Im Kino
Horrorfilme auswendig lernen
Die Filmkolumne. Von Nicolai Bühnemann
24.12.2025. Ideen gibt es viele und manche sind sogar lustig. Dennoch macht Tom Gormicans Remake des 90er-Spektakelfilms "Anaconda" nur bedingt Freude und zeigt, warum eine bestimmte Form von selbstreflexivem Genrekino ihre beste Zeit längst hinter sich hat.
Seit sie ihre Jugend damit verbrachten, im Videokeller Horrorfilme auswendig zu lernen, träumen die Freunde Doug McCallister (Jack Black) und Ronald "Griff" Griffen (Paul Rudd) davon, selbst Filmemacher zu werden. Als Erwachsene aber verschwenden sie ihre kreativen Energien als ewiger Nebendarsteller in Fernsehserien (Griff) oder indem sie Hochzeitsvideos filmen (Doug). Doch das soll sich ändern, als Griff Doug, dessen Ehefrau Mellie (Ione Skye) und ihren Freunden Kenny Trent (Steve Zahn) und Claire Simons (Thandiwe Newton) eröffnet, dass er die Rechte an ihrem Lieblingsfilm erworben hat: der Abenteuer-Tierhorror-Blockbuster "Anaconda" (1997). Bald macht sich das fünfköpfige Team auf den Weg ins Amazonasgebiet, um mit den Dreharbeiten zu beginnen.
Man mag Tom Gormicans Neuinterpretation von "Anaconda" zugute halten, dass von seinen unzähligen Einfällen manche tatsächlich lustig sind. Oder aber, dass sich seine Art von Nerdtum und metafiktionaler Ironie im Kino des Jahres 2025 wie ein durchaus liebenswürdiger Anachronismus ausnimmt. Aber gleichzeitig zeigt der Film doch exemplarisch, warum diese Form der Selbstreflexion im Genrekino ihren Zenit bereits vor mindestens 20 Jahren überschritten hatte. Gleich die erste Szene, in der Dougs künstlerische Ambitionen und die Erwartungen, die seine Kundschaft an ihr Hochzeitsvideo hat, nicht zusammenzubringen sind, präsentieren eines der zentralen Probleme des Films: Tatsächlich ist es die Diskrepanz zwischen dem Anspruch der Macher und ihrem Können im Umgang mit den filmischen Mitteln, die den Reiz bestimmter, eher kostengünstiger Spielarten des Genrekinos ausmacht. Der Versuch, diesen Reiz zu kopieren, mündet in "Anaconda" jedoch in einer unguten Mischung aus Kalkulation und Beliebigkeit.
Schon Luis Llosas Vorlage war kein durchweg gelungener Film, wirkte teilweise etwas überladen und überkonstruiert. Dafür fand er im Finale ganz zu sich, weil er den Versuch aufgab, dieses und jenes übers Filmemachen oder Umweltschutz zu erzählen, um es stattdessen brennende Riesenschlangen regnen zu lassen. Während das Remake die Schwächen des Originals nicht nur übernimmt, sondern noch akzentuiert, bleibt das Spektakel diesmal weitestgehend Behauptung; statt eines Gefühls der Überwältigung oder Bedrohung, wähnt man sich eher in einer Geisterbahn. Hat gerade das Horrorgenre von jeher einen gewissen Hang dazu, sich metafiktional mit den eigenen Regeln und Konventionen auseinanderzusetzen, ist die Prämisse, dass ein paar Leute, die einen Horrorfilm drehen wollen, sich schließlich in einem ebensolchen wiederfinden, inzwischen so überstrapaziert, dass sie letztlich kaum noch Material für einen weiteren Film hergibt.

Im Falle von "Anaconda" ist der Ausweg aus diesem Dilemma einerseits eine komplett beliebige Form von "Originalität", die eine bizarre Plot-Volte auf die nächste folgen lässt. So bekommt es unser Filmteam mit einer brasilianischen Drogenschmugglerin zu tun, mit den tatsächlichen Rechteinhabern von "Anaconda" und auch mit Ice Cube, einem der Hauptdarsteller des Originals, der im Showdown ausgelassen in der Gegend rumballern darf.
Andererseits befleißigt sich der Film einer Form von Ironie, die eher Konturen verwischt, als dass sie etwas zur Kenntlichkeit entstellen würde. Als running gag zieht sich ein Gespräch von Dough und Griff durch den Film, in dem sie darüber verhandeln, worum es in dem Film, den sie gerade drehen, denn nun tatsächlich gehen soll, was seine (natürlich großen und wichtigen) "Themen" sind. Stellt man sich als Zuschauer dieselbe Frage über den neuen "Anaconda", kommt man auf wenig, was über Kalenderweisheiten wie "lebe deinen Traum" hinausgeht. Dafür drängt sich einem der Verdacht auf, dass die Strategie des Films darin besteht, alles mit einem Augenzwinkern zu sagen, um zu verdecken, dass er nichts zu sagen hat.
Nicolai Bühnemann
Anaconda - USA 2025 - Regie: Tom Gormican - Darsteller: Jack Black, Paul Rudd, Selton Mello, Daniela Melchior u.a.
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