Im Kino
Nur der King selbst
Die Filmkolumne. Von Karsten Munt
10.09.2025. Spike Lee adaptiert einen Akira-Kurosawa-Thriller und lässt Denzel Washington in einem Penthouse schwindelerregend hoch über den Straßen Brooklyns thronen. "Highest 2 Lowest" ist, gelegentlichen nostalgischen Anwandlungen nicht nur zum Trotz, ein wunderbarer Querschläger von einem Film.
Wie eine Tapete sieht New Yorks Skyline aus. Die Stadt selbst liegt so weit unter der Terrasse von Musikproduzent David King (Denzel Washington), dass sie wie ein Sammlerobjekt wirkt. Was statt einer Tapete die Innenräume von Kings Domizil ziert, ist nicht weniger beeindruckend: die unzähligen Schallplatten aus Gold und Platin lassen kaum einen Fleck Wand frei. King ist so schwindelerregend weit aufgestiegen, dass er von seiner alten Heimat aus, den Straßen Brooklyns, kaum mehr zu sehen ist. Spike Lees Film blickt ein einziges Mal von den Straßen Brooklyns hinauf zum Elfenbeinturm - durch die Augen eines Entführers. Die Bildidee und die dazugehörige Kriminalgeschichte stammen aus Akira Kurosawas Klassiker "Zwischen Himmel und Hölle" (engl. "High and Low"). Anstelle des von Toshiro Mifune gespielten Industriemoguls tritt der von Denzel Washington gespielte Musikproduzent; anstelle der Festung, die neben dem Fujiyama thront, steht das Penthouse als ein unübersehbares Erfolgsdenkmal.
Gleich ist in beiden Filmen die Verwechslung, die aus dem Entführungsdrama ein persönliches Dilemma macht. Denn die Kriminellen, die in beiden Filmen zum Olymp hinaufschauen, entführen die falschen Söhne. Nicht Trey King (Aubrey Joseph) ist derjenige, für den der unbekannte Anrufer vom Musikproduzenten Lösegeld verlangt, sondern dessen bester Freund Kyle (Elijah Wright), der Sohn von Kings altem Freund und heutigem Chauffeur Paul (Jeffrey Wright). Natürlich könnte King die geforderte Summe von 17,5 Millionen aufbringen, nur hat er das Geld soeben investiert, um die Übernahme seines Labels und damit den Verlust seines musikalischen Lebenswerks zu verhindern.
Auf die eine oder andere Art geht es also um oben und unten. Wo Kurosawas Film aber vom "Himmel" aus eine konsequente Abwärtsbewegung Richtung Hölle unternimmt und dabei die Gesellschaftshierarchie Nachkriegsjapans in komplexen Setpieces einkreist, verliert sich Lees "Highest 2 Lowest" bereits nach der ersten Überquerung der Brooklyn Bridge inmitten eines puerto-ricanischen Straßenfests, sprich, in den Massen und Rhythmen New Yorks. Lees Film will auf etwas anderes hinaus, will den Geist der Metropole durchdringend und gemeinsam mit seinem Protagonisten an die vergangenen Zeiten einer schwarzen Musikkultur anschließen, die sich in der digitalen Aufmerksamkeitsökonomie zu verlieren droht. Eine Diagnose, die freilich nicht irgendein weißer Cop stellen darf - Denzel Washington quittiert einen solchen Satz einmal wunderbar mit einem abfälligen "Huh?" - , sondern nur ein King selbst. Ihn braucht es, um das zu finden, was die Musikkultur verloren hat, und natürlich um einen Entführer zur Strecke zu bringen.

Entsprechend entfällt der Perspektivwechsel aus Kurosawas Vorlage, die den von Mifune-Mogul bald links liegen lässt, um dem von Tatsuya Nakadai gespielten Ermittlungsleiter zu folgen. In New York herrscht allein Denzel Washington. King tut sich bald mit Jugendfreund/Chauffeur Paul zusammen, um, seinem Gehör folgend - er glaubt die Stimme des Entführers als die eines Hip-Hop-Nachwuchskünstlers (A$AP Rocky) erkannt zu haben - die Täter zur Strecke zu bringen, die eigene Kohle wiederzubeschaffen und das eigene Leben überhaupt wieder irgendwie authentisch aufleben zu lassen.
Die dem Kriminalfall unterliegende "back to the roots"-Bewegung erschöpft sich mitunter in Klischees à la "weg von Social Media, weg von Klicks, weg vom Aufmerksamkeitgebuhle, zurück zu Talent, harter Arbeit" etc. und kriegt spätestens da einen eigenwillig konservativen Einschlag, wo sich King, allen Hochstatus vergessend, Ständchen von talentierten Musiker:Innen singen lässt und dazu wahlweise ergriffen in sich ruht oder mit Zwischenrufen die Seele aus der Musik herauskitzelt. Der zugehörige Soundtrack, der trantütig die Lücken füllt, die James Brown, Nas und Co. lassen, tut sein Übriges.
Und doch: "Highest 2 Lowest" weiß seine larmoyant-nostalgischen Anflüge fantastisch in das wunderbare Chaos seines Thrillers einzubauen. In seinen großen, flashigen Sozialchoreografien findet "Highest 2 Lowest" gleichermaßen zu Kurosawa und sich selbst zurück. Sie zeigen Cops, die schwarze Zeugen bildlich überragen oder Geschäftsleute, die ihre Meinungen zusammen mit ihren Sitzgelegenheiten wechseln. In der zentralen Konfrontation des Films vermag Lee sogar die Authentizitäts-Klischees wieder in fulminant idiosynkratisches Kino umzuwandeln, das Klassen- und Generationskonflikt in einen faszinierenden Hybriden aus Rapbattle und Mexican-Standoff kanalisiert, bei dem jeder ein Mikrofon und jeder eine Pistole im Hosenbund stecken hat, aber nur Denzel Washington die Lautstärke regeln kann. Dazwischen wechselt das Format vom digitalen Skyline-Hochglanz zum körnigen Untergrund-Filmkorn und Lee nimmt sich Zeit fürs U-Bahn-Fahren mit Yankees-Fans, diverse direkt in die Kamera gesprochene und gegen so ziemlich jeden Bostoner Sportverein gerichtete Beleidigungen und das bereits erwähnte puerto-ricanische Straßenfest. Verlässlichkeit und Geradlinigkeit sind bei Spike Lee ein weiteres Mal nicht zu holen; stattdessen schenkt er uns einen weiteren wunderbar eigenwilligen Querschläger.
Karsten Munt
Highest 2 Lowest - USA 2025 - Regie: Spike Lee - Darsteller: Denzel Washington, Ilfenesh Hadera, Jeffrey Wright, A$AP Rocky, Aubrey Joseph, Ice Spice u.a. - Laufzeit: 133 Minuten.
"Highest 2 Lowest" erhält keinen Kinostart und wird direkt auf Apple+ veröffentlicht.
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