Im Kino

Selbstbezogener Tunichtgut

Die Filmkolumne. Von Patrick Holzapfel
15.10.2025. Im Retro-Krimi "The Mastermind" dominiert statt Nachtclub-Glamour die kleinbürgerliche Wollpulloverästhetik gescheiterter Kunststudenten. Nicht ein Verbrechen muss aufgeklärt werden in Kelly Reichardts neuem Film, sondern der Grund dafür.

Nach dem etwas holprig abgelaufenen Gemälderaub wartet zunächst die Care-Arbeit. Die Kinder wollen versorgt werden, aber tatsächlich klaut der Vater gerade einige Bilder Arthur Doves aus einem kleinen Museum in Framingham. Es ist ein glanzloses Museum, in dem nur ein paar Kinder herumrennen, während die Wärter in ihren Sesseln vor sich hin dösen. Die Mutter kann partout nicht aufpassen, der Vater ist an der Reihe, sich um den Nachwuchs zu kümmern. Einer der beiden Söhne hat zu viel Fast Food gegessen und kotzt ins Fluchtauto. Der Vater schlägt genervt die Tür zu. Er ist weder für das Leben als Krimineller noch für das Dasein als Vater gemacht, ist überhaupt im falschen Film.

In ihrem ersten Drehbuch, das sie allein geschrieben und das nicht auf einer bereits existierenden Geschichte basiert, widerspricht Kelly Reichardt mit süffisantem und gewohnt unaufgeregtem Ton all jenen Filmen, die vor lauter verbrecherischer Eleganz mit Anzug-tragenden, abgebrühten Ganoven vergessen, dass auch die Kriminellen des Kinos in einer unvollkommenen, geradezu fehlerhaften Welt leben könnten. Damit ist sie wahrlich nicht die erste, auch wenn sie die Irrelevanz der Kleinverbrecher mit besonders lebensnaher Lakonie zeigt. Dem so verführerischen Image des Kunstraubs nimmt Reichardt jedwedes Glamour. Statt der Eleganz von Nachtclubs und Goldbesteck warten quengelnde Kinder und die Gemälde werden im Schweinestall versteckt. Das ist alles gut durchdacht und präzise gearbeitet, auch wenn es manchmal dem akademischen Realismus mancher Gemälde im Museum gleicht. Statt einer Komödie schält sie aus diesem Ansatz eine Tragödie. Die Tragödie eines Fehlgeleiteten und womöglich auch die Tragödie einer Gesellschaft, die sich in falschen Ideen über das eigene Leben verliert, statt sich für ein besseres Leben einzusetzen.

Der Titel ist blanke Ironie, denn dieser arbeitslose Familienvater mit dem Namen JB Mooney, der von Josh O'Conner mit subtilem Trotz und grübelnder Blässe angelegt wird, folgt auf seinen Schritten hin und vor allem weg vom Kunstraub Murphy's Law. Einer seiner Verbündeten dreht durch und fuchtelt mit einer Waffe herum, die Kinder müssen versorgt werden, dubiose Gestalten bekommen Wind vom Raub und entführen ihn kurzerhand. So ganz hat er das alles nicht durchgedacht. Irgendwann setzt er sich nach Kanada ab, einzig so recht wollen ihm seine alten Freunde nicht helfen. Er ist ein Mann, der nichts mit der Welt zu tun hat, die ihn umgibt, ein klassischer Reichardt-Protagonist, aber eben auch ein typischer Mann des Kinos der 70er Jahre, kein moralisch integrer Held sondern ein Verlorener ohne Kompass.


Die anhaltenden Proteste gegen den Vietnamkrieg nimmt er kaum wahr. Er lebt in einem Tunnel, in der Fantasie seines eigenen, vergifteten, hoffnungslosen American Dream. Wie seine Vorgänger aus dem New-Hollywood-Kino vermengt er Träumerein mit Langeweile, Idealismus mit vatermörderischer Wut, Selbstüberhöhung mit einer sich in Ignoranz äußernden Frustration. Man denkt an "Bobby" Dupea aus "Five Easy Pieces" oder Bennie aus "Bring Me the Head of Alfredo Garcia". Man denkt auch an die Biographien linker und rechter Radikaler. Nur Reichardts Blick auf diesen Mann ist anders, sie sucht nicht das Heroische im Verlorenen sondern das Zerstörerische im Eigensinnigen. Spannung soll nicht entstehen. Dynamik auch nicht. Alles, was passiert, könnte auch nicht geschehen, so ist das gefilmt. Ungewohnt für die Regisseurin sind die Auteur-Gesten wie ein 360 Grad-Schwenk, eine Szene im nächtlichen Schweinestall, die wie ein Zitat aus ihrem "First Cow" wirkt oder ein mit dem Zaunpfahl winkendes Schlussbild. Womöglich gehört auch das zum vollen 70er-Jahre-Programm, es nimmt der Zurückhaltung aber an Strenge.

