Im Kino

Aura der Hilflosigkeit

Die Filmkolumne. Von Robert Wagner
13.05.2026. Mehrmals stach der Mitschüler zu, sie überlebte knapp. Jahre später hat Daniela Magnani Hüller einen Film über die Tat gedreht, die ihr um ein Haar das Leben gekostet hätte. "Was an Empfindsamkeit bleibt" zeigt eine zersplitterte Welt, die sich nicht so einfach wieder zusammensetzen lässt.

In ihrer Jugend wurde Daniela Magnani Hüller von einem Mitschüler gestalkt, bedroht und schließlich mit einem Messer angegriffen. Mehrmals stach er zu, nur mit viel Mühe kann sie sich zum Krankenhaus schleppen, nur knapp überlebt sie. Passanten ließen sie, statt ihr zu helfen, links liegen. Lehrer hatten im Vorfeld kaum eingegriffen, im Nachgang geschwiegen. In ihrem Langfilmdebüt "Was an Empfindsamkeit bleibt" versucht die inzwischen 31-jährige Magnani Hüller diese Tat aufzuarbeiten. Oder genauer gesagt versucht sie sich mit ihrer essayistischen Dokumentation an der Aufarbeitung des Lebens mit dem Geschehenen.

Sie spricht mit einer Lehrerin, einer Mitschülerin, der damals zuständigen Polizistin, dem behandelnden Arzt im Krankenhaus und einem Juristen, der ihr zur Seite stand. Sie reden über die jeweiligen Perspektiven im Vor- und Nachgang der Tat. Bis auf kleine Erinnerungsfetzen, die Magnani Hüller aus dem Off einspricht, bleibt die Tat selbst eine Leerstelle. Auch vom Täter erfahren wir nur, dass er zugestochen und sein Opfer vorher während des Schulunterrichts mit langen, bohrenden Blicken angeschaut hat. Nie wird er gezeigt, nie etwas nachgestellt. Sein Verbrechen wird weder gesellschaftlich, noch psychologisch oder sonst wie eingeordnet. Lediglich an einer Stelle erzählt die Regisseurin, dass sie sich als Teil einer Gemeinschaft von Femizid-Opfern sieht, mit denen sie sich in ihrer Vorstellung auf einer Party trifft.

Dezidiert geht es um kleine Eindrücke. Um die kleinen Dinge, die von jemandem vielleicht anders gemacht hätten werden können. Eine Lehrerin hadert sichtlich mit sich und damit, die Anzeichen damals nicht ernst genug genommen zu haben. Aber es geht auch um die kleinen Dinge, die tatsächlich gemacht wurden. Kleine Gesten, wie die eines Polizisten, der Daniela Magnani Hüller beim ersten Aufwachen im Krankenhaus umgehend bittet, dass sie nicht ihr Vertrauen in die Menschen verlieren solle - was ihr ungemein geholfen hat. Eine Vielzahl von Eindrücken entstehen, die um die Tat herum erinnert werden. Die aber nicht die Tat verständlich machen, sondern Leute zeigen, die mit sich und mit einer Welt leben müssen, in der solche Brutalität möglich ist. Einer Welt, die in wenigen Sekunden zu Bruch gehen kann.


Die Interviewanordnungen sind äußerst simpel und doch feinsinnig. Erstens können wir lediglich den Interviewten ins Gesicht sehen, während die Interviewende uns stets den Rücken zuwendet. So wird die Aufmerksamkeit auf die Sprechenden und ihre Situationen gelenkt. Die Regisseurin nimmt sich aus der Schusslinie, entzieht sich reißerischer Spekulationen und zeigt sich vielleicht auch einfach als jemand, der die Tat auf gewisse Weise hinter sich gelassen hat.

Zweitens finden die Gespräche in großen, weiten Räumen statt, auf einem Schulhof oder am Flussufer. Diese räumliche Weite bedingt keine Atmosphäre der Freiheit, sondern eine latente Haltlosigkeit, die für den Film zentral ist. Die Interviewten und ihre vereinzelten Eindrücke umgibt eine Aura der Hilflosigkeit. Die Lehrerin ist reuig, aber doch kann sich nicht den einen Fehler dingfest machen, die eine Entscheidung, die sie anders hätte fällen müssen, um etwas zu verhindern. Der Arzt zeigt sachlich auf, wie wenig er hätte machen können, wenn der eine Messerstich wenige Zentimeter weiter links gelandet wäre - dass ihr Überleben nicht durch sein Können zustande kam, sondern durch Glück.

Gerahmt werden diese Interviews von optischen Schnipseln. Kleinen filmischen Impressionen unterschiedlicher Formate. In ihnen zeigt sich vielleicht am Plastischsten, was an Empfindsamkeit bleibt. Es sind interessierte, aufmerksame Blicke auf einzelne Phänomene, die zusammen keinen erzählerischen Bogen oder eine gekittete Realität ergeben. Es sind Blicke in eine wunderschöne, faszinierende Welt, die im Kleinen so viel bietet, aber im Ganzen zersplittert erscheint.

Später mischt sich ein Besuch in der Gegenwart bei der Schwester und bei Freundinnen in Rio zwischen die Rekonstruktion der Vergangenheit. Fern von Deutschland, fern der Tat findet sich doch sowas wie Gemeinschaft, wie Ruhe. Vor allem findet sich hier das Bild, das den Film am besten zusammenfasst. Mit ihrer Schwester geht Magnani Hüller klettern. Weder bewegen sie sich auf einem gemütlichen Wanderpfad, noch erklimmen sie eine steile Wand mit kantigen Vorsprüngen, an denen man sich festgehalten kann. Sie klettern vielmehr einen äußerst schrägen, ausgedehnten Felsen hoch, indem sie Stellen suchen, die so flach sind, dass die Schuhe und damit sie selbst nicht abrutschen. Nirgendwo bietet sich sicherer Halt, stets müssen sie darauf vertrauen, dass es ihnen nicht den Boden unter den Füßen wegzieht.

Leben heißt, den Launen eines rutschigen Hangs ausgeliefert zu sein - und doch ist der Film trotzig optimistisch. Der brasilianische Tropicalismo-Pop auf der Tonspur ist verspielt hoffnungsvoll. Die Regisseurin lässt sich trotz der erdrückenden Präsenz der Tat nicht von ihr bestimmen. Ein Jurist gibt zu Protokoll, dass seine Arbeit mit Verbrechern sein Weltbild, das nie besonders positiv war, eher aufgehellt als verdunkelt habe. Den Umstand wiederum, dass kurz vor Fertigstellung des Films der Täter sie wieder per Mail bedroht und dass die Polizei, die nur mangelhafte Handhabe für präventive Maßnahmen hat, ihr nicht hilft, nutzt Daniela Magnani Hüller für eine Kampfansage gegen die so gegenwärtige Haltlosigkeit.

Robert Wagner

Was an Empfindsamkeit bleibt - Deutschland 2026 - Regie: Daniela Magnani Hüller - Laufzeit: 91 Minuten.