Im Kino

Unnachahmlicher Glanz des Analoglichts

Die Filmkolumne. Von Tilman Schumacher
18.03.2025. René Frölkes "Spuren von Bewegung vor dem Eis" handelt von Menschen und von einem Schweizer Buchverlag, ist aber keineswegs ein Personen- oder gar Firmenporträt. Stattdessen wird das Filmen selbst zur Sensation.

"The communication of the dead is tongued with fire beyond the language of the living." Dieser Satz, mit Schreibmaschine auf ein Stück beiges Papier getippt, taucht nach zwei Dritteln des Films in Nahaufnahme auf. Ein rätselhafter Satz, so wie vieles in "Spuren von Bewegung vor dem Eis" bis zum Schluss ein Rätsel bleiben wird. Und doch sind mit diesem Satz Begriffe wie Mitteilung, Vergangenheit, Gegenwart, Tod und Leben ausgesprochen, die den experimentellen Dokumentarfilm gut einfangen.

Eine Inhaltsangabe könnte folgendermaßen lauten: Die Bolex-Kamera des Filmemachers René Frölke begleitet die Pianistin Theresia bzw. Tessa Weigner und ihren Partner Nicolas bei ihrem Lebensabend, vor allem aber dabei, wie sie sich mit den Hinterlassenschaften der Eltern Theresias auseinandersetzen. Da hat sich viel Geschichte angesammelt. Das Erbe stapelt sich in der Wohnung und im Archiv. Tessas Vater, Fritz Weigner, war Bildender Künstler und dazu - das spielt in Wort und Schrift oft eine Rolle - ein tiefgläubiger Mann. Er dürfte bereits länger tot sein, während Tessas Mutter andernorts lebt, einmal sehen wir sie auf einer Parkbank sitzen. Gladys Weigner hat 1971 gemeinsam mit dem Fotografen Bernhard Moosbrugger in Zürich den Verlag Pendo gründet. Heute gibt es Pendo nicht mehr, doch die schön gestalteten Lyrikbände, politischen Streitschriften und kulinarischen Reiseführer, auch die seit damals unberührten Bücherkisten und Zettelkästen sind noch da. Ebenso wie die scharfen Gedanken des Vaters Tessas auf Tonbändern weiterleben.

Was wie ein Doku-Porträt einer Intellektuellenfamilie, gar wie das Porträt eines Verlags und dessen Geschichte klingen mag, stellt sich während des Schauens als etwas weit weniger gut greifbares heraus. Gleich die erste Minute macht mit ihrer gespenstig stummen Abfolge von Natur- und Raumeindrücken keinen Hehl daraus, dass "Spuren von Bewegung vor dem Eis" kein Interesse an klaren Wegführungen, auch keines an Identifikationsfiguren und einem festen Thema hat. Vielmehr ist der Film ein Labyrinth, in dem wir uns allein zurechtfinden müssen. Flüchtige Schnipsel alltäglichen Lebens ziehen an uns vorbei, schummrige Hausflure und offene Fenster zuhauf, auch herumhuschende Haustiere, Bücherstapel, (aus schriftdeutscher Perspektive) schwer verständliche Telefonate in Schweizerdeutsch; schließlich der sublime Einfall des Lichts durch Kirchenfenster. Die Kamera fährt Briefgekrakel ab, schneidet bis zur Unleserlichkeit Buchsätze an, präpariert Hieroglyphen heraus. "Das Kind versteht … das Gute zu wählen … vor dessen … der Herr." Wären das nicht schon genug Rätsel, poppen Transkriptionen von Sätzen auf, die wir parallel dazu aus der Wohnung Tessas und Nicolas' oder aus der Konserve vernehmen.


Erst nach und nach beginnt man zu verstehen. Oder eher: Man beginnt zu akzeptieren, dass es mehr ums (Er-)Fühlen als ums Verstehen geht. In welcher Beziehung stehen die Menschen zueinander, die durch die grobkörnigen Filmbilder streifen? Wer ist das, der da auf dem Tonband zu uns spricht? Wessen Notizen lesen wir? Die Welt der Menschen und der Dinge verschmilzt zu einem rastlosen Fluss der Bilder und Töne - ohne Anfang und ohne Ende, dafür aber im unnachahmlichen Glanz des Analogfilmlichts. Spuren von Bewegungen in Raum und Zeit. Das ist ein Teppich aus verschiedensten Texturen, der nie, auch am Ende nicht, sein vollständiges Bild preisgibt. Frölke geht es mehr um den Reiz der Sinne als um einen Filmsinn. Diesen "Mitteilungen der Toten" muss man sich hingeben, sonst lässt "Spuren von Bewegung vor dem Eis" einen kalt.

Dabei ist es gerade das Schöne, dass hier alles mit allem kommuniziert. Die Menschen mit den Dingen, die Dinge mit den Menschen, die Kamera mit uns. So wie sich das alte Paar in immer neuen Anläufen dem Archiv des früheren Paares annähert, so erscheint auch die Kamera wie eine Akteurin mit eigenem Antrieb. Schon im Vorgängerfilm Frölkes (und seiner Co-Autorin Ann Carolin Renninger) war die ratternde Bolex selbst zur Filmfigur geworden. "Aus einem Jahr der Nichtereignisse" (2017) begleitete den fast neunzigjährigen Willi auf seinem Bauernhof irgendwo in der norddeutschen Einöde. Das Leben läuft dort in Zeitlupe ab. Es geht mehr rückwärts als vorwärts. Dabei erzählt das Sammelsurium der Dinge, die der Alte in Haus und Scheune angehäuft hat, mindestens so viel wie seine lustigen Sprüche. In den fragilen, das eigene Material ausstellenden 16mm-Filmbildern ist angelegt, was der neue Film auf die Spitze treibt: Die Idee, dass sich Filmen keineswegs im Festhalten von Ereignissen erschöpft, sondern dass das Filmen selbst das Ereignis ist.

Rotgelb pulsierende Lichtreflexe von den Rändern des Filmbilds her, Schrammen und Schmutzpartikel durchs Bild hindurch, plötzlich leerlaufende Filmrollen zu weiterlaufenden Tonspuren, eine Schnittfolge, die dem Blinzeln ähnelt. Das ist sicherlich nicht neu, hat alles seine Tradition im Fundus des Experimentalfilms, so etwa in den aus Alltagspartikeln komponierten "Diary Films" des US-Undergroundfilmers Jonas Mekas. "Spuren von Bewegung vor dem Eis" interessiert sich aber weit weniger als diese für Sinnstiftungen durch Voice Over. In Frölkes Film darf alles, und das kommt mir unverbraucht vor, nebeneinander her, das heißt anlass- und ziellos für sich existieren. Es gibt keine große Klammer.

"Spuren von Bewegung vor dem Eis" ist ein Film, der den Kinoraum sucht, nur dort richtig wirken wird. Natürlich nicht in dem Sinne, dass einem etwas besonders Bildgewaltiges geboten werden würde. Vielmehr wegen des Sogs, den der Film losgelöst vom alltäglichen Zeitempfinden entwickelt. Zeit im Raffer. Zeit, die nicht vergehen will. Wieviel Zeit ist schon vergangen? Das fragt man sich doch am besten im dunklen Saal und vor großer Leinwand.

Tilman Schumacher

Spuren von Bewegung vor dem Eis - Deutschland 2024 - Regie: René Frölke - Laufzeit: 89 Minuten.