrieben wurde. Immer noch gezeichnet von diesem Trauma, versucht sie nun erneut als Schauspielerin in Hollywood Fuß zu fassen. Ihr Dilemma ist, dass sie zwar berufsbedingt in unterschiedliche Rollen schlüpft, sich aber auch leicht von Anderen täuschen lässt. So bemerkt sie nicht, dass ihr die nette ältere Dame, die sie gerade noch in ihrer Hilfsaktion bestätigte, in Wahrheit die Armbanduhr geklaut hat.
Mit Komödien wie "Brautalarm", "Taffe Mädels" oder "Spy - Susan Cooper Undercover" hat sich US-Regisseur Paul Feig auf sympathisch ungeschickte Protagonistinnen spezialisiert, die von einer Demütigung zur nächsten stolpern. Auch in seiner neuen fish-out-of-water-Geschichte begegnet man der Heldin mit einer Mischung aus Mitgefühl und Freude daran, nicht in ihrer Haut zu stecken. Die Komikerin Awkwafina - die das Prädikat awkward/peinlich bereits im Künstlernamen trägt - gibt mit leicht gebückter Haltung, Reibeisenstimme und elastischer Mimik eine Außenseiterin, die ebenso schüchternes Mädchen wie polternder Rabauke ist. Ihre Gutgläubigkeit steht in scharfem Kontrast zur kaltblütigen Durchtriebenheit der Großstädter.
Fremdschäm-Situationen, in denen die Protagonistin unangenehm auffällt oder in ihren Erwartungen enttäuscht wird, sind Feigs Königsdisziplin. So schlicht wie genial ist etwa Katies Intermezzo mit ihrer sich sympathisch verplant gebenden, tatsächlich aber zutiefst bösartigen AirBnB-Gastgeberin (Ayden Mayeri). Oder auch ein Casting, für das sich die Schauspielerin schnell noch denkbar lächerliche Klamotten borgen muss, um sich erfolglos gegen lauter blonde, großgewachsene Model-Klone vor einer überheblichen Jury zu behaupten zu versuchen.

"Ein Jackpot zum Sterben" verstärkt Katies Unbedarftheit im abgebrühten L.A. sogar noch durch einen grotesken Twist. Der Prolog verrät, dass wir uns in einer nahen Zukunft befinden, in der eine morbide Lotterie von gesellschaftlichen Missständen ablenken soll. Wer den Gewinner eines millionenschweren Jackpots bis zum nächsten Morgengrauen ermordet hat, darf das Geld laut Gesetz selbst behalten. Als die mit dieser kalifornischen Gepflogenheit unvertraute Katie zufällig gewinnt, muss sie sich gleich gegen eine ganze Horde an Angreifern durchsetzen. Der Humor dieses an den Horrorfilm "The Purge" erinnernden Rituals speist sich aus dem Missklang zwischen oberflächlicher Freundlichkeit und barbarischer Mordlust.
Als Sidekick unterstützt die Schauspielerin bald der mysteriöse Noel (John Cena), der für eine Firma arbeitet, die den Jackpot-Siegern im Austausch für ein wenig Gewinnbeteiligung Personenschutz verspricht. Schon wegen seiner aufrichtigen Nettigkeit wirkt der Muskelprotz im Kommunionsanzug äußerst suspekt. Mehr noch als Katie ist der so kampferprobte wie konsequent deplatziert wirkende Noel ein belächelter Einzelgänger, dessen Sonderbarkeit alles überstrahlt. Einmal wird er treffend mit einer Bulldogge verglichen, die gegen ihren Willen in einen Menschen verwandelt wurde. Versuche Katie und Noel mit sentimentalen Einsprengseln zum Team zu verschmelzen, gelingen nur halb. Den gesamten Film über bleibt Noel ein klobiger Fremdkörper.
Das dystopische Setting nutzt "Ein Jackpot zum Sterben" weder für ein ausgefeiltes Worldbuilding, noch für mahnende Kritik an einer verrohten Gesellschaft. Vielmehr fügt sich die quatschige Prämisse in ein überdrehtes Durcheinander. Komödie und Actionfilm werden nicht nur kombiniert, sondern befeuern sich gegenseitig. Der äußere Druck einer bleihaltigen Verfolgungsjagd dient etwa dazu, die ohnehin schon emotionalen Wortgefechte ins Hysterische zu steuern. Als Katie sich bei einer Massenkeilerei in einem Judo-Studio an einem Kämpfer festkrallt und ihn, begleitet von einem hochtönenden Schrei, unfreiwillig in den Extrem-Spagat zieht, offenbart sich, wie Humor und Action in den besten Momenten miteinander verzahnt sind. Die manchmal etwas überstrapazierten Anspielungen auf Promi- und Filmwelt wiederum mag man einem Film, der im mit popkulturellen Mythen aufgeladenen Hollywood spielt, nachsehen. Manches ist sogar ziemlich gelungen, etwa wenn Katie sich in einem trashigen Wachsmuseum durch völlig deformierte Ebenbilder von Promis wie Cher und J.Lo kämpfen muss.
Mit fortschreitender Handlung zeichnet sich freilich ab, dass das Drehbuch zwar über gute Oneliner und absurde Situationen verfügt, insgesamt aber zu reißbrettartig bleibt. Als dystopische, selbstreflexive Actionkomödie mit Herz hat sich "Ein Jackpot zum Sterben" deutlich mehr vorgenommen, als in den 106 Minuten Laufzeit bewältigt wird. In seiner Überfülle wirken einige Chancen schmerzhaft verschenkt; vor allem der langweilige Bösewicht (Simu Liu), der zwar als verlogen lächelnde Fratze des Neoliberalismus thematisch gut in den Film passt, in komödiantischer Hinsicht aber ein Rohrkrepierer ist. So unbemerkt, wie der Film exklusiv auf der Streaming-Seite von Amazon veröffentlicht wurde, fragt man sich, ob es dem Projekt vielleicht einfach an der nötigen Zeit und Aufmerksamkeit gefehlt hat. Die freidrehende Awkwafina und der pointensicher inszenierende Paul Feig lassen einen dennoch manche Unausgegorenheit vergessen.
Michael Kienzl
Ein Jackpot zum Sterben - USA 2024 - OT: Jackpot! - Regie: Paul Feig - Darsteller: Awkwafina, John Cena, Simu Liu, Seann William Scott, Marian Green, David Conk, Josh Diogo - Laufzeit: 106 Minuten.
"Ein Jackpot zum Sterben" ist auf Amazon Prime verfügbar.
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