Im Kino
Position außerhalb der Zeit
Die Filmkolumne. Von Sebastian Markt
01.10.2025. "Mach da bloß keinen Film draus", rät die alternde Mutter Peter Mettler in einer der ersten Szenen des Films. Zum Glück hat der Regisseur nicht auf die gehört: Mit "While the Green Grass Grows (Parts 1+6)" schenkt er uns grandioses filmisches Tagebuch. das Reflexionen über das Verstreichen von Zeit mit Bildern von sich pulsierend vorwärtsbewegenden Quallen verbindet.
"Mach da bloß keinen Film draus", rät die alternde Mutter dem Filmemacher in einer der ersten Szenen des Films, "damit verdienst Du keinen Penny". In einer anderen Szene früh im Film resümiert sie ihr Leben, teilt ihrem Sohn mit, dass sie gerne für immer jung geblieben wäre, weil sie noch so viel vor hat. Und dann spricht sie davon, dass sie spürt dass ihr nicht mehr viel Zeit bleibt, ein gemeinsam verbrachter Geburtstag noch vielleicht, dem Sohn dankt sie für seine Liebe. Farblich verfremdete, mesmerisierende Aufnahmen von sich pulsierend vorwärtsbewegenden Quallen, und Bilder von brandenden Wellen am zufrierenden Lake Ontario verbinden sich mit solchen Sätzen. Bewegungen in der Zeit, gerichtet und zirkulär.
Peter Mettlers "While The Green Grass Grows (Parts 1+6)" ist eine Art Vorabauskopplung aus einem (noch) größeren Werk, dem insgesamt siebenstündigen, und gerade beim Toronto International Film Festival uraufgeführten "While The Green Grass Grows: A Diary in Seven Chapters". Ein Cinematic Diary nennt der Film sich selbst im Untertitel, das gibt eine ungefähre, aber auch unzureichende Ahnung seiner Form. Einer Form, in der das Vergehen von Zeit zur Frage wird, die aber ihr Verstreichen nicht chronologisch festhält.
Die Entstehungszeit der Bilder, die er enthält, liegt in der Hauptsache zwischen 2015 und 2020, ein Zeitraum, der auch die letzten Lebensjahre von Mettlers Eltern Julie und Freddy umschließt. Besonders wichtig ist der zeitliche und affektive Knoten der Corona-Pandemie, die an der Erfahrung des Zeitverlaufs rüttelt. Mettler entwirrt diesen Knoten nicht, sondern streift filmend und filmisch an seiner eigentümlichen Topologie entlang, in einer Ordnung, die keine lineare Chronologie kennt und stets mehr ist als schlichtes, assoziatives Aneinanderreihen.

Das Sprachbild vom Gras, das auf der anderen Seite grüner ist - von dem auch der Titel des Films herrührt - ist ein wiederkehrender Bezugspunkt, wenn es etwa um die Emigration der Eltern des Regisseurs geht, die in den 1950ern von der Schweiz nach Kanada ausgewandert sind. Es wird ein Fokuspunkt von beiläufig und unpathetisch gestellten Fragen großen Gewichts: nach dem Erbe der Eltern, nach dem Sinn des Filmemachens, danach, was gut verbrachte Zeit ist.
"While the Green Grass Grows" entspinnt sich aus einer Bewegung zwischen Begegnungen und Gesprächen, dazu treten Aufnahmen aus Mettlers eigenem Archiv, die er in einer introspektiven Phase während des Lockdowns hervorholgt, und Bilder, die die engere Diegese ausweiten und ins Abstrakte reichen, immer wieder Brücken zurück schlagen zu diskursiven Aushandlungen, zu fantastischen Verdichtungen.
In einer frühen Szene überreicht eine Freundin dem Regisseur in der Schweiz 50.000 Franken in bar. Sie betrachten den kleinen Stapel von 1000-Franken-Scheinen, dem nicht anzusehen ist, dass er dem Jahresgehalt eines Arbeiters entspricht. Die Kamera versinkt in der Materialität der Scheine, in den Wasserzeichen und der nationalen Ikonographie der Sicherheitsmerkmale, während die beiden über geronnene Arbeit sprechen, Mehrwertsextraktion und Erbe. Das Geld wird das Startkapital des Films, der solche Fragen in sich aufnimmt.
Peter Mettlers filmische Anfänge liegen in dem losen Zusammenhang der Toronto New Wave der 1980er, als Kameramann arbeitete er damals unter anderem für Atom Egoyan, Patricia Rozema und Bruce McDonald. Zu seinen bekanntesten Arbeiten zählen "Picture of Light" (1994), in dem ein Filmemacher versucht, im arktischen Norden die Aurora Borealis filmisch einzufangen, "Gambling, Gods and LSD", der sich auf der Suche nach Transzendenz um die halbe Welt bewegt, und "The End of Time" (2012), der versucht, Zeit auf einen filmischen Begriff zu bringen.
Sich filmisch dem zu näheren, was sich einer unmittelbaren Abbildung entzieht, ist eine Art roter Faden in Mettlers Werk, in "While the Green Grass Grows" erstreckt sie sich außerdem auf Sinn und Bedeutung des eigenen Tuns. Der Film will sich einen Begriff von der vergehenden Zeit machen, und von Vergänglichkeit, er imaginiert zugleich jedoch immer wieder eine Position außerhalb der Zeit, um auf Zeit wie auf eine Landschaft zu blicken. So wie es Kurt Vonneguts Tralfamadorianer vermögen, die Mettler in seinem räsonierenden Off-Kommentar zitiert. In den knapp drei beglückenden Stunden, die man mit dem Film verbringt - und die Vorfreude bereiten auf die vollen sieben - finden sich weniger eindeutige Antworten, als die Einladung, sich dem Vergehen von Zeit, filmisch vergehender Zeit auszusetzen, einem Denken in Bildern: Kino als Existenzweise.
Sebastian Markt
While the Green Grass Grows (Parts 1+6) - Schweiz / Kanada 2023 - Regie: Peter Mettler - Laufzeit: 166 Minuten.
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