Im Kino
Ja zum Leben mit Zigarette
Die Filmkolumne. Von Nicolai Bühnemann
22.10.2025. Stella Marie Markerts "Danke für Nichts" setzt seine Themen ein bisschen arg penetrant. Dennoch entwickelt der Film über eine Berliner Frauen-WG gegen Ende eine emotionale Wucht.
Hier leben vier junge Frauen in einer WG für psychisch kranke Jugendliche. Die blonde Katharina (Lea Drinda) gibt sich eiskalt und wortkarg und hat gerade versucht, sich umzubringen; mal wieder, wie wir bald erfahren werden. Ricky (Safinaz Sattar) ist klein und hat volle schwarze Locken, sie ist Freundin klarer Worte und unsterblich in Katharina verliebt. Malou (Zoe Stein), adrett brünett, hat seit zehn Jahren kein einziges Wort gesprochen. Ganz im Gegenteil zur polyglotten, stets aufgestylten und zu heftigen Gefühlsausbrüchen neigenden, rothaarigen Victoria (Sonja Weißer). Während Letztere zwei Jahre älter ist und freiwillig bei ihren besten Freundinnen wohnen bleibt, steht der achtzehnte Geburtstag der anderen drei unmittelbar bevor; und mit dem Erreichen der Volljährigkeit ist auch der Termin für das Ende des gemeinsamen WG-Lebens fest gesetzt.
Die vier grotesken Vignetten, in denen der Film die Lebensgeschichten seiner Protagonistinnen einzeln rekapituliert, sind der Tiefpunkte der eh schwächeren ersten Filmhälfte: Regisseurin und Drehbuchautorin Stella Marie Markert samplet sich durch verschiedene Stile des neueren europäischen Arthaus-Kinos und erzählt von chronischem Lebensüberdruss seit früher Kindheit in bürgerlichen Verhältnissen, davon, wie deutsche Beamten und Bürokratie migrantischen Familien einen Strich durch ihre Lebensplanung machen, von den bipolaren - und Essstörungen der High Society und warum Wurst einer hochbegabten Siebenjährigen dauerhaft die Sprache verschlagen kann.
Selbst wenn man bereit ist, über die Penetranz, mit der der Film in diesen Szenen verschiedene Themen setzt, hinwegzusehen, bleibt das Problem, dass alles, was daran lustig sein sollte, ziemlich auf die Nerven geht - mir jedenfalls. Wie die Eltern, die die vier Adoleszenten wahlweise allein in Berlin zurückgelassen oder in Internaten oder Klosterschulen untergebracht haben, besteht auch der Rest der Erwachsenenwelt aus mitunter recht garstigen Karikaturen, die vor allem durch Abwesenheit glänzen. Sei es die Amtspsychiaterin Frau Dr. Doktor (Sophie Rois), deren Name sie nicht nur ganz auf ihren Beruf reduziert, sondern die auch so sehr von der alten Schule ist, dass sie zur Heilung psychischer Leiden frische Luft und ein Stück Fleisch "verschreibt". Oder eine Kinderheim-Vorsteherin, die einer jungen Frau, die sich mit ihren Pronomen vorstellt, antwortet: "Watt?"

Je mehr die vier Frauen beim Erwachsenwerden ganz auf sich allein gestellt sind, desto wichtiger wird es dem Film, überall um sie herum Sicherheitsnetze aufzuhängen. Die Gleichaltrigen außerhalb der WG, die - so sie männlich sind - sich ihre Zeit beim Biertrinken am Späti vertreiben und für allerlei amouröse Verstrickungen innerhalb der Frauenclique sorgen, sind letztlich kein bisschen weniger liebenswert schrullig, vom Leben überfordert und unsicher. Der Betreuer, der aufgrund seines Vornamens nur Ballack (Jan Bülow) genannt wird und in seinem Cabrio mit weißem Anzug, zurückgelegtem Haar und getönter Pilotensonnenbrille eher wie eine Hipster-Vorstellung von einem Proll als tatsächlich wie ein Proll aussieht, erscheint zwar zunächst so albern wie die anderen Erwachsenen, ist aber ein gutes Beispiel dafür, wie der Film stets auf Nummer Sicher geht, statt uns tatsächliche Ambivalenzen zuzumuten: Dass Ballack einst selbst mit einer psychischen Krankheit zu kämpfen hatte, reicht aus, um uns zu versichern, dass er ganz auf der Seite der vier Frauen steht; wenn er Victorias immer aggressiveren Avancen schließlich nachgibt, so doch nur, weil sie weder minderjährig noch seine Klientin ist.
Wo in der ersten Stunde Suizidalität, die Weigerung zu Sprechen und ein Abschiebetermin Mittel zum (durchaus gelungenen) Spannungsaufbau sind, erreicht der Film gegen Ende die emotionale Wucht, auf die er abzielt nicht nur mit Nahaufnahmen weinender Gesichter, sondern vor allem durch das überzeugende Spiel der jungen Nachwuchsdarstellerinnen. Und mit jeder Menge Geduld, die das Drehbuch für die Figuren und die Figuren füreinander aufbringen. Wo sie schließlich lernen, dass sie durch alle Widrigkeiten hindurch, die die Jugend und ihre Überwindung mit sich bringen, ganz aufeinander zählen können, braucht es schließlich doch einen deus ex machina: Man kann die Schamlosigkeit, mit der im Epilog alles gut wird, einfach nur, weil das eben eine Komödie ist, durchaus mögen. Auch das Gefühl der Freiheit und Verwegenheit des New Hollywood, das der Film mit der einen oder anderen Referenz herbeizitiert, stellt sich im Abspann tatsächlich ein. Nur das Ambivalente daran bleibt stets Behauptung: Mir jedenfalls scheint die Erkenntnis, dass man Ja zum Leben sagen, aber sich trotzdem eine Zigarette anzünden kann, nicht gar so widersprüchlich.
Nicolai Bühnemann
Danke für Nichts - Deutschland 2025 - Regie: Stella Marie Markert - Darsteller: Lea Drinda, Sonja Weißer, Safinaz Sattar, Zie Stein, Jan Bülow, Sophie Rois u.a. - Laufzeit: 108 Minuten.
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