Es fällt nicht schwer, sich mit O'Connor zu identifizieren, so sehr haftet ihm das verführerisch Träumerische des Kinos an. Umso mehr schmerzt es, nach und nach zu bemerken, dass er keine Identifikationsfigur ist. Er ist kein Rebell, sondern ein Symptom. JB ist ein Mann ohne Sex, alles was er begehrt steht außerhalb seines jetzigen Lebens. Bald wird klar, dass er ein selbstbezogener Tunichtgut ist, zugleich ein Opfer und Täter des Patriarchats. Verschiedene Motive für sein Verbrechen schweben im Möglichkeitsraum des Films. Es könnte eine Rache für seine gescheiterte Kunstkarriere sein oder ein Versuch, aus der schwierigen finanziellen Lage zu kommen. Vielleicht ist es auch nur eine Flucht aus dem Familienleben. Reichardt erzählt diese Dinge nicht aus. Sie legt sie offen wie Narben, in denen man selbst lesen muss. Manchmal ist es ein Satz, der fällt, dann nur ein kurzer Blick. Was von der Beziehung von Mooney zu seiner Partnerin Terri erzählt wird, ist so minimal, dass man es kaum bemerkt, aber gerade das ist erschütternd. Es ist eigentlich keine Beziehung, mehr der lächerliche Ausdruck einer sich hassenden Ungleichheit.

Die Frage ist, ob JB von der ihn umgebenden Gesellschaft zu dem gemacht wird, was er ist oder aber, ob Reichardt anhand seiner Persönlichkeit Kritik an einer bestimmten Art des Lebens mit falschen Prioritäten übt. Ein wenig wirkt es so, als wäre der finanzielle Druck zunächst ein Druck auf dem Ego des Mannes, der unablässig mit anderen Männern verglichen wird. Eine Szene am Tisch der Schwiegereltern, wo diese ihm sein Versagen vorhalten, wirkt in dieser Hinsicht fast wie ein freudianischer Keulenschlag. Die politischen Unruhen der Zeit, die bis zu einer metaphorischen Schlusssequenz, in der sich der flüchtende Räuber plötzlich in einem Strom Demonstrierender befindet, nur nebenbei mitlaufen, berichten letztlich von der Distanz des sich selbst suchenden Mannes zu den Konflikten, in denen er womöglich wirklich gebraucht würde. In dieser Hinsicht ist der Film trotz seiner nostalgischen Noten doch ein dringliches Statement.

Aber ist das so einfach? "The Mastermind" ist weniger ein von ins Crime-Uptempo neigender Jazzmusik begleiteter Heist-Film oder, wie Reichardt ihn selbst beschreibt, ein Road-Movie, als ein Krimi, wobei nicht ein Verbrechen aufgeklärt werden muss sondern der Grund dafür. Die kleinbürgerliche Wollpulloverästhetik gescheiterter Kunststudenten in Massachusetts droht immer mal wieder bloßes Pasticcio zu werden und man kann sich schon fragen, worin der Sinn liegt, einen Film so aussehen zu lassen, als wäre er vor fünfzig Jahren gedreht worden. Die Freude an der Sache allein kann es nicht sein, dazu ist der Film zu freudlos, auch wenn die an Saul Leiter gemahnenden Bilder Christopher Blauvelts eine immense Sinnlichkeit ausstrahlen. Eine politische Lesart, die eine Parallelität zwischen den Nixon-Jahren und den Trump-Jahren vorschlägt, wäre für sich stehend ein recht plumpes intellektuelles Spiel. Als sich aus den bisherigen Arbeiten der Regisseurin fortsetzendes Werk über das US-amerikanische Scheitern und die damit verbundenen Ästhetiken männlicher Romantik aber kommt der Film bei aller dahintröpfelnder Stille zu einer erstaunlich wütenden Feststellung, die unter der Regie einer weniger versierten Filmemacherin wohl zu einer simplen Anklage männlicher Verfehlungen geführt hätte, hier aber in einem paradox entspannten Ton davon erzählt, dass es nicht one battle after another gibt, sondern one delusion after another.

Patrick Holzapfel

The Mastermind - USA 2025 - Regie: Kelly Reichardt - Darsteller: Josh O'Connor, Alana Haim, Sterling Thompson, Jasper Thompson, Hope Davis - Laufzeit: 110 Minuten.