Im Kino

Freundlich beknackt

Die Filmkolumne. Von Lukas Foerster
31.07.2024. Zwei Amerikaner in Kreuzberg: Ein Vater und eine Tochter geraten in "Berlin Nobody" in die Fänge einer Selbstmordsekte. Als Verschwörungsthriller ist Jordan Scotts Zweitwerk ein Rohrkrepierer, als dunkelromantische Berlinfantasie macht er jede Menge Spaß.

Deutsche Honigfallen lauern in "Berlin Nobody" auf ahnungslose Amerikaner, die sich vorübergehend in Berlin einmieten. In Berlin Kreuzberg genauer gesagt, im mystischsten, hippsten Teil der deutschen Hauptstadt, in dem Kiez, in den es Party People, Künstler aus aller Welt und andere Gentrifizierungsvorantreiber besonders hartnäckig zieht. Beziehungsweise, in diesem Fall: den Wissenschaftler Ben Monroe (Eric Bana) und seine Teenietochter Mazzy (eine ziemliche Wucht: Sadie Sink). Beide wollen sich fernab der kalifornischen Heimat von privatem Ärger erholen und vielleicht auch ein bisschen daddy-daughter-bonding betreiben; aber bleiben, eben, in deutschen Honigfallen kleben.

Die Tochter erwischt es gleich nach der Ankunft am Flughafen. Ein hübscher, verträumt wirkender Typ namens Martin (Jonas Dassler) verwickelt sie in ein Gespräch, alles ganz harmlos zunächst, aber seine Telefonnummer lässt sich der offenherzige, ein wenig naive Rotschopf Mazzy nur zu gern geben. Mit ihrem Vater muss sich Nina (Sylvia Hoeks) schon etwas mehr Mühe geben: Vorderhand interessiert sich die smarte Blondine nur für die Forschung des Sozialpsychologen. Bens Untersuchungsobjekt ist eine Sekte, die mit einer Serie von Selbstmorden in Verbindung gebracht wird.

Eben diese Sekte rückt bald ins Zentrum des Films, und natürlich ist letztlich sie es, die - so viel Spoiler darf sein - ihre Fühler nach amerikanischem Frischfleisch ausstreckt. Ebenfalls in Kreuzberg hat diese Gruppierung ihre Zentrale, ihre Mitglieder rekrutieren sich aus lokalen Schluffis diverser Couleur. Die Rhetorik erinnert vage an die Letzte Generation, das zugrundeliegende ökologische Doomsdayszenario wird allerdings nicht allzu detailliert aufgefaltet. Wichtiger als Sachthemen ist die soziale Dimension: Die Anziehungskraft, die von der Sekte und ihrer charismatischen Anführerin Hilma (Sophie Rois) ausgeht, basiert auf einer Dialektik von Einsamkeit und Kollektivismus. Eben die Versprechungen der hyperindividualistischen amerikanischen Moderne, verkörpert unter anderem in der kalifornischen Ideologie, der auch Ben und Mazzy anzuhängen scheinen, treiben die Menschen in eine Isolationserfahrung, aus der sie der nicht länger zwingend völkisch konnotierte deutsche Hang zu Gemeinschaftserfahrungen zu erlösen verspricht. Nur, dass das Ende des Lieds nicht die wohlige, womöglich substanzenunterfütterte Erfüllung in der Gruppe ist, sondern der nasskalte Tod im beschaulichen Waldweiher.


Die Versuchung, der sich Martin und Mazzy ausgesetzt sehen, ist eine doppelte: erotisch und ideologisch werden sie umgarnt in einer Stadt, die gerade da besonders gefährlich ist, wo sie sich nicht gnadenlos hedonistisch und Technoclub-betonhart gibt, sondern achtsam und übermoralisch dahersalbadert. Dort, wo die Drogen garantiert rein biologisch in den Kopf knallen. Die übergriffige Dancefloor-Bekanntschaft im räudigen Electroclub kann Mazzy abschütteln, die rehäugige Klette Martin wird sie nicht so leicht los. Weil Martin ihr nicht nur eine schicke, romantisch verspulte Urlaubsliebschaft verspricht, sondern eine kulturelle Fantasie verkauft.

So weit, so gut. "Berlin Nobody" ist freilich ein Film, den man leicht in der Luft zerreißen kann, wenn man denn unbedingt will. Das betrifft in erster Linie die dramaturgische Form: Der Verschwörungsthriller, auf den die Handlung mithilfe allerlei Rückblenden und plumpen Verrätselungen hinaus will, ist ein veritabler Rohrkrepierer - auch weil man dem Film das behauptete  Bedrohungspotential der faktisch eher nach einem weinerlichen Buchclub ausschauenden Sophie-Rois-Sekte nicht so recht abkauft.

Etwas mehr Recherchearbeit hätte man an dieser Stelle schon investieren können: Es mangelt Berlin ja nun nicht gerade an sendungsbewussten Spinnern; Rois' Selbstmordkult jedoch verfehlt die soziale Wirklichkeit so meilenweit, dass er noch nicht einmal als kreative Verunglimpfung des aktivistischen Hauptstadtmilieus durchgeht. Insbesondere der Hang zur Autoaggression hat so gar nichts Berlinerisches an sich. Im grünen Volvo auf Waldwegen in Richtung Selbstauslöschung schweben: Das zählt derzeit sicherlich nicht zu den zentralen Perspektiven politischen Handelns, weder in Berlin noch anderswo.

Schick aussehen tut die entsprechende Szene allerdings durchaus. Überhaupt gehört blühender Blödsinn zum Kino seit jeher dazu, und "Berlin Nobody" inszeniert ihn mit jeder Menge Energie und nur teilweise fehlgeleitetem Einfallsreichtum. Regie führt Ridley Scotts Tochter Jordan Scott, die bei ihrem zweiten Langfilm an ein eher mittelmäßiges Drehbuch geraten ist (verfasst, zugegeben, von ihr selbst), aber ein gutes Auge hat für Zwischenmenschliches. Vor allem Mazzy und Martin schaut man gern zu beim Austesten ihres Beziehungspotentials, vom awkward Urlaubsflirt bis zum operatischen Liebestod. Als freundlich beknackte, dunkelromantische Berlinfantasie macht "Berlin Nobody" jede Menge Spaß; mehr als viele klügere Filme über die deutsche Hauptstadt.

Lukas Foerster

Berlin Nobody - GB, Deutschland 2024 - OT: A Sacrifice - Regie: Jordan Scott - Darsteller: Eric Bana, Sadie Sink, Sylvia Hoeks, Jonas Dassler, Sophie Rois, Stephan Kampwirth - Laufzeit: 94 Minuten